Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …

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