PC bis der Arzt kommt! Eine Steilvorlage für die Rechten?

Man kann aus einer Mücke einen Elefanten machen und dann alle Mücken totschlagen, weil man Angst hat vor ein paar durch den Busch tobenden Elefanten. Die Frage ist nur: Bringt es was? Ein bisschen erinnert mich das an die Debatte über Political Correctness. Niemand möchte totgetrampelt werden (Theoretisch besteht die Gefahr bei Elefanten durchaus, auch wenn es an sich keine besonders aggressiven Tiere sind). Ich finde es, um auf das Thema Sprache zu kommen, nicht „mutig“, andere Menschen als „Nigger“, „Schlampen“, „Schwuchteln“, „warme Brüder“ , „kesse Väter“ oder „Muselmänner“ abzutitulieren. Den Holocaust zu leugnen oder zumindest stark zu relativieren, ist kein „Befreiungsschlag“ und ich kann nicht verstehen, warum Menschen sich „eingeengt“ fühlen, weil der Begriff „völkisch“ nicht positiv besetzt ist oder zur Debatte steht, ob Schwule und Lesben nicht doch auch ganz normal heiraten können dürfen sollten.

Aber die „Mücke“ bzw. dass man sie totschlägt, um der Elefanten Herr zu werden, ist eine übertriebene, dogmatische Form der Political Correctness. Ich glaube nicht, dass hysterische Eiferer und Tugendwächter der Welt etwas Gutes tun oder auch nur den Minderheiten, für die sie sich einsetzen, einen Dienst erweisen, wenn jede Kleinigkeit als „Microaggression“ gedeutet wird, die „den anderen“ – Migranten und Migrantinnen, People of Color, Homosexuellen und alle, die sich irgendwie damit identifizieren – angeblich entgegenschlägt. Ganz im Gegenteil.

Es ist ja auch zunächst einmal eine Frage der Gewichtung: Mich griff auf einer feministischen Veranstaltung in Berlin einmal eine (weiße, deutsche, ziemlich übergewichtige) Frau an, weil ich die Personalpronomen „ihr“ und „wir“ verwendet hatte, als ich von der DDR und der BRD, den beiden deutschen Staaten, wie sie vor 1990 existiert hatten, gesprochen hatte. Das sei „Ausgrenzung durch Sprache“ behauptete die Frau. Aber mal ehrlich, was ist denn schlimmer? Wenn ein entfesselter Mob Asylbewerberheime angreift oder Schwarze totprügelt, oder wenn jemand die falschen Pronomen verwendet? Ich denke, da gibt es Unterschiede.

Natürlich stimmt es, dass eine gewisse sprachliche Verwahrlosung dazu führen kann, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Ausgrenzung und Diskriminierung akzeptabel erscheinen. Aber „wir“ und „ihr“ gehören nicht zu den „bösen Worten“. „Nigger“ und „Samenklau“ schon eher. Ganz abgesehen davon kann man sich auch politisch korrekt ausdrücken und sich trotzdem diskriminierend verhalten. Jemand sagt zwar „Roma und Sinti“, unterstellt aber trotzdem, dass jeder von denen klaut und lässt sich gar nicht davon abbringen. Obwohl es der blonde Hipster war, der ihm oder ihr das Portemonnaie geklaut hatte.

Und was ist, wenn es wirklich ein Roma oder Sinti war? Darf man zwischenmenschliche Konflikte nicht mehr benennen? Hat man nur noch die Option, sich das Portemonnaie klauen zu lassen und lächelnd darüber hinwegzusehen („Die sind nun einmal so“ – Wirklich?) oder sich als „antizigan“ zu outen und mit fliegenden Fahnen zum rechten Lager überzulaufen? Nein, bitte nicht!

Auf einer Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung höhnte einmal eine (wieder eher dickliche) Frau, sie wollten mich „rechts machen“. Ich traute zunächst meinen Ohren nicht. Mittlerweile glaube ich ihnen. Je mehr Leute rechts sind, desto mehr Möglichkeiten stehen jungen, engagierten Linken offen. Dann ist niemand mehr im Weg als unliebsame Konkurrenz um Jobs, oder mehr noch: um das coole linke Image. Es mag Leute geben, die wirklich so dumm, so kurzsichtig und so egozentrisch sind. Folgt man dieser Logik, dann hätten sie dann ja im Nationalsozialismus als Linke optimale Chancen gehabt, denn da war ja die breite Masse rechtsextrem. Vielleicht sollte jemand solchen Leuten mal ein Geschichtsbuch vorhalten: Linke bzw. Menschen, die den Nationalsozialismus als politischen Heilsbringer in Frage stellten, landeten damals im KZ oder wurden gleich ermordet.

Vielleicht hat „rechts machen“ aber auch noch einen anderen Aspekt. Vor vielen Jahren hatte ich im Studentenwohnheim eine arabische Nachbarin. Zunächst kamen wir gut miteinander aus. Ein paar Monate später aber störte sich jede an dem Lärm, der durch die extrem dünnen Wände ins Zimmer der anderen hinüber drang. Ich reagierte trotzig und weigerte mich, weiterhin mit Nadia, wie ich sie hier einmal nennen werde, Französisch zu sprechen. Nadia reagierte mit „Je te casse la gueule!“ („Ich schlage dir die Fresse ein!“). Ich verstand sehr gut. Der Konflikt drohte, zu eskalieren.

Unerwartet nahm mich eine andere Mitbewohnerin, mit der ich nie so richtig warm geworden war, beiseite und raunte mir zu „Ich mag die Negerin auch nicht“. Mir krampfte sich der Magen zusammen. Ich hatte Nadia nicht einmal als „farblich fremd“ wahrgenommen, aber es bestürzte mich, dass überhaupt die Idee im Raum stand, die Herkunft meiner Nachbarin sei das Problem. Ich hätte mich an ihr wohl ebenso gestört, wenn sie eine hellhäutige Deutsche, eine dunkelhaarige Portugiesin, Rumänin oder tatsächlich schwarz gewesen wäre.

Allerdings gab es bei uns auf dem Flur auch ein paar neue „Ausländerfreunde“. Keineswegs waren es, wie man erwarten sollte, übereifrige Linke, Feministinnen und „queere“ Menschen (obwohl die sicher heute in einem vergleichbaren Konflikt sofort zur Stelle wären). Nein, es waren konservative und rechte Studenten, die die Stunde gekommen sahen, mich als Linke zu demütigen und aller Welt vorzuführen, dass die angeblich so engagierte Studentin doch in Wirklichkeit die eigentliche „Rassistin“ sei.

Diese Versuche ließ ich damals jedoch an mir abprallen, denn ich hatte genug arabische Freunde. Bis heute habe ich nie auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass die Menschen überall auf der Welt die gleichen sind – im Guten wie im Schlechten. Es ist mir auch allzu oft bestätigt worden.

Der Konflikt mit Nadia wurde irgendwann zu einer Art Waffenstillstand, den beide Seiten zähneknirschend einhielten. Allerdings frage ich mich schon, ob heutzutage hysterische VertreterInnen der Political Correctness und Neurechte nicht auf fatale Weise an einem Strang ziehen.

Josef Joffe hat in der neuesten Ausgabe der Zeit (Print) geschrieben, dass die Gefahr für die Demokratie möglicherweise von beiden Lagern ausgeht. Da kann ich mich nur anschließen. Jedenfalls: Dass man sich nicht mit „Microaggressionen“ und falsch verwendeten Personalpronomen gängeln lassen will, bedeutet nicht, dass man dem rechten Rand Beifall klatschen würde. Ich wünschte, viel mehr Leute würden das so in aller Deutlichkeit sagen.

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