My Story: Die konservative Revolution (Part II)

In der Vorhölle

Sommer 2004: Über Südwestdeutschland brütete die Augusthitze. Es war fast jeden Tag das gleiche Spiel: gegen Nachmittag wurde es drückender und am Abend tobte ein Gewitter durch die kleine Stadt in Südwestdeutschland, in der ich studiert hatte. Ich war wahrlich in der Vorhölle gewesen. Das allerdings hatte sich eigentlich als ganz vergnüglich herausgestellt. Immerhin gehöre ich zu den wenigen Leuten, die von sich behaupten können, schon einmal auf dem Dach einer europäischen Kathedrale gewesen zu sein, und die in Stein gemeißelten Teufelsgestalten und sonstigen Ausgeburten der Hölle, die den Dachfirst eines solchen Gotteshauses für gewöhnlich schmücken, aus nächster Nähe gesehen zu haben.

Ansonsten fühlte ich mich total ausgelaugt. Ich war einfach fertig. Konnte man mit 27 schon Burnout haben? Gefühlt war ich bereits 47. es war, als läge meine Jugend in irgendeiner fernen Vergangenheit, die für mich selbst schon nicht mehr ganz real war. Sicher, für meinen Studienabschluss hatte ich mich mächtig ins Zeug gelegt. Und es hatte sich gelohnt. Meinen Magisterabschluss in Kunstgeschichte und Geschichte hatte ich mit glatt 1 bestanden, „mit Auszeichnung“. Als eine der besten Absolventinnen des Fachbereichs hatte ich sogar ein Buch geschenkt bekommen. Ein Bildband über meine Alma Mater, die sich zwar rühmte, Wurzeln zu haben, die bis ins Mittelalter reichten, in Wirklichkeit aber ein Asbest verseuchter Siebzigerjahrebau war.

Auf den letzten Drücker

Der Weg, der hinter mir lag, war steinig gewesen. Ich hatte ein Stipendium für einen Rechercheaufenthalt im Ausland beantragen wollen. Dort hatte man sich drei Monate Zeit erbeten, bis man zu einer Entscheidung gelangen wollte. Dazu musste ich drei weitere Monate Bewerbungsfrist rechnen, weil Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann, bei der ich die Magisterarbeit schreiben wollte, keine Zeit hatte, mir das Gutachten zu schreiben, das ich für den Stipendienantrag brauchte. Zwar hatte ich gehört, dass an anderen, größeren Unis, Professoren gelegentlich nicht einmal Zeit haben, Magisterprüfungen abzunehmen und ich war auch dankbar, dass Frau Schulze-Lehmann eingewilligt hatte, mir das Gutachten zu schreiben, aber ich hatte ein gewaltiges Problem: Meine sechs Monate, die ich Zeit hatte, um die Arbeit zu schreiben, liefen bereits. Als ich mit dem Stipendienantrag ins Sekretariat gegangen war, hatte die Sekretärin darauf bestanden, dass ich zeitgleich auch die Arbeit anmelden müsse. Immerhin stünde der Arbeitstitel ja bereits in dem Stipendienantrag. Würde ich nicht unverzüglich anmelden, dürfte ich die Arbeit hier im Fach nicht mehr schreiben. Also meldete ich an. Aus den Augenwinkeln nahm ich war, wie „Großväterchen“ vorbeilief, der dienstälteste Dozent und guter Freund meiner einstigen Intimfeindin, Frau Dr. Messmer, die nicht mehr an dieser Uni unterrichtete.

Ich wachte fast jeden Morgen mit einer gehörigen Portion Wut auf. Finchen* – Josefine Schröder -, der kleine Liebling von Prof. Dr. Schulze-Lehmann arbeitete schon seit der Zwischenprüfung an dem Thema, über das sie ihre Magisterarbeit schreiben wollte. Das war zwar nicht verboten, aber im Grunde arbeitete der halbe Fachbereich mit. Fast immer schwirrte eine junge Dozentin oder Doktorandin vorbei, um Finchen noch einen Text zuzustecken, der doch „gut zu dem passt, was sie macht.“ Das war so ungerecht, dass man es mit mir so hypergenau nahm! Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass der DAAD Dreimonatsfristen verlangte für ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt, der im Rahmen einer sechsmonatigen Forschungsarbeit absolviert werden sollte, wenn man sich zeitgleich mit dem Stipendienantrag auch für die betreffende Forschungsarbeit anmelden musste. Das ergab keinen Sinn! Allerdings erhielt ich das Stipendium: zwei Monate Rom. Leider würde ich ein paar Tage nach meiner Rückkehr die Magisterarbeit abgeben müssen. Vorerst musste ich mit Fernleihen aus verschiedenen deutschen Bibliotheken Vorlieb nehmen.

Als ich meine Arbeit im Kolloquium vorstellte, waren die Reaktionen verhalten. Karin*, der zweite Liebling von Prof. Dr. Schulze-Lehmann ließ sich immerhin zu einem gedehnten: „Du weißt aber, dass du ein Inhaltsverzeichnis brauchst?!“ herab. Finchen merkte etwas an, dass zu ihrer Arbeit (Romantik) passte, aber nichts mit meinem Thema (klassische Moderne) zu tun hatte. Dennis, der einzige Mann, der seine Magisterarbeit am kunsthistorischen Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung schreiben wollte, wollte lieber über Psychologie sprechen. Dennis*, der weniger bildungsbürgerlich als die anderen wirkte, und mir gegenüber einmal behauptet hatte, früher einmal rechts gewesen zu sein – ein Fehler, den er aufrichtig bereute! -, hatte einen schlechten Stand im Fach. Später, als ich ihn in Berlin wieder traf, wie mehrere andere Kommilitonen und auch einige Lehrende, behauptete Dennis, er sei nie rechts gewesen. Vielleicht habe ich das falsch verstanden. Allerdings lief er noch in Berlin gern mit Bomberjacke herum. Nicht, dass das nicht einfach auch ein Styling sein könnte. Mit rechten Parolen ist er zumindest nie aufgefallen.

Die Schwachen zuerst!

Einmal, auf einer Exkursion in Paris, hatte Prof. Dr. Schulze-Lehmann mir ihren Standpunkt erklärt: „Man solle immer auch mal tun müssen, was man nicht so gewohnt sei.“ Genauer gesagt meinte sie damit, dass, wer lebhaft sei (wie ich) lernen müsse, sich mehr zurückzunehmen. Die Schüchternen dagegen sollten auch mal im Mittelpunkt stehen. Außerdem fand Prof. Dr. Schulze-Lehmann, dass Feminismus bedeute, v. a. feminine Frauen zu fördern, die ganz in der Frauenrolle aufgingen. Immerhin seien sie am stärksten von sexistischen Vorurteilen betroffen. Leider bedeutete das im Klartext, dass mein Referat gekürzt wurde und Finchen, die keineswegs schüchtern war, dafür aber der Hiwi von Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann, noch ein paar Extraübungen machen sollte. Ich war richtig sauer. Die anderen Frauen, die gedacht hatten, dass mit „schüchtern“ sie gemeint seien, waren ebenfalls verstimmt. Auf der Rückfahrt im Zug schenkte mir Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann die „Libération“, die sie offenbar gerade ausgelesen hatte, und scherzte mit uns. So richtig gut war die Stimmung trotzdem nicht.

Das Studium in Italien, wo ich auch mit dem Erasmusprogramm gewesen war, hatte mir besser gefallen, obwohl es ganz das klassische Paukstudium war, das Deutsche zu Recht oft kritisieren. Auch wenn ich mediterrane Wurzeln habe, kämpfte ich mit der Sprache und litt die ersten Monate an einem Kulturschock – mussten es in der Mensa wirklich zweimal am Tag Spaghetti sein?! Jeden Tag?! Aber ich stand nicht unter dem Druck, ständig darum ringen zu müssen, irgendwelchen mächtigen Leuten gegenüber zu beteuern, DOCH die „richtige“ Persönlichkeit zu sein, in unserem Fall: feminin, hilflos, zickig, modebewusst. Paradoxerweise war das selbst am feministischen Lehrstuhl das Einzige, was zählte. Diese Frauen hatten es leicht. Finchen, Karin und einige andere hatten bereits Promotionsstipendien und erste Jobs, die teilweise eigens für sie geschaffen worden waren, sicher.

Jesus! Oder jedenfalls dicht dran!

Man sollte lieber nicht wie Frau Dr. Peters* sein, die lesbische Dozentin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Schulze-Lehmann. Lieber wie Michaela Schwartzkopf*, die Assistentin von Prof. Dr. Luchs*. Friedemann Luchs galt als ausgesprochener Narzisst. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, das abzustreiten. Der elegante Mann in den besten Jahren – langhaarig und mit femininen Touch, dabei aber längst glücklich mit einer Blondine ähnlich wie Michaela Schwarzkopf liiert – war eine beeindruckende Erscheinung. Sein Spezialgebiet – mittelalterliche und frühneuzeitliche Bildgeschichte – vermittelte er mit einer Lebendigkeit und Begeisterung, so dass man fast den Eindruck haben könnte, es sei das Evangelium, das einem dargeboten würde. Dabei war es ein anderer Dozent, der sich im Rahmen einer launigen Abendveranstaltung tatsächlich einmal mit nacktem Oberkörper ans Kreuz nageln ließ. Nichtsdestoweniger war Prof. Dr. Schulze-Lehmann auch für Michaela Schwarzkopf da, die kleine, zierliche Deutschschweizerin, die, wie es hieß, in unglaublichem Tempo promoviert und sowohl in Frankreich als auch in Italien gelebt hatte, auch wenn sie merkwürdigerweise nicht sehr gut Französisch sprach. Unter Menschen wie Friedemann Luchs und Großväterchen, die problemlos von einer Sprache in die  nächste wechselten, fiel das auf.

Ich hatte begriffen, dass ich mein Punkerdasein aufgeben und erwachsen werden musste. Sogar mein bester Freund Christian* hatte sich zum Konservativen bekehrt. Statt dass wir uns Billigbier in rauhen Mengen durch die Kehlen rinnen ließen, kochte Christians Freundin Bellinda ihm heißen Kakao. „Solche Staubmäuse wie bei dir würde man bei Bellinda nicht finden!“ merkte er jetzt schmallippig an, während er früher nach wilden Parties bei mir gern noch über Nacht geblieben war, oft mit anderen Partyopfern. Morgens hatten wir uns dann immer mit Aufbackbrötchen und einigen Litern starkem Kaffee gemeinsam den Kater weggefrühstückt. Doch die Zeiten waren unwiderbringlich vorbei, wie ich mir eingestehen musste …

*Alle Namen, auch einige Umstände aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

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