Zauberwort Toleranz. Eine Replik auf eine Kolumne von Josef Joffe

Darf man das noch sagen? Jeder kennt sie, Menschen, die einem jedes Wort im Mund herumdrehen, und einen bereits zum Rassisten abgestempelt haben, noch bevor man das Wort überhaupt aussprechen kann. Ein Zuviel an Political Correctness ist schädlich. Nicht selten verkehrt sich ein solcher Übereifer sogar in sein Gegenteil.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Da sind sich wohl alle einig. Doch sie hat auch Grenzen. Man darf nicht behaupten, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, auch wenn man treuherzig versichert, dass man aber nun einmal fest daran glaubt. Und für die meisten Menschen steht es gar nicht erst zur Debatte, ob man andere als „Nigger“, „Bimbo“, „Fidschi“, „Fickmaus“ oder „Schwuchtel“ abtitulieren kann oder nicht. Lügen oder Beleidigungen sind nämlich keine Meinungen. Ganz einfach. Basta.

Was aber ist mit der Grauzone, mit allem, was dazwischen liegt? Charles Murray habe den Zorn der Verfechter der Political Correctness auf sich gezogen, schreibt Josef Joffe in seiner aktuellen Kolumne in der „Zeit“, weil der Wissenschaftler die These aufstellte, es gäbe, was die Intelligenz betrifft, genetisch bedingte Unterschiede zwischen den „Rassen“. Murray habe zwar eingeräumt, dass auch soziale Faktoren eine Rolle spielten, aber seine Gegner seien nicht zu besänftigen gewesen.

Kann man akademische Diskurse, bei denen es – allein um der Erkenntnis willen – ohne eine gewisse „Streitkultur“ nicht geht, überhaupt noch frei führen, wenn jede abweichende Meinung durch Denk- und Redeverbote sogleich im Keim erstickt wird, fragt sich Joffe.

Allein – die Frage ist, ob man auch sachliche Argumente gegen Thesen wie die von Murray vorbringen darf, ohne sich gleich in die Ecke der „übereifrigen Verfechter der Political Correctness“ gedrängt zu sehen. Dass schon der Rassebegriff an sich problematisch ist, werden alle bestätigen, die eine (oder mehrere) Migrationsgeschichte(n) in der Familie haben. Hat man nun die guten oder die schlechten Eigenschaften von Omas oder Opas „Rasse“ geerbt? Und wie kommt es, dass andere, die dieser „Rasse“ nicht „angehören“, über die gleichen (guten oder schlechten) Eigenschaften verfügen?

Zwar stimmt es, dass unter Schwarzen mehr hochgewachsene Menschen zu finden sind als unter Asiaten, so wie die Mehrheit der Schweden nicht schwarz- oder braunhaarig ist, sondern hellblond, was wiederum am Mittelmeer eher selten ist. Aber da hört es auch schon auf. Wer an den gefühligen schwarzen Soulsänger, Hip Hopper oder Basketballstar denkt, vergisst den (ebenfalls schwarzen) ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der in dem Ruf stand, für ein amerikanisches Staatsoberhaupt merkwürdig intellektuell und eher weniger volkstümlich „zum Anfassen“ daherzukommen. Das Image, begnadete Basketballspieler zu sein, hatten dafür zu früheren Zeiten in den USA offenbar die Juden inne. Aber denen schlägt schon das – zum Teil durchaus wohlwollende – Vorurteil entgegen, sie seien wohlhabende und gebildete Leute, zumeist sogar hochintelligent. Das sei auf ein spezielles Gen zurückzuführen – das „Judengen“ – ein Topos, den 2010 der ehemalige (nicht-jüdische) Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin aufgriff. Unzählige Schüler in Israel wünschten wahrscheinlich, da wäre etwas dran.

Das lässt sich also alles ziemlich leicht widerlegen. Aber so wenig stichhaltig diese Ideen zu „Rasse“ und „Genetik“ auch sind, stillschweigend existiert neben den eingangs erwähnten rabiaten, heillos überzogenen Formen der Political Correctness auch das Gebot, Menschen wie Murray erst einmal anzuhören und sie nicht sofort als Rassisten zu brandmarken. Gerade wer sich eigentlich eher dem linksliberalen Lager zuordnet, ist oft vorsichtig. Schließlich möchte man nicht als verkniffen und hysterisch, als Tugendwächter(in) und Spinner(in) dastehen, während andere nur „kein Blatt vor den Mund nehmen“ und „ehrlich sagen, was sie denken“.

So wie ein Student an meiner Uni, der, wohlwissend dass ich mich für Französisch begeisterte, damit kokettierte, dass er aber den „Vlaams Blok“ cool fände („Vlaams Blok“, heute: „Vlaams Belang“, eine rechtsextreme belgische Partei, die vorgibt, die Interessen der Niederländisch sprechenden Belgier zu vertreten). Natürlich stempelte ich ihn deshalb nicht gleich als rechts ab. Hatte er nicht einfach nur einen kleinen Scherz gemacht, wenn auch auf Kosten der „blöden, verbiesterten“ Linken? Das zumindest war die Lesart, die man von mir erwartete und ich war so freundlich, sie auch zu liefern.

Oder die Frau, die ich in Berlin kennen gelernt hatte: Anders als der eben zitierte (eher konservative) Student war es eine Linke, die in der Welt herumgekommen war und sich für alternative Lebensformen und Entwicklungshilfe begeisterte. „Die Neger“ eröffnete sie mir, als wir einmal in Kreuzberg einen Kaffee miteinander tranken, seien aber „nun einmal dreckig.“, zumindest in der Karibik, wo die Frau im Urlaub offenbar unangenehme Erfahrungen gemacht hatte. Darauf konnte ich recht wenig entgegnen. Mag sein, dass in der Karibik andere Standarts gelten, was Müll betrifft. Das ist auch in Italien so. Aber da liegt es an der Mafia.

Trotzdem fragte ich mich, warum ausgerechnet jemand, der sich so demonstrativ links gibt, nicht einfach sagen kann: „In der Karibik ist das mit dem Müll wirklich ein Problem!“. Am Tisch hinter uns saß ein Pärchen zweier adipöser Frauen. Die Frauen grinsten. Ich ging mit der linken Bekannten nie wieder einen Kaffee trinken.

Sicherlich ist es, so könnte man vielleicht als Quintessenz festhalten, überzogen, jeden, der Worte wie „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“ in den Mund nimmt, zum Feind der liberalen Demokratie, der Weltoffenheit und der Menschlichkeit schlechthin zu stilisieren, zumal die Leute, auf die das Vorurteil vom „selbsternannten Tugendwächter und Moralapostel“ zutrifft, oftmals gut daran täten, erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wer eine(n) andere(n) ungewollt beleidigt hat, ist sicher gern bereit, das aus der Welt zu räumen und sich zu entschuldigen. Wer sich aber immer nur angegriffen fühlt, sich selbst als über alle Zweifel erhabene Lichtgestalt präsentiert und andere mit immer neuen vermeintlich erlittenen Ehrverletzungen in die Enge zu treiben versucht, der (oder die) muss sich fragen, ob er (oder sie) nicht vielleicht letztendlich selbst der (oder die) Aggressor(in) ist. Das gilt für die Linken und die Minderheiten, aber auch für die Konservativen und die Rechten. Oder – um es kurz zu machen: Toleranz ist das Zauberwort!

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