Aus Laila Phunks Buchregal: „Die Präsidentin“ von François Durpaire & Farid Boudjellal

Fast 160 Seiten an einem Abend durchgelesen? Muss wohl gut sein … Die Graphic Novel „Die Präsidentin“ von François Durpaire (Text) und Farid Boudjellal (Bilder) liest sich so spannend, dass sie, wäre sie ein Film, glatt als Blockbuster durchgehen könnte. Auch wenn Horror als Genre wohl am passensten ist, denn „Die Präsidentin“ dreht sich um die bange Frage, die im Vorfeld der anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich viele Menschen beschäftigt: Was wäre, wenn Marine Le Pen die nächste Präsidentin Frankreichs werden würde?

Durpaire und Boudjellal setzen in ihrem Comic, den sie, wie es aussieht, vermutlich gegen Ende 2015 verfasst haben, in der nahen Zukunft an: In einem Wahllokal im bunten Paris-Bellevile gibt Oma Antoinette, begleitet von ihrer senegalesischen Haushalthilfe Fati, ihre Stimme für die Stichwahl zwischen François Hollande und Marine Le Pen ab. Am Abend dann der Schock vor dem Fernseher: Fassungslos erleben Antoinette, Fati und Antoinettes Enkel Stéphane und Tariq, wie die Wahlsiegerin angekündigt wird und das Gesicht der Spitzenkandidatin des rechtsradikalen Front National auf dem Bildschirm erscheint. Was man vor wenigen Jahren noch für schier unmöglich gehalten hätte, ist wahr geworden: Von nun an wird, so das Szenario, erstmals nach 1945 eine rechtsradikale Politikerin die Geschicke eines westeuropäischen Landes leiten.

Einmal an der Macht, verliert der FN keine Zeit, sondern setzt zügig in die Tat um, was den Rechten seit langem vorschwebt: Der Austritt Frankreichs aus der Euro-Zone etwa, und die Wiedereinführung des Franc, die das Land in eine tiefe Rezession stürzt. Auch die digitale Überwachung wird ausgebaut. Der Umbau Frankreichs zu einem autoritären Staat wird in Angriff genommen und natürlich lässt es sich die neue, fiktive Präsidentin nicht nehmen, den wichtigsten Punkt ihres Wahlprogrammes umgehend zu realisieren: Die Ausweisung illegal in Frankreich lebender oder straffällig gewordener Migranten. Schnell wird klar, dass man geneigt ist, das Wort „Straftat“ im Bezug auf Migranten weit auszulegen. Getreu dem rechten Motto „La France, tu l’aimes ou tu la quittes!“ („Entweder du liebst Frankreich oder du gehst dahin zurück, wo du hergekommen bist!“) trifft es zuerst die Maulhelden aus der Rapper-Szene. Kurz darauf wird auch Fati von der Polizei abgeholt und gewaltsam in ein Flugzeug zurück in den Senegal verfrachtet.

Als Leser verfolgen wir das Geschehen v. a. aus der Perspektive des arbeitslosen Stéphane, der mit seinem Blog résistance.fr versucht, Widerstand zu leisten. Durpaire, der das Szenario entworfen hat, beweist dabei politisches Fingerspitzengefühl, was seine Ausführungen auf eine gruselige Art realistisch erscheinen lässt.

Wer sich für Politik interessiert, für den dürfte „Die Präsidentin“ außerdem eine wahre Fundgrube an Informationen sein: Der Comic bietet z. B. eine Übersicht über Größen aus dem französischen Show-Biz, aber auch aus dem Kultur- und Geistesleben, die dem Front National schon jetzt nahe stehen: Die Schauspielerin Brigitte Bardot beispielsweise, der Philosoph Alain Finkielkraut oder der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala. Außerdem wird ausführlich dargelegt, welche PolitikerInnen aus dem bürgerlichen, liberal-konservativen Lager eventuell bereit wären, einer Front-National-Regierung eine Chance zu geben. Immerhin haben die Rechten ihre bisherigen Erfolge ja wirklich einer solch guten gesellschaftlichen Verankerung und Akzeptanz zu verdanken. Oder hier und da eben auch offener Zustimmung.

In der Fülle an politischen Informationen, mit denen die Graphic Novel aufwartet, liegt allerdings, zumindest für den deutschen, mit der französischen Tagespolitik weniger vertrauten Leser auch eine gewisse Schwäche: Manchmal fühlt man sich ein bisschen zu sehr mit Details bombardiert. Dennoch versteht es Durpaire, die Spannung bis zum Schluss zu halten. Die präzisen, auch inhaltlich immer treffsicheren Zeichnungen Boudjellals, die den Comic tragen, kulminieren schließlich in einer düsteren Vision: Ein gesichtsloser, kahlköpfiger Untergrund unter dem Banner des Hakenkreuzes, dem die fiktive Regierung Le Pen noch viel zu lasch ist … Ein Albtraum, der so realitätsfern, wie er auf den ersten Blick scheinen mag, auch für Deutschland nicht ist. Absolut lesenswert!

François Durpaire (Text), Farid Boudjellal (Bilder): „Die Präsidentin“, Éditions des Arènes, et Demopolis 2015, deutsch: Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2016.

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