Wie konservativ sind Kultur & Medien (I): Intimes über Alice – Eine Konservative packt im linken „Freitag“ aus

„Linksgrünversifft“? Oder, freundlicher, stimmt es, dass Kultur und Medien total dominiert sind vom linken Establishment? Meine Erfahrung ist da eine andere – hier ein paar Episoden …

Ich weiß nicht, was war es genau? Das Interview mit Neo Rauch in der „Zeit“? Oder vorher noch, die Auslassungen Horst Bredekamps zum Humboldt-Forum, ebenfalls in der „Zeit“? Der beleidigte Abgang von Alice Weidel aus der Fernsehshow? Der Artikel von Anne Dippel über Alice Weidel im „Freitag“ dieser Woche?

Anne Dippel, Historikerin und Kulturanthropologin, schrieb im „Freitag“ sehr persönlich über die AfD-Spitzenkandidatin, eine Freundin, wie es scheint, aus der gemeinsamen Zeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Hier stolperte ich das erste Mal – Wie kommt es, dass jemand von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im linken „Freitag“ schreibt? Dann kam der Satz, Alice Weidel sei immer stur bei ihrer Meinung geblieben. Die Leute wollten mich doch so gern „triggern“, wie es hieß. Da war der „Trigger“, wenn auch ganz sicher unbeabsichtigt: Genau darüber hatten Leute wie Anne Dippel sich nämlich auch immer bei mir beklagt. Wobei das Ganze als Einbahnstraße gedacht war: Ziel eines jeden Gespräches schien zu sein, dass ich mich von den Ansichten meines Gesprächspartners oder meiner Gesprächspartnerin überzeugen lasse. Nicht umgekehrt, kein Kompromiss, kein neuer Gedankengang am Horizont. Manchmal wurde dann gegen Ende immer wieder rhythmisch und mit zunehmender Lautstärke wieder holt, was mein Gegenüber wollte, das ich als die „richtige“ Erkenntnis annehme.

Feministische Wissenschaftlerinnen hatten mir diese Weigerung, einfach mal zu übernehmen, wenn man mich doch schon mit Nachdruck darauf aufmerksam machte, als unangemessene Arroganz und unverschämte, weil mir nicht zustehende intellektuelle Selbstsicherheit ausgelegt, auch bei der taz. Bei anderen Frauen fanden sie das gut, wollten es ihnen sogar explizit antrainieren.

Ich habe im Laufe meines Lebens viele Diskussionen mit Konservativen geführt. Überzeugt haben mich die Leute selten, aber ich liebte es, wenn argumentativ die Fetzen flogen, mein Gegenüber mich mit plausiblen Gegenargumenten intellektuell auszuhebeln suchte und ich ins Schwitzen kam, um meinen Standpunkt zu verteidigen. Mein Gegenüber schärfte sich die Krallen an mir und ich tat es umgekehrt ebenso. Ohne Spaßbremse, die danach zu wachen trachtete, dass die andere Frau – wenn es eine Frau war – mir gegenüber nicht zu kurz kam. Im Idealfall hatte mein Gegenüber das auch nicht nötig.

Anne Dippel fährt in ihrem Text fort damit, dass Weidel sich immer als Instanz und Expertin in Sachen Wirtschaft geriert hätte. Mit Verlaub, die Frau tritt im Fernsehen selten sympathisch, oft besserwisserisch auf. Manchmal wirkt auch Alice Weidel, als hätte sie keine Argumente und müsste deshalb umso härter und nachdrücklicher sein. Es ist wohl auch ein ungehaltener, zackiger „Zeit ist Geld“-Redestil. Das hatte man jungen Frauen in den Nuller Jahren in Deutschland offensichtlich so beigebracht. Ich arbeitete zu der Zeit im Ausland und hielt bei Telefonaten mit einer Institution in Deutschland immer erst einmal den Hörer ein Stück weit vom Ohr weg, weil das rüde Gekläff zu sehr an meinen Trommelfellen zerrte. Später kam ich darauf, dass es wohl professionell wirken sollte. In dem Land, wo ich arbeitete, ließen es selbst Vertreter von Behörden gern gemütlich angehen und man musste sich oft erst einmal ein paar Stories aus deren Familienleben anhören, bevor es zur Sache gehen konnte. Alles hat also seine Vor- und Nachteile …

Dennoch, tut mir leid und so sehr ich die Weidel auch ablehne, aber die Frau ist promovierte Volkswissenschaftlerin. Ein bisschen mehr Ahnung vom Thema Wirtschaft als eine Kulturanthropologin wird sie wohl schon haben, oder? Die Sache ist die, und das verkennen Leute wie Anne Dippel oft: Man kann trotzdem anderer Meinung sein. Christoph Butterwegge und Yanis Varoufakis zum Beispiel haben mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr Ahnung von Wirtschaft als die Weidel und sehen die Dinge ganz anders. Aber das zu erwähnen, hätte vielleicht bei der Konrad-Adenauer-Stiftung nicht unbedingt Pluspunkte gegeben.

Es ist jedoch dieses Verquicken von persönlicher Animosität – selbst wenn sie verständlich ist – und  der Unterstellung, jemand, der eigentlich erwiesenermaßen kompetent auf einem Gebiet ist, sei es doch nicht und maße sich zu viel an, obwohl man selbst es ist, der oder die keine Ahnung hat, die mich stört. Entweder man greift inhaltlich – argumentativ! – an, oder man sagt etwas in Richtung „Oh Gott, die nervte mich, diese besserwisserische Art!“ (wobei man sich selbst die gleiche Besserwisserei dann nicht leisten kann!).

Weidel kann Wirtschaft. Politik kann sie nicht. Da werden Fakten verdreht oder einfach gleich frei erfunden, es wird kräftig Stimmung gemacht, ohne Konzepte knapp und für den Bürger verständlich vorstellen zu können, auf Entgegnungen geht nicht mehr als ein barsches „Das ist aber so!“ und dann dieses ständige Verarschen, das einem einfach nur auf den Geist geht.

Dazu passt der hysterische Abgang aus der Talkshow mit Marietta Slomka. Auch wenn der mit Sicherheit im Vorfeld so geplant und knallhart kalkuliert war – Es war eben doch das schmollende Blondchen, das mit einem patzigen, tödlich beleidigten „Menno!“ von dannen zieht. Die erwünschte Wirkung, zumindest in den russischen „Alternativ“medien trat dann auch sofort ein: Alice habe gesagt, sie stehe einfach noch „total unter Wasser“. Heul, heul – wer’s glaubt. Die Kommentatoren fanden es jedenfalls überzeugend – gemein sei das gewesen, wie die Alice Weidel da gemobbt worden sei.

Mir geistert gerade der Gedanke durch den Kopf, dass Alice Weidel ja auch eine „Dyke“ ist. Ich könnte jetzt ein paar Zeilen zur Entstehung von Homosexualität schreiben, aber wenn ich schreibe, dass homosexuelle Frauen als Kinder schon nicht so „echte Mädchen“ sind, also nicht der Typ, der schon mit 11 seine ersten Schminkexperimente macht und es gar nicht abwarten kann, Muttis Pumps auszuprobieren, dann behaupten alle Frauen, genau so sei das ja bei ihnen als Kind gewesen, an ihnen sei „ein echter Junge verloren gegangen“ (Hier zitiere ich sogar eine queere Frau aus Berlin, deren Namen ich jetzt aber nicht erwähnen werde). Aber nicht jede burschikose Frau, nicht jeder „eher sportliche, praktische“ Frauentyp ist lesbisch oder hat einen Drive in die Richtung. Man erkennt Lesben nicht an den kurzen Haaren, sonst wäre Weidels Parteikameradin (so sagt man in diesen Kreisen doch wohl?) Frauke Petry ja eine. Die aber inzseniert sich auf Wahlplakaten im Moment ja eher als Supermutti und kämpferische Gebärerin für Deutschland. Darüber hinaus ist Homosexualität nicht monokausal – genetische Faktoren spielen eine Rolle neben frühkindlichen Prägungen. Dass ausgerechnet die niedliche Kleine, die schon optisch so ganz in ihrer Feminität aufzugehen scheint, eine Lesbe ist, ist trotzdem eigentlich eher unwahrscheinlich.

Mag sein, Weidel ist die berühmt-berüchtigte Ausnahme – wie hunderte andere Frauen aus der oberen Berliner Gesellschaft auch. Mir fiel das nur so ein, weil die Frauen das anderen immer „ausreden“ wollen und außerdem so sehr darauf beharren, dass Lesben und Transmänner halt durchsetzungsfähig, stark und einfach absolut die geborenen Anführerinnen seien (immer mit dem Zusatz, dass andere Frauen ihnen diese Rolle auch gefälligst zu überlassen haben – siehe oben!). Ich denke, dass gerade die Frauen- und Genderforscherinnen zickiges Verhalten und Mobben gern als „maskulin“ darstellen und dass diese Frauen von ihrer Umwelt (die sich weder gern mit diversen Intrigen ins Aus drängen noch durch bockiges Geschmolle emotional erpressen lässt) nicht verstanden würden. Ich erinnere mich nur an verschiedene Situationen, in denen mir die Schützlinge dieser Frauen penetrant auf den Hintern stierten, nur um dann juchzend loszulassen: „Oh, die ist so schön schüchtern!“. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass einige DIESER „Dykes“ echte Fashionistas mit Perlenohringen und seidigem Langhaar sind, noch dazu mit Männern zusammen oder jedenfalls überzeugt, diese würden vor ihnen nur so dahinschmelzen (falls sich dann herauskristallisiert, dass die eine oder andere der Männerwelt dann doch zu zickig ist – hat man ja immer schon gesagt, war ja immer schon so: An denen ist ein echter Junge verloren gegangen. „Dyke!“ halt.) Ok.

Anne Dippel beschreibt dann im „Freitag“ aufwendig die „kühle Erotik“ Weidels, mit so viel Dramatik, dass es fast wirkt, als sei sie verliebt in die Frau gewesen. Das Pathos kenne ich irgendwoher und weiß auch, wie es zu nehmen ist, nämlich nur halb so theatral wie es auf den ersten Blick scheint (Anne Dippel, falls du das liest: in anderen Teilen von „Wie konservativ sind Kultur & Medien“ findest Du einige recht unbefangene Beurteilungen MEINER intellektuellen & literarischen Qualitäten. Verzeih also die Offenheit. Man hat sie mir auch immer entgegengebracht. ist halt alles irgendwie Geschmackssache ….). Ich googele den Namen „Anne Dippel“ und richtig – aus dem Stall Horst Bredekamps, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität Berlin. Der Name taucht noch einmal auf dem islamfeindlichen Blog „fisch&fleisch“ auf, eine Art kleinerer „Achse des Guten“ mit dem Foto einer sehr hellhäutigen Woman of Color und ohne weitere Angaben zur Person. Die Wissenschaftlerin dagegen hat zwar ebenfalls leicht lockiges Haar, ist aber eindeutig Mitteleuropäerin.

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