My Story: Die konservative Revolution (Part III)

„Dummchen“ oder akademischer Superstar?

Wir haben damals alle zusammen unseren Uni-Abschluss gemacht, meine Freunde und ich. Alle hatten übrigens sehr gute Noten. Auch wenn ich mir da heute nicht mehr so sicher bin. Ronja*, mit der ich eine Weile ganz dicke gewesen war, habe ich, wie viele andere, später in Berlin wieder getroffen. Da gab sie zu, das ihre Noten nicht ganz so gut gewesen waren. Ich hatte Ronja immer für intelligent gehalten und wusste nur zu gut, wie sehr auch der Zufall und Prüfungsangst eine Rolle spielten. Dass sie gelogen hatte, verzieh ich ihr aber nicht. Dass ich als eine der besten meines Fachbereichs „mit Auszeichnung“ abgeschlossen hatte, wollte ich für mich behalten. Zwar hatte ich hart dafür gearbeitet und so manche hohe Hürde nehmen müssen, aber ich konnte mir denken, wie es anderen ging, die sich ebenfalls viel Mühe gegeben hatte. Die Schlagzeilen „Akademikerarbeitslosigkeit“ und „Eierlegende Wollmilchsau: 5 Sprachen fließend und trotzdem nichts als unbezahlte Praktika“ gingen schon zu der Zeit fast tagtäglich durch die Zeitungen. Besonders hart hatte es Christina* getroffen. Christina kannte ich oberflächlich aus der linken Szene. Wir hatten uns einmal in der Kneipe getroffen, um über Feminismus zu diskutieren. Das war allerdings nicht besonders ergiebig, denn Christina, die Soziologie studierte, wollte über feministische Theorie reden, ich dagegen kannte mich besser mit kultureller Repräsentation aus und nannte Beispiele etwa aus der Werbung oder aus Filmen. Das wiederum war Christina nicht wissenschaftlich genug. Ich war etwas beleidigt, weil ich mich als „Dummchen“ vorgeführt fühlte. Wir wiederholten den Abend nicht. Christina ging mit einer tapferen zwei aus dem Studium. Da ich wusste, wie wichtig ihr das Intellektuelle war und wie wenig angesichts der zu der Zeit fast inflationär vergebenen „sehr guts“ ein „gut“ zählte, tat es mir leid. Natürlich trumpfte ich insgeheim auch ein bisschen auf, aber es tat mir vor allem leid.

geduckte Akademiker

Es war dann Jo*, der mit meiner Note herausplatzte. Jo war eine Weile mit Gundula* zusammen gewesen, die mittlerweile in Kunstgeschichte promovierte und die beste Freundin von Carmen* war, ebenfalls Kunsthistorikerin. Mit Carmen hatte ich im Rahmen eines Ausstellungsprojektes (siehe: My Story (Part I)) einmal unglaublichen Ärger gehabt. Jo jedoch verstand sich gut mit ihr. „Tjaha, Laila, du mit deiner eins-null musst hier keinen auf bescheiden machen!“ Ich sah, wie Christina die Gesichtszüge entglitten. Jo, der in Geschichte promovierte, hatte selbst auch „mit Auszeichnung“ abgeschlossen. Das war für Christina kein Problem und das ärgerte mich. Aber ich war auch wütend, weil Jo mir die Entscheidung abgenommen hatte. Im Fach selbst war die Note bereits fünf Minuten nachdem ich den Prüfungsraum für die letzte mündliche Prüfung verlassen hatte, rum gewesen. Leute, die mich – Verzeihung! – all die Jahre mit dem Arsch nicht angeguckt hatten, kamen auf mich zu und gratulierten mir plötzlich aufs Herzlichste.

bürgerlich geworden

Trotzdem hatte ich auf einen Schlag meinen Freundeskreis verloren. Ich wollte über die schwierige Situation von Akademikern auf dem Arbeitsmarkt reden, die anderen wollten bei Leuten, auf die es ankam, Punkte machen. Ich fand einen Job – allerdings im Ausland und zeitlich befristet. Als ich erneut auf Jobsuche war, wurde ich vom Auto angefahren, als ich gerade dabei war, einen Zebrastreifen zu überqueren. Für viele Monate konnte ich meine rechte Hand nicht mehr benutzen. Ich hing an der Uni herum, versuchte hier und da, noch mal an die linke Szene anzudocken, war mit einem Typen zusammen, aber es war nichts Ernstes. Mein bester Freund Christian heiratete seine Freundin Bellinda. Meine Freundin Ronja heiratete ihren Langzeitfreund Ashley. Zu beiden Hochzeiten war ich nicht eingeladen. Manchmal traf ich mich mit Matthias, einem bekannten aus unserer damaligen Clique. Matthias hatte sein Studium geschmissen. Ihm ging es nicht gut. Manchmal lud ich Matthias zum Essen ein. Er hatte beschlossen, mehr auf seinen Körper zu achten, und bat mich gesund und Kalorien arm zu kochen. Als Matthias gegen Monatsende nichts mehr zu Essen hatte, brachte ich ihm etwas vorbei. Es war irgendwie nicht das Richtige. Ich begriff, dass wir uns voneinander entfremdet hatten.

harte Blicke, harte Zeiten

Ich fühlte mich furchtbar einsam. Manchmal, wenn ich allein durch die Stadt lief, bohrte sich ein Blick in meinen Rücken. Damals drehte ich mich noch schlagartig aus meinem Tran gerissen um – „Großväterchen“, einer der Kunstgeschichtsdozenten. Alle nannten ihn „Großväterchen“ und hatten großen Respekt vor ihm, da er, obwohl er kein Professor war, als sehr intelligent und fachlich ausgesprochen kompetent galt. „Oh. Guten Tag, Herr Westermann*“ grüßte ich ihn in solchen Fällen. „Großväterchen“ fixierte mich jedes Mal, bevor er sich zu einem gegrunzten, knappen „Tag!“ durchringen konnte.

Die Dicken aus Berlin kommen!

An der Uni lernte ich auf einem Abendvortrag eine Frau aus Berlin kennen – offenbar eine Freundin von Gundula und den anderen aus dem Kolloquium. Da ich längst beschlossen hatte, bei der nächstbesten Gelegenheit nach Berlin überzusiedeln, denn ich hatte das Gefühl, in der muffigen Enge der kleinen, katholisch geprägten Stadt fast zu ersticken und wollte irgendwo leben, wo Frauen nicht spätestens mit Ende 20 unter der Haube sein müssen, quetschte ich die Frau aus Berlin ein bisschen aus. genau genommen interessierte mich eigentlich alles, was die sehr dicke dunkelhaarige Frau zu erzählen hatte. Sie gab bereitwillig Auskunft, wenn auch ein wenig von oben herab, aber das war ich zu dem Zeitpunkt längst gewohnt. Später in Berlin glaubte ich, die Frau in einer Galerie in Kreuzberg wieder gesehen zu haben. Vielleicht war das eine Verwechslung – sie zeigte ihrerseits auch keine Zeichen des Wiedererkennens. Das „Verwechslungsspiel“ fing aber schon in der Stadt in Südwestdeutschland, in der ich damals lebte, an.

Kurze Zeit nach dem ersten Besuch aus Berlin war nämlich eine weitere Frau aus Berlin zu Besuch: Auch sie sehr dick und dunkelhaarig, wenn auch vom Teint her heller als die andere. Ansonsten hätten sie fast Zwillinge sein können. Interessanterweise war auch diese Frau eine Freundin von Gundula und den anderen. Na ja, Gundula lebte damals zeitweise in Berlin. Da ich die Nase voll hatte vom Alleinsein, fragte ich Gundula an diesem Tag, ob ich mich ihnen in der Mensa anschließen könne. Ich konnte. Die dicke Frau starrte mich die ganze Zeit versonnen an. Das war irgendwie komisch und ich fühlte mich unwohl damit. Als ich mir einen Salat von der Theke nehmen wollte, starrte die Frau, die vor mir in der Schlange war, mich weiter an. Der Plastikdeckel, der die Salatschalen abdeckte fiel herunter. Ich hatte nicht gesehen, dass sie ihre wurstartigen Arme immer noch auf der Theke hatte. ich war kurz davor, auszurasten, bemühte mich aber um ein „Entschuldigung!“. Als wir saßen, plauderte Hans*, ein Anglist, der aber ebenfalls an unserem Lehrstuhl promovierte, fröhlich Französisch mit Louis-Aimé, unserem Doktoranden aus Westafrika. Louis-Aimé sprach manchmal mit mir Französisch, wenn wir allein waren. jedes Mal, wenn ich mich jetzt in das Gespräch zu schalten versuchte, antworteten sowohl Hans als auch Luc-Aimé mir strikt auf Deutsch. Später, als ich längst in Berlin lebte, sollte ich von Luc-Aimé eine E-mail erhalten, in der er mir schrieb, er sei in Europa in Schwierigkeiten geraten und brauche dringend Geld. Woher er meine private E-Mail-Adresse hatte – im Kolloquium hatte ich immer meine Uni-E-Mail-Adresse angegeben – weiß ich nicht. Da ich von hartz IV lebte, konnte ich ihm mit Geld nicht helfen. Das schrieb ich auch. Später las ich irgendwo, dass es bloß eine klassische Romance-Scammer-E-Mail war. An dem Tag in der Mensa hatte ich jedoch die dicke Frau am Wickel. Sie saß mir gegenüber und fragte plötzlich aus heiterem Himmel schüchtern: „Und du bist die Laila Phunk?“. „Nein, die Königin von Saba!“ patzte ich, da die Frau mir wirklich auf die Nerven ging. Gleich nachdem mir das rausgerutscht war, tat es mir auch schon wieder leid. Ich entschuldigte mich. „Warum fragst du?“ wollte ich wissen. „Nur so.“ entgegenete die Frau und schwieg für den Rest des Essens beharrlich. Ich gig nie wieder mit Gundula, Hans und Luc-Aimé essen.

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