Jupiter-Menschen oder: warum Demokratie manchmal verletzend sein muss

Emmanuel Macron sei ein zweiter Jupiter, heißt es. Hm. Jupiter, die römische Version des griechischen Gottvaters und Himmelsherrschers Zeus – die oberste Gottheit im Olymp. Ziemlich hoch gegriffen für einen frisch gewählten Präsidenten. Ob der Mann bzw. seine Anhänger wissen, dass er für viele nur das kleinere Übel war, die Freude über seinen Sieg eher eine Art freudige Erleichterung, dass Le Pen einem noch mal erspart geblieben war? In etwa das gleiche Gefühl, wie wenn einem der Arzt sagt, dass der Tumor doch gutartig ist und kein Krebs …

Vielleicht wird Größenwahnsinn langsam zu einem neuen Herrschaftsgestus, ein leiser Abgesang auf die Demokratie, die hinter Sachzwängen und Technokraten hier, hinter einer stärker werdenden Sehnsucht nach neuer Größe dort in den letzten Jahren immer fadenscheiniger geworden ist. Donald Trump ist jedenfalls nicht der einzige. Es gibt auch Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Victor Orbán. Und eben Macron. Das ist wohl nicht nur mir aufgefallen.

Milo Yiannopoulos – ein Kind des linken Zeitgeistes?

„Autoritär“ ist das neue „Rebellisch“ – sagt die neue Rechte. Umso mehr fühlt man sich wie vor den Kopf geschlagen, wenn einem dann im „Spiegel“ das Konterfei von Milo Yiannopoulos entgegenhöhnt: als neckisches Betthäschen inszeniert, mit aufgesetzter Unschuldsmiene kulleräugig an einem Lolli nuckelnd – Der Mann nennt sich ja nicht „Jupiter“, sondern „dangerous fag“ – „gefährliche Schwuchtel“. Und überhaupt ist er kein „böser weißer Mann“, sondern ein „anderer“: Vater Grieche, obwohl sein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag über ihn berichtet, dass er eigentlich Hanrahan heißt – Das ist aber irisch. Nicht ganz so exotisch. Für den „Spiegel“ hat er eine deutsche Mutter, weiter hinten im Artikel steht, dass er mit seinem scharzen Freund in Miami wohnt. Ich habe auch schon irgendwo gelesen, dass er Jude sei – schwierig, denn wegen der Loblieder auf „Father Michael“, dank dessen pädophiler Neigungen der kleine Milo angeblich seine Homosexualität entdeckt hat, ist Yiannopoulos bei der rechtspopulistischen Medienplattform „Breitbart“ rausgeflogen. Aber vielleicht werden Rabbis ja in Großbritannien „Father“ – „Pater“ – genannt und ich habe das in meiner Engstirnigkeit mal wieder nicht geschnallt, dass das nicht unbedingt katholisch sein muss.

Spinner, die sich interessant machen wollen, gibt es genug, doch Yiannopopoulos setzte das Image des exotischen, marginalisierten – ja sogar „mehrfachdiskriminierten“ – Minderheitenvertreters Werbung gezielt für sich ein. Und ist dabei stramm rechts. Genau das soll ja offenbar gerade der Clou sein. Der abgebrochene Literaturstudent, der es dennoch in der Medienwelt zu etwas gebracht hat, kann sich nämlich etwas herausnehmen. Zum Beispiel „Gamergate“, wo Milo und ein paar andere Jungs Frauen plattmachten, die vorwitzig genug gewesen waren, der Männerwelt die angestammte Domaine der Computerspiele streitig zu machen – und zwar als Designerinnen und Programmiererinnen. Selbst Morddrohungen gingen bei Milo und Co. noch als launige Scherze durch. Oder über schwarze Frauen herziehen, gern auch gespickt mit ein paar deftigen, rassistischen Bemerkungen – da ist ja der schwarze Boy-Friend in Miami. Also bitte.

Sagen wir es ruhig offen: Es war im Grunde die Gegenseite, die Leute wie Milo Yiannopoulos stark gemacht hat. Der junge Schwule mit Migrationshintergrund, der Studienabbrecher und ambitionierte zukünftige Dichterfürst dürfte noch vor ein paar Jahren, als noch nicht allzu offensichtlich war, dass er mit „tolerant“ leider nichts anfangen kann, die Beschützerinstinkte der etablierten Linken geweckt haben – jener Leute, die Kontakte, Jobs und Chancen zu vergeben haben.

falsche „Sozialfälle“ oder wie setze ich mich unter Linken durch?

Die Lektion, dass nicht nur „Sex sells“ gilt, sondern eine möglichst exotische Sexualität in bestimmten Kreisen geradezu ein „must“ ist, das mit stolz geschwellter Brust vor sich hergetragen wird, lernte ich gleich zu Anfang meiner Zeit in Berlin. Damals machte ich in einem Kunstprojekt der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ in Kreuzberg mit und wunderte mich. Schon in meinen letzten Semestern an einer kleinen Uni in Südwestdeutschland hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Claims sofort abgesteckt werden: So ziemlich alle „angesagten“ und bei den Professoren beliebte Kommilitonen stammten offiziell aus „kleinen Verhältnissen“, auch wenn der Vater Galerist oder Museumsdirektor war, und es an Geld nie fehlte. Irgendwann gab es mal Krach, weil die vielen studentischen Kleinwagen der „sozialen Härtefälle“ (dabei ging es auch um Hiwi-Jobs!) auf dem Uni-Parkplatz keinen Platz mehr fanden. Mich, die mit dem Bus fuhr, betraf es nicht nicht, aber „Arbeiterkind“ übersetze ich mittlerweile automatisch im Kopf mit „aus besserem Hause“. Die eine hatte eine polnische Mutter (Vor- und Nachname waren dummerweise urdeutsch, nicht einmal der leiseste Hauch eines -skys oder -czyks, und die Kommilitonin sprach auch kein einziges Wort Polnisch, aber, hey, egal: Migrationshintergrund), in den Adern der anderen floss – wiederum von mütterlicher Seite – dänisches Blut (Tjaha, das skandinavische Element, das immer zu kurz kam. Auch ein Migrationshintergrund), usw..

Ich hätte locker mithalten können: Ich habe südeuropäische Vorfahren (doof, die sehen auch noch so richtig sonnig-südländisch aus!), Familie in Osteuropa (ja, die wohnen da auch wirklich und nein, es ist nicht die „deutsche Minderheit“, dafür sind sie aber ebenfalls „heimatvertrieben“ – nur so, falls das eine Rolle spielen sollte.). Alles in allem gibt es trotzdem nichts als „Migrationshintergrund“ her und das hatte ich auch nicht behauptet

(Ehrlich gesagt, irgendwie muss das „frisch“ sein, also erste, maximal zweite Generation, und dann muss mensch auch richtig zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sein, so mit zweisprachig, interkultureller Konflikt, usw. … idealerweise sieht man das „Ausländische“ bitte auch am Teint (wie gesagt: sonnig-südländisch, führt öfters mal zu unschönen Erfahrungen mit der Umwelt, sprich: Diskriminierung, daher sind Minderheitenrechte dann eher gerechtfertigt) und die Person stammt zudem aus eher ärmlichen Verhältnissen (Da „class“, was Jobs und sozialen Aufstieg betrifft, eine „gläserne Decke“ noch lange vor „race“ und „gender“ bedeutet, „class“ UND „race“ beides aber nahezu unmöglich machen, ist „Empowerment“ hier wirklich nötig – anders als bei jemandem mit blonder dänischer oder herbeiphantasierter polnischer Mutter …).

Übrigens macht nicht einmal das einen zum besseren Menschen. Auch im sonnigen Süden gibt es A… löcher. Genau genommen gibt es da sogar alles sowohl an menschlichen Schwächen, aber eben auch an Vorzügen, was es hier auch gibt. Dennoch irritierte es mich schon ein wenig, dass im „Spiegel“ dieser Woche eine italienische „Gastarbeiter“-Familie portraitiert wurde, deren Hamburger Restaurant bereits 1905 gegründet wurde. Na ja …).

„böser weißer Mann“ ehrenhalber

An der Uni zählte das auch tatsächlich nicht. Eher reagierten die Leute aggressiv. Besser nichts von „Vorfahren aus Südeuropa“ schwadronieren. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass es darum geht, dass ich den anderen das nicht wegnehmen soll, weil das ja irgendwie schon denen gehört. Jawoll. Nicht dass meine „Minderheiten“-KommilitonInnen deshalb netter zu „echten“ Ausländern gewesen wären, zumindest nicht, wenn sie der Ansicht waren, dass die vom „Stil“ her nicht zu ihnen passten. Dafür gab es mahnende Blicke in meine Richtung, wann immer von „Shoah“ die Rede war (ganz klar das Werk von Menschen wie mir, die anderen waren ja, wie gesagt, „Minderheit“. Als ob das den NS-Entscheider in der Ahnenreihe oder den SS-Opa wieder gutmachen würde – eine Art Tauschhandel: Leider die Katze überfahren, aber man klaut dem Nachbarskind den Stoffhund und überreicht ihn als „Schmerzensgeld“ und schon ist alles wieder gut, wobei der gestohlene Stoffhund der Minderheitenstatus ist, und die überfahrene Katze der Holocaust. Nicht, dass man das vergleichen könnte. In dem Fall sind Vergleiche immer makaber, aber meine Professorin liebte es nun einmal, über die „Shoah“ zu sprechen …) oder „Critical Whiteness“ (dito). Ich weiß nicht nicht, was ich davon halten soll: unverschämt oder einfach nur krank. Jedenfalls nicht „legitim“.

Irgendwie war ich damals der „böse weiße Mann“, obwohl ich eine Frau bin (ohne Zweifel, ich vermute, sowohl eine Genanalyse als auch eine medizinische Introspektion meines Körpers würden zu dem gleichen Ergebnis kommen). Aber meine feministische Professorin war der Meinung, dass man zuerst einmal feminine Frauen fördern müsse – die, die so aussehen, als ob sie jeden Morgen mindestens drei Stunden im Bad stehen, um so auszusehen, wie die Titelmädchen von „Glamour“ und „Jolie“ oder die jungen Frauen, die Heidi Klum regelmäßig und äußerst publikumswirksam vor laufender Kamera bei „Germany’s next Topmodel“ zusammenstaucht. Böse Zungen nennen solche Frauen „Mieze“, „Bratze“ oder „Modepüppchen“. Meine Professorin dagegen fand, dass sie am meisten unter männlicher Ignoranz zu leiden hätten – die wahren Opfer des Patriarchats. Die Intelligenz dieser Frauen würde übersehen, ihr Potenzial ginge verschütt.

Klar gibt es Frauen, die feminin wirken, sich für Mode interessieren, und auch intellektuell ziemlich fit sind. Aber muss man deshalb jedem Modepüppchen per se unterstellen, es sei ja im Grunde viel intelligenter als andere, nur dass es niemand erkannt habe, ein ungeborgener Schatz, den man erst in mühsamer Feinarbeit ans Tageslicht befördern müsse? Ist das nicht mehr oder weniger ein Blankoscheck fürs Diät halten und Lockenwicklertragen? Dass frau dann auch automatisch schlau ist und wer was anderes sagt, ist halt „FrauenhasserIn“, „MaskulinistIn“, „Patriarchat“ oder schlicht „DiskriminiererIn“, „Mehrheitsgesellschaft“?

Die Rolle des „Patriarchats“ hatte damals ich inne. Es sollte ja auch gezeigt werden, dass Feministinnen gar nicht so sehr gegen Männer sind, wie viele Leute immer denken – Ganz im Gegenteil, das war ein neuer, junger sexy-Feminismus, auch wenn meine Profesorin und viele feministisch gesonnene Wissenschaftlerinnen aus dem Mittelbau natürlich nicht mehr ganz so jung waren. Wenn es also nicht gegen die Männer gehen sollte, wer blieb da noch zum Draufrumtreten übrig? Richtig.

„Anders“ als Massenphänomen

Die Erfahrung in Berlin, in der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ toppte das Ganze unerwarteterweise noch: Wir waren ein kleines Grüppchen wildfremder Menschen. Als es daran ging, einander kurz vorzustellen, sagte jeder seinen Namen und Beruf und dann sofort: „Lesbe, obwohl ich mal mit einem Mann verheiratet war“ oder „bisexuell“ oder „Ich glaube, ich war immer schon schwul.“. Eine Frau erzählte, dass sie auf Sadomasochismus stehe, am liebsten Fesselspiele. Trotz der bereitwillig gegebenen intimen Geständnisse hatte ich nicht das Gefühl, besser zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Die einzige Erkenntnis, die ich gewonnen hatte, war, dass hier jeder irgendwie „sexuell abweichend“ war. Vorsichtig merkte ich an, dass ich wohl in vielerlei Hinsicht „zwischen den Stühlen sitzen“ würde. Das sei wohl meine Position. Ich bin bisexuell. Gerade wegen des in dieser Hinsicht freieren Klimas war ich auch nach Berlin gekommen. Aber muss man das Leuten, die man gerade mal 5 Minuten kennt, auf die Nase binden? Ich meine, ich hatte einfach nicht, wie unter meinen Mitstudentinnen, als „hässliche Lesbe“ an einem Ring durch die Manege geführt werden wollen, aber damit war es auch schon gut. Einfach ok sein, wie man nun mal ist, reichte mir. Genau danach hatte ich gesucht. Allerdings habe ich in dieser Hinsicht, wie ich sagen muss, auch im weltoffenen Berlin nicht viel vorgefunden.#

Homophobie als „Schutzschild“

(Das mit der „hässlichen Lesbe“ war zu Unizeiten in meinem – eigentlich übrigens ziemlich konservativen Fachbereich – offenbar eine Art Kompromiss: Zwar ist sie eine Frau, aber jedenfalls keine, der der Feminismus zusteht, wenn frau es recht bedenkt sogar viel böser als die „bösen, weißen Männer“, … Später würde allerdings behauptet werden, ich hätte nur als „Schutzschild“ für andere Frauen gedient, die – „echte“ Lesben, wenn auch damals noch sehr wohl an Männern interessiert – sich einfach noch nicht aus dem Schrank getraut hätten – Na ja, kann man ja verstehen, dass IN DEM FALL sogar Homophobie ein Gebot der Stunde war (ich meine das sarkastisch) -, aber das wusste ich in meiner Anfangszeit in Berlin noch nicht.)

Irgendwer muss ja die „frigide Hexe“ sein

Später begriff ich, dass ich eigentlich auch nicht bisexuell bin – Da gäbe es „ganz andere“ hieß es – und leider – wie es der Zufall nun einmal wollte – hatten die alle was gegen mich. Genau genommen handelte es sich um einen Bunch stylischer, wahnsinnig angesagter, wenn auch eher nur mittel-attraktiver Frauen, die man mir bzw. ganz allgemein als „für Emanzipation und Freiheit kämpfende Lesben“ vorgestellt hatte. Allerdings konnten die Frauen offenbar auch mit Männern. Vielleicht auch NUR mit Männern, aber das kann ich im Einzelfall nicht sagen. Ich kenne diese Frauen ja wirklich nicht näher. Umgekehrt schien das merkwürdigerweise nicht so zu sein. Die wussten nämlich ganz genau, dass ich angeblich „einen kranken Hass auf Männer“ hätte, überhaupt, keiner wolle mich, die „frustrierte Zicke“. Manchmal grunzten mich auf der Straße in Kreuzberg Hipstermänner an und die Freundin im Schlepptau säuselte betont freundlich: „Lass! DIR hat sie doch jetzt nichts getan!“. Das war in etwa, wie wenn man nichtsahnend in ein Café geht und einen Kaffee ohne alles bestellt und die Bedienung ziemlich unwirsch ist, derart dass man tatsächlich geneigt ist, es persönlich zu nehmen, und dann ruft jemand von hinter der Theke: „Sei doch nicht so. Zwar ist sie mit dem Ufo hier gelandet und hat sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft gefressen, aber zu UNS  jetzt war sie doch ganz passabel …“ Nennt man das „nett“ oder „total plemplem“ oder „Mobbing“? Ich weiß es nicht …

Zu allem Überfluss war ich dann plötzlich auch noch „rechts“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese queeren Frauen, die ich als ziemlich arrogant und überheblich in Erinnerung hatte, alle total links sind, dass sie auch ganz ernsthaft von verschiedenen linken Parteien und Stiftungen gefördert werden. Da hatte ich auch überall verschissen. Dafür wollte jedeR irgendetwas an mir „rächen“: ich hatte dickliche, betont jungenhaft zurechtgemachte Frauen – „Transmänner“ – am Hals, denen missfiel, dass ich zu breitbeinig in der U-Bahn saß – stand mir nicht zu -, ziemlich viele adipöse Menschen, die mich belauerten, hänselten, mal wollten sie nichts Geringeres als „meine Seele ermorden“ oder mir als ganzer Person „den Gar ausmachen“, mal hatte ich „damit“ (womit war unklar) „mein Todesurteil unterschrieben“, dann wieder sollte ich mich „richten“ für das, „was ich GETAN“ hätte. – Ich wusste nicht was. Ich kannte die Leute nicht, hatte ihnen nichts GETAN. Diffus erinnerte ich mich, dass meine Kommilitoninnen damals desöfteren beleibten Besuch aus Berlin über den Uni-Campus geführt hatten – zu mir waren diese Frauen ziemlich komisch gewesen, aber getan hatte ich ihnen nichts. Auch eine frühere Studienfreundin tauchte in meinem Gedächtnis auf – sie selbst war schlank und sportlich, litt jedoch an Bulimie und hatte eine stark übergewichtige Freundin, über die sie mal sehr bösartig lästerte und wollte, dass ich „einfach mal mit ihr solidarisch“ sein und auch mithelfen sollte, die andere in der Cafeteria zu schikanieren, obwohl ich die Frau gar nicht kannte und nicht wusste, was genau vorgefallen war (Deshalb hatte ich auch keine Lust, „solidarisch“ mit dieser Freundin zu sein, obwohl ich sie damals wirklich mochte. Vermutlich war ich eine „Rabenfreundin“ …), dann wieder waren die beiden ganz dicke miteinander, immer abwechselnd. Zu dem Zeitpunkt wäre es mir aber noch nicht in den Sinn gekommen, mir Gedanken über den KÖRPERTYP eines Menschen zu machen. Warum auch?

Von den Dicken wurde ich ständig angemacht, auch von eher dürren, ältlichen Frauen. Die wollten „es“ mir austreiben. Ein Hipster sprach von „Trockenlegen“. Gemeint war „die schönste Nebensache der Welt“ – Sex, über den sich in Berlin alle zu definieren schienen, interessanterweise gerade die, die man nicht gerade in erster Linie mit dem Wort „Sexbombe“ assoziieren würde. Mir wurde ein Tagebuch geklaut. Gerüchte besagen, dass es in diversen Szenekneipen öffentlich vorgelesen worden sein soll – als abendlicher Kneipengaudi. Offenbar wurde es in der queeren Szene herumgereicht, vielleicht auch unter Journalisten – Ich hatte damals ein paar Mal für größere Zeitungen Kunstkritiken geschrieben. Im rechten Lager höhnte jemand: „Dafür hat aber Anja Kofbinger (lesbische Berliner Politikerin der Grünen) das Tagebuch gehabt!“ Ob bzw. was davon stimmt, weiß ich nicht. Nachweisen kann ich niemandem etwas und ich bezweifle, dass die – kicher! kicher! – Andeutungen hier und da alle der Wahrheit entsprechen. Denn mir war schnell klar, dass die Leute sich einen Spaß daraus machten, mich in die Irre zu leiten und in meinen schlimmsten Befürchtungen zu bestärken – ohne dass deshalb zwingend etwas dran sein musste oder aber komplett Entwarnung hätte gegeben werden können. Am Ende – so hatten sie sich das wohl gedacht – könnten sie ja ihre Hände in Unschuld waschen und ich stünde als hysterische Bekloppte da, die sich wutendbrannt auf Leute stürzt, die ihr – ja, genau! – überhaupt nichts getan haben. Dafür haben andere „etwas getan“ und ich sollte nur weiter im Dunkeln tappen.

„Schutzschild“ (II): Prügel für die einen, Empowerment für die anderen

Als von einem Kinderporno (ein Porno, der, wie der Titel erahnen ließ, die Vergewaltigung eines arabischen Babys zum Inhalt hatte) aus zu meinem Blog verlinkt wurde, ging ich zur Polizei. Natürlich konnte ich niemanden ins Blaue hinein beschuldigen. Mehrfach wurde ich auch körperlich angegangen – zum Glück nicht wirklich schlimm, nur dass ich komischerweise im Nachhinein manchmal in irgendeinem Blättchen oder „Zine“ der lokalen queeren Szene las, dass eine ominöse andere – queere! – Frau oder „Person“ ja genau den gleichen Vorfall erlebt hatte. Sie hatte sogar genau gleich reagiert wie ich.

Obwohl die Leute mich angeblich so „rechts“ fanden, passierte es auch öfters, dass irgendjemand aus der queerfeministischen, linken Szene viel Beifall erhielt für ein Statement, das ich so ähnlich eine Weile zuvor gemacht hatte, und das da, also in meinem Fall, entweder als „dumm“, „neoliberal“ oder „fast schon Pegida!!!“ abgetan worden war. Offenbar ging es weniger um die Aussagen an sich, als um den KÖRPER, der sie aussendete – meiner war „böse“ – „rechts“ -, andere waren „gut“. Auf einer Veranstaltung bei der taz belehrte mich eine Frau über den Israel-Palästina-Konflikt, im Hintergrund hörte ich, wie eine andere das mit „Da kann sie ja froh sein, dass jetzt auch mal jemand mit ihr spricht!“ kommentierte. Das wiederholte sich fast wortwörtlich auf einer anderen linken Veranstaltung. Irgendwie hatte ich die Nase langsam voll. Für wen hielten sich die Leute eigentlich? Als ob man nur darauf brennen würde, irgendwie in Kontakt mit ihnen zu kommen, um an ihrer erhabenen Menschlichkeit teilhaben zu können. Eigentlich konnte man sich doch glücklich schätzen, wenn man nicht von denen behelligt wurde.

Auf einer taz-Veranstaltung, die im Sommer 2013 in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, äußerte sich dann eine Frau vor versammelter Mannschaft und für alle gut hörbar betont gönnerhaft: „Aber einen schönen Busen hat sie!“ Es hieß, ich würde die Frauen angeblich nicht ernst nehmen. Sie würden es mir ja nur „zurückgeben“. Die meisten kannte ich gar nicht. Einige „Transgender“ wollten mich wegen „transphober Hetze“ verklagen. Es wurde gehöhnt, ich müsse halt immer „nehmen, was andere Frauen übrig lassen.“, „Jetzt zu Monatsende sei Schmalhans wohl Küchenmeister“ und ich solle doch am besten „in der U-bahn betteln gehen.“, dann könne ich ja als „Identifikationfigur“ für die Obdachlosen herhalten – kicher! kicher! Schließlich wurde ich als „unwertes Leben“ beschimpft – von jungen Leuten, die offensichtlich der Heinrich-Böll-Stiftung nahe standen. Also keine rechten A… löcher. Oder etwa doch?

Eine ganze Reihe Frauen aus meiner Vergangenheit tauchten plötzlich in Berlin auf. Sie alle waren jetzt auch lesbisch oder transgender oder mit Transgender liiert und deshalb jetzt auch lesbisch oder zumindest war ihnen bewusst geworden, dass sie einen „ungewöhnlichen Körper“ hatten (sprich: ein paar Kilo zu viel auf den Rippen oder aber plötzlich abgemagert oder zumindest streng Diät haltend oder ein paar Zentimeter größer als das „süße, kleine Püppchen“, wobei das Gardemaß für „Püppchen“ flexibal gehandhabt und nach Bedarf angepasst werden kann, so dass frau ihm mal zu 100% entspricht (wenn es darauf ankommt, das „süße, kleine Püppchen“ zu sein) und mal dramatisch davon abweicht (wenn es darum geht, der „Freak“ zu sein)) – jedenfalls QUEER!

Emanzipation oder „Frauen zurück an den Herd!“?

Es hieß, ich sei ja immer so eifersüchtig. Carolin Emcke beschrieb  in ihrem Buch „Hass“ über die bittere Armut und das chancenlose, entbehrungsreiche Leben am Rande der Gesellschaft von Transmenschen. Tatsächlich haben, zumindest hier in Deutschland, auffällig viele von denen gute Jobs an der Uni (oder aber an einem der renommierten Berliner Theater). In der Huffington Post ließ sich ein Transmann (Mann, als Frau geboren) darüber aus, wie viel mehr er jetzt, nach der Transition, wo er keine Frau mehr sei, verdiene, und wie viel einfacher es sei, einen Job zu finden, falls man(n) dann doch mal keinen hätte. Stimmt schon, vielerorts auf der Welt müssen sich Transfrauen (Frauen, als Männer geboren) und männliche Transvestiten (Männer, die sich als Frauen verkleiden) ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich verdienen, sofern sie nicht im Show-Biz unterkommen. Transmänner, also Männer, die als Frauen geboren sind, aber tatsächlich „männlich“ fühlen und sich (von Natur aus, ohne dass es eingeübt oder geschauspielert werden müsste) „männlich“ verhalten, gibt es nur sehr wenige. Hat irgendwie was mit Biologie und Hormonen zu tun. Offenbar läuft bei männlichen Föten sexuell öfters mal etwas aus dem Ruder. Lesben gibt es auch sehr viel weniger als Schwule. Zumindest echte Lesben, Bio-Lesben. Nicht Frauen, die das aus politischen (das berühmte Credo des Differenzfeminismus der wilden 70er: „Männer sind Schweine!“) oder anderen Gründen machen. Sich als „Transmann“ zu „definieren“ (Die meisten „Transmänner“ sind übrigens „schwul“ und möchten auch gern schwanger werden. Kinderkriegen geht ja jetzt auch für Männer.) ist aber auch „politisch“: „Transfeminismus“. Manchmal könnte man kotzen, wenn man in der taz oder anderswo mal wieder liest: „Als Frau hätte ich natürlich nicht … können, aber als Mann ja schon!“ oder „Frauen machen … ja nicht, aber als Mann kein Problem!“. Klar: Frauen gehören an den Herd und Männer (und „Transmänner“) gehen auf die Jagd. Glauben die diesen Schwachsinn wirklich? Und dass das Feminismus sein soll?

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen internen Logik, dass die queerfeministischen Frauen sich für sich selbst vorbehalten, auch Männer zu sein (Dann ist man bzw. frau gleichberechtigt bzw. ist man dann ja selbst ein „Mann“), aber aggressiv werden, wenn andere Frauen leider auch nicht die „Frauchen“ sein wollen. Ein bisschen ist es an dem gespiegelt, was meine alte feministische Professorin erreichen wollte: Gleichberechtigung soll bloß nicht für alle Frauen da sein – Gott bewahre! Es gibt immer welche, die Privilegien haben müssen (seien es nun die femininen „Modepüppchen“ oder die queerfeministischen „Transmänner“. Meistens sind es sogar DIE GLEICHEN FRAUEN) und andere, die frau zurückdrängen muss, damit sie den Privilegierten nicht ins Gehege kommen. Eigentlich ist es zynisch, dass ausgerechnet die Queerfeministinnen nicht müde werden, auf die Menschenrechte und auf das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu verweisen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt nämlich nicht das Recht ein, auch für andere zu bestimmen – über deren Sexualität, ihre Intelligenz, ihre Chancen im Berufsleben, was sie sich gefallen lassen und zu wem sie aufschauen müssen, usw.. Auch in den Menschenrechten steht nichts davon, außer eben, dass alle diese Dinge gerade nicht fremdbestimmt sein dürfen. Die „Transmänner“ aber jammern, es sei „Transphobie“, wenn eine Frau wie ich sie nicht in ihrer Rolle als Männer bestätigt oder auf Anmachen und überhebliches, selbstherrliches Verhalten sogar ungehalten reagiert, denn: – „Männer sind nun einmal so!“. Wirklich?

Menschenrechte & Grundgesetz – für alle da!

Eigentlich sind die Menschenrechte  bzw. das Grundgesetz gerade dann für einen da, wenn man bzw. frau das nicht so sieht. Da steht nämlich was von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ (und nicht: „Mann und Transmann“). Aber vermutlich wird man auch nicht jeden eingefleischten Rechtspopulisten dazu bringen, dem zuzustimmen. Es ist nur so: in einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss man es aushalten, dass Menschen anders denken und anders leben möchten als man/frau/mensch selbst. Das geht in alle Richtungen und es bedeutet auch, dass mensch Leute in Ruhe lassen muss, die mensch doof findet, anstatt ihnen nachzulaufen und sie zu „erziehen“ bzw. ihnen mit Nachdruck, Psychoterror, sexuellen Übergriffen oder sogar köperlicher Gewalt die gewünschten Verhaltensweisen abzupressen. Ich bin schon seit mehreren Jahren nicht mehr in der queeren Szene gewesen. In Ruhe gelassen haben mich die Leute bis heute nicht.

„Beißreflexe“

Vor ein paar Monaten sorgte dann ein kleines, unscheinbares Büchlein in der queeren Szene für Aufruhr. Es trägt den Namen „Beißreflexe“ und wurde von „Polittunte“ Patsy l’Amour lalove herausgegeben. Das Buch, das den zunehmend autoritären Einschlag der Szene kritisiert, schlug ungeahnt hohe Wellen, sein Ruf scheint ihm jetzt sogar bis in die USA vorausgeeilt zu sein und das, obwohl es eigentlich nur in Micro-Auflage in einigen wenigen ausgewählten linken Szeneläden deutscher Groß- und Universitätsstädte zu haben ist. Für die einen ist „Beißreflexe“ eine Offenbarung – Da steht, dass auch andere bemerkt haben, was alles nicht in Ordnung war oder sogar total daneben. Auch ich begriff, dass ich nicht die einzige war, der mensch übel mitgespielt hatte (wenn auch die einzige, die nach einem kurzen Ausflug die queere Szene ziemlich schnell wieder verlassen hatte. Die meisten anderen Opfer dieser Leute kommen „von innen“, haben, sofern sie in Berlin waren oder sind, vielleicht auch mich mitgedisst. Traurig, das so schreiben zu müssen, aber leider wahr.) – ein paar Albernheiten der „Gender-Stasi“ hat Peter Rehberg in der „Zeit“ beschrieben. Zu meiner Überraschung war frau offenbar sogar in der „Emma“ reichlich indigniert. Dort fragte frau sich, was das noch mit Feminismus zu tun hat. Tja, das frage ich mich, wie gesagt, schon seit geraumer Zeit …

Jetzt hat das queerfeministische Lager in der „Zeit“ zum Gegenschlag ausgeholt und schießt dabei – wenn man bedenkt, dass es sich um eine subkulturelle Streitschrift handelt, die den meisten Leuten gar nichts sagen dürfte – mit Kanonen auf Spatzen. Die Berliner Soziologie-Professorin und Queerfeministin Sabine Hark hat Judith Butler, die us-amerikanische Begründerin der Queer-Theorie, als Verstärkung hinzugezogen und in einem längeren Artikel in der „Zeit“ ziehen beide gegen die Abtrünnigen aus der Szene zu Felde: von „Verleumdung“ ist die Rede, gleich im Titel, Kritik sei ja in Ordnung, aber bislang seien doch nur Aggression und Verletzungen gegen Queer hervorgebracht worden. Eine neue „Grammatik der Härte“ bringe das zum Ausdruck, es sei Hate Speech, infam, roh und einfach nur asozial klagen Hark und Butler.

Wo ist Eure Empathie?

Moment mal: „unwertes Leben“ ist ok, aber sich dagegen zu wehren, so bezeichnet zu werden, ist „infame, verletzende Hate Speech“? Nein, sorry – ohne jetzt die „Beißreflex“-Leute zu sehr in Schutz nehmen zu wollen – ich weiß, wie gesagt, auch nicht, ob der/die eine oder andere mich nicht auch kräftig mitgemobbt hat -, aber vielleicht wird eher ein Schuh draus, wenn man die Dinge einmal umdreht. Haben die Frauen bzw. die VerfechterInnen der Queer-Theorie sich schon einmal gefragt, wie viele Leute SIE verletzt haben?! Wie viele Leute sich elend gefühlt haben, mit ihren Hänseleien, Nachstellungen, Verhöhnungen, Demütigungen und Verleumdungen?! Wie es einem, mir zumindest, damit geht, mehr oder weniger mit einer Art feministischen „Fatwa“ (Ich fühle mich manchmal wie Salman Rushdie, aber christlicher gedacht können wir’s auch „Exkommunikation“ und „Bann“ nennen) belegt zu werden und überall die Tür vor der Nase zugeschlagen zu kriegen – UND DASS DAS AUCH NOCH FEMINISMUS SEIN SOLL?! Dass man immer angehalten ist, das nicht so zu nehmen bzw. gefälligst gar nicht erst etwas Böses zu unterstellten, nichts sagen darf, gute Miene zum bösen Spiel machen muss und sich idealerweise auch noch selbst schuldig – „falsch“ – fühlen soll?! NUR UM DIE FRAGILEN EGOS IRGENDWELCHER MIMOSEN NICHT ZU BRÜSKIEREN?!

Über jeden Zweifel erhaben?

Nein, sorry – aber intelligent zu sein oder sich auch nur mit intellektuellen Inhalten zu beschäftigen, steht nicht nur bestimmten Menschen zu – nicht, weil es so feminine Frauen sind, von denen man das ja sonst nicht so denkt, nicht, weil sie umgekehrt eigentlich ja so „männlich“ wären und denken nun einmal „männlich“ (oder „Oberschicht“, die „besseren Gene“, Sarrazin und Co.) sei (gruselig, so etwas von Menschen zu hören, die sich für „feministisch“ halten und behaupten, „links“ zu sein!) und auch aus keinem anderen Grund!

Es gibt kein Recht darauf, dass andere sich klein, unzulänglich und wertlos fühlen und stets unterwürfig und dienstbar sein müssten, auf Dinge verzichten, die ihnen Freude breiten, dass sie ihre Talente nicht entfalten dürften – und sei es nur in Form eines Hobbys -, sich für ihre Körperlichkeit schämen müssten – Ja, ja, die adipösen Frauen wären ja auch lieber schlank, so wie die Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ und andere Frauen SIND schlank wie die Frauen bei „Germany’s next Topmodel“, nur dass sie an Esstörungen leiden und sich deshalb trotzdem nicht gut mit sich fühlen – ABER WAS ZUR HÖLLE KANN ICH DAFÜR?!,  dass man nicht lachen oder tanzen dürfte oder breitbeinig in der U-bahn sitzen, ganz zu schweigen von ener eigenen Meinung, dass andere gegängelt und kontrolliert werden müssen – NUR WEIL SICH IRGENDWELCHE NEUROTISCHEN ARSCHLÖCHER ANGEBLICH SONST „NICHT WOHL FÜHLEN“???

Man muss Menschen nicht mögen, weil sie „anders“ sind (auch nicht, weil sie NICHT „anders“ sind) und den grundlegenden Respekt, so von Mensch zu Mensch, den hat schließlich jedeR verdient. Alle Menschen sind GLEICH, im Sinne von „gleichwertig“. DAS steht in den Menschenrechten und nichts anderes. Punkt.

Man muss auch anderen nicht von vornherein einen Kredit für politische Einstellungen geben, die sie womöglich gar nicht haben und sich selbst in die rechte Ecke abdrängen lassen, obwohl man nicht rechts ist und auch nichts dafür spricht, dass man es je gewesen ist.

Tatsächlich sind übrigens einige der Transgender ganz schön rechts: Wer’s nicht glaubt, kann es nachlesen, z. B. in: Amjahdi, Mohamed „Unter Weißen“ (2017), S. 113 ff. oder – Surprise! – in der taz. Trotzdem geht es mir hier auch nicht darum, Transgender für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen – Das ist doch Quatsch! -, nur darum, in Frage zu stellen, ob es „Körper“ gibt, die per se, als solche „gut“ sind und „Körper“, die „schlecht“ sind, dass also die Definition als „queer“ einen nicht automatisch „links“ macht und schon gar nicht das Recht damit verbunden ist, jedeN, den/die mensch nicht leiden kann, dann eben umgekehrt als „rechts“ zu brandmarken. Nicht zuletzt ist das ja auch gegen die Meinungsfreiheit, die ebenfalls nicht nur „queeren“ Menschen zusteht.

Genauso müssten die Leute auch anderen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, auf das sie selbst so sehr pochen, zugestehen. Was wäre denn z. B., wenn sich jetzt alle Frauen plötzlich als „Transmänner“ definieren und von den „angestammten“ „Transmännern“ mit der gleichen Empfindlichkeit, die letztere immer vorgehen, verlangen, auch enstprechend in ihrer Rolle als „Männer“ bestätigt zu werden. Dann hätten wir zwar Gleichberechtigung – JedeR könnte sich selbstbewusst und stark fühlen – aber mit dieser Minderheitensache und der damit verbundenen Sonderförderung wäre es das gewesen.

Die „neue Härte“ – oder: Was hat Queer gebracht?

Hark und Butler schreiben von den neuen Freiheiten, für die sie kämpfen. Tut mir leid, aber davon habe ich nichts mitbekommen.

Last but not least waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler die sich die Henker der Toleranz selbst herangezogen haben: Milo Yiannopoulos – der dumme Junge, der arme Schwule, der Migrant – halb wenigstens – der eventuell-Jude und vielleicht-Lover eines Schwarzen, aber auch das Arschloch, das glaubt, Frauen wie Dreck behandeln zu können, der „Mein-Freund-ist-Person-of-Color-und-der-mag-dich-auch-nicht!“-Rassist, der sich einbildet, mit ein paar Lügengeschichten sei alles wieder hinzubiegen – es kommt ja nur darauf an, andere ins Unrecht zu setzen, nicht darauf, selbst im Recht zu sein -, Yiannopoulos, das Schwein, das für sozial Schwache nichts übrig hat, – aber man sollte nur ja nicht auf die Idee kommen, dass er als Studienabbrecher eines „Laberfaches“ vielleicht gar nicht so überzeugend in der Rolle des „Leistungsträgers“ ist, auf die Beine geholfen hat ihm ja immerhin der linke Zeitgeist, dem er weißgemacht hat, selbst der sozial Schwache zu sein. Nur was wäre, wenn man Milo Yiannopoulos mal so hängen lassen würde, wie er es für andere haben will? Wenn man keine Lust mehr auf die verlogene kleine Schwuchtel hat – Ja, „Schwuchtel“ ist in dem Fall okay, andere Schwule mag man, da sagt man das ja auch nicht. Sagen Leute wie er doch auch immer. Tja, was, wenn man eben auch mal homophob sein möchte und einem Yiannopoulos darüber hinaus gern mal sämtliche Steine in den Weg legen würde, über die seinesgleichen sonst so gern Migranten, Frauen und – ja! – Schwarze stolpern lässt – oder Leute, die nicht den richtigen sozialen Hintergrund haben. Was wäre dann noch übrig von einem wie Milo Yiannopoulos? Ist die Frage fies? Verletzend? Was ist dann Yiannopoulos selbst?

Tja, nur leider waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler, die sogar darauf bestanden haben, dass Frauen wie ich Typen wie Milo nicht im Weg sein sollten. Yiannopoulos ist ihr Baby. Oder, auf Berliner Verhältnisse übertragen, Menschen wie Gerwald „Faxe“ Brunner, der Piratenpolitiker, der Suizid beging, – u. a. der „Stern“ (Print) und die „Welt“ haben ausführlich über ihn berichtet – , und an dem, wie sich posthum herausstellte, so ziemlich alles frei erfunden war. „Faxe“, der in einem offenbar auf fast schon sektenhafte Weise rechtsextremen Elterhaus aufgewachsen war, gehörte selbst zu den „Anderen“, er hatte homosexuelle Neigungen – die waren wohl halbwegs echt an ihm, auch wenn er, wie es scheint, bisweilen auf eher eigenartige Weise liebte – einen Mann stalkte und ermordete er schließlich. Für Frauen dagegen hatte Faxe kaum mehr übrig als Milo Yiannopoulos, seine Verachtung für sie soll zu Lebzeiten sprichwörtlich gewesen sein. Trotzdem war Brunner (dessen politische Ansichten ansonsten, wie ich fairerweise hinzufügen muss, nicht denen der neuen Rechten entsprachen) ein Darling der Linken, kurioserweise auch der feministischen Frauen.

Selbst wenn man Yiannopoulos und Brunner als „Sonderfälle“ abtut – immerhin hatte die Gender- und Queerforschung in den letzten 15 Jahren vielerorts Machtpositionen inne und konnte Einfluss nehmen. Was hat sie erreicht? Die „Ehe für alle“ (nebenbei bemerkt ein längst überfälliges Gesetz zur Gleichstellung, von dem auch niemand einen Nachteil hat) ist erst nach viel Gedruckse und im Endeffekt vielleicht lediglich als „auf den letzten Drücker vor der Wahl noch mal Punkte machen“ gekommen. Dafür ist der Zeitgeist insgesamt viel konservativer geworden, die Rechte ist aus der Versenkung wieder aufgetaucht und Thilo Sarrazin und andere haben uns eine Reihe „Das wird man ja doch wohl noch mal sagen dürfen“-Bücher beschert, in denen es v. a. darum geht, dass Vorurteile gar nicht so schlimm sind und hier und da vielleicht sogar was dran ist. „Autoritär“ und „links“ schließen einander auch nicht mehr aus, wie nicht zuletzt „Beißreflexe“ deutlich gemacht hat.

Das alles kann man nicht nur kritisieren, man MUSS es sogar kritisieren. Und wenn das so „verletzend“ ist, dann bleibt nur zu sagen: Vielleicht muss Demokratie manchmal „verletzend“ sein. Zumindest um ihrer selbst willen.

Advertisements