Was ist links? Eine Standortbestimmung

„Mit Liebe gegen Rechts“ – schreibt Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Kolumne auf Spiegel Online. Und: „Wenn vom Rechtsruck die Rede ist, dann findet unter Linken bisweilen ein Spektakel an Selbstbeschuldigung statt: Haben wir übertrieben mit unseren Forderungen nach gleichen Rechten für alle?“

Ich stolperte über das „wir“. Wer „wir“? Welche „gleichen Rechte für alle“? Mit „wir“ ist offenbar, wie Stokowski weiter präzisiert, gemeint: „in unserer linken, queeren Bubble mit Biokaffee“. Queerfeminismus offenbar als Synonym für links. De fakto, tut mir leid, sind das meiner Erfahrung nach zum Teil recht blasierte junge Frauen, alle, egal was sie behaupten, aus den höheren Gesellschaftsschichten, bestmöglich gefördert in akademischen Elitezirkeln und mit einem proper aufgepumpten Selbstbewusstsein. „Benachteiligt“ ist jedenfalls etwas anderes.

Dafür erinnere ich mich noch gut an das „Prolltussi!“, das auf einer taz-Veranstaltung fiel. Und: „Bei der ist das nicht schlimm! Die ist das doch schon so gewohnt!“. Damit war Arschglotzen gemeint, sexuelle Belästigung. Links, so wie ich es verstehe, bedeutet aber nicht, dass Frauen sexuell belästigt werden müssen, damit sich andere Frauen „wohl in ihrem Körper fühlen“ können. Links bedeutet nicht, dass man Frauen belauern und ausbeuten muss, damit sich andere Frauen einreden können, dass das mit Sarrazin, dass sie nun einmal die höherwertigen Gene hätten, dass das schon stimme, aber sie wollen halt mal nicht so sein. Gegen Türken haben sie nichts. Für mich blieb: „Aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“. Leider waren das auch Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung. Nein! Sorry Leute, aber so nicht! Links ist auch nicht, wenn ich von Hipstern angeschnauzt werde: „Literatur! DAS ist nun einmal das, was WIR mögen.“ Kann sein. Habe ich ihnen ja auch nicht verboten.

Es ist nur so: Links bedeutet, dass Menschen zum Beispiel unterschiedliche Dinge mögen dürfen – ohne dass das mit einer Wertung verbunden wäre. Und dass man leider auch nicht gleich hysterisch „re-echts!“ kreischen kann, sofern irgendjemand nicht von Kindesbeinen an intellektuell mit Hochliteratur gefüttert und zum arroganten feinen Pinkel herangezogen worden ist.

Wenn von „gleiche Rechte für alle“ gesprochen wird, ist leider, so meine Erfahrung, allzuoft mit „alle“ gemeint: „Queerfeministinnen und ihre Freunde. Weil die ja das Sagen haben“. Links bedeutet aber, in seiner ursprünglichen Bedeutung, dass leider gerade NICHT einige wenige die BestimmerInnen sind und man-frau-mensch einfach jedeN lächerlich macht und öffentlich bloßstellt, der-die sich nicht in dem gewünschten Maße unterordnet. DAS ist nämlich leider rechts. Genau wie das mit dem „unwerten Leben“.

Man-frau-mensch kann andere halt nicht einfach so entmündigen. Auch nicht in der Liebe. Was ist, wenn man bestimmte Arten, von -äh- „Liebe“ nicht will, weil sie verletzend und demütigend sind, ganz gleich, wie sehr der-die-das andere auch beteuert, dass es aber „lieb gemeint“ sei. Einzusehen, dass andere Rechte und Gefühle haben, und dass man da nicht einfach so selbstherrlich darüber hinweggehen kann und dass man schon gar nicht vorsätzlich die Grenzen anderer verletzt, weil man-frau-mensch vielleicht zeigen will, dass man sie-ihn „doch in jedwede Richtung zwingen kann“ – Das einzusehen, ist gleichbedeutend mit dem, was man landläufig so unter „Empathie“ versteht. Das andere kann man eher mit Begriffen wie „Manipulation“ und „Missbrauch“ umschreiben.

Dass man zum Beispiel auch die Blogs von Leuten, die man nicht leiden kann, nicht einfach mit Kinderpornos verlinken kann, weil man nicht will, dass er-sie schreibt oder mit Kindern arbeitet oder ihn oder sie einfach nicht leiden kann oder aber als – ich zitiere mal wieder: „Schutzschild“ für andere will – dass das alles NICHT links ist, sondern kriminell, das einzusehen bedeutet, sich auf die Seite des Grundgesetzes und der Demokratie zu stellen. Beides ist nämlich eigentlich dahingehend gestaltet, dass gerade NICHT die einen willkürlich, nach ihrem eigenen Gutdünken und nach dem, was am besten für sie selbst ist, über die anderen bestimmen, dass man NICHT anderen „alles in die Schuhe schieben“ kann und ihnen auch nicht alles möglich andichten oder aber absprechen kann, weil man-frau-mensch vielleicht mehr Geld, die besseren Beziehungen, mehr Macht oder was auch immer hat. Das wäre dann tatsächlich Diktatur oder das, was das Querfrontmilieu dieser Tage gern als „Oligarchie“ bezeichnet.

Links bedeutet nicht, „BestimmerIn“, „Pascha“, „Männchen“ oder „Dyke“ zu sein, in dem sozialen Sinne, in dem es der z. B. sog. „Transfeminismus“ verstanden wissen will. Links bedeutet, dass das sexuelle Selbstbestimmungsrecht zum Beispiel jedem und jeder zusteht. Das heißt auch, dass niemand mit Adipositasfrauen „rummachen“ muss, weil es denen doch so gut tut und weil überhaupt, ich zitiere nochmal: „Jede Frau sich ihr gegenüber wie eine Sexgöttin fühlen soll!“. LINKS bedeutet, dass die Gefühle und Bedürfnisse der einen – seien sie nun dick, essgestört, queer, feminin, „Dyke“ oder nicht – nicht über denen anderer Menschen stehen, schon auch, weil DEMOKRATIE bedeutet, dass „unwertes Leben“, wie gesagt faschistisch ist, weil einfach alle gleich viel wert sind. Basta.

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