Bambule! Warum in Hamburg die Worte fehlten

Bambule! Einfach mal ausrasten, in Raserei geraten, zerdeppern, was einem vor die Nase kommt … Die Mädchen in dem Fernsehfilm, der nach Vorlage meines Personalausweises als Videoaufzeichnung aus dem Giftschrank der Mediathek einer westdeutschen Universität gezogen wurde, hatten ansonsten auch nicht viel Spaß: Man bzw. frau konnte in dem öden 1970er Jahre-Heim die Tage im Normalfall nur mit „Erziehung durch Arbeit“ – in der Wäscherei, an der Dampfwalze – totschlagen und sich daran erfreuen, mit jeder heimlich gerauchten Zigarette „denen da oben“ irgendwie ein Schnippchen geschlagen zu haben. Oder abhauen und wie Jynette und ihre Freundin auf dem Straßenstrich die „Ami-Weiber“ abzocken. Oder sich gut machen und warten, dass einer einen heiratet. Doch welcher Märchenprinz will schon ein Mädchen aus dem Heim?

Die Frau, die den Film konzipiert hatte, war ein Kind des deutschen Großbürgertums, eine wie Carolin Emcke vielleicht, auch wenn der Vergleich etwas makaber ist, denn Carolin Emcke ist ja das Patenkind von Alfred Herrhausen. Auch Ulrike Marie Meinhof war in den 1960er Jahren noch ein Darling der Hamburger High Society, eine angesehene Journalistin, deren scharfe, gesellschaftskritische Polemiken durchaus ankamen – wenn auch vielleicht eher im Zuge eines prickelnden Radical Chic. Am 14. Mai 1970 gründete sie mit einem Sprung durchs Fenster die linksterroristische Rote Armee Fraktion, der gut 19 Jahre später auch Alfred Herrhausen zum Opfer fiel. Meinhofs Fernsehspiel „Bambule“, das am 24. Mai 1970 hätte gesendet werden sollen, wurde damit über Nacht zu etwas Verbotenem, ideologisch vergiftetes Gedankengut, das für mehrere Jahrzehnte nur unter Aufsicht konsumiert werden durfte.

Die Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg waren vielleicht auch Bambule – ein Anfall von Raserei und ein kollektiver Amoklauf: Apokalyptische Bilder flimmerten durch die sozialen Netzwerke, von martialischen Feuersäulen, die Autowracks in sich verschlingen, zertrümmerte Schaufensterscheiben, ein Supermarkt, eine Drogerie, als sei ein Hurrikan durch die Stadt gefegt. Schlanke, athletische Gestalten ganz in schwarz, die Gesichtszüge durch Sturmhauben unkenntlich gemacht, marodieren mit Baseballschlägern bewaffnet durch die Straßen. So jedenfalls sah der Gipfel von außen, durchs Internet, betrachtet aus – ein Inferno.

„Rock gegen Links!“ soll Bundesjustizminister Heiko Maas jetzt auch bereits gefordert haben, „Gewaltexzesse“, „Krawall-Machos“ und „Schwarzhemden“, ja eine „neue faschistische Gewalt der Linken“ sei da am Werk, ereifert sich Ulf Poschardt in der „Welt“.

Richtig. Insofern: Niemand will morgens die verkohlten Reste des sauer ersparten Kleinwagens vor der Haustür vorfinden oder sich durch eine bürgerkriegsartige Szenerie tapfer zu Edeka durchlagen, um noch irgendwie ein Feierabendbier und drei Eier, die man schnell in die Pfanne schlagen könnte, zu erstehen. Niemand findet es gut, wenn Polizisten mit Molotowcoktails oder Zwillen beschossen werden, und auch als der Mob von Sankt Pauli aus die feine Elbchaussee emporkroch, um den Gut- und Großverdienern ordentlich Angst einzujagen, nahm sich das auf Twitter nicht gerade sympathieerregend aus. Es wurde gehöhnt über die linken „Outlaws“, Jungs aus gutem Hause, die in todschicken Nobelturnschuhen gegen die Globalisierung ankloppten, einen Tross echt-armer Unterschichtler im Schlepptau, der in erster Linie die Gelegenheit sah, gratis ein Smartphone abstauben zu können.

Nicht ganz falsch, die soziale Einordnung von ganz oben und ganz unten. Immerhin war es auch in Berlin der Vater eines stadtbekannten Linken, der als Investor im hippen Yuppie-Bezirk Mitte das letzte besetzte Haus räumen ließ, wie man u. a. in der „Morgenpost“ nachlesen kann. Also kein aus der Not geborener Volksaufstand. Auch in Hamburg nicht.

Aber vielleicht ist das eilfertige, lautstarke Verurteilen „linker Gewalt“ trotzdem etwas zu voreilig. Immerhin wurden Gerüchte laut, aus Berlin als Verstärkung angeforderte Polizei-Einheiten seien bereits im Vorfeld des Gipfels mit wüsten Trinkereien und anderen, derberen Verfehlungen aufgefallen. Mal hieß es, eine Beamtin habe auf dem Tisch mit der Dienstwaffe getanzt, mal war von Sex-Orgien die Rede, dann wieder, weitaus weniger glamourös, von betrunkenen Beamten, die wild durch die Gegend urinierten. Auch wenn sich viele der Vorwürfe im nachhinein nicht bestätigt haben – u. a. der RBB berichtete davon – enthemmt war man offenbar auch auf Seiten der Ordnungshüter.

Vielleicht ist es der zunehmende Anpassungsdruck, der einer derartigen Lust am Exzess Vorschub leistet, dass man stromlinienförmig sein muss, um in einer globalisierten Welt bestehen zu können. Dann braucht man Nischen zum Dampfablassen, Rituale im Zuge derer sowohl die Bengel aus gutem Hause als auch der eine oder andere brave Polizeibeamte mal so richtig Rabatz machen und den Bürgerschreck geben können. Oder es ist die heimliche, leise Verzweiflung, gegen „Sachzwänge“ und „Alternativlosigkeit“ nicht anzukommen, im Getöse ausgefeilter PR-Kampagnen und Social-Media-Strategien kein Gehör mehr zu finden.

„Rock gegen Links!“ analog zu „Rock gegen Rechts!“ ist jedenfall eine so drastische Kehrtwende im bundesdeutschen Selbstbild, dass man Mühe hat, da noch mitzukommen. Waren „wir“ nicht bis VOR dem Gipfel noch geschlossen „links“ – für Minderheiten und gegen Rassismus, für Toleranz, erbitterte Feinde der Intoleranz sogar, derart, dass jedem Araber, der nicht für die Burka war, unterstellt wurde, sich selbst auf kranke Weise zu verachten, die eigene Identität zu verleugnen und nicht zum „wahren Arabertum“ zu stehen. „Selbsthass“ wurde auch Homosexuellen vorgeworfen, die nichts für „Queer“ übrig hatten und Juden, die laut überlegten, ob es für den Nahost-Konflikt vielleicht eine Lösung geben könnte, mit der alle, Israelis und Palästinenser, leben könnten. Oder Frauen, die keine Lust hatten, sich chic zu stylen und die eigene Weiblichkeit „selbstbewusst“ zu „leben“ – die neuen Körpertypen, die endlich „zu sich stehen“ wollten, Vielfalt als neckische Modeerscheinung … Für alles gab und gibt es ein Schublädchen und wenn man nicht dafür war, war man halt dagegen und damit „der Feind“ und zwar „der Feind“ schlechthin.

Die Lust am Sticheln, einmal lautstark in aller Öffentlichkeit auszumalen, wieviele Flüchtlinge zum Beispiel vielleicht noch kommen werden und was das für Niedriglöhner, Arbeitslose und prekär Beschäftigte bedeutet. Ein bildungsbürgerlicher Sadismus, der selbst der lachende Dritte sein wollte und doch nur selbstsüchtig und rücksichtslos ist. Identifikation statt kritischer Auseinandersetzung, „Gutmenschentum“ statt „gegen den Strom schwimmen“, großspurig „Zeichen setzen“ statt sich im Kleinen, im Alltag zu engagieren.

Vielleicht war das falsch. Vielleicht verstellt es jetzt, im Bezug auf die Ereignisse in Hamburg, die Sicht. In der „Frankfurter Rundschau“ vom Wochenende wurde zum Beispiel von einer 24jährigen Studentin berichtet, die eine volle Ladung Pfefferspray abgekriegt hatte – Das wurde von der Polizei neben den omnipräsenten Wasserwerfern offenbar recht großzügig eingesetzt. Die junge Frau aber hatte vor der Demo – nicht der „Welcome to Hell“-Demo wohlgemerkt! – noch an einem gemeinsamen Gebet christlicher Demonstranten teilgenommen, wie in dem Artikel stand. Keine „gewaltbereite Linksextremistin“ also.

„Der Preis muss so in die Höhe getrieben werden, dass niemand eine solche Konferenz ausrichten will. G20 wie Olympia als Sache von Diktaturen“ twitterte dagegen Verlegersohn und „Freitag“-Chef Jakob Augstein launig, wie man u. a. in der „Huffington Post“ nachlesen kann. Na ja. Dann würde G20 einfach woanders stattfinden. Irgendwo, wo die Ordnungskräfte noch weitaus weniger zimperlich im Umgang mit Demonstranden sind und niemand sich groß daran stört.

Dennoch: Augstein wollte Aufmerksamkeit und hat sie gekriegt. Es waren schon ein paar Klicks nötig, bis ich etwas mehr über das erfahren habe, was auf dem G20-Gipfel eigentlich verhandelt worden ist. Noch ein paar Klicks weiter, etwas weniger prominent in der Suchmaschinenhierarchie, war zu lesen: „Die Tiere sterben zuerst!“ – die furchtbare Dürre und Hungersnot, die offenbar gerade am Horn von Afrika wütet, das Pariser Abkommen, von dem sich die USA gerade losgesagt haben, Klimawandel, 1,2 Grad mehr, die uns ein paar quasi-tropische Sommertage bescheren und den Leute im Sudan und in Somalia den Hungertod, Italien, das auf Hilfe in der Flüchtlingskrise pocht, Freihandelsverträge, Erdogan, digitale Überwachung, …

Vielleicht geht es um Aufmerksamkeit. „Links“ sind jetzt ein paar randalierende Chaoten, von denen sich eigentlich jeder abgrenzen möchte. Dabei hat Ulrike Meinhof schon 1970 in ihrem Film „Bambule!“ die Protagonistin „Eve“ sagen lassen: „Wir müssten viel mehr reden! Nicht immer nur alles kaputt machen …“ Auch wenn Meinhof selbst sich bekanntlich letztendlich anders entschieden hat – vielleicht ist es genau das.

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