Wie konservativ sind Kultur & Medien (II): autoritär meets Freigeist: Neo Rauch & die anderen

… In meinem Kopf ist Horst Bredekamp der „Missing Link“ – zu einem MEINER ehemaligen Professoren nämlich. Der Mann ist, glaube ich, mittlerweile ebenfalls Professor an der HU, eine Koryphäe seines Faches, ein guter Hochschullehrer, der lebendig zu vermitteln weiß, aber auch berühmt für – na, sagen wir mal – eine gewisse exklusive Art. Jedenfalls verließ der große, imposante Mann einen Raum, eine Veranstaltung meistens wirkungsvoll, indem er sich davon schlich, im Hinausgehen aber eine Hand neben der Hüfte auf- und zuschnappen ließ, eine Geste, die man vielleicht mit „Ciao, ciao!“ übersetzen könnte. Die gleiche Geste hatte Alice Weidel gemacht, als sie die TV-Sendung bei Marietta Slomka verließ … Der nächste „Trigger“.

Bleiben wir bei der Kunst (und lassen wir für einen Moment mal die Rechtspopulisten außer Acht, ich komme darauf zurück): Das Interview mit Neo Rauch in der „Zeit“ der vorigen Woche. Ich hätte mich fast kringelig gelacht, musste aber auch ein paar Mal heftig schlucken: Nun wusste ich, wer Pate gestanden hatte für die Art, wie sich einer meiner Dozenten gab: Ein Typ wie der Schweizer Rechtspopulist Oskar Freisinger, obwohl ich dem Mann, also meinem Dozenten hier keine bestimmte politische Denkweise aufdrängen will – ich sollte der Fairness halber erwähnen, dass er über ein faszinierend breites Fachwissen verfügte, Kunsthistoriker mit Leib & Seele. Auch gab sich der Mann immer viel Mühe, dies an seine Studenten zu vermitteln -: Es ist nur so, äußerlich lässig, wie der Freisinger, fast Alt-68er-mäßig, man tippt also auf Linksintellektueller und dann kommen Äußerungen, wie „Meine Eltern waren eben Nazis und das hat auch mich geprägt.“ Das ist wie mit diesen Kippbildern aus der Psychologie – Man weiß nicht, ist es ein Hase oder eine Ente? Wie hat man das zu sehen? Immerhin wurden bei uns am Fach Späße damit gemacht, dass man den Vlaams Blok nunmal cool fände. Spaß. Klar. Man wollte das auch so verstanden wissen, dass man ziemlich freigeistig drauf sei, tolerante Sinnenmenschen und Geistegrößen, die sich nicht einengen lassen wollen. In der Frauen- und Genderforschung kam das nicht sehr überzeugend rüber. Neo Rauch liefert jedoch eine Erklärung für die Konservativen: Der Mann, eine Art ostdeutscher, in die Jahre gekommener Brad Pitt, ein Mann der komplizierte, schwülstige Sätze baut, mit zig Partizipialkonstruktionen, schon beim Lesen anstrengend, gehört vermutlich kaum verständlich – Drama, Baby! – nicht schwul, obwohl man das denken könnte, sondern ein mann der Frauen, wie der – leider weitaus weniger attraktive und kürzlich verstorbene – Lehrer Arno Rink. Beide begnadete Künstler – zweifeslohne -, aber Rink, der selbst Studenten auffordert, aufzustehen, wenn er den Raum betritt, Rauch, der sagt, dass ihm das keine Probleme bereitet habe, er sei ja seinerzeit direkt von der NVA gekommen und habe daher „Haltung“ zeigen können – Autoritäres Gehabe meets Freigeister, erzkonservativ trifft auf „irgendwie bizarr“, manirierte, überzogene Vergleiche, zum Teil auch eine verzerrte Wahrnehmung, wie es scheint.

Bénédicte Savoy, die das Humboldt-Forum mit Tschernobyl vergleicht und sagt, sie interessiere bei ethnologischer Kunst erst einmal das Blut, das dafür geflossen sei. Ich  meine, Tschernobyl?! Horst Bredekamp, der sich einbildet, man könne auf Biegen und Brechen eine Tradition der Toleranz herbeikonstruieren, indem man Kolonialkunst einfach an exponierter Stelle präsentiert und den Kolonialismus fleißig ignoriert, weil schließlich auch damals nicht jeder Wissenschaftler ein eingefleischter Rassenhasser gewesen sei. Mag ja stimmen. Es klingt aber irgendwie dreist, das als epochenbestimmend und quasi als „preussischen Sonderweg der Toleranz“ auszugeben. Zumal es offenbar durchaus hier und da Rückforderungen der einst eben sehr wohl im Zuge des Kolonialismus erworbenen Objekte gegeben hat. Eigentlich ist das aber nicht mein Problem und ich habe auch keine Lust, mich da einzumischen.

Ich stolperte bloß – wieder einmal – darüber, dass Bredekamp sich in der „Zeit“ darüber begklagte, man werde immer gleich in die Nähe der AfD gerückt, wenn man deutsche Geschichte nicht nur auf Schuld und Scham beruhend verstanden wissen wollte.

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