My Story: Die konservative Revolution (Part IV)

Iiieh! Die Lesbe!

Als Dunja* und ich nach dem Sport unter der Dusche standen, glaubte ich zunächst, mich verhört zu haben. „Iiieh! Die Lesbe!“. Dann das Kleinmädchengekicher, von dem ich wusste, dass es von erwachsenen, wenn auch jungen Frauen kam. Es war nicht das erste Mal. Seit geraumer Zeit wurde ich von jungen Frauen belästigt. Manchmal bissen sich geradezu Blicke an meinem Hintern fest. Waren es immer diesselben zwei, drei Tussen? Ein blondes Fashion Victim, ein paar Jahre jünger als ich. Ein paar Tage nach dem Vorfall traf es mich im Bus. Das Blondchen stieg mit einer Freundin ein und tänzelte mit dem Gang. Sie lächelte, ich lächelte unsicher zurück. Da brach die Blonde in ein hysterisches Gackern aus: „Iiieh! Die Lesbe steht auf mich!“

Irgendwie konnte ich mit niemandem so richtig darüber reden. Dunja kannte ich kaum. Sie war so ganz nett, aber wir wurden nicht wirklich warm miteinander. Einmal traf ich Ronja*, mit der ich einmal gut befreundet gewesen war. Vielleicht hätte Ronja das Problem verstanden. Da sie groß und sportlich war, hatte sie öfters mal was zu hören gekriegt. Das hatte sie mal erzählt. Ronja sah nicht gut aus. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie keinen Kontakt zu mir wollte. Wir sahen uns viele Jahre nicht mehr. Allerdings habe ich auch sie in Berlin wieder getroffen.

Ich machte eine Therapie. „Vermutlich sind Sie bisexuell.“ Als Diagnose meiner sexuellen Orientierung traf mich das wie ein Schlag. „Nein. Ich bin nicht lesbisch.“ sagte ich entschlossen. Ich hatte damals zwei Affairchen nebeneinander laufen. Hochzeitsglocken wie bei meinen Freunden läuteten bei mir nicht, nicht einmal irgendwo an einem fernen Horizont. Ich fühlte mich unfähig als Frau. Eine, die niemand haben will. Aber lesbisch – Das nicht! „Nein, lesbisch sind Sie sehr wahrscheinlich nicht. Demnach, was Sie sagen, spricht nichts dafür. Aber bisexuell. Sehen Sie es positiv!“ hieß es in der Therapie.

Ein knallhartes Karriereweib! Welche denn?

Ehrlich gesagt, ich wollte es nicht positiv sehen. Mir klingelte noch die Situation in der Cafeteria in den Ohren. Michaela Schwartzkopf*, eine Kunstgeschichtsdozentin hatte dort mit einer Historikerin, die am Lehrstuhl einer feministischen Geschichtsprofessorin arbeitete, gesessen und mir einen langen Blick zugeworfen. „Die Phunk.“ hatte sie der anderen zugeworfen. „Das ist so eine knallharte Karrierefrau.“ Es hatte ziemlich abwertend geklungen.

„Karriereweib“, „Lesbe“, „Igitt!“ drehte es sich in meinem Kopf. Leider konnte ich damals nicht in die Zukunft schauen. Und ich wusste auch nicht, wie angesagt Queer in Berlin wahrscheinlich schon zu der Zeit war. Zwar hatte ich Kunstgeschichte und damit ein sehr konservatives Fach studiert, noch dazu in einer kleinen Stadt, die von einem prüden, spießbürgerlichen Katholizismus geprägt war. es hatte immer schon Bemerkungen zu meiner sexuellen Orientierung gegeben. Allerdings war ich nie so aggressiv angegriffen worden.

Das Spiel mit der Identität

In Berlin ist das gleiche Spiel – Belästigen, Schimpfwörter hinterherrufen – ja auch mit mir gespielt worden, nur dass dann angeblich ich immer die Homophobe oder ganz allgemein „die Diskriminiererin“ war. Was wenn es damals schon das gleiche Spiel war? Hier hetzte einmal eine ältere Frau, sie wollten mir „das austreiben“. Was, wenn es mir schon damals „ausgetrieben“ werden sollte? Zumindest habe ich mich über die dicken Frauen aus Berlin gewundert, die plötzlich in der kleinen Stadt zu Besuch bei den Kunsthistorikerinnen waren, die am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung promovierten (siehe: My Story (Part III)). Was ist, wenn jemand schon damals in Berlin fleißig erzählt hat, ich sei eine ganz Homophobe, eine richtig fiese Frau? Vielleicht sogar jemand, der hippe Frauen wie Silvia Fehrmann und Carolin Emcke kennt, die im Kulturbiz viel zu sagen haben? Vielleicht sind mir schon damals alle möglichen negativen Eigenschaften und Missetaten anderer Frauen in die Schuhe geschoben worden? Immerhin weiß ich JETZT, wie hart umkämpft dieser Queer-Sektor ist, v. a. im Kulturbereich, und mit wie unfairen Bandagen gekämpft wird. Ob es aber wirklich so war und wenn, wer genau mir das Leben hier zur Hölle gemacht hat oder zumindest den Anstoß dazu gegeben hat, weiß ich nicht. Nur dass sehr oft Leute von früher in meiner Umgebung aufgetaucht sind, auch KunsthistorikerInnen. Sogar dass ich für die taz geschrieben hatte, wusste man. Aus Nürnberg erreichte mich eine E-Mail von Julia Dörr*, die auch bei Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung promoviert hatte. Julia, die zufällig den gleichen Namen* wie eine meiner Schulfreundinnen hat, war eigentlich ganz nett. In ihrer E-Mail fragte sie auch nur freundlich an, ob ich, da ich ja für die taz schreiben würde, vielleicht auch ihre Projekte wohlwollend beschreiben könnte. Ich musste Julia Dörr wahrheitsgemäß antworten, dass ich bei der taz niemanden kannte und ihr deshalb wohl nicht helfen könnte. Tatsächlich hatte ich dort nur Artikel hingeschickt und mein Ausflug in den Journalismus war auch nur von kurzer Dauer. Dass Julia davon wusste, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Ertappt!

Irgendwie „homo“ zu sein, erfüllte mich damals im Südwesten auch nicht gerade mit Freude. Es stimmte, dass ich anno 1997 mal in die Fänge einer Lesbe geraten war, nicht in der Stadt, in der ich studiert hatte, die Kunsthistoriker konnten es nicht wissen, genau genommen konnte es niemand aus meiner Vergangenheit wissen. Ganz unschuldig war ich auch nicht. Vermutlich trifft es „williges Opfer“ besser. Carmen* hieß sie, sinnierte ich, wie die dicke Carmen von den Kunsthistorikern (siehe: My Story (Part I)) Nur dass die andere groß und schlank gewesen war. So eine Carmen hatten Freunde von mir auch mal angeschleppt. Ich glaube, das war 2003. Ob diese Frau lesbisch war, weiß ich nicht. Ich glaube, es war eine Wissenschaftlerin, auch Feministin, wie ich mich erinnere. Ich fand sie erst sehr nett. Ein paar Tage später traf ich sie zufällig wieder an der Uni. „Hallo Carmen!“ rief ich fröhlich. „Ja. Tag.“ antwortete die Frau kurz angebunden. Ich guckte irritiert. Dann sah ich Heike*, die mit diesen Freunden von mir, die Carmen eingeführt hatten, und die ich aus meiner Arbeit für eine multikulturelle Initiative kannte, befreundet war. Heike war irgendwo wissenschaftliche Mitarbeiterin, Germanistik, glaube ich. Die stämmige kleine Frau grinste triumphierend und zog mit Carmen ab. Später arbeitete Heike übrigens mit den Kunsthistorikerinnen, die am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung waren, zusammen. Die Uni war eben sehr klein. Noch viel später sollte ich ihr in Berlin wieder begegnen. Wie meine Freundin Ronja* lebt auch Heike* mittlerweile lesbisch. Carmen habe ich nie wieder gesehen. Keine der drei. Der Name ist wohl kein gutes Omen für mich!

Auf Wiedersehen in Berlin?

Außerdem war da Anja* gewesen, eine Bekannte von meinem Kumpel Tom*. Stimmt, die fand ich sehr hübsch. Eines Tages guckte mich Anja angeekelt an. In ihrem Blick lag Verachtung. Stimmt, schon damals schoß es mir für ein paar Momente durch den Kopf: „So eine blöde Birkenstockkuh bin ich ja wohl nicht!“. Dabei war ich mit einer lesbischen Frau befreundet gewesen. Dass sie lesbisch war, kam nur heraus, weil ein Freund von mir sich in sie verliebt hatte. Irgendwann zog sie in eine andere Stadt. Nach der Sache mit Anja beruhigte ich mich mit Michael*, einem Kunsthistoriker.

Eine Frau, die glatt ein Double von Anja sein könnte und interessanterweise auch aus der gleichen Stadt kommt, der Stadt, in der ich studiert habe, nämlich, ist heute übrigens in der queeren Szene in Berlin eine große Nummer. Was für ein Zufall!

*Alle Namen geändert.

Advertisements