Terror! (Teil II)

Wer’s verpassst hat: hier zu Teil I der Story

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, später Nachmittag des 01. August 1980:

Cristina saß mit ihrer Freundin Elke in einer schattigen Ecke im Garten des kleinen Palazzos ihrer Familie. Sie verspürte keinen Drang, den brüllend heißen August in ihrem Stadthaus in Rom zu verbringen. Elke Lorenz war eine gute Freundin von ihr. Sie arbeitete am Kunsthistorischen Institut, wollte aber Ende September heiraten, eine jungen Rechtsanwalt und Compagnon ihres Vaters, der schon länger ein Auge auf sie geworfen hatte. Deshalb verbrachte die junge Frau eigentlich die meiste Zeit damit, ihre Hochzeit zu planen. Aber die Forschungsarbeit, sagte Elke, war ihr ohnehin immer ein bisschen zäh erschienen.

Cristina lächelte freundlich. „In Hamburg ist es wenigstens schön kühl, nicht wahr?“ „Ach ja, die Hitze!“ seufzte Elke. „Aber schau mal, was ich hier habe! Gestern gekauft!“ wisperte sie verschwörerisch und zog ein weißes, spitzenbedecktes Etwas aus einer Plastiktüte, ein Steckkissen für Babies. „Ja, ist es denn schon … Ich meine, du bist, ihr habt schon…?“ flüsterte Cristina. „Nein, natürlich nicht.“ wehrte Elke rasch ab und errötete. „Das wäre Vater auch sicher nicht recht, wenn er eine Tochter mit Bäuchlein als Brautvater zum Altar führen müsste.“ Sie lachte. Es klang etwas künstlich. „Aber ich möchte sehr bald Kinder haben. Du nicht? Überhaupt, was ist mit Pietro?“

Cristinas innerer Horizont überzog sich mit dicken schwarzen Wolken. Pietro war ihr Zukünftiger. Rechtsanwalt, wie Elkes Verlobter. Er arbeitete bei einer Zweigstelle der renomierten Privatbank Banca delle Tre Stelle in Paris und Papá war die Verbindung wichtig. Er hatte ihn für sie ausgesucht, aber gedacht, dass er ihr damit eine Freude machen würde, denn Cristina hatte in Paris studiert und dachte immer gern an die Zeit zurück. Die Diskussionen mit ihren Freunden aus Algerien über Sozialismus und Entwicklungsländer, die Abende im Café mit ihren französischen Freundinnen, die Freude darüber, die greise Simone de Beauvoir noch aus nächster Nähe gesehen zu haben. Bei ihrer Rückkehr, mit Pietro, würde Paris eine andere Stadt sein, ein goldener Käfig, wie Rom und Florenz. Aber Cristina dachte sich, dass es besser wäre, sich ihrer Freundin nicht zu weit zu öffnen und ihr von ihrem kleinen – nun ja – Problem zu erzählen. Cristina mochte keine Männer, jedenfalls nicht so, dass sie hätte Kinder mit ihnen haben wollen. Rasch setzte sie ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es herzlich wirkte, und strich andächtig über das weiße Satinkissen: „Wie schön!“ murmelte sie.

Piazza della Signoria, Florenz, Abend des 01. August 1980:

„Wollt ihr euch noch länger verarschen lassen?!“ Der Mann brüllte mit einer Entschiedenheit ins Mikrofon, als würde er den Leuten gerade erklären, dass die Erde rund ist und keine Scheibe. „Hat Moro* etwas geändert? Hat Andreotti* etwas geändert? Nein! Glaubt ihr etwa, Cossiga* ändert etwas? Man schießt uns Flugzeuge vom Himmel** und man könnte meinen, wir befänden uns im Krieg! In der Tat, wir befinden uns im Krieg! Man schiebt uns Verbrechen in die Schuhe, die in Wirklichkeit die Faschisten und die NATO begangen haben! Man will die italienische Bevölkerung gegen uns aufhetzen! Die Amerikaner wollen aus Italien ein zweites Chile** machen!“ „Cossiga Boia!“ (=“Cossiga Henker!“) erquoll wie auf ein unsichtbares Kommando hin ein einstimmiger Sprechchor aus der Menge, nur um dann überzugehen zu „Carter*** Boia!“ Um Michelangelos altehrwürdige David-Statue, die steinern und bleich in den Abendhimmel ragte, wehten rote und rot-schwarze Fahnen. Die Menge stimmte das Partisanenlied „Bella Ciao“ an. Ein altes Mütterchen reckte ihren Gehstock hoch: „Recht so! Dafür haben wir die Schwarzhemden+ nicht vertrieben! Jagt den Verbrecher aus dem Palazzo Chigi++“

Palazzo Pitti, Florenz, Abend des 01. August 1980:

Giancarlo Albanese legte auf. Er war ganz blass im Gesicht, als er sich seinem Kollegen Marcolini zuwandte. „Anruf aus Rom.“ sagte er knapp. „Höchste Sicherheitsstufe morgen für den Deutschen.“ „Dieser Nato-General, Brennecke?“ fragte Marconi. „Ja, aber wir sollen uns nicht darum kümmern. Die Amerikaner wollen die Leute aussuchen. Militär. Bonn+++ ist offenbar informiert.“ antwortete Albanese. „Ich weiß auch nichts genaues. Nur, dass nicht wir Carabinieri den Job machen sollen.“ setzte er hinzu, als er Marcolini fragenden Gesichtsausdurck sah. „Dafür braut sich gerade auf der Piazza della Signoria etwas zusammen.“ gab Marcolini zu bedenken. „Ach, wie vor drei Wochen! Wir schauen mal pro forma vorbei, aber unter uns: so Unrecht haben die Leute doch gar nicht. Weißt du, Florenz ist nicht Rom …“ Albanese ließ den Satz unvollendet. Marcolini wusste auch so, was er meinte: So lange der Palazzo Vecchio nicht in Flammen aufging, ließen die Leute, die in ihm tagten, um die Geschicke der Stadt zu bestimmen, die Linksradikalen machen …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – hier Teil III.

*Aldo Moro, Giulio Andreotti und Francesco Cossiga (alle: Democrazia Cristiana, entspricht in etwa der deutschen CDU): italienische Regierungschefs, zur Zeit unserer Geschichte ist Cossiga im Amt (seit 1979). Er wird jedoch im September 1980 bereits zum Rücktritt gezwungen sein. Die kurze Amtszeit Cossigas, über den es einen aufschlussreichen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt, zeigt, wie sehr Italien damals politisch in der Krise steckte.

**gemeint ist der mysteriöse Absturz des Fluges 870 nördlich der italienischen Insel Ustica im Juni 1980, bei dem 81 Menschen ums Leben kamen, darunter 13 Kinder, wie man auf Wikipedia (italienisch) nachlesen kann. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt, aber es gibt immer wieder Gerüchte, das Passagierflugzeug auf dem Weg von Bologna nach Palermo sei von einem NATO-Kampfjet abgeschossen worden. Drohungen gegen Zeugen und Journalisten, sowie eine Reihe seltsamer Todesfälle scheinen eine Verwicklung internationaler Akteure zu bestätigen. Einen Überblick dazu gibt u. a. Italien-Korrespondent Michael Braun in der taz. Auch konservative deutschssprachige Medien beschreiben den Fall ähnlich. Allerdings kann ich hier nicht alle auflisten. Wer sich näher informieren will, googelt es halt einfach mal.

Vorkomnisse, wie der Flugzeugabsturz bei Ustica und eine Reihe blutiger terroristischer Anschläge mit vielen Toten, die zunächst linksextremistischen Terrororoganisationen in die Schuhe geschoben werden sollten, sich aber später z. T. als das Werk faschistischer Gruppierungen herausstellten, bilden den Hintergrund der Rede des Demo-Redners, der u. a. eine NATO-Beteiligung vermutet. Der fiktive Redner spielt u. a. auch auf die rechte Diktatur Augusto Pinochets in Chile (1973 – 1990) an, der durch einen Militärputsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (1970 – 73 Präsident Chiles) unter Beihilfe des amerikanischen CIAs ins Amt gehieft wurde.

***Jimmy Carter, 39. Präsident der USA, Demokrat, von 1977 bis 1981 im Amt

+Schwarzhemden: italienische Faschisten

++Palazzo Chigi: Sitz der italienischen Regierung in Rom

+++Bonn: zur Zeit unserer Geschichte Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland, Bundeskanzler war damal Helmut Schmidt (SPD, 1974 – 1982 Kanzler, sozialliberale Koalition)

Wie schon in Teil I sind alle Persönlichkeiten, außer den historischen, die in dieser Geschichte auftreten, sowie ihre Handlungen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Auch der Nato-General Brennecke, der in dem Gespräch der beiden Carabinieri im Palazzo Pitti erwähnt wird, ist frei erfunden.

Die in dem Abschnitt über Signorina Cristina erwähnte Banca delle Tre Stelle ist ebenfalls ein Produkt meiner Fantasie.

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