Was ist Faschismus? Laila Phunk erklärt die 10 wichtigsten Aspekte

faschismus

Faschismus geht auch ohne Rassenhass und Vernichtungslager. Macht es das deshalb aber gleich viel harmloser? Der Nationalsozialismus jedenfalls ist für dumpfe Nazi-Schläger, die provozieren wollen, eine Art Punk von rechts, könnte man denken. Die neue Rechte, die in den intellektuellen Salons Europas und der USA zu Hause ist und sich anschickt, die Parlamente zu erobern, bezieht sich eher auf den italienischen Faschismus. Ist Donald Trump aber ein neuer Benito Mussolini, wie u. a. die russisch-amerikanische Publizistin Masha Gessen nahelegt? Und was hat was zu bedeuten, dass Steve Bannon, der us-amerikanische Chefstratege und Chef des neurechten Online-Magazins „Breitbart“, sich als „Leninist“ bezeichnet? Steht uns ein neues Zeitalter der Totalistarismen ins Haus? Immerhin wird sogar Hannah Arendt herangezogen, um das Phänomen Trump, die neue Rechte und ihre Erfolge zu erklären.

Maßlos übertrieben oder angemessene Warnung zur rechten Zeit? Vielleicht liegt es an der Hysterie des Internets. Immerhin sind mit Panikmache und Katastrophenmeldungen mehr Klicks zu machen als mit nüchternen Analysen. Vielleicht ist es aber auch eine neue Kopflosigkeit, die dazu führt, dass so viele historische Vergleiche gezogen werden. Man weiß, dass Trump kein zweiter Mussolini ist und Bannon ganz sicher kein neuer Lenin. Aber man weiß auch, dass etwas Machtvolles und Gefährliches am Horizont lautert, etwas, das antidemokratisch ist und auf Überlegenheitsgefühlen und Abschottung beruht. Was ist, wenn die Unkenrufe im Internet nun doch nicht so übertrieben sind? Außerdem, dass der faschistische italienische Philosoph Julius Evola, der Esoterik und Metaphysik mit elitärer Dünkelhaftigkeit, Rassismus und Antisemitismus verband, von Russland bis Frankreich, übrigens auch in Deutschland, in der Rechten so eifrig rezipiert wird, sollte zu denken geben. Was stimmt also: Wiederholt sich Geschichte immer oder wiederholt sich Geschichte nie? Stehen wir am Vorabend einer neuen faschistischen Ära oder haben wir es mit einem gänzlich neuen Phänomen zu tun? Oder können am Ende eben doch die Rechten damit auftrumpfen, dass sie „ja gar nicht so schlimm“ sind, eigentlich eher Konservative, denen man brutal Unrecht tut?

1. Alles fascho oder was?

Wenn Marine Le Pen sich um jüdische Wählerstimmen bemüht, dann nimmt man ihr das nicht wirklich ab. Zu gut sind die antisemitischen Ausfälle von Jean-Marie, Le Pen „père“, in Erinnerung. Und doch hat der französische Front National mit Florian Philippot z. B. einen chicen Schwulen in ihren Reihen, der schwarze Komiker Dieudonné hat sich sogar zu früheren Zeiten selbst aktiv gegen Rassismus engagiert. Der Verfasser des „Alt-Right“-Manifests, Milo Yiannopoulos, wiederum hat das Zeug zum Shooting-Star jeder hippen, metrosexuellen Großstadtszene und auch in der deutschen AfD tauchen hier und da Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Juden auf. Man reibt sich die Augen und fragt sich: Hat man es wirklich mit Rechten zu tun? Oder ist die neue Rechte nicht wirklich eine Rechte, nicht im klassischen Sinne jedenfalls?

Tja, wenn da nur nicht die Schönheitsfehler wären: Dieudonné z. B. ist ein strammer Antisemit, nicht „nur“ entschieden „pro Palästina“, nein, auch mit Verbindung zu Holcaust-Leugnern. 2014 hat er deshalb sogar Einreiseverbot für Großbritannien erhalten. Und Milo Yiannopoulos hält im Manifest der Alt-Right-Bewegung nicht damit hinterm Berg, dass er für Frauenrechte nicht viel übrig hat und für das „natürliche Konservative“, den Drang, den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen zu beschützen, eintritt. Dass er am Ende des Manifests relativiert, es gehe ja eigentlich nur gegen die „Political Correctness“ der Linken, beteuert, sie selbst hätten ganz viele jüdische homosexuelle Freunde, seien ihrerseits „racially mixed“ und hätten mit Allum Bokhari sogar einen „Kebab“ in ihren Reihen, nimmt sich eher schwach aus. Man fragt sich: Ja, was denn nun? Den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen schützen oder Party mit dem internationalen Jet-Set machen? Vielleicht ist Evola die Antwort darauf, der italienische Faschismus, jedenfalls nicht der deutsche Holocaust. Das wäre zu sehr mit dem Vorschlaghammer.

2. Schuld sind die Italiener!

Nein, am Holocaust sicherlich nicht. Aber der Faschismus ist eine italienische Erfindung. Rechts und totalitär, aber – und das dürfte für Deutsche erst einmal merkwürdig klingen – m Kern nicht antisemitisch – Mussolini soll sogar eine jüdische Geliebte gehabt haben, die Kunstkritikerin Margherita Sarfatti. Obwohl es Antisemtismus in Italien gab und gibt. Nur war er eben nicht der Dreh- und Angelpunkt der faschistischen Ideologie. Rassistisch war der italienische Faschismus auch nicht bzw. – an dieser Stelle kommt man um ein entschiedenes „jein“ nicht herum: 1938 traten in Italien unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands die „faschistischen Rassegesetze“ („Leggi razziali fasciste“) in Kraft. Sie richteten sich, in Anlehnung an die „Nürnberger Gesetze“, tatsächlich gegen die jüdische Bevölkerung und in dem Manifest „La difesa della razza“ („Die Verteidigung der Rasse“, Übersetzung Laila Phunk) wird ausdrücklich gefordert: „Es ist an der Zeit, dass die Italiener sich ohne wenn und aber als rassistisch betrachten!“ („E‘ tempo che gli Italiani si proclamino francamente razzisti!“, zit. nach: Wikipedia, Übersetzung Laila Phunk). Italiener gehörten, so das Manifest, zu den „Ariern“ und würden sich daher grundlegend von der restlichen Mittelmeerbevölkerung, insbesondere den Nordafrikanern, unterscheiden. Also doch Antisemitismus und Rassismus. Allerdings muss man sagen, dass Juden in Italien nicht so eifrig verfolgt wurden wie in Deutschland. Es war eben doch eine Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland, auch wenn es in Italien unter den Faschisten auch welche gab, die die Nazi-Linie aus persönlicher Überzeugung befürworteten, z. B. Roberto Farinacci.

3. Law and Order

Eigentlich ging es im italienischen Faschismus, anders als in Deutschland, aber vor allem um Law and Order. Es sollte wieder Ruhe einkehren und eine Regierung mit harter Hand sollte die radikale Kehrtwende von allem, was bisher war, bringen. Die konservativ-liberale „Ära Giolitti“, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unter Ministerpräsident Giovanni Giolitti, war durch Krisen, soziale Unruhen und Korruption gekennzeichnet, die nach dem Ersten Weltkrieg in dem sog. „Biennio Rosso“ („den zwei roten Jahren“) in Fabrikbesetzungen und Massenstreiks kulminierte. Der Hintergrund: Italien war (auf Seiten der Alliierten) in den Ersten Weltkrieg eingetreten, obwohl von vornherein klar war, dass es sich den Kriegsbeitritt wirtschaftlich gar nicht leisten konnte. Die fatalen Folgen bekamen vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten zu spüren, was sich in einer rabiaten Wut gegen die Machthaber und in Forderungen nach einem sozialistischen Umsturz entlud.

Allerdings: Es waren die Leute um den ehemaligen Sozialisten Benito Mussolini, die den Kriegseintritt gefordert hatten …

Heute bedeutet Krieg wenn dann eher „Krieg gegen den Terror“. Natürlich hat die Bevölkerung in Europa und in den USA ein Recht darauf, sich vor terroristischen Anschlägen bestmöglich schützen zu wollen. Es ist aber fraglich, ob willkürlich verhängte Einreiseverbote, ein straffes Hochfahren des Sicherheitsapparates und möglichst viel staatliche Überwachung den gewünschten Effekt bringen. Man muss sehr genau hinschauen, welche Maßnahme wirklich zu einem besseren Schutz beiträgt und sich auf Menschen beziehen, die aufgrund tragfähiger Beweise als „Gefährder“ eingestuft werden. Immerhin ist man das dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit schuldig. Dass vor dem Gesetz alle gleich sind, gleiche Rechte und Pflichten haben und den gleichen Schutz genießen ist eine der tragenden Säulen der Demokratie, sprich: ohne Rechtsstaat ist Demokratie nicht machbar. Mal ganz abgesehen davon, dass wer behauptet, Korruption zu bekämpfen, den verkommenen Eliten eine klare Absage zu erteilen und politischer Destabilisierung entgegenwirken zu wollen, wenig glaubwürdig wirkt, wenn dann Willkür die Antwort ist.

4. Immer wichtig: Die soziale Frage

Dass die sog. „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, wie der Soziologe Helmut Schelsky es nannte, also eine Gesellschaft, in der es keine krassen sozialen Gegensätze gibt und der soziale Aufstieg durchaus machbar ist, weniger anfällig für politische Extreme ist, ist vielleicht kein ehernes Gesetz, aber es ist schon auffällig, dass das politische Klima oft umso rauher wird, je härter, unsicherer und konkurrenzbetonter das Leben für die meisten Menschen im Allgemeinen wird. Sowohl in Italien als auch in Deutschland waren die Folgen des Ersten Weltkrieges für weite Teile der Bevölkerung verheerend. In Deutschland brachte dann der Börsenkrach von 1929 das Fass zum Überlaufen. Da hatte sich der Faschismus in Italien allerdings längst etabliert.

Auch wenn man heutzutage in Europa und in den USA nicht wirklich von einer Verelendung der breiten Masse sprechen kann, ist die Parallele hier unübersehbar. Immer wieder heißt es, die Kinder würden nicht den mehr in dem gleichen Wohlstand wie ihre Eltern leben können, die soziale Absicherung lässt nach, Freelance-Tätigkeiten und Altersarmut nehmen zu, der Globalisierungsdruck, der sich für manche Arbeitgeber als „Auslese der Besten“ darstellt, bedeutet für den Durchschnittsbürger langfristig eine nicht nur gefühlte Bedrohung.

Das heißt übrigens nicht, dass man gegen Migration und für geschlossene Grenzen sein müsste. Vermutlich ist es eher eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Wer sich über konkurrenzlos billige illegale Einwanderer aus Lateinamerika freut und in Bürgerkriegsflüchtlingen vor allem robuste, fleißige und dankbare Arbeitskräfte sieht, wer in Europa den Kampf der klügsten, bestausgebildetsten, jüngsten, vitalsten, flexibelsten und genügsamsten Köpfe und Menschen um die heißbegehrten Arbeitsplätze in wohlhabenden Ländern wie Deutschland to the max anheizen will, der muss sich nicht wundern, wenn die Leute dem erstbesten Demagogen, der verspricht, dem ganzen ein Ende zu machen, hinterherlaufen. Vielleicht sollte man Menschen einfach nicht zu sehr gegeneinander ausspielen. Immerhin steckt in dem neoliberalen Globalisierungseifer mit seinem Sozialdarwinismus auch ein prinzipiell faschistoides Element. Wahrscheinlich kann dem nur eine auf Ausgleich, Fairness und Offenheit zugleich bedachte Politik entgegenwirken.

5. Wenn alle an einem Strang ziehen: Korporativwirtschaft

So wenig, wie die AfD eine „Partei der kleinen Leute“ ist, war der italienische Faschismus die Antwort auf die soziale Frage. Ganz im Gegenteil: Mussolini beendete die Arbeitskämpfe, die um 1919/20 ihren Höhepunkt erreicht hatten, mit der sog. „Korporativwirtschaft“: Anstatt dass Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern vertreten sollten, sollten alle an einem Strang ziehen: Der Chef z. B. der Druckerei ebenso wie die Drucker. Begründet wurde das damit, dass es ja, wenn die Druckerei gut läuft, auch den Beschäftigten besser gehen würde. Es gelte also, die Interessen der Druck- und Papierindustrie gemeinsam zu vertreten.

Das faschistische Element liegt vor allem in einem politischen Angebot, das sich an alle gleichermaßen richtete: Arbeiter, Bauern und Mittelständler ebenso wie Chefs, Adlige, Eliten.

6. Schwarzhemden und rote Faschisten? Totalitarismus

Hier kommt Hannah Arendt (siehe Link oben) ins Spiel. Denn Faschismus ist immer totalitär, totalitär ist aber nicht immer faschistisch. Wie der Sozialismus richtete sich der Faschismus an die breite Masse. Zumindest war das sein Anspruch. Man wollte sich in der Rolle der „Vollstrecker“ des Volkswillens sehen. Das unterscheidet den Faschismus von anderen rechtskonservativen Diktaturen und autoritären Regimes, wo es eher um den Machterhalt eines Diktators und seiner Clique geht, für den das Volk unter dem Deckel gehalten und eventueller Widerstand ausgeschaltet werden muss. Faschismus und Sozialismus dagegen stützen sich auf das Volk. Allerdings halten auch sie es unbarmherzig unter Kontrolle, jedoch so, dass es glauben soll, im eigenen Interesse zu handeln. Sowohl der Nationalsozialmus als auch der real existierende Sozialismus waren bekannt dafür, von der Wiege bis zur Bahre Organisationen geschaffen zu haben, in denen das Volk im Sinne der herrschenden Ideologie erzogen, kontrolliert und bei Verfehlungen bestraft werden sollte. Der Staat drang so tief in den Alltag und in das Privatleben seiner Bürger ein. In Italien war dies weniger ausgeprägt. Dafür wurde hier das Konzept der Korporativwirtschaft, Arbeiter und Chefs an einen Tisch zu bringen ausgearbeitet und so ein gemeinsamen „Volkswillen“ als moderner Gegenentwurf zur Demokratie künstlich hinaufbeschworen. Hier zeigte der Faschismus seine politische Durchschlagkraft als effizientes Bollwerk gegen den Sozialismus, denn der hatte nur den „kleinen Mann“ und dessen Belange im Auge, nicht die Interessen der Eliten. Ganz abgesehen davon natürlich, dass dem Sozialismus, sieht man mal von einigen Varianten, etwa unter dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu ab, auch das nationalistische und sozialdarwinistische Element fehlten.

7. Make Italy great again! Nationalchauvinismus

„Make America great again!“ wohl jeder kennt den Wahlkampfslogan von Donald Trump. Auch von Wladimir Putin und Recep Erdogan ist bekannt, dass sie Russland bzw. die Türkei wieder „hochgeholt“ hätten. Wer das marode, politische instabile, von mafiösen Clans und sozialer Verelendung geprägte Russland der Ära Jelzin in den 1990er Jahren vor Augen hat, versteht leicht, warum Putin so erfolgreich ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ wusste schon Bertholt Brecht. Nun kann sich auch der russische Mittelstand Ferien in der Türkei leisten und den Türken selbst geht es auch nicht mehr ganz so schlecht.

Nur kann man Trump, Putin und Erdogan allein deshalb natürlich nicht als „Faschisten“ bezeichnen. Wirtschaftlicher Aufschwung, gemischt mit ein bisschen nationaler Romantik, macht einen ja noch nicht gleich zum Rechtsextremisten. Es kommt darauf an, wie ausgeprägt es ist und welche Elemente noch hinzukommen.

Auch in Deutschland brachte Hitler den Deutschen eine spürbare Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage: Es gab wieder Jobs, Radios (der „Volksempfänger“) und Kleinwagen („Volkswagen“) wurden erschwinglich, der „kleine Mann“ und seine Familie konnten in den Urlaub fahren und für Deutsche, die dennoch durch das soziale Netz fielen, gab es ein Winterhilfswerk. Leider müsste man „Deutsche“ präziser mit „Menschen, die als Deutsche anerkannt wurden“ umschreiben. Die Nationalsozialisten selbst sprachen auch eher von „Volksgenossen“. „Untermenschen“, Juden, Roma und Sinti, Schwule, Depressive, Alkoholiker, „Schwachsinnige“, „Erbkranke“, usw., alle, die nicht dem Bild des starken, vitalen „Herrenschmenschen“ entsprachen, kamen nicht in den Genuss sozialer Unterstützung (auch wenn man, sofern es sich um eine angesehene Nazi-Familie handelte, natürlich bereit war, Ausnahmen zu machen, und geflissentlich über einen schwulen Onkel, ein kleines Alkoholproblem oder Angehörige mit gewissen körperlichen oder mentalen Einschränkungen hinwegsah, sofern es nicht an die große Glocke gehängt wurde. Zur Doppelmoral siehe oben: Rechtspopulisten heute). An dieser Stelle sollte man sich fragen, ob das in Europa im christlichen Glauben verankterte Leitprinzip, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind, ganz gleich, wer sie sind und woher sie kommen, nicht doch sozialer ist, als eine „Solidarität“, die nur für bestimmte Menschen gilt und jederzeit erlöschen kann, wenn jemand den Ansprüchen der „Volksgemeinschaft“ nicht mehr genügt. Was ist denn besser, die Sicherheit zu haben, auf jeden Fall Hilfe in Notlagen zu erhalten? Oder aber ausdrücklich bevorzugt zu werden, aber eben abhängig von der Willkür anderer, die sich jederzeit auch gegen einen richten kann?

Was in Deutschland die „Dolchstoßlegende“ war, die angebliche „Erniedrigung“ deutscher „Größe“ durch Sozialisten und Juden, das war in Italien die späte Nationwerdung, deren Prozess sich noch viele Jahrzehnte über die Gründung der italienischen Nation hinauszog. Zwar ist Italien knapp zehn Jahre „älter“ als Deutschland, allerdings war das Land im 19. und frühen 20. Jahrhundert sehr viel zerklüfteter durch regionale und soziale Unterschiede. Insbesondere das starke Nord-Süd-Gefälle sorgte dafür, dass das sog. „inner nation building“, die Entwicklung einer Selbstwahrnehmung in der Bevölkerung als zusammengehörige Nation und einheitliches Staatsvolk, sich in die Länge zog.

Viele Italiener fühlten sich einfach nicht als Italiener sondern als Neapolitaner, Piemontesen, Florentiner oder Sizilianer. Dem gegenüber stand ein brachialer Nationalismus, der sich auf das antike Römische Reich als Quelle eines modernen italienischen Nationalgefühls bezog und eine vergleichbare politische und kulturelle Stellung der jungen Nation im Europa des frühen 20. Jahrhunderts forderte.

8. Faschismus kann sehr modern sein

In Deutschland verbindet man rechtes Gedankengut in erster Linie mit röhrenden Hirschen und laut trötender Volksmusik für die Ü80-Generation. Miefig und spießig finden die einen, „traditionsbewusst“ sagen die anderen.

Dynamische Formgebung, eine Ästhetik, die ausdrücklich „technisch“ wirken möchte und auf „Fortschritt“ abzielt, kühle Zweckbauten, streng geometrische Kompositionen und klare, zum Teil fast fluoreszierend grelle Farben – Dass auch das, was als „klassische Moderne“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, rechts, ja sogar faschistisch sein kann, ist aus einer deutschen Perspektive nur schwer vorstellbar, galt hierzulande moderne Kunst doch als Antipode des Nationalsozialismus, nicht zuletzt weil viele moderne Kunstwerke im Nationalsozialismus als „entartete Kunst“ gebrandmarkt wurden.

Im italienischen Faschismus gab es keine einheitliche Kunstpolitik. Futurismus und Rationalismus standen neben Kunstströmungen, die sich ebenfalls als „modern“ verstanden, aber andererseits stark auf das antike römische Erbe abhoben.

Mussolini betrachtete Kunstförderung als PR – das moderne Italien, auf der Höhe der Zeit oder ihr sogar voraus, ließ sich so ebenso fiktional entwerfen, wie die antike imperiale Größe, die es mental wieder zu beleben galt. Die Kunstschaffenden – damals wie heute prekär lebend – warfen sich dem Regime zum größten Teil mit Verve an den Hals und überschlugen sich darin, den neuen Zeitgeist zum Ausdruck zu bringen.

Nicht ganz zufällig und in dieser Hinsicht nicht anders als der Nationalsozialismus legte auch das faschistische Regime selbst Wert auf ästhetische Inszenierung, etwa in Aufmärschen und Propaganda. Auf den Zusammenhang von moderner Kunst und einer Ästhetisierung der Politik, wie sie der Faschismus betrieben hat, hat der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin bereits 1936 in seiner Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ hingewiesen und ist dabei auch explizit auf den italienischen Futurismus eingegangen.

9. „Ich will eine herrische, grausame Jugend …“: Sozialdarwinismus

„Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“ forderte Adolf Hitler (Rede „Meine Pädagogik ist hart“, zitiert nach wissensreise.de). In dem futuristischen Manifest „La Riscostruzione futurista dell-Universo“, das Giacomo Balla und Fortunato Deperso 1915 verfasst haben, sprachen die beiden Künstler davon, Spielzeug zu entwerfen, das das Kind zu Kreativität und körperlicher Agilität, aber auch zu Aggression und kriegerischer Kampfbereitschaft erziehen sollte.

Sicherlich ist es ein Stück Weg von der „genetischen Überlegenheit“ und „Gebärprämien“, wie sie 2010 im Umfeld des SPD-Politiers Thilo Sarrazin im Gespräch waren, hin zu einer Erziehung zur Grausamkeit, wie sie Hitler und die Futuristen der zweiten Generation forderten. Nicht von ungefähr stammen die deutschen Anhänger der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ allerdings aus der „Sarrazin-Bewegung“, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Spätestens dann, wenn Jugend- und Vitalitätskult mit Überlegenheitsgefühlen, offen geäußerten Zweifeln an der Gleichwertigkeit aller Menschen und einem nur schlecht kaschierten Sozialdarwinismus zusammentrefffen, sollte man jedenfalls hellhörig werden.

10. Gewalt und politische Morde

Sind Faschisten einmal an der Macht, bedeutet das noch nicht, dass sie auch fest im Sattel sitzen. Dazu ist fast immer eine Konsolidierungsphase nötig. Masha Gessen (siehe Link oben in der Einleitung) hat die schleichende Aushöhlung demokratischer Institutionen am Beispiel Russland mehrfach beschrieben. Sicherlich hat sie recht, dass man auch genau beobachten sollte, was Trump in Amerika veranstaltet. dennoch finde ich den  der Vergleich mit Mussolini nicht ganz so glücklich. Immerhin hatte der sich in politischer Hinsicht seine Sporen als Sozialist verdient, während Trump jahrzehntelang den kapitalistischen Unternehmer schlechthin verkörperte. Außerdem hat Mussolini von Anfang an bedenkenlos rohe Gewalt als politisches Mittel eingesetzt. Die „squadre fasciste“, auch „Schwarzhemden“ („camice nere“) genannt, waren paramilitärische Einheiten, die, ähnlich wie die SA in Deutschland schon lange vor dem „Marsch auf Rom“, mit dem Mussolini 1922 die Macht ergriff, in Italien Gewalt und Terror verbreitetet haben. Der Mord an dem sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti 1924 durch faschistische Schläger machte schließlich auch jenen, die die Augen vor dem wahren Charakter Mussolinis hatten verschließen wollen, endgültig klar, um was es ging. Weniger als zwei Wochen vor seiner Ermordung hatte Matteotti noch, wie auf Wikipedia zu lesen ist, in einer öffentliche Rede eindringlich vor den Gefahren des Faschismus gewarnt. Die Italiener waren auch damals keine dummen Schäfchen, die ihrem „Duce“ brav hinterhergetrottet sind. Es hatte Kritiker gegeben. 1924 war der Punkt erreicht, wo der Faschismus sein wahres Gesicht gezeigt und vorgeführt hatte, wie er mit ihnen zu verfahren gedachte.

Hoffen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Seien wir klüger als unsere Ahnen. Immerhin können wir, im Gegensatz zu ihnen, nicht sagen, wir hätten von nichts gewusst.

Alle Übersetzungen durch Laila Phunk. Ohne Gewähr.

 

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