Terror! (Teil III)

… Wer’s verpasst hat: hier zu Teil I und Teil II der Geschichte

Nanni, Prato bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Mit einem schwungvollen Krachen flog die Tür auf. Alè und Giò traten nacheinander ein. „Ist die Demo schon zu Ende?“ erkundigte sich Nanni. „Nein“ antwortete Alè „Aber wir sind nicht mehr auf die Piazza della Signoria+ gekommen. Es war schon zu voll.“ „Wir waren dann noch kurz auf der Piazza Santa Croce+.“ ergänzte Giò. „Da habe ich Maria vom Arbeiterzirkel aus Rifredi+ getroffen. Sie haben Volksküche gemacht. Na ja, nur lauwarme Pizza. Maria sagt, im kommenden akademischen Jahr wollen die Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultät die Uni besetzen. Ich denke, die politikwissenschaftliche Fakultät wird sich wohl anschließen…“

Maria’s linker Professor würde zumindest niemandem, der mitmachte, einen Strick daraus drehen und auch ihr Doktorandenjob wäre nicht in Gefahr, dachte Nanni. Aber Streiks, Demos, Unibesetzungen – ob das wirklich half? Am Ende standen sie ja doch nur als Faulpelze und Unruhestifter da und Cossigas++ Leute würden umso mehr versuchen, alles, was schief lief, auf die Linken zu schieben. Nanni seufzte. „Ist der Deutsche schon da?“ fragte Giò.

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Cristina hatte schon beim ersten schrillen Läuten gewusst, wer am Apparat sein würde. Widerwillig nahm sie den Hörer. „Cristina, Kindchen, ich brauche deine Hilfe.“ Das versprach nichts Gutes. „Tesoro, Schätzchen, du weißt doch, wie man Druck aufbaut. Ich habe ja nicht umsonst ein Heidengeld in dein Studium investiert …“ „Papá, Sie wissen, dass ich mit derlei Dingen nichts zu tun haben will.“ versuchte Cristina eine Entgegnung. „Es ist zum Wohle Italiens, Cristina. Da müssen sich andere Dinge unterordnen. Italien ist das Land der Familie, der christlichen Werte. Genau deshalb schwärmen deine deutschen Freundinnen doch so für die italienische Lebensart …“ Papà machte eine bedeutungsvolle Pause. „Meine Freunde und ich wollen, dass das auch so bleibt. Deshalb wirst du morgen zu dem Treffen mit dem Deutschen gehen und …“

Cristina nahm den Rest wie in Trance war. Sie hatte Psychologie studiert, weil sie Menschen wie Enrico helfen wollte. Ihr Bruder war derzeit wieder im Sanatorium oder „auf Kur“, wie Papá zu sagen pflegte. Bevor die Krankheit ausgebrochen war, als Teenager, hatten Cristina und Enrico einander nahe gestanden. Doch dann wurde aus dem sensiblen, künstlerisch veranlagten jungen Mann plötzlich jemand mit eigenartigen Ideen. Er nahm Drogen und wurde immer unberechenbarer. Auch Cristina verlor den Zugang zu ihm.

Manchmal fragte Cristina sich, ob sie selbst auch so enden würde. Sie hatte gelesen, dass psychische Krankheiten bei Frauen etwas später ausbrachen als bei Männern. War „es“ ein Vorbote? In Paris, an der Uni, hatte sie zwar gelernt, dass Homosexualität keine psychische Störung * war, aber sie wusste, dass einige italienische Experten anders darüber dachten.

„Ich war auch einmal jung, mein Täubchen. Dir fehlt einfach meine Erfahrung, glaube mir.“ Papás Stimme hatte einen öligen Ton angenommen.

Lutz & Micha, Prato, in der WG von Nanni, Giò & Alè, Abend des 01. August 1980:

Was bisher geschah: Lutz, der sich in West-Berlin politisch engagiert, hat einen Kontakt zu dem Italiener Giovanni „Nanni“ in Florenz aufgebaut und will zu ihm fahren. Seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter Michaela in einem Hausprojekt in Berlin-Kreuzberg lebt, kann er den wahren Grund seiner Reise nicht verraten, so dass Sigrid nur versteht, dass er in den Urlaub fahren will und ihn drängt, Micha mitzunehmen, was Lutz dann auch widerwillig tut. Am Abend des 01. August treffen sie in Nannis WG in Prato, einer kleinen, touristisch wenig reizvollen Stadt bei Florenz, deren Hauptwirtschaftsfaktor die Textilindustrie ist, ein.

Micha stopfte die dampfenden Spaghetti heißhungrig in sich rein. Lutz saß eher mit langen Zähnen vor den labberigen Nudeln, die Alè schnell aufgewärmt und mit etwas Fertigsoße verrührt hatte, aber er mochte nichts sagen. Sigrid hätte eher verschimmeltes Vollkornbrot gegessen, als sich so eine Chemiepampe aus Zucker, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen reinzuziehen.

„Schwanzträger pinkeln bei uns im Sitzen! Dass das mal klar ist!“ bellte Giò. „Giò ist es wichtig, dass du dich auf dem Klo hinsetzt“ übersetzte Nanni. Giò, die etwas üppigere, größere der beiden Frauen erinnerte Lutz an die frigiden Hexen, mit denen Sigrid immer herumhing. Seiner Meinung nach hatten diese Frauen einen guten Teil dazu beigetragen, dass seine Beziehung zu ihr in die Brüche gegangen war, aber gut … Optisch war diese Giò gar nicht mal so übel: dichtes, dunkelblondes Kraushaar, ein sommersprossiges Gesicht, das hätte freundlich wirken können, wäre da nicht diese barsche Art. Die andere, die scharf geschnittene Gesichstzüge, dunkle Ringe unter den Augen, einen olivfarbenen Teint und pechschwarze kurze Haare hatte, war nicht eben der Typ italienische Beauty, den Lutz immer im Kopf gehabt hatte, wenn er an Italien dachte. Lesbisch vermutete Lutz. Er hatte nicht gewusst, dass es das auch in Italien gab. Trotzdem wirkte Alè weitaus weniger eisig als Giò.

„Warum heißt du Nanni?“ wollte Micha wissen. „Das ist doch ein Mädchenname! Meine beste Freundin aus der Schule heißt auch so!“ „Ich heiße eigentlich Giovanni. Aber meine Freunde sagen Nanni“ erklärte Nanni. Micha hätte sich kringelig lachen können. Der redete ja wie die Türkenkinder! Aber Sigrid hatte ihr klargemacht, dass die Türkenkinder genauso über sie lachen würden, wenn sie Türkisch sprechen müsste. Deshalb kritisierte Micha Nanni nicht.

„Und ich habe auch einen Freund, der heißt Momo. Aber eigentlich Moritz. Der Papa von dem ist aus Ghana. Der Momo ist nämlich ein Nee-gärr!“ Micha walzte das letzte Wort genüsslich aus, wohl wissend, dass es Lutz auf die Palme bringen würde. Sie war müde.

Lutz hätte Micha am liebsten eine geklebt. Aber sie wollten Micha gewaltfrei erziehen. Darin waren er und Sigrid sich ausnahmsweise einmal einig. „Du weißt, was man sagt!“ erwiderte er knapp. „Aber Opa Rolf fragt auch immer ‚Na, wie isses denn bei euch in Berlin mit den ganzen Negern und dem Ivan vor der Haustür!’“ entgegnete Micha aufsässig. „Ach ja, Opa Rolf …“ Lutz wollte nicht näher darauf eingehen. Die besseren Menschen wohnten offenbar in Siegen. Typen, wie Sigrids Vater Rolf und seine sauberen Freunde vom Schützenverein. Der Adolf-Hitler-Devotionalienraum im Keller, der dem „Führer“, dem sie einst alle nachgelaufen waren, huldigen sollte, setzte dem ganzen die Krone auf. Lutz hatte immer bei sich gedacht, dass es vermutlich daran lag, dass Sigrid manchmal so komisch war.

„Cos’ha detto la bimba?“ („Was hat die Kleine gesagt?“) wollte Alè von Nanni wissen. „Siehste! Bimbo sagt man nämlich erst recht nicht! Hat Sigrid gesagt!“ bretterte Micha patzig in die Unterhaltung. Giò, die ein paar Brocken Deutsch in der Schule gelernt hatte, bot an, sie und Alè würden mit Micha noch ein Eis essen gehen. Das war Lutz und Nanni mehr als recht, denn sie hatten zu tun …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – hier Teil IV.

+Piazza della Signoria, Piazza Santa Croce: Plätze in der historischen Innenstadt von Florenz, Rifredi: Arbeiterstadtteil von Florenz.

++Francesco Cossiga (1928 – 2010): Politiker der kosnervativen Democrazia Cristiana, hatte im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Ämter inne. U. a. war er 1979 – 80, zu dem Zeitpunkt, als unsere Geschichte spielt, Ministerpräsident Italiens, also Chef der italienischen Regierung. Die Position entspricht der des Bundeskanzlers / der Bundeskanzlerin in Deutschland.

*Homosexualität wurde in Italien überraschend früh legalisiert: schon 1887. Auch betraf die strafrechtliche Verfolgung hauptsächlich Männer. Nähere Informationen hierzu u. a. auf Wikipedia (Italienisch). In Frankreich ist Homosexualität sogar seit 1791 nicht mehr strafbar, wie man ebenfalls auf Wikipedia (Deutsch) nachlesen kann. Dennoch ist „nicht strafbar“ nicht gleichbedeutend mit „akzeptiert“, wie man u. a. aus den Diskussionen um die Ehe für alle in Frankreich weiß, wo es heftige Gegenreaktionen von konservativer Seite gab. Bis in die 1970er Jahre galt Homosexualität vielfach als psychische Krankheit. Zum Teil wurde der Wegfall strafrechtlicher Verfolgung „humanitär“ begründet, da der Betroffene (Frauen standen weitaus weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses) nichts dafür könne. Um 1980 ist die Einschätzung von Homosexualität als einer normalen Variante des menschlichen Sexualverhaltens noch relativ neu.

Alle Personen & Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden, außer natürlich, es geht um Querverweise zu historischen Persönlichkeiten & Ereignissen, die aber nur den Rahmen der Geschichte darstellen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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