Hoch, Höher, Hochbegabt (antisozial IV)

Was ist aber, wenn es nicht um Jobs geht, sondern um die eigene Eitelkeit. Nehmen wir mal Frau Rena Müller-Niemann*, eine feministisch gesinnte Professorin für mittelalterliche Archäologie, bei der Sie ein Projektseminar belegt haben. Müller-Niemann ist ein Allround-Talent. Sie interessiert sich auch für Kunst und Literatur, soll aber – eine ganz andere Richtung – neben Archäologie und mittelalterlicher Geschichte auch Mathematik studiert haben. Das kann man kaum glauben, aber unter Studenten erzählt man sich, Müller-Niemann löse oft komplizierte mathematische Gleichungen nur so nebenbei zum Zeitvertreib während ihrer Seminare. Das haben Sie selbst nicht beobachtet, aber irgendwo – glauben Sie – stand sogar offiziell, dass Müller-Niemann auch Mathematik studiert hat. Vielleicht irren Sie sich aber ja.

Tja, wer in einem Exotenfach erfolgreich sein will, muss eben nicht nur gut sein, sondern besser als alle anderen. Und das schaffen, wie man an Müller-Niemann sieht, eben nur Extrem-Begabte. Dennoch ist Ihnen die grobschlächtige, semmelblonde Frau unsympathisch. Zwar wirkt sie fachlich kompetent und ihr Seminar ist auch nicht langweilig, die Frau lässt sogar gelegentlich durchblicken, politisch eher links-liberal gesonnen zu sein, was Sie eigentlich hätte ansprechen müssen, aber Sie werden nicht so recht warm mit der barschen, oft etwas herrischen Art. Auf einem Umtrunk mit der Seminargruppe reitet Sie irgendwie der Teufel. Sie wollen die unterkühlt und hochnäsig wirkende Frau aus der Reserve locken. Nebenbei erwähnen Sie, dass sie mit einem Studenten befreundet sind, der bis vor Kurzem Hiwi bei Rena Müller-Niemann war. Die Reaktion der Professorin lässt nicht auf sich warten: „Ach ja!“ verdreht sie genervt die Augen: „Der hat doch gar nichts gebacken gekriegt!“ Anstatt es dabei zu belassen, scheint Müller-Niemann eher dankbar dafür zu sein, dass man ihr einen Aufhänger geliefert hat, um sich etwas breiter auszulassen. Detailliert führt sie auf, was Klaus, so wollen wir den Studenten hier einmal nennen, alles falsch gemacht hat. „Nicht einmal mit Ordnern kam er klar!“ entrüstet sich die hochintelligente Frau. Ihr aktueller Hiwi, behaupten wir hier einmal, er hieße Andi, sieht aus, als versinke er vor Scham im Boden. „Ich kann den Klaus gut leiden. Er hat mich eingearbeitet. Und das hat er wirklich gut gemacht!“ zischelt Andi Ihnen schnell zu, während die Professorin noch dabei ist, Klaus‘ Unzulänglichkeiten in aller Farbenpracht zu schildern. Sie raunen Andi zu: „Ja, er findet dich auch nett. Ist nicht böse, oder so.“. Dennoch sind Sie erstaunt. Sie haben die Wissenschaftlerin noch nie so redselig und temperamentvoll erlebt, der Redefaden will fast gar nicht abreißen, immer fällt der Professorin noch etwas ein, dass sie zum Thema Klaus zum Besten geben muss. Die sonst eher frostige Frau mutiert mit ihren Anekdötchen, die durch deftige Lacher akzentuiert werden, zur regelrechten Stimmungskanone. Ein bisschen tut es Ihnen für Klaus leid, von dem Sie wissen, dass er sehr stolz auf den Job war und sich viel Mühe damit gemacht hat. Dass die Wertschätzung, die Klaus seiner Chefin entgegengebracht hatte, nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, haben Sie nicht gewusst. Aber, so denken Sie sich insgeheim, sicherlich ist er nicht der einzige, über den sich die Professorin hinter seinem Rücken negativ äußert.

Allerdings zeigt sich Frau Müller-Niemann letztendlich sehr zufrieden mit der Arbeit, die Ihre Arbeitsgruppe abgeliefert hat. Das überrascht Sie ein bisschen, denn Sie hatten zwar ehrgeizig an dem Projekt gearbeitet, es mit einer etwas experimentellen Herangehensweise aber auch ein bisschen darauf ankommen lassen. Dafür gibt es von Frau Müller-Niemann eine glatte 1. Ihnen persönlich bringt das nicht viel, denn Sie brauchen nur einen unbenoteten Schein, aber es ist ja irgendwie doch eine Art Lob. Als Gruppe waren Sie ja auch ein gutes Team. Nur die viel beschäftigte, aber eigentlich ganz nette Freya-Runhild*, eine zierliche, aparte Blondine, hatte nicht immer Zeit, an den Gruppentreffen teilzunehmen. Deshalb wissen Sie auch nicht so recht, was Sie sagen sollen, als Frau Müller-Niemann Ihnen eröffnet: „Und das Referat, das Sie gemacht haben, geben Sie bitte Freya-Runhild, damit sie eine Hausarbeit daraus machen kann!“ Verblüfft fällt Ihnen die Klappe runter. „Ja!“, herrscht die Professorin Sie ungehalten an „Sie haben doch gerade selbst gesagt, dass Sie die Note nicht brauchen! Außerdem habe ich ja die Gruppenleistung bewertet. Also händigen Sie bitte Ihre Notizen, Literaturliste und alles Freya-Runhild aus!“ Freya Runhild, die, wie andere aus ihrer Arbeitsgruppe dabei ist, guckt wie ein Hund, der gerade sieht, wie ihm ein saftiges Kotelett vom Tisch herab direkt vor die Füße fällt.

Das irritiert Sie. Sie sehen zwar nicht ein, warum Freya-Runhild unbedingt von Ihnen schmarotzen muss und keine eigenen Leistungen für die sehr gute Note zu erbringen braucht, tun aber, wie Ihnen geheißen wurde. Immerhin legt Rena Müller-Niemann Wert auf Sozialverhalten. Sie engagiert sich ja sehr für Frauenförderung, ist Vertrauensdozentin und hat auch immer wieder einfließen lassen, dass sie selbst aus sehr kleinen Verhältnissen stammt. „Tja, bildungsferne Schichten!“ erinnern Sie sich an den gekonnt-bitteren Tonfall der Professorin.

Später stellt sich heraus, dass Freya-Runhild ihren Magister im ersten Anlauf nicht geschafft hat. Vermutlich hatte niemand ihr eine Literaturliste und ein bereits sauber vorstrukturiertes und gut lesbar eingetipptes Referat als Vorlage eingereicht. Ob es beim zweiten Mal geklappt hat, wissen Sie nicht. Da sind Sie schon nicht mehr an der Uni.

Noch viel später stellte sich heraus, dass Rena Müller-Niemann nie Mathematik studiert hat. Das war wohl ein Missverständnis. Sie hatte neben dem Fach, das sie unterrichtete, noch Literaturwissenschaft studiert.

*“Rena Müller-Niemann“ gibt es im realen Leben nicht und wenn, dann ist es Zufall. Gestehen wir der sozial vielleicht etwas plumpen Frau zu, dass außerdem vielleicht auch Studierende oder konkurrierende Kollegen Gerüchte über ihre mathematischen Leistungen verbreitet haben könnten. Die Uni ist, wie jede(r), der/die einmal studiert hat, ein Haifischbecken. Wie viele andere Bereiche auch. Das erklärt auch, warum es natürlich viele junge Frauen wie „Freya Runhild“ gibt, es hier aber um eine literarische Figur geht. Das Gleiche gilt natürlich für „Klaus“ und „Andi“. Aber wie gesagt: vermutlich kennt jeder ein paar sympathische und engagierte Hiwis, auf die die Beschreibung zutreffen könnte.

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