#Schorndorf. Oder: Laila platzt der Kragen!

Gibt man #Schorndorf bei Twitter ein, ploppt zuerst ein südwestdeutsches Kleinstadtidyll mit Fachwerkhäusern vor strahlendblauem Himmel entgegen. @cduschorndorf heißt der Account. Aha. Linke „Krawallmacher“ sind hier offenbar nicht zu Hause. Dafür wurde wieder einmal gegrapscht. Bis zu 1000 Jugendliche sollen sich im Rahmen der „Schorndorfer Woche“ – offenbar eine Art Volksfest – in einem Park versammelt, randaliert und Sexualdelikte begangen haben. Mal ist von „Abiturienten“ die Rede, mal waren es eben nur „Jugendliche“ – so ganz ohne festgelegten Bildungsgrad. Migranten, genauer Flüchtlinge, sollen aber in jedem Fall dabei gewesen sein.

Auf Twitter platzt einer gewissen Anabel Schunke wortwörtlich der Kragen. Ein mit viel sch*** und a*** dekorierter Text wird einem dargeboten, in dem sich die Autorin kopfschütteln fragt (so stellt man sich das jedenfalls vor, also dass sie sich kopfschüttelnd fragt), was in diesem sch***-Land eigentlich los sei. Flüchtlinge bekämen hier ja sogar Flirtkurse. Und jetzt ist wieder so etwas wie #koelnhbf passiert. Wieviel „kultursensiblen Zucker“ man den Leuten denn noch „in den Ar*** blasen“ wolle. Die Twitter-Gemeinde klatscht eifrig Beifall.

Moment mal, Anabel wer? Ein paar Klicks ergeben, dass die Frau für das konservativ-liberale Internetmagazin „Tichy’s Einblick“ schreibt. Schunke – eine echte Posterschönheit: lange, blonde Haare, Traumfigur – modelt – klar! – und studiert Politikwissenschaften und Geschichte, wie einen ein Kurzprofil auf „Huffington Post“ informiert. Kein blondes Blödchen also. Eher eine, vor der sich andere wahrscheinlich klein fühlen. Fast fragt man sich, ob Anabel nicht im Real Life Karlheinz heißt und einen „Bier formte diesen Astralleib“-Schmerbauch vor sich herträgt, aber aus solchen Zeilen spricht vermutlich der pure Neid. Als ich lese, dass Schunke mehrfach Versuche unternommen hat, die AfD aus konservativer Sicht zu kritisieren, schäme ich mich auch gleich ein bisschen. Bin ich jetzt so ungnädig, nur weil es nicht meine Meinung ist? (Oder weil ich nicht ganz so hübsch bin? Ich kenne immerhin eine Menge Leute, denen das als Erstes dazu einfallen würde. Deshalb schreibe ich es jetzt auch.)

Doch ein paar Klicks weiter prangt ein Foto, dass die attraktive Blondierte mit einer etwas größeren Frau in einem weißen Polohemd zeigt. Beide scheinen in Partylaune zu sein. Die Große trägt ihr Haar streng zurückgebunden und ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor: Alice Weidel, AfD. „Mit der duftesten Frau der AfD“ steht unter dem Bild. Also wohl doch nicht so viel Abgrenzung.

Mittlerweile ist der Facebook-Account von Anabel Schunke offenbar gesperrt worden. Alice Weidel beschwert sich darüber entrüstet auf Facebook: „Zensur in Deutschland!“ und verlinkt sogleich zu einem Schunke-Text: „Ich muss keine fremde Kultur bedingungslos akzeptieren.“.

Nein, muss sie nicht. Sie muss sich auch nicht angrapschen lassen. Falls ihr das bereits passiert ist. Das täte mir leid. Für den Fall, dass es dunkelhäutige Täter waren, Menschen „südländischen Aussehens“, Muslime. Denn offenbar ist ja das das Problem.

Man muss relativieren. Natürlich begehen auch hellhäutige Menschen, Christen Sexualstraftaten. Ansonsten könnten sich die Frauen in Nordeuropa ja freuen. Es stimmt aber, dass das Frauenbild in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten ein anderes ist. Ein Grapscher an Po, Busen oder zwischen die Schenkel gilt oft eher als „Kavaliersdelikt“. Zumal wenn die Frau eine „Schlampe“ ist, also nicht keusch genug angezogen. Dann hat sie auch irgendwie selbst schuld.

Das stimmt also, da sind gewisse Vorbehalte nicht so ganz aus der Luft gegriffen – sieht man mal, wie gesagt, davon ab, dass ich solche Sätze auch schon aus biodeutschen Mündern gehört habe. In muslimischen Ländern ist es aber eben schlimmer. Dennoch stellen sexuelle Übergriffe auch in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten eine Aggression dar. Es ist ein bewusster Angriff auf die Würde, gewiss kein „normaler“ Umgang mit Frauen. Zumindest an den Stränden Tunesiens und Marokkos haben die Leute auch sehr wohl schon einmal leicht bekleidete Frauen gesehen – und sie haben sie NICHT begrapscht. Ältere erinnern sich sogar noch an die Zeiten, als die Burka im Maghreb noch mehr oder weniger unbekannt war und ein eher westlicher Lebensstil gepflegt wurde. Nicht einmal jeder muslimische Gelehrte ist Burka-Fan. So gut wie keine Frau in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten lässt sich „gern“ von wildfremden Typen angrabbeln.

Vielleicht sollte man diesbezüglich also besser auf dem Teppich bleiben. Ein anderes Frauenbild: ja, „von jeglicher Zivilisation unberührte, animalische Wilde, die nicht anders können“: nein. Wahrscheinlich würde es reichen, ein für alle mal klarzustellen, dass Grapschen und Vergewaltigen in Deutschland Straftaten sind und es auch wirklich strafrechtlich verfolgt wird. Und zwar ganz gleich, wer es macht.

Denn die Frage ist ja, ob Schunke und ihre Fans bei einem hellhäutigen Deutschen darüber hinwegsehen könnten, wenn der sie unsittlich berührt. Könnten sie es, dürfen sie sich auch nicht beschweren.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass es durchaus in der Zeitung stehen darf, wenn ein Täter dunkle Haare hatte oder eine Migrationshintergrund – Man kann ja ebenso schreiben, dass es eine Blondine war oder jemand, der Sommersprossen hatte oder ein Oberlippenbärtchen trug – Mir platzt jetzt auch so langsam mal der Kragen: Ja, unter den Flüchtlingen sind echte Schweine. Ja, es sind IS-Leute darunter. Ja, es sind Marokkaner unter ihnen, die glauben machen wollen, sie stammten aus Syrien. Ja, das ist Betrug. Ja, da geht es um Jobs. Ja, einige der „Schweine“ sind schwer traumatisiert, weil sie eben tatsächlich im Krieg waren und das macht es trotzdem nicht besser, wenn da dann jemand gewalttätig wird, Ja, überall ein Körnchen Wahrheit dran, so dass man im rechtskonservativen Lager auch laut auflachen kann, wenn jemand, der oder die nichts gegen Flüchtlinge hat, mal an so jemanden gerät. Gibt’s wirklich alles. UNTER ANDEREM AUCH. – ABER: Bei allem und jedem, wo irgendwie irgendeine Person involviert ist, auf die die Beschreibung: „Migrant“, „Flüchtling“, „dunkelhäutig“, „Muslim“ vage passt, wird laut aufgeschrien. Niemand auf Twitter hat sich über die biodeutschen Abiturienten in Schorndorf beschwert, die launig mitgegrapscht haben oder sogar die Idee dazu hatten. Wer die „Idee“ hatte, weiß man ja nicht. Aber es kam nicht mit einem Wort zur Sprache, dass da eine ganze Menge Nicht-Refugees waren, die sich ebenso sch*** benommen haben.

Stattdessen wird über „Flirtkurse für Flüchtlinge“ schadroniert. Na ja.

Unsere Verfassung will es so, dass vor dem Gesetz alle gleich sind – vielleicht die beste Idee seit langem … Muss man sich nur noch mal ins Gedächtnis rufen.

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