Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

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