Rassismus. In eigener Sache

Ein Vorurteil ist ein Vorurteil. Gut. Ich meine ja, klar, das gibts: Stell dir vor, du hast einen Portugiesen für einen arabischen Dschihadisten gehalten, nur weil der auch einen langen, schwarzen Bart trug. Bei dem Portugiesen sollte das aber hip sein und nicht angsteinflößend. Peinlich, peinlich. Mir ging es mal anders herum: Vor mir saß eine junge Frau mit mittelblonden Haaren und blauen Augen, der Name – nennen wir sie hier mal Sara – sagte mir nichts. Zumindest klang er nicht exotisch genug, als dass ich die Frau als „Fremde“ identifiziert hätte. Genau das hat sie aber von mir erwartet. Sie sei Halbiranerin, sagte sie. Ich fühlte mich vera … Sie wurde wütend, weil ich ihr nicht glaubte. Sie sprach nicht wirklich persisch, war also nicht zweisprachig aufgewachsen. Ich dachte, dass mehr als die Hälfte meiner Familie mehr unter Rassismus zu leiden hat als diese Frau. Am Ende stellte sich aber heraus, dass Sara nicht gelogen hatte. Ich schämte mich. Muss das jetzt alles penibel gegeneinander abgegrenzt werden? Wollen wir uns darum prügeln, wer Dschihadi, Fremder, Exot sein darf, soll, muss und wer nicht?

Ein bisschen geht es in die Richtung. Deshalb geriet ich auch ein wenig ins Schlingern, als ich den Artikel „Soziale Ausgrenzung durch Othering“ von Marlene Halser in der taz las: Zeit-Journalist Mohamed Amjahid schreibt also an einem Buch, das „Unter Weißen“ heißen soll. Dabei ist er als Araber für mich ganz eindeutig ein „Weißer“, sogar in einer historischen Perspektive, denn die Araber hatten ja schwarze Sklaven. Ich verstehe auch nicht, wie ich manche Türkinnen von Italienerinnen unterscheiden soll, einige, die blonde oder rote Haare und einen hellen Teint haben, sehen für mich sogar „typisch deutsch“ aus. Wenn sie nicht gerade Kopftuch tragen, ergeht es mir mit ihnen wohl wie mit Sara.

Während ich das schreibe, denke ich bei mir, was für ein Quatsch das eigentlich ist, den ich hier eintippe. Natürlich würde Mohamed Amjahid am Kölner Hauptbahnhof eher in eine Kontrolle geraten als z. B. Boris Becker. Und natürlich ist das Rassismus.

Aber Marlene Halser hat Recht: Vorurteile sitzen tief. Nicht nur Rechte, die sie stolz vor sich hertragen, haben sie, sondern wir alle, vermutlich auch Mohamed Amjahid und Sara. Die Frage ist jetzt, ob es auch diskriminierend wäre, den bärtigen Portugiesen am Kölner Haupbahnhof zu kontrollieren. Oder mehr noch: Macht es überhaupt Sinn, jemanden nach seinem Aussehen zu beurteilen? Ich meine, das Böse kann blond und blauäugig oder „nordafrikanisch aussehend“ oder ganz anders sein. Wann hat das angefangen, dass man wieder versucht hat, es in feste Kategorien zu packen? Wäre es nicht viel besser, man würde nach Aggressionspotenzial gehen, nach Drohungen, danach, ob jemand tatsächlich Ansätze macht, zu grapschen oder zu klauen? Aber um Vorurteile zu hinterfragen, müsste man sich eingestehen, dass sie da sind und dass es viel anstrengender ist, sie immer wieder auf ihre Gültigkeit hin abzuklopfen als sich auf schlichte Schwarz-Weiß-Muster zu verlassen. Leider.

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