Ego-Push aus der Vergangenheit?

Ein paar Tage ist es jetzt her, dass der AfD-Politiker und Geschichtslehrer Björn Höcke in Dresden seine eigene Version der jüngeren deutschen Vergangeheit zum Besten gab, inklusive der Forderung einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“.

Gemeint war natürlich der Holocaust, was sonst? In rechten Kreisen wird ja gern vom „Schuldkult“ gesprochen und auch Höcke sprach vom „brutal besiegten Volk“, wie er auf tagesschau.de zitiert wird.

Man fragt sich, ob es richtig ist, dass so jemand Geschichte an deutschen Gymnasien unterrichtet. Auf Spiegel Online kann man nachlesen, dass andere Geschichtslehrer sich von Höcke distanziert hätten. Ein Heidelberger Historiker habe ihm sogar mehrere historische Fehler nachweisen können.

Aber geht es eigentlich darum, wie „exakt“ der AfD-Politiker einzelne Ereignisse des Zweiten Weltkrieges wiedergegeben hat, um nachzuweisen, dass der Stolz des deutschen Volkes gar zu sehr beleidigt wurde?

Dass die Bombardierung Dresdens für die dort lebende Bevölkerung und die Flüchtlinge, die sich in der Stadt aufgehalten haben, furchtbar war, bezweifelt niemand. Nicht besser erging es den Bürgern Hamburgs, des Ruhrgebietes, der britischen Industriestadt Coventry, Leningrads und endlos vieler Städte und Ortschaften in ganz Europa.

Die Geschichtswissenschaft war sich einmal einig, dass individuelles leid nicht gegeneinander aufgewogen werden kann.

Das ändert allerdings nichts daran, dass Deutschland 1939 einen verheerenden Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat, der in einem singulär grausigen Genozid gipfelte.

Damit darf man Heranwachsende im Geschichtsunterricht nicht belasten? Man soll Jugendliche besser nicht mit Krieg, Grausamkeit, Gewalt, Genozid, ideologischer Verblendung, Propaganda und Dikatur, aber auch kollektiver Schuld und dem schwierigen Weg der Aussöhnung in Europa konfrontieren, weil sehr wahrscheinlich die eigenen Urgroß- oder Ururgroßeltern darin verwickelt waren?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand versucht, heutigen Heranwachsenden persönlich die Schuld für Verbrechen anzulasten, die ihre Ahnen begangen haben. Dazu ist Geschichtsunterricht auch nicht gedacht.

Aber was ist so falsch daran, jungen Leuten begreiflich zu machen, dass die Geschichte ihres Landes nicht eine einzige Erfolgsstory ist? Glaubt die neue Rechte, Teenager seien so zart besaitet, dass sie es nicht verkraften, dass neben Immanuel Kant, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven und Friedrich dem Großen eben auch Massenmord, Bestialität, Adolf Hitler und Josef Mengele zur kollektiven Erinnerung gehören?

Kann man Jugendlichen heute nicht mehr zumuten, gemeinsam mit der Schulklasse nach Bergen-Belsen oder Auschwitz zu fahren und sich mit komplexeren Gefühlen auseinander zu setzen, wie der Mischung aus Entsetzen, Abscheu, Scham und Schuld, aber auch intellektueller Distanz und einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl, dass derlei nie wieder passieren darf, das, was sich gemeinhin so nach dem Besuch eines Konzentrationslagers einstellt?

Kurz vor den verbalen Ausfällen Höckes in Dresden hatte die AfD noch damit geworben, dass die Widerstandskämpferin Sophie Scholl heute AfD wählen würde. Falls jemand das plausibel gefunden haben sollte, war Höckes Auftritt ein stinkender, nasser Lappen ins Gesicht.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte ist nicht dazu da, sich narzistisch aufzuwerten. Ganz abgesehen davon, dass in der Schule vermittelt werden muss, dass „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ ein Slogan ist, bei dem die Alarmglocken schrillen sollten.

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