#FuckDeniz. Oder: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler

… ein Drama in vier Akten:

Der „Türke vom Dienst“ betreibt „Hetze gegen die Türkei“. Da komme ich, wenn ich ehrlich bin, nicht mehr mit. Die Debatte um den in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel hat allerdings eine Wendung genommen, die absehbar war.

Eigentlich lagen die Dinge klar auf der Hand: Angela Merkel hat den Böhmermann rausgepaukt, dann muss sie sich jetzt eben auch für den Yücel einsetzen. Immerhin bot Böhmermanns Gedicht, in dem er Recep Erdogan als „Ziegenficker“ bezeichnete, tatsächlich Reibungsfläche. Ich wusste auch nicht so recht, was ich davon halten sollte. Natürlich ist es ziemlich paranoid, wenn der Staatschef eines tausende Kilometer entfernten Landes das Mediengeschehen in Deutschland so penibel überwachen lässt, dass ihm auch Nebensächlichkeiten wie eine etwas überzogene Comedy-Aktion ins Auge stechen. Aber „Ziegenficker“ ist eindeutig beleidigend, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein Schenkelklopfer für geifernde Islamhasser ist, den Propheten Mohammed als „Pädophilen“ zu verunglimpfen.

Yücel dagegen hat in der Türkei doch eigentlich, wenn man es genau nimmt, nur seine Arbeit gemacht und das auch noch für eine deutsche Zeitung. Da in der Türkei andere Bedingungen herrschen als hier und Yücel zudem deutscher Staatsbürger ist, musste das Auswärtige Amt sich einschalten. Das Gleiche gilt ja auch, wenn ein Deutscher mit Drogen in Malaysia erwischt wird. Drogenschmuggel ist auch hierzulande eine Straftat, aber dafür gleich die Todesstrafe zu verhängen, das geht dann eben doch zu weit. Yücel hat keine Drogen geschmuggelt. Ihn erwartet keine Todesstrafe. Er ist einfach den beunruhigenden politischen Entwicklungen in der Türkei zum Opfer gefallen. Und wenn auch die Türkei ausländischen Journalisten Zugang zu Bereichen verweigern kann, die man für sensibel erachtet, so kann niemand diktieren, was in deutschen Zeitungen stehen darf. Umgekehrt würde man es ja auch befremdend finden, wenn die türkische Community in Deutschland quasi als Geisel genommen würde, um die Türkei politisch zu beeinflussen.

Der „Türke vom Dienst“: Multikulti, die Erste

Dabei könnte man es eigentlich belassen. Aber das passt nicht zur Hysterie des Internets und zu der emotional aufgeladenen Debatte um Migranten, ethnische Vielfalt und Einwanderung. „Einmal Türke, immer Türke“ regt sich der (deutsche) ehemalige Türkeikorrespondent Michael Martens in der FAZ auf und moniert, dass Auslandsberichterstattung mittlerweile zu stark ethnisch aufgeladen sei. Warum sollten nur Türken über die Türkei schreiben? Wäre das alles nicht passiert, wenn die „Welt“ statt Yücel einen Biodeutschen geschickt hätte? Deniz Yücel sei für Recep Erdogan eben Türke und werde daher behandelt wie die einheimischen unliebsamen Journalisten, so Martens.

Im Netz wird der Kommentar auf das Schlagwort „Türke vom Dienst“ komprimiert. Entsprechend entrüstete Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Andere Journalisten mit Migrationshintergrund weisen daraufhin, dass auch sie ihre Herkunftländer (oder die ihrer Eltern) liebten und deshalb über sie berichteten, so wie Deniz Yücel die Türkei liebe. Deutsche Kollegen von Yücel bezeichnen den Text als „infam“ und sprechen von „Niedertracht“.

Ja, stimmt, aus Martens Worten spricht nicht gerade sehr viel Mitgefühl mit dem inhaftierten Kollegen. Eher schon konnte man darin den rivalisierenden Journalisten herauslesen, der die Chance gekommen sieht, die eigene Stellung als Auslandkorrespondent zu verteidigen gegen die Konkurrenz „mit Blutsbande“ in die enstprechenden Länder.

Nur hatte die Gegenseite leider keine besseren Argumente – ethnische Zugehörigkeit, „Vaterlandsliebe“, Journalismus dürfe, ja solle ruhig auch „parteiisch“ sein, fordert Klaus Raab in der taz. Er zitiert die Politikredakteurin der „Zeit“ Özlem Topçu, die zu der Debatte um Deniz Yücel angemerkt hat, dass allzu lange der weiße, westliche männliche Blick den Journalismus bestimmt habe.

Italienisches Design & „Kopftuchmädchen“: Multikulti die Zweite

Das erinnerte mich unwillkürlich an eine Zeile von Ingo Zamperoni, die ich neulich gelesen habe. Zamperoni, seines Zeichens USA-Korrespondent, ließ sich über die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern aus und gab freimütig zu, dass ihm „als Deutschen“, einiges Magenschmerzen bereite, was für Amerikaner kein Problem sei, schon wegen der Geschichte. Zamperoni besitzt, so kann man auf Wikipedia nachlesen, wie Deniz Yücel zwei Pässe, neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die italienische.

Vermutlich würde man derartige Statements nicht von Journalisten wie Deniz Yücel, Özlem Topcu oder auch Margarete Stokowski hören. Man könnte argumentieren, dass Italiener in Deutschland auch keinen so schlechten Ruf hätten wie etwa Türken. Der trotzige Rückzug auf die eigene Andersartigkeit ist ja oft eine Reaktion darauf, ohnehin nicht dazugehören zu dürfen. Allerdings erinnere ich mich, in den 1990er Jahren einmal ein Buch über Migration in der Hand gehabt zu haben, ein ausdrücklich linkes Buch übrigens, in dem die türkischen Gastarbeiter gelobt wurden als stille, fleißige und anpassungsbreite Migranten, denen man oft Unrecht tue (Sicher stimmt das vielfach). Die Italiener dagegen seien faul, stritten die ganze Zeit lautstark miteinander und schleppten hier Mafia und Blutrache ein (In einigen Fällen stimmt sicher auch das. Es ist aber trotzdem ein Vorurteil.). Klar: „Albano & Romina Power“, „Caterina Valente, hat’n Arsch wie ’ne Ente“, dämliche, amüsante Leute, Schnulzen und sonstige grenzdebile Unterhaltung. Allerdings gilt das nicht, wenn man aus der Oberschicht stammt. Italienisches Design, Mode, Kunst, Oper, Töpfern in der Toscana – mit all dem wollte sich die deutsche Intelligentsia auch schon vor 20 Jahren nur zu gern identifizieren. Das zeigt einmal mehr, wie dumm, willkürlich und austauschbar Vorurteile sind und dass auch gebildete Leute nicht vor ihnen gefeit sind.

Dennoch ist es keine Glanzleistung und irgendwie auch müßig, eine Ethnie gegen die andere ausspielen zu wollen, ganz gleich ob es um Deutsche, Türken, Italiener, Russen, Polen, Nordafrikaner oder wen auch immer geht. Ich kann Özlem Topçu verstehen. Man selbst kennt das Land wie seine Westentasche – Geschichte, Kultur, Mentalität. Man spricht die Sprache, hat Zugang zu den dortigen Medien, kann ohne Mühe die politischen Debatten vor Ort nachvollziehen. Man brennt nur so darauf, seinen deutschen Landsleuten etwas davon zu vermitteln. Und dann wird einem ein blonder Biodeutscher vor die Nase gesetzt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und sich auf Englisch durchschlagen muss. Das spiegelt eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit wieder, über die man sich zu recht echauffieren kann, ja sogar sollte.

„Vaterlandsverräter“ & „Putinfreunde“: Multikulti, die Dritte

Andererseits kann man natürlich einwenden, dass Auslandskorrespondenten, die eine persönliche Verbindung zu dem Land, aus dem sie berichten, haben, in gewisser Weise befangen sind. In die Richtung ging ja in etwa, was Michael Martens geschrieben hat. Allerdings: Es hat auch immer schon deutsche Spione gegeben, Menschen, die die Seiten gewechselt und das Land, in dem sie aufgewachsen sind, „verraten“ haben. Blut ist offenbar doch nicht immer dicker als Wasser.

Ein aktuelles Beispiel sind vielleicht die (deutschen) „Putinfreunde“, die in Russland und Wladimir Putin ein wegweisendes Beispiel sehen. Meist sind es Linke oder ehemalige Linke, die sich nicht scheuen, „für den Frieden“ auch mit Rechten „strategische Bündnisse“ einzugehen und sich mindestens ebenso „antideutsch“ gebärden wie es Deniz Yücel getan hat.

Nicht zu vergessen die Russlanddeutschen, von denen es heißt, viele würden AfD wählen, die Fake-News-Affaire um „naša Lisa“, das dreizehnjährige russlanddeutsche Mädchen aus Berlin, das angeblich von Südländern vergewaltigt worden sein sollte und im Zuge der Vorwürfe, die sich sehr schnell gezielt gegen Merkels Flüchtlingspolitik wendeten, in Russland wieder zu „unserer Lisa“ wurde. Auf Wikipedia ist der Fall dokumentiert.

Kulturelle Repräsentation & Konkurrenzdruck: Multikulti, die Vierte

Multikulti ist nicht einfach. Und anders als die Debatte um „die türkische Stimme“ Yücel oder, schlimmer, „den Türken vom Dienst“ Yücel es vermuten lässt, erhält der „Welt-Journalist“ ausgerechnet von einer sozialen (bzw. ethnischen) Gruppe kaum Unterstützung: den in Deutschland lebenden Türken. Die machen, ganz im Gegenteil, auf Twitter unter dem Hashtag #FuckDeniz sogar kräftig Stimmung gegen ihn, bizarrerweise Seite an Seite mit den Rechten. In der „Welt“  heißt es, man fühle sich einmal mehr verraten – nicht nur der NSU-Skandal, Rechtsterror, der viel zu lange unter dem Label „Dönermorde“ lief – Nein, jetzt auch die Solidarität mit dem „Terroristenunterstützer“ Deniz Yücel.

Die „türkische Stimme“ gibt es also nicht. Deniz Yücel repräsentiert sie nicht, aber auch nicht die deutschtürkischen Erdogan-Anhänger, nicht biodeutsche Türkei-Korrespondenten wie Michael Martens, aber auch nicht dessen Kollegen, die sich „parteiisch“ auf der Seiten der Minderheiten wähnen.

Dieses Denken ist gefährlich und ich kann ein Lied davon singen. Immerhin habe ich in den letzten Jahren u. a. die Bekanntschaft endlos vieler Frauen gemacht, die – vermeintlich „mehr Frau“ als ich – Menschen wie mir eine Stimme geben wollten. Nur dass ich selbst deshalb leider den Mund zu halten hatte und außerdem sorgsam darauf geachtet werden musste, dass ich mich auch nur ja nirgends einbringe. Ich möchte nicht von anderen „repräsentiert“ werden, ganz gleich wie lautstark die angeblich „Partei“ für mich „ergreifen“. Und ich kann verstehen, wenn es anderen ähnlich geht.

Allerdings sind das Streitereien, die eher zunehmend aggressive Konkurrenzsituationen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt wiederspiegeln, als dass sie sich ernsthaft mit der multikulturellen Gesellschaft (oder Frauenrechten) befassen würden.

Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler!

Recep Erdogan darf in Deutschland unter den Deutschtürken, denen, die auch einen türkischen Pass haben, Wahlwerbung machen. Dann darf Deniz Yücel auch für Deutschland kritisch aus der Türkei berichten. Und wenn der deutsche Staat Jan Böhmermann in der Causa „Ziegenficker“ Händchen gehalten hat, so ist es nur recht und billig, auch den umstrittenen „Welt“-Korrespondenten zu unterstützen. Das hat nichts damit zu tun, ob man „dem Türken“ helfen möchte oder nicht, ob man Yücel als Menschen mag oder nicht, ob man seine Artikel gut findet oder nicht oder, auf einer grundsätzlicheren Ebene, ob man für oder gegen „Multikulti“ ist. Es ist einfach eine Realität unserer Gesellschaft. Oder, etwas blumiger formuliert: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler. Wenn einem das nicht passt, braucht man sie gar nicht erst in Betrieb nehmen (Es liefe ja doch nur alles ins Leere).

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