My Story: Die konservative Revolution (Part V)

In der linken Szene lernte ich Silvia* kennen. Damals ein paar Jahre jünger als ich, studierte Silvia noch. Mit ihren langen braunen Korkenzieherlocken, die so akkurat fielen, als sei sie der Star eines klassiszistischen Gemäldes, war Silvia eine echte Schönheit. Nur der Pony war glatt und straff. Schlank, wohlproportioniert und immer nach der neuesten Mode gekleidet – Ich meinte, die Namen teurer Marken gelesen zu haben und Silvia schien der Typ zu sein, der nie ein Outfit ein zweites Mal trug – verkörperte sie das Ideal einer jungen, modernen Frau des 21. Jahrhunderts, das damals erst ein paar Jahre alt war. Silvia hätte auch damals schon symbolhaft für einen neuen Feminismus stehen können. Tatsächlich wird sie später intensiv von der Frauen- und Genderforschung gefördert werden. Damals waren Silvia und ich die einzigen Frauen in einer Männerrunde, die außerdem noch aus David Vranek*, der mit Silvia zusammen war, Mirko Kiss*, der in der DDR aufgewachsen war und nicht einsah, warum er sich dafür schämen sollte – ganz im Gegenteil! – und einigen anderen bestand.

Vranek kannte ich schon länger, auch schon bevor er angefangen hatte, zu studieren. Er hatte sich schon als Jugendlicher für die DKP engagiert. Später wird auch er, wie viele andere aus meiner Vergangenheit, in Berlin auftauchen. Dort werde ich auch Mirko Kiss begegnen, der, wie ich Geschichte studiert hat, und behaupten wird, in Berlin zu promovieren. Vranek wird eher dem Umfeld der „Jungen Welt“ zuzuordnen sein. Wobei ich ihm, wie gesagt, attestieren kann, immer schon voll und ganz auf deren politischer Linie gewesen zu sein.

Meinerseits war ich in Berlin zweimal auf Veranstaltungen bei der „Jungen Welt“. Einen Artikel habe ich auch bei ihnen veröffentlicht. Allerdings war ich dort nicht gern gesehen, wie man mir unmissverständlich klar machte. Dafür haben sie offenbar einen guten Draht zur queerfeministischen Szene.

Später werde ich, weil irgendwer das rechte und besonders das sog. „Querfrontmilieu“ auf mich aufmerksam emacht hat, eine E-Mail in die Stadt, wo ich studiert habe, in den tiefsten katholischen Südwesten schicken und fragen, ob die politische Situation sich bei ihnen ähnlich wie in Berlin entwickelt hat. Die Antwort wird „Ja“ sein.

Ein Transmann, der, wie er angibt, in Frankfurt am Main Soziologie studiert, wird mir auf Twitter folgen. Als ich mich frage, wer den Transmenschen auf mich aufmerksam gemacht hat, werde ich auf Silvia stoßen, die in Frankfurt am Main promoviert. Ich werde denken, dass der Transmann wie Silvia mit Bart aussieht. Silvia trägt ihr Haar jetzt offenbar kurz und glatt. Der Blick ist immer noch der gleiche. Ob sie etwas mit dem Transmann zu tun hat, weiß ich aber nicht. Das ist vielleicht reiner Zufall.

Damals im Südwesten, als ich Silvia kennen lernte, fühlte ich mich jedenfalls wie Abfall. Ich hinkte, obwohl die Verletzungen, die ich mir durch einen schweren Autounfall zugezogen hatte, längst verheilt waren. Ich ging noch einmal ins Ausland. Diesmal im Auftrag einer Friedensinitiative. Bezahlt werden sollte es aus den Töpfen einer katholischen Freiwilligenorganisation. Dort bin ich nicht willkommener, als ich es später bei der „Jungen Welt“ sein werde. Das konnte ich mir allerdings denken.

Bizarrerweise werde ich auch diese Leute, mit denen ich kaum Zeit meines Lebens verbracht und noch weniger Gemeinsamkeiten habe, zum Teil später in Berlin wieder treffen.

Als ich damals, im Sommer 2007, die Stadtgrenzen der kleinen katholischen Stadt, in der ich meine Studenzeit verbracht habe, hinter mir gelassen hatte, hatte ich von einer Sekunde auf die andere das Gefühl, wieder ganz die Alte zu sein.

Als ich aus dem Ausland zurückkomme, gehe ich nach Berlin. Ich werde zehn Jahre in Armut und Einsamkeit leben, belästigt, gehänselt, belauert, vorgeführt und gedemütigt werden. Ich werde, wie gesagt, viele Leute aus meiner Vergangenheit wieder treffen. Niemand wird noch auf meiner Seite sein. Ich werde wieder hinken. Meine Allergie wird mit aller Wucht zurückkommen. ich werde auf Menschen treffen, die ich für rechts halte, die aber beteuern links zu sein. Ich werde mich tatsächlich hundertmal fragen, ob ich nicht spinne. Dann wird die AfD gegründet werden, die ihre Wahlparties in meinem Wohnviertel feiert. KenFM von Ken Jebsen wird zur neuen Größe in der linken Medienlandschaft aufsteigen. Feminismus wird sich gegen Frauen wie mich richten. Ich werde unendlich viele Leute treffen, die etwas mit Kunst und Kultur machen wollen.

Die Welt ist dabei, neu zusammengewürfelt zu werden.

An meine Studentenzeit habe ich trotz allem übrigens sehr gute Erinnerungen. Da mein Blog aber von vielen Menschen gelesen wird, die mir nicht wohlgesonnen sind, möchte ich meine guten Erinnerungen lieber für mich behalten.

Frei nach Heraklit: „Man springt niemals in denselben Fluss.“

Oder, um es mit Rosa-Luxemburg zu sagen: „Ich war. Ich bin. Ich werde sein.“

Ende. Oder Anfang, je nachdem.

*Alle Namen geändert.

 

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