#FreeDeniz? Ach, lasst ihn schmoren!

Um die Pressefreiheit in der Türkei ist es nicht gerade gut bestellt. Jetzt hat es einen deutschen Journalisten erwischt, oder besser gesagt: einen deutsch-türkischen: Welt-Korrespondent Deniz Yücel.

Die Solidarität im Internet ist überwältigend. Der Hashtag #FreeDeniz hat auch mich erreicht. Ungute Erinnerungen: taz-Veranstaltungen. Yücel war ja mal bei der taz. Die taz ist nichts für Leute wie mich nicht, ebensowenig wie die Heinrich-Böll-Stiftung, Carolin Emckes Streitraum, usw.. Vielleicht liegt es daran, dass zumindest Carolin Emcke Compact-Nachwuchs à la Marc Dassen dafür sehr nett hosted. Vielleicht sind es aber auch all die hysterischen Frauen, die Queer für sich gepachtet haben und Angst hatten, ich könnte es ihnen wegnehmen. Egal, ich habe sie eigentlich allesamt gefressen: Die Müsli-Elite mit ihren geschniegelten und glattgebügelten Generation-Smartphone-Kindern, die Adipositas-Frauen, die Minderheitenapostel, Öko-Apokalyptiker und Vegan-Fanatiker in ihren „alles in der Atkleidersammlung gefunden!“- Markenklamotten, die Falschheit und Hochnäsigkeit der Leute, die intellektuelle Dumpfheit („Ja, ich hab‘ kapiert, du bist hier die ‚Dyke‘!“), die ganzen „Homos“, „Migranten“ und „Juden“ ehrenhalber, die sich einen Spaß daraus machen, andere zu triezen und danach dann grinsend ein Bierchen mit ihren „Breitbart“-Freunden trinken gehen (Sind doch auch schwul! Sind doch auch Migranten! Was hast du denn?).

Vielleicht tue ich hier und da jemandem Unrecht, aber es ist einfach nicht meine Welt. Ich glaube, Deniz Yücel ist auch so einer, das, was er in der taz geschrieben hat, klang danach. Migrant ist er allerdings ja wirklich. Irgendwie. Und Deutscher.

Genau da liegt das Problem: Unter #FreeDeniz erreichen einen nämlich auch Tweets, die lautstark ins World Wide Web krakeelen, dass einer, der Deutschland nicht liebt, auch ruhig zur Hölle fahren könne. Irgendwo las ich, dass Yücel die Türkei liebt. Aber ich sagte ja bereits, dass ich zu dem Typen und seiner Hood keine Affinität habe.

Ich könnte auch gleich noch hinzusetzen, dass, wäre es meine Wenigkeit, die da in einem ranzigen türkischen Knast schmorte, die Hashtags, die forderten, mich doch gleich da zu lassen und dass man/frau/mensch ja froh sein könne, dass ich weg sei, noch viel zahlreicher wären.

Es ist bloß so, was wäre, wenn man den Spieß dann einfach mal umdreht? Was wäre, wenn jetzt ich am längeren Hebel sitzen würde? Wenn ich auf die „Alternativmedien“-Blogger (Sind nicht auch ein paar tazler zu RT gewechselt? Habe ich, glaube ich, mal in der Neon gelesen) , die was von BRD GmbH faseln, keinen Bock hätte, und die Sektkorken knallen, sobald da mal jemand in der gefühlten Zweitheimat Russland Ärger kriegt? – Mother Russia wird’s schon regeln! Was, wenn ich jubeln würde, wenn es einen Hipster in Thailand erwischt, mit ein oder zwei Gramm, was in der Region tatsächlich ins Auge gehen kann?

Genau, also jedenfalls für den Fall, dass du dich jetzt entrüstest, lieber Leser, liebe Leserin: Das meinte ich nämlich: Ganz schön blöd, wenn man danach geht, ob man die Leute mag oder nicht, ob einem ihre Visage genehm ist oder nicht, ob man das, was sie sagen (oder schreiben) ganz große klasse findet, strunzblöd oder einfach keine Meinung dazu hat.

Besser nicht. Man fühlt sich selbst doch auch irgendwie wohler bei dem Gedanken, dass man trotzdem zu seinem Recht kommt, trotzdem Bürger (oder Bürgerin) dieses Staates ist, trotzdem die Meinungsfreiheit auch für sich voll ausschöpfen kann – auch wenn es Leute gibt, denen man nicht so sympathisch ist, die eben ganz anderer Meinung sind. Oder die finden, – Das muss ich jetzt noch hinzufügen, das ist in meiner langen Tirade ganz untergegangen -, dass man nicht „deutsch“ genug ist, um unter dem Schutz des deutschen Staates zu stehen.

Doof, denn dann kann man, wie gesagt, ja eben auch finden, dass das, was du sagst, denkst, findest, schreibst, irgendwie nicht so „deutsch“ ist, jedenfalls nicht das, was ich darunter verstehe (Vielleicht eher „russisch“? Sollten nicht dann die dortigen Autoritäten entscheiden?). Oder deine Kleidung, die Musik, die du hörst, deine Visage, … Ich wiederhole mich.

Also, die #FreeDeniz-Leute sind wahrscheinlich Fans, die sich für ihren Lieblingsjournalisten einsetzen. Ansonsten überlegt man sich einfach, was man denken würde, wenn da jemand in der fernen Türkei im Knast sitzen würde, den man selbst cool findet. Die deutsche Botschaft sollte sich, finde ich, einfach für alle Bürger (und Bürgerinnen) unseres Landes einsetzen, egal ob zweiter Pass oder nicht. Doppelpass heißt ja nicht „Staatsbürgerschaft light“ und Yücel ist ja darüber hinaus auch für ein deutsches Medium tätig. … Und jetzt fallen mir fast die Augen zu. Zeit für einen Log-Out und einen Kaffee …

 

 

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