Umgekehrt

Nach Liste oder nach Gefühl?

„Ich hatte recht. Sie haben sich geirrt. Also gehen Sie jetzt bitte weg von dem Computer!“ sagte die ältere Frau freundlich, aber bestimmt. Sie hatte sich zur Verstärkung eine der Bibliothekarinnen geholt, bei denen man in eine Liste eintragen lassen konnte, um kostenlos die bibliothekseigenen Computer und Internet nutzen zu können. Ich hatte mich für die halbe Stunde zwischen 14 Uhr und 14 Uhr 30 eintragen lassen und genau diesen Computerplatz zugewiesen bekommen. Es war bereits Viertel nach zwei. Um zwei hatte die ältere Frau, die den Computer die halbe Stunde vorher gehabt hatte, gepampt, dass sie mit ihrer Arbeit noch nicht fertig sei. Ich hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass jeder die Computer für eine halbe Stunde nutzen dürfe, aber jetzt sei eben ich dran. Da hatte die Frau gezetert, dass ich sie in Ruhe lassen sollte. Ich wiederholte, was ich gesagt hatte. Die Frau herrschte mich an, ich solle weggehen, sie wolle weiterarbeiten. Just in dem Moment, wo ich beschlossen hatte, zur Aufswicht zu gehen, um das Problem zu klären, sprang die Frau auf, schnappte ihre Sachen und stapfte davon.

Die Sache war aber, wie ich begriff, noch nicht ausgestanden. Ich bat die Bibliothekarin, die mit der Frau gekommen war, noch einmal in der Liste nachzusehen. Dort habe mich einer ihrer Kollegen gegen Viertel nach eins eingetragen, so dass ich jetzt nicht verstünde, was los sei. Die ältere Frau schnauzte, ich könne doch auch in ein Internetcafé gehen. Da packte mich die Wut. „Das können Sie ja umgekehrt genauso tun.“ schnauzte ich zurück, und beharrte darauf, dass doch wohl jeder die Bibliothekscomputer benutzen dürfe. Die Bibliothekarin die gekommen war, um mich von dem Computer zu verscheuchen, sah ratlos aus. Ich bat noch einmal darum, sie solle in der Liste nachsehen. Die andere Frau habe nicht weggehen wollen. Aber vielleicht handelte es sich auch um ein Missverständnis? Innerlich kochte ich vor Wut. Doch die Bibliothekarin ging. Die ältere Frau, die nicht von ihrer Seite wich, hatte jetzt einen klagenden Tonfall angenommen: „Sie hat sich da einfach hingesetzt!“. Ich hörte, wie sich die beiden entfernten. „Die ist doch verrückt!“ ereiferte sich die Alte. „Sie hat …“, „Solche Leute … “ – das ging noch ungefähr zehn Minuten so, doch die Bibliothekarin kam nicht zurück. Ich hatte mich nicht geirrt. Allerdings war jetzt auch meine Zeit am Computer um. Mit schweißnassen Händen stand ich auf.

Verletzt

Ein paar Wochen später, ich saß wieder am Bibliothekscomputer, die Hand an der Maus, als ein Arm über meinen griff und der Deckel eines dicken Leitz-Ordners an den Bildschirmrahmen knallte. Erschrocken fuhr ich zurück und bat die Frau, die gerade dabei war, sich ihren Arbeitsplatz einzurichten, den Ordner mehr zu ihr zu rücken, denn mit dem an meinen Computer gestützten, aufgeschlagenen Ordner konnte ich nicht gut weiter tippen. „Das geht nicht.“ erwiderte die Frau knapp. „Doch!“ Ich sah, das genug Platz war. „Hier, sehen Sie.“ Ich schob den Ordner zu ihr herüber, bis er vollständig aufgeschlagen auf dem Tisch lag. „Also wirklich!“ empörte sich die Frau und stellte den Ordner wieder auf, sodass der Deckel sich, wie vorher an meinen Bildschirm stützte. In mir brodelte es, aber ein kleiner Mann in meinem Kopf sagte mir, dass es besser wäre, nicht zu insistieren. „Sich wegen einer solchen Kleinigkeit aufzuregen! Vielleicht kannst du auch so weiter arbeiten. versuche es doch wenigstens mal!“

Fünf Minuten später quetschte sich die Deckelkante des Ordners in meine Finger. Schnell zog ich meine schmerzende Hand weg. Die Frau hatte sich offenbar überlegt, dass der Ordner doch anders positioniert werden sollte. Ich hatte genug. Ich nahm den Ordnerdeckel, klappte ihn leicht hoch und schob den Ordner zu ihr. „Es reicht!“ brüllte ich. „Sie nehmen jetzt den Ordner zu sich und zwar sofort!“. „Hören Sie auf, mich zu verletzen!“ quiekte die andere. Ich hätte ihr am liebsten eine geklebt, denn ich sah, dass das nicht der Fall war – ihr Arm lag glatt auf der anderen Seite des Ordners und wurde mit ihm weiter geschoben. Ich selbst brauchte meine Finger leider auch noch. Ich sah allerdings auch die narben auf ihrem Unterarm, die von Schnitten herrühren mussten. „SIE. HABEN. MICH. VERLETZT.“ Es fiel mir schwer, die Fassung zu bewahren „Hier! Meine Finger! Und jetzt nehmen Sie Ihren blöden Ordner! Da ist Platz genug!“. „Hören Sie auf, mich zu verletzen!“ jammerte die andere Frau. Sie wandte sich an ihre Nachbarin auf der anderen Seite: „Sie verletzt mich! Sie verletzt mich!“. „Ich würde mich da gerne raushalten.“ erwiderte die andere knapp.

Die Frau beruhigte sich, zog den Ordner zu sich und erledigte, was sie vorgehabt hatte, zu erledigen. Innerlich zitterte ich vor Wut und beruhigte mich nur langsam. Es war nicht so sehr die Aktion an sich. Die Frau hatte mir sicherlich nicht absichtlich die Finger quetschen wollen. Es war ja alles noch dran. „Sie ist verrückt!“ raunte eine Stimme in meinem Kopf, die nicht zu den netten, liebenswürdigen Anteilen meiner Persönlichkeit gehörte: „Vollkommen gaga! Die hat das nicht gerafft, dass das mit dem Ordner platzmäßig nicht hingehaut, so wie sie sich das vorgestellt hat. Die hat gedacht, du willst ihr was!“

Das Monster

„Sie hat Borderline“ fügte die Stimme hinzu. „Frauen wie sie und die Alte neulich haben dafür gesorgt, dass einige Leute hier denken, du wärst eine augekochte Bestie. Die Frauen haben einfach alles umgedreht. Denen fehlt etwas im Kopf, das ihnen begreiflich machen würde, dass es okay ist und keine bösartige Attacke gegen sie, dass du den Computer benutzen willst, wenn du dich dafür in die Liste hast eintragen lassen. Die schnallen auch nicht, dass du wütend wirst, wenn sie dir weh tun. Und weil die Computerplätze in der Bibliothek oft von psychisch Kranken benutzt werden und du auch noch vor einer Menge Leuten freimütig zugegeben hast, dass du auch mal ’ne Therapie gemacht hast, bist du halt jetzt auch die Verrückte und nicht sie. Die fetten Frauen in Kreuzberg haben das gleiche Spiel mit dir getrieben, weil die nämlich, wie du ja gut erkannt hast, kein Stück lesbisch oder transgender sind, sondern einfach einen an der Waffel haben.“

„Aber du weißt ja auch“ fuhr die diabolische Stimme fort „Dass diese Frauen eine Menge Leute in ihrem Rücken haben. Feministinnen wie Margarete Stokwski z. B. sehen es tatsächlich so, dass sie nicht verrückt sind, sondern einfach an der Frauenfeindlichkeit unserer Gesellschaft leiden. Als ob du keine Frau wärst. Carolin Emcke unterstützt diese Frauenszene und selbst die „Zeit“ hat versucht, ein psychopathisches Teenie-Mädchen, das seine beste Freundin totgeschlagen hat, als leidenschaftlich liebende junge Lesbe und „Leitwölfin“ zu verkaufen.“

„Das ist es doch gerade, was mich so verzweifeln lässt!“ antwortete ich meiner inneren Stimme. „Es ist doch z. B. einfach logisch, dass man in der Computerliste nachschaut, wer dran ist, wenn es Streitigkeiten um Computerplätze gibt.“ Ich schluchzte innerlich „Ich bin doch kein Monster, nur weil ich die gleichen Rechte für mich in Anspruch nehmen will wie andere auch! Und außerdem: Von mir zu verlangen, in ein Internetcafé zu gehen! Und die andere, die sich nicht einmal entschuldigt hat, dafür dass sie mir die Finger gequetscht hat, sondern sich gleich reflexhaft daran gemacht hat, mich anzuschwärzen…“ Ein aggressiver Unterton mischte sich in meinen inneren Monolog. „Die Bibliothekarin hat doch nachgeschaut.“ gab die Stimme zu bedenken. „Ja aber …“ setzte ich an …

Die Bankkarte, die sich nicht fügen wollte

Ich erinnerte mich an die Sache mit meiner Bankkarte. Das ist jetzt schon viele Jahre her. Ich war bei der einer Freundin, die ich hier Katharina* nennen werde, auch wenn sie eigentlich anders heißt. Katharinas Eltern waren zufällig auch gerade da. Ich selbst war erst seit kurzem in Berlin und brauchte Kontoauszüge. Damals hatte ich mein Konto noch bei einer Bank in Süddeutschland, dort, wo ich vorher gewohnt hatte. Leider hatte sich der Automat der Berliner Filiale geweigert, mir Kontoauszüge auszuspucken. „Das müsste aber eigentlich gehen. Bei Katharina geht es auch und die hat ihr Konto auch noch in Hannover* Stimmt’s Katharina?“ Meine Freundin nickte. „Ja, ist gar kein Problem.“ „Aber ich habe es doch ausprobiert. Es hat wirklich nicht geklappt!“ entgegnete ich. „Na, du wirst dich halt etwas dumm angestellt haben …“ ließ sich Katharinas Vater vernehmen. Es lag auf der Hand, dass der Berliner Automat Katharinas hannoveranische Karte akzeptiert hatte, weil Hannover nicht ganz so weit von Berlin entfernt ist. Dass die süddeutsche Stadt, in der ich zuvor gelebt hatte, aber wohl zu weit weg war. Ich hatte Aldi Süd und Aldi Nord im Kopf. In Berlin gab es Aldi Nord. da, wo ich vorher gelebt hatte Aldi Süd. Ich äußerte meine Vermutung und ließ das mit Aldi weg. „Jetzt hör mal. Wir haben dir doch gesagt, dass es bei Katharina problemlos geht! Du wirst halt einen Fehler gemacht haben. Geh einfach nochmal zur Bank.“ polterte Katharinas Vater. „Ganz wie deine Mutter!“ setzte er noch hinzu.

Also ging ich noch mal zur Bank, die um die Ecke lag, und versuchte es erneut. Wieder verweigerte sich der Automat. Schließlich rief ich bei der Bank an. Ich erläuterte das Problem und fügte verzweifelt hinzu: „Aber bei einer Freundin von mir hat es doch auch geklappt! Und die ist bei einer ihrer Filialen in Hannover!“ „Ja, das liegt daran,“ erklärte die Mitarbeiterin meiner Bank freundlich „dass Hannover im Verbund Norddeutschland ist. Genau wie Berlin. Wir hier sind aber im Verbund Süddeutschland. In München oder Stuttgart könnten Sie sich mit Ihrer Karte Kontoauszüge ausdrucken lassen, aber in Berlin geht das leider nicht.“

Triumphierend lief ich zurück und erzählte von dem Telefonat. „Hör zu, bei Katharina geht es ohne Probleme. Glaubst du, sie lügt?“ war die Reaktion. „Ach, dir ist auch nicht zu helfen.“ Damit war die Sache erledigt.

Alle doof oder was?

Eigentlich waren Katharina und ihre Familie ganz nett, wohlhabend, aber immer hilfsbereit, Intellektuelle, die alle in verschiedenen Ländern dieser Erde gelebt hatten, also weltgewandt und lebenserfahren waren. Katharina war ein Jahr älter als ich und immer vernünftiger, erwachsener und reifer gewesen. Von ihr konnte man lernen. Als Kind hatte ich sie um ihre flachsblonden Zöpfe beneidet. Als sie einmal Urlaub in der Heimat meiner Vorfahren gemacht hatten, hatten die Leute dort Katharina an den Haaren gezogen, wie sie Jahre später einmal lachend erzählte. Ich selbst war unter den braunen und schwarzen Haarschöpfen nicht aufgefallen. Niemand hatte sich für meine Haare oder sonst etwas interessiert.

Warum war es, als wir dann erwachsen waren, trotzdem plötzlich so schwer, die logische Erklärung für das Problem mit meiner Bankkarte zu akzeptieren? Zumal ich ja entgegengekommen war, mich hatte belehren lassen und das Ganze auch mehrfach ausprobiert und überprüft hatte …

Ein bisschen sind solche Leute wie die Frauen in der Bibliothek, nur dass sie nicht verrückt sind. Ist vielleicht das der Grund, warum Margarete Stokowski, Carolin Emcke und die „Zeit“ diese Menschen unterstützen?

Avantgarde?

„Nein, sie schicken sie vor!“ meldet sich die boshafte Stimme in meinem Kopf wieder zu Wort. „Katharina und ihre Eltern? Nein, warum sollten sie?“ erwidere ich. „Nein, aber z. B. die Frauen, für die Margarete Stokowski schreibt. Die sind nicht gaga – ganz im Gegenteil, es sind junge Frauen, die an der Spitze unserer Gesellschaft stehen. Aber sie haben Probleme und suchen jemanden wie dich zum Treten, damit sie das Gefühl haben, da ist eine, gegen die sie vielleicht wirklich, also auch innerlich, gefühlt, die „Stars“ sein können, zu denen ihre Eltern sie machen wollten. „Germany’s next Topmodel“, Selbstoptimierung und so …“

„Na ja, ich weiß nicht“ beendete ich den inneren Monolog. Ich weiß es nämlich wirklich nicht.

*Name, Ort geändert.

 

 

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