Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf. Noch schlimmer: Jemand attackiert dich, gehört zufällig einer Minderheit an (oder behauptet das. Ja, das gibt es auch: falsche Lesben oder Transsexuelle zum Beispiel) – und dann bist du -phob, jedenfalls irgendwie diskriminierend.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann ja offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

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