#Nazisweglabern. Oder: Das Versagen der Worte

Eine Replik auf eine Kolumne von Margarete Stokowski

Zu Unrecht als „weltfremd“ gescholten? Wären es nicht gerade die Geisteswissenschaftler, die der neuen Rechten etwas entgegensetzen könnten? Das fragt sich Margarete Stokowski auf Spiegel Online.

Das Problem ist, und das erwähnt auch Stokowski, dass die Rechnung: „ehrlicher kleiner Handwerker“, „Praktiker, der hier die Steuern im Schweiße seines Angesichts verdient“ versus „langhaariger Bombenleger“, „Tunichgut“ und „Gammler, der nicht vor Mittag aufsteht und nichts als schlaue Bücher lesen draufhat“, nicht aufgeht. Stokowski erwähnt den Historiker Björn Höcke. Aber er ist nicht die berühmt-berüchtigte Ausnahme in einem Reigen voller Militärs a. D. Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte, die sich verständnisvoll „für die Belange des kleinen Mannes“ einsetzen.

Ganz im Gegenteil, die neue Rechte präsentiert sich kunstsinnig und, wie Stokowski schreibt, eloquent. Die sog. „Identitäre Bewegung“ bezieht sich auf den linken italienischen Theoretiker Antonio Gramsci ebenso wie auf den Faschisten und Futuristen Julius Evola, ihre Ästhetik ist am Jugendstil – Art Nouveau und Fin de Siècle – orientiert. Der Kopf der österreichischen „Identitären“, Martin Sellner, studiert Philosophie, Martin Semlitsch alias „Lichtmesz“, der lange in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, geriert sich als „Kulturmensch“ und ist u. a. als Filmkritiker und Comicexperte tätig, der Verfasser des „Alt-Right“-Manifests, Milo Yiannopoulos, ein abgebrochener Literaturstudent, verdingt sich als Journalist, Alain Soral, der zur französischen extremen Rechten gehört, hat Bildende Kunst studiert und ebenfalls als Journalist gearbeitet, sein Mitstreiter Dieudonné ist von Beruf Komiker, …

Man könnte diese Reihe noch fortsetzen, aber die Frage ist, ob einen das weiterbringt, die Welt in „gute“ und „böse“ Berufe einzuteilen. Ich fürchte, dass die Geisteswissenschaften nicht nur heilos überstrapaziert damit sind, als Mittel, das „immun“ gegen Rechts macht, herhalten zu müssen. Vielleicht helfen sie sogar hier und da ganz prima, den Leuten Sand in die Augen zu streuen.

Sprachwissenschaftler z. B. können Sprache analysieren. Schön und gut. Dafür, dass man statt „Mohrenkopf“ oder „Negerkuss“ auch ebenso gut „Schokokuss“ sagen kann, muss man aber nicht unbedingt Germanistik oder interkulturelle Linguistik oder was auch immer studiert haben. Man beleidigt Leute nicht vorsätzlich. Und wenn man es versehentlich getan hat, entschuldigt man sich eben.

Problematisch wird es aber, wenn akribische Wort- und Satzanalysen irgendwann viel wichtiger sind als reale Diskriminierung. Außerdem haben sich geisteswissenschaftliche Studienfelder wie Genderforschung, Queer Studies oder Critical Whiteness viel zu sehr zu einem Jobmotor für die gebildete weiße (!) Oberschicht entwickelt. Wer nur noch heiß darauf ist, andere als „Rassisten“ („Sexisten“, „homophobe Schweine“, …) vorzuführen, liefert die Leute zudem regelrecht an die Rechten aus. In einigen Fällen ist genau das vielleicht auch explizit so gewollt: Die Leute sollen sich unter Druck gesetzt fühlen und dem rechten Lager über kurz oder lang wie überreife Früchte ins aufgespannte Tuch fallen.

Mich jedenfalls hat es stutzig gemacht, dass Beleidigungen, wie „unwertes Leben“ oder „Dose auf Dose klappert gut!“ keineswegs auf Kritik stießen, dafür aber angeblich allein schon die Tatsache, das irgendwer, der sich irgendwie nach x Verrenkungen einer Minderheit zugehörig fühlt und mich nicht mag, mich als „Diskriminierin“ dastehen lassen sollte. Und warum sind sexistische Übergriffe bei den einen Frauen ein Lacher – für andere Frauen -, während andere aus jedem etwas zu schroffen Wort eine deutschlandweite Kampagne machen?

Logisch lässt sich das nicht erklären. Sehr wohl aber strategisch. Wer die Rechten zurückdrängen will, muss genau da ansetzen, wo die sich als (vermeintliche) Alternative anbieten wollen: Wie gesagt: Wer andere beleidigt hat, entschuldigt sich eben, auch wenn es vielleicht nicht so gemeint war. Aber wer andere damit tyrannisieren will, sich permanent angegriffen zu fühlen, muss sich ebenfalls entschuldigen. Es geht ja eigentlich nur darum, dass man niemanden ausgrenzt oder an den Rand drängt. Da hilft es nur, strikt überall die gleiche Messlatte anzulegen. Das ist schließlich auch die Kernidee der Demokratie. Und wer damit ein Problem hat, tja, der oder die ist eben rechts.

Geschichte, Germanistik, Kulturwissenschaften oder Philosophie sollte man studieren, weil man Spaß dran hat und glaubt, seine Talente genau in diesen Bereichen am besten entfalten zu können. Kritisches Denken aber ist in einer Demokratie Bürgerpflicht. Auch für den vielzitierten „kleinen Mann“.

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