Aus Laila Phunks Bücherregal – Krimi-Ecke: „Böser Samstag“ von Nicci French

boesersamstag

Hm. „Bestseller“ – das klang schon mal gut. Was viele Leute gerne lesen, gefällt oft auch mir. Das heißt, mit Einschränkungen. Eigentlich bin ich, was Bücher betrifft, ein ganz schöner Suppenkasper. Ich lese gern, aber zu hochgestochen sollte es nicht sein. Zu platt aber auch nicht. Intelligente Krimis gefallen mir, Psychothriller mit sozialem Touch, keine reine in Worte gegossene Action, aber was dann als „intelligent“ angepriesen wird, ist mir oft auch zu sperrig.

Also nahm ich „Böser Samstag“ von Nicci French mit etwas Misstrauen in die Hand. Der Plot sprach mich sofort an: Hannah Docherty sitzt seit 13 Jahren in einer psychiatrischen Anstalt. Die junge Frau soll ihre Familie – den kleinen Bruder, die Mutter und den Stiefvater – in einem Wahnanfall ermordert haben. Doch die Psychologin Frieda Klein bezweifelt, dass Hannah wirklich die Täterin ist. Eigentlich spricht alles dafür, denn vor 13 Jahren glitt Hannah, damals noch ein Teenager, in die Drogen- und Hausbesetzerszene ab: ein wildes Mädchen, das nur noch schwarz trug, groß, sportlich und angsteinflößend, durchgeknallt und zwar schon ein bisschen mehr als nur der übliche Pubertätsweltschmerz.

Heute ist Hannah ein Wrack, ein ungewaschener Haufen Mensch, der sich nicht einmal mehr richtig artikulieren kann, fast schon ein Tier. Sogar in der Anstalt, einem Maßregelverzug für hochgefährliche, psychisch kranke Frauen, die alle bestialische Morde begangen haben, wird Hannah gemobbt: Schläge, Quälereien und andere Übergriffe, die dazu führen, dass die Psychologen Hannah der Bequemlichkeit halber lieber in Einzelhaft halten und sich Erfolg versprechenderen Frauen wie der smarten, einsichtigen Mary Hoyle widmen.

Frieda Klein, die sich von der Gleichgültigkeit des überforderten Anstaltspersonals nicht irritieren lässt, gräbt in Hannahs Vergangenheit und stößt auf Ungereimtheiten: Es war allgemein bekannt, dass Hannah ein enges Verhältnis zu ihrem jüngeren Bruder hatte und den kleinen Rory vor Attacken auf dem Schulhof beschützte. Warum hat sie ihn dann umgebracht? Ganz abgesehen davon, dass nicht alle Dochertys am Tatort gestorben zu sein scheinen.

Was hat es mit Rorys pädophilen Lehrer auf sich? Hätte er ein Motiv gehabt? Oder ging es um Geld? Hannahs Mutter hatte sich durch ihre neue Ehe finanziell erheblich verbessert und ihr Ex-Mann reagiert eher unwirsch auf Friedas Recherchen. Auch Hannahs damalige Clique war ständig in Geldnot. Eine ehemalige Mitbewohnerin, deren Leben mittlerweile in geordneten Bahnen verläuft, schien zudem eifersüchtig auf Hannah gewesen zu sein.

Könnte hinter so manch gutbürgerlicher Fassade ein Wahnsinn lauern, der sehr viel brutaler und gefährlicher ist, als alles, was ein ausgeflippter Teenager anrichten könnte? Frieda ermittelt auf eigene Faust. Ihr zur Seite steht ein skurrilles Team, zu dem der ukrainische Handwerker Josef und die Polizistin Yvette gehören.

Es ist die große Stärke von „Böser Samstag“, eine bittere Geschichte mit schrägem Charme zu erzählen, ohne dabei die gebotene Ernsthaftigkeit preiszugeben. Milieu- und Charakterstudien werden dabei unaufdringlich eingeflochten, so dass man als Leser nicht das Gefühl hat, es ginge in erster Linie darum, soziologisches Wissen zu vermitteln.

Fazit: Mit „Böser Samstag“ ist dem Schriftstellerehepaar Nicci Gerrard und Sean French Unterhaltung auf höchstem Niveau gelungen. Wer, wie ich, ansonsten noch kein Buch aus der „Wochentagsreihe“ von Nicci French gelesen hat, freut sich darauf, der neugierigen Psychologin Frieda Klein in den anderen Bänden wieder zu begegnen.

Nicci French: „Böser Samstag“. Die deutsche Ausgabe erschien 2016 im Bertelsmann Verlag.

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