Aus Laila Phunks Bücherregal: Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte“

Als ich das Buch „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß in den Händen hielt, wusste ich gleich, dass ich es mit einem absoluten Page-Turner zu tun haben würde. Das Buch enttäuscht auf keiner Seite und liest sich in einem Rutsch, gut geschrieben und spannend bis zum Schluss. In dem Überblickswerk zu AfD, Pegida, Identitärer Bewegung und anderen Phänomenen des Rechtsrucks, der aktuell nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa und auch die USA heimsucht, arbeitet Weiß grundlegende Strukturen rechtskonservativen Denkens heraus.

Dabei folgt er der Neuen Rechten konsequent in ihrem Selbstbild. Das „natürliche Konservative“ gegen das „natürliche Liberale“ auszuspielen, ist u. a. der Leitgedanke des Manifestes der us-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, das Milo Yiannopoulus und Allum Bokhari verfasst haben und das im März 2016 in dem neu-rechten Internetmagazin „Breitbart“ veröffentlicht wurde.

Was aber bedeutet „konservativ“ im Denken der Neuen Rechten? Volker Weiß, der vor allem die Entwicklungen in Deutschland beleuchtet, lässt gleich zu Beginn Karlheinz Weißmann, Autor der „Jungen Freiheit“ und Michael Stürzenberger von „Politically Incorrect“ aufeinanderprallen. Dreht sich bei „Politically Incorrect“, ähnlich wie auf anderen einschlägigen Internetseiten, wie z. B. der „Achse des Guten“ aus einer neokonservativen, zumeist pro-amerikanischen und pro-israelischen Haltung heraus noch alles um Islamfeindschaft und „Islamfaschismus“, so beharrt Weißmann darauf, dass der Islam mit seiner grundsätzlich wertkonservativen Ausrichtung keineswegs der Hauptfeind sei. Er gehöre nur nicht nach Europa.

Zugleich erklärt Weiß damit sehr anschaulich das Kernprinzip des sog. „Ethnopluralismus“, wie ihn die europaweit agierende „Identitäre Bewegung vertritt – jeder Ethnie, jeder Kultur den ihr angestammten Raum. Man versteht, warum die Leute sich nicht als Rassisten sehen wollen und trotzdem welche sind.

Desweiteren zieht Volker Weiß Carl Schmitt heran, der zwischen dem „wirklichen“ und dem „absoluten Feind“ trenne. Als den „wirklichen Feind“ betrachte die Neue Rechte, so Weiß, den Islam, der als Invasor und expansive Gegenmacht zur europäischen Zivilisation wahrgenommen werde. Der „absolute Feind“ dagegen seien der westliche Liberalismus und sein universalistisches Weltbild.

Allerdings gerät Volker Weiß dann selbst ein wenig ins Schlingern, als er auf Jack Donovan, Homosexualität und das Frauenbild der Neuen Rechten zu sprechen kommt. Zwar wird wohl niemand abstreiten, dass AfD, Pegida & Co. eine eher altmodische Auffassung der Geschlechterrollen vertreten, aber Weiß stellt z. B. Donovan mit Bezug auf Martin Lichtmesz als „Autor“ dar, der „selbst lange homosexuell gelebt habe“. Dabei war es Lichtmesz selbst, der die virile Homosexualität Donovan in der „Sezession“ pries. Auch wird in der Szene scharf zwischen homosexueller hypermaskuliner Attraktion und effeminisiertem, schwulen Begehren getrennt.

Beim Lesen drängt sich deshalb ein wenig der Verdacht auf, dass Volker Weiß es sich seinerseits auch ein wenig zurechtbiegen möchte. Indem er Homosexualität aber als Synonym für einen liberalen, weltoffenen Lebensstil auffasst (und sie nicht als zufällige, wertfreie Eigenschaft eines Menschen akzeptiert), tappt er in die Falle des gleichen einseitigen Schwarz-Weiß-Denkens, dessen sich die Populisten bedienen.

Insgesamt schwächelt „Die autoritäre Revolte“ ein bisschen daran, dass Weiß sich zu sehr auf den Kontrast „konservativ“ – „liberal“ konzentriert. Sub-, Quer- und Grenzmillieus, wie eben „Politically Incorrect“ oder auch die wertkonservative Linke, die z. T. aus der antirassistischen Arbeit kommend mit dem radikalen Islam sympathisiert, werden leider nur angerissen. Das ändert jedoch nichts daran, dass „Die autoritäre Revolte“ in den Medien zu Recht hoch gelobt worden ist als Standartwerk zum Thema – eine Einschätzung, der ich mich nur anschließen kann!

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017.

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