deutsche Absurditäten

untadelige Zähne – für ein Lächeln, für das man Sie vielleicht etwas lieber mag

„Jacob der Lügner“ – so, so. Offenbar war das, wie man auf der „Achse des Guten“ erfährt, „einer der wenigen sehenswerten DDR-Filme“. Schrieb zumindest ein gewisser Manfred Haferburg am 19. Juli. Alle wollen auf etwas hinaus und Haferburg wollte auf Jakob Augstein und die Krawalle anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg hinaus. Augstein könne sich des „Titel(s) des bestgekleidet(st)en Journalisten Deutschlands“ rühmen, führt der „achgut“-Autor weiter aus. Sicher, auch ein Augstein wäre not amused, wenn man mit Baseball-Schlägern auf seine Villa losgehen würde. Stimmt schon.

Für mich ist er trotzdem ein Held, wenn auch eher im Kleinen. Wenn ich an Augstein denke, denke ich automatisch an eine „Arbeitsvermittlerin“, die mich – schon ein paar Jahre her – etwas indigniert anschaute, als ich nach einem kleinen Intermezzo als Pralinenverkäuferin andeutete, in dem Bereich wolle ich mich weiter umhören, wenn sich sonst nichts ergäbe. „Ihre Zähne“ setzte die Frau zaghaft an, so als wolle sie mich ja nicht verletzen, aber … „Vielleicht sollten sie da mal was machen. Sie wissen schon, Kundenkontakt. Die Leute achten ja leider Gottes auf Äußerlichkeiten.“

Ich biss mir gerade noch rechtzeitig auf die Zunge und sagte nicht: „Müssen Sie gerade sagen!“ (So chic war die Frau leider selbst nicht, eher – ähem – so „semi-gepflegt“), sondern nickte artig und flötete „Professionelle Zahnreinigung meinen Sie?“. „Ja“ antwortete die Frau, und setzte, jetzt mutiger geworden, hinzu: „und vielleicht auch mal eine Zahnspange. Das kann man auch bei Erwachsenen machen. Wissen Sie, unbewusst nimmt man das eben doch war, dass ihre Zähne nicht so stehen, wie sie sollten. Bei Einstellungen zählt sowas!“ Reflexhaft schoss mir „dumme Pute!“ durch den Kopf, ich sagte jedoch: „Aber das sind keine Kassenleistungen! Das kann ich mir gar nicht leisten!“ und hoffte, dass mein Blick „treudoof“ wirken würde.

Ein paar Wochen später guckte ich „Augstein und Blome“ und triumphierte – Der böse Jakob und ich hatten da eine Gemeinsamkeit: ein kleiner Zahn, der im Unterkiefer von den anderen aus der Reihe geschubst und nach hinten verdrängt worden war, leicht angebräunt, zumindest nicht blendendweiß, weil die Zahnbürste offenbar nicht richtig hinkam. Ich meine, vielleicht hatte ich ja einen Knick in der Optik, oder der hatte seine Veneers gerade nicht drauf, aber was der „bestgekleideste Journalist Deutschlands“ darf, darf ich auch – nämlich schiefe Zähne im Mund haben. Ich müsste, so dachte ich bei mir, einfach die Jobs machen, die Augstein macht. Da dürfte mein Äußeres dann ja wohl kein Problem sein.

Manche Leute haben einfach einen Haschmich. Selbst hatte ich als Teenie eine Bierflasche gegen die Frontzähne gekriegt, die mit voller Hebelwirkung rausgedrückt worden waren. Nie vergesse ich den Blick einer „Freundin“, die sich grinsend im Hintergrund hielt. Die Zähne waren hinüber, wuchsen, wie der nette Zahnarzt prophezeit hatte, aber wieder fest, nur dass sie nach und nach einen dunkelbraunen Farbton annahmen. Mir, die sich tatsächlich nicht so an Äußerlichkeiten festhält, war das gar nicht so aufgefallen. Später habe ich das dann aber doch überkronen lassen. Dass das nicht ganz so hübsch war, leuchtete mir ein. Aber dass man Leute angeblich nicht einstellen mag, weil ein kleiner Zahn im Unterkiefer nicht ganz in Reih und Glied steht???

Merkel in Südtirol – deutsches Aufbegehren gegen „mediterranes Modediktat“?

Dafür wurde Angela Merkel wegen ihres Urlaubs-Outfits gelobt – dass die Kanzlerin sich in Südtirol (sic!) „nicht dem mediterranen Modediktat“ (sic!) unterwerfe, sondern mit kariertem Hemd und Outdoor-Hose tapfer allen Versaces und Dolce-und-Gabbanas dieser Welt trotze, wurde offenbar dahingehend interpretiert, dass Merkel den Deutschen Mut machen wolle, im Urlaub – äh – „selbstbewusst“ zu „weißen Socken in Sandalen“ zu stehen, wie irgendein Twitter-Account namens „Niggi“ in die Welt hinauszwitscherte. (Mit den weißen Socken in Sandalen kann sich offenbar sogar der Grünen-Politiker Volker Beck identifizieren, aber dazu unten mehr ….)

Identitätspolitik – schön und gut. Eine ganze Menge Leute wollen ja mittlerweile „selbstbewusst zu sich stehen“. Meistens läuft das dann so ab, dass andere so lange drangsaliert werden, bis das Opfer sagen kann: „Und so herrlich verschüchtert und unterwürfig ist sie!“. Dann ist das Opfer „selbstbewusst“ und die Identitätspolitik hat mal wieder jemanden glücklich gemacht – und jemandem anderen das Leben zerstört. Aber ich will hier nicht polemisch werden. Halten wir fest:

  1. Südtirol ist nicht Ibiza oder die Copacabana, es liegt in den Alpen, also im Hochgebirge – nicht am Mittelmeer. Entsprechend läuft man dort auch nicht im Bikini und mit Flipflops rum, sondern Touristen (auch die italienischen Touristen), die dort zünftig wandern gehen wollen, tragen robustes Schuhwerk und bequeme Kleidung. Tja, wer hätte das gedacht … Karohemd und Outdoor-Hosen passen also durchaus und sind nicht etwa Ausdruck eines „neuen deutschen Selbstbewusstseins“.
  2. In Südtirol lebt eine deutschsprachige Minderheit, die in ihren Traditionen und Gebräuchen den (österreichischen) Tirolern ähnelt. Genau genommen SIND es Tiroler, nur eben Südtiroler – also nicht das mediterrane Dolce Vita, keine südliche Leichtlebigkeit und nicht das rassige Temperament, mit dem sich viele meiner Landsleute gern identifizieren möchten. Politisch gehört Südtirol zwar zu Italien, aber erst seit es ihm nach dem Ersten Weltkrieg zugeschlagen wurde – als „Dankeschön“ für Italiens Einsatz auf Seiten der Siegermächte, genau wie übrigens die östlich gelegenen Dolomiten, die allerdings von je her überwiegend von Italienern besiedelt waren. Dort lebt man übrigens auch, wie man in den Bergen eben so lebt: robuste, wetterfeste Kleidung, deftiges Essen, geduckte Häuser mit flach abfallenden Dächern gegen Schneemassen und Lawinengefahr. Auch wenn der westliche Teil des heutigen „Trentino-Alto-Adige“ – nämlich Alto Adige, italienisch für Südtirol, ursprünglich von den sog. „Ladinern“, einer rätoromanisch sprechenden und damit „romanischen“ Volksgruppe besiedelt war, so kann man festhalten: Was dem Kohl der – in Österreich gelegene Wolfgangssee war, ist der Merkel Südtirol.
  3. Im „italienischen“ Italien ist allerdings auch nicht alles so „mediterran“, wie man vielleicht auf den ersten Blick denken mag – sprechen wir also vom Italien südlich der Stadttore von Bozen, oder besser vielleicht imaginiert da, wo der Comedian Gerhard Polt in „Man spricht Deutsch“ über die deutschen Touristen in Italien lästerte (als das noch für alle lustig war – Selbstironie – und kein Angriff auf deren bzw. die eigene Identität), also gesehen durch die Augen von Holterdipolter-Teutonen: am Meer, mit steinigen Stränden, überteuerten Strandbars und Kiosken, schleimigen „Luigis“ und „Marcos“ – „Italian Macho“ mit Goldkettchen an wucherndem Brusthaar und streng zurückgegeltem Haupthaar – beides natürlich pechschwarz und dann die Glutaugen! – über allem eine sengende Hitze. Aber jetzt mal ehrlich, wer hat sich nicht schon einmal gewundert, dass mediterrane Städte im Hochsommer wie ausgestorben erscheinen: menschenleere Straßen, die Häuserfronten verbarrikadiert mit schweren, hölzernen Fenstlerläden? Na ja, den Leuten ist halt auch heiß. Wer es sich leisten kann, flieht zu Merkel in die Berge und erholt sich in der – hier wortwörtlich zu nehmenden – Sommerfrische. Die anderen bleiben nach Möglichkeit im Haus, um sich keinen Hitzschlag zu holen. Ansonsten, wenn mensch doch vor Einbruch der Dunkelheit vor die Haustür muss, schützt leichte Kleidung, die Arme und Beine bedeckt, die Haut vor Verbrennungen. Das Trinkwasser wird rationiert, Mückenschwärme piesacken einen, hier und da wüten Waldbrände, aber man weiß nicht, ob da jemand ein bisschen nachgeholfen hat, um ein lästiges Naturschutzgebiet loszuwerden und eine Hotelanlage bauen zu können, und man selbst ist eigentlich schon gleich nach dem Aufstehen klatschnass geschwitzt: Was dem Deutschen der plötzliche Wintereinbruch mit glatten Straßen, Verkehrschaos, und eingefrorenen Leitungen ist, ist dem Südländer die Sommerzeit …

Übrigens gehöre ich nicht zu denen, die über knallrot gegrillte Teutonen lacht, die nicht schnallen, dass ein paar Starkbier gegen Ende eines sonnendurchfluteten Tages so richtig reinhauen. Selbst im norddeutschen Flachland zwischen Kuhweiden und im Dauerregen sozialisiert, bin ich auch schon einem (wenn auch glücklicherweise leichten) Hitzschlag zum Opfer gefallen. Genau wie alle anderen Deutschen hatte ich jeden Sonnenstrahl ausnutzen wollen – hat man ja zu Hause so selten! – und bei gnadenlosen 40 Grad habe ich meine körperliche Widerstandskraft gegen derartige Temperaturen dann einfach falsch eingeschätzt …

Etwas nicht-wissen ist gar nicht schlimm (sofern es einen nicht gerade den Kopf kostet). Passiert doch jedem mal. Der eine weiß nicht, dass Südtirol in den Alpen liegt, andere sind überfragt damit, was die Hauptstadt von Ecuador ist, oder beides. Je offener die Welt aber wird und je besser vernetzt – immerhin kann man sich heutzutage via Internet viel besser informieren, als noch in den 80er Jahren – desto mehr scheinen die Leute geneigt zu sein, die Dinge auf einfältige Klischees zu reduzieren. Viele machen sich nicht einmal mehr die Mühe, zu hinterfragen, ob das alles auch wirklich so ist.

Volker Beck und die Frage, was denn „deutsch“ ist

„Was ist deutsch?“ wollte der Grünen-Politiker Volker Beck auf Twitter wissen. Man kann es mal mit ein paar Schlagworten versuchen: Goethe, Hitler, Bratwurst, Pünktlichkeit, Adventszeit, …. Er habe Wurzeln in Österreich und Böhmen, sei auch entsprechend kulinarisch geprägt und unpünktlich (tjaha, der westslawische Schlendrian … Obwohl ich eher auf Sudentenland tippe, aber das weiß ich natürlich nicht so genau) ließ Beck wissen, was also „deutsch“ sei. Aber natürlich isst nicht jeder Deutsche gern Bratwurst, nicht jeder ist pünktlich, feiert den Advent oder vertieft sich allabendlich in die Werke von Goethe, Kant und Schiller, anstatt sich im Fernsehen einen us-amerikanischen Action-Film reinzuziehen.

Das Problem ist, dass Kulturen nicht statisch sind und es außerdem auch immer dann gefährlich wird, wenn sie als alleiniger (oder überwiegender) Identitätsstifter herhalten müssen. Denken wir mal an den Weihnachtsstollen, den allerlei leckere Würzmittel aus dem Orient erst den Geschmack geben, für den ihn deutsche Christen lieben. Das musste früher – ein Vorläufer der Globalisierung – mühselig von Handelskarawanen über Venedig (schon wieder Italien!) nach Mitteleuropa transportiert werden, wo sich die ortsansässigen Händler, Bäcker, Konditoren und Hausfrauen auf die exotischen Leckereien freuten. Oder Orangen, die früher auf jeden Christteller gehörten – sofern es sich die Leute leisten konnten – ein bisschen „Heiliges Land“-Feeling für den deutschen Gabentisch. Warum sich heute dann darüber lustig machen, wenn in deutschen Küchen Rucola geputzt und Ratatouille gekocht wird? Oder das Handy, das deutschtümelnde Puristen lieber „Mobiltelefon“ nennen. Goethe kannte es nicht und trotzdem gehört es zu unserer Kultur.

Deutsch-Sein ist wie Italienisch-Sein und Französisch-, Algerisch- (und/) oder Arabisch-Sein ein identitärer Nebel, eine Art Matrix, die alle, die in ihr leben, umwabert und beeinflusst, ohne dass sie aber vollständig darin aufgehen würden: Auch wenn das eine oder andere auf jeden, der im Land aufgewachsen ist, schon irgendwie zutrifft – der Deutsche als solcher ist nur ein Klischee – der Teutone, der zwingend Tennissocken in Sandalen haben muss, laut und ungehobelt ist, selbst auf „Malle“ sein Eisbein mit Sauerkraut braucht und Unmengen an Bier in sich hineinschüttet

Dann ging es bei Volker Beck auf Twitter um „universale Werte“ und ob die Muslimen die hätten (Letzteres bezweifelte eine Diskussionspartnerin bzw. Mittwitterin). Diktatoren in aller Welt berufen sich ja gern darauf, dass die Menschenrechte eine Erfindung des Westens seien und ihnen daher in quasi neokolonialer Manier aufgezwungen. In China sieht man es offenbar hier und da so. Auch Baschar al-Assad soll sich darauf berufen haben. Allerdings gaben auch die Nazis nicht viel auf Menschenrechte und die waren ja nun einmal Europäer, Deutsche genau genommen.

Ein anderer Account giftete zurück, dass die Juden ihre Söhne beschneiden ließen, dies aber kein universaler Wert sei. Überhaupt schien das Twitterprofil Aggressionen gegen Juden zu wittern – Beck habe soeben mal „3000 Jahre Judentum in die Tonne getreten“, schnappte es – ausgerechnet! Denn eigentlich ist Volker Beck als „Jude ehrenhalber“ bekannt, der jedoch – anders als viele erklärte Philosemiten, und das ist ihm hoch anzurechnen! – damit keinen Islamhass verbindet (Das sehen meines Wissens auch einige real existierende Juden so, allerdings laufen auch nicht alle Deutschen bei Pegida mit. Dafür tun es einige Franzosen (Mir folgte auf Twitter – bis ich es blockierte – ein französischsprachiges rechtspopulistisches Profil, das zu meiner Überraschung ganz gut nach Österreich vernetzt war) – Daher Vorsicht mit „das Judentum“, „die jüdische“ („deutsche“) Meinung“, usw. …!).

Ich loggte mich bei Twitter aus, zahlte im Internetcafé und ging nach Hause – vorbei an der Moschee, in der ich nicht beten muss, die aber trotzdem irgendwie zu Deutschland gehört. Na ja, sie steht ja da. Good night!

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