„Critical Whiteness“ – heute: Das Judentum

Da baumelt er, ein kleiner goldener Davidstern. In Italien ist es vollkommen normal, einen zu tragen. Es bringt noch nicht einmal eine besondere Religiosität zum Ausdruck, genauso wenig, wie das berühmt-berüchtigte Halskettchen mit Kreuz an behaarter Brust oder anderswo. Das bedeutet übrigens nicht, dass es in Italien keinen Antisemitismus gibt. Nur, dass es in Italien Juden gibt. Aber gut, dieser Davidstern, den ich hier meine, der baumelt nicht an einem jüdischen Hals, sondern an dem eines deutschen Transmannes. Ist ja fast das Gleiche, könnte, ja sollte man vielleicht denken. Aber dafür waren schon zu viele Deutsche die „neuen Juden“. Man denke nur an die Heuschreckendebatte 2005, die eine unglückliche Äußerung des SPD-Politikers Franz Müntefering ausgelöst hatte. Da waren es die Manager und Superreichen, die sich plötzlich antisemitisch an die Wand gestellt gefühlt hatten. Hatte man nicht einst auch den Juden vorgeworfen, reiche Geldsäcke zu sein, die sich auf Kosten anderer ein Vermögen zusammenscheffelten?

Wer oder was ist hier eigentlich antisemitisch?

Ich fand damals, dass der Antisemitismus gerade in der Instrumentalisierung des Judentumes und – mehr noch – des Holocaustes für wohlhabende Deutsche, die sich falsch – rücksichtslos und gierig – verhalten hatten, lag. Da hätte man auch gleich offen sagen können, dass man „Judentum“ mit „Ausbeutung“ und „Turbokapitalismus“ gleichsetzt. Zahlreiche Beispiele aus der Geschichte belegen, dass es nicht so war: Etwa die osteuropäischen Juden, die in Folge der Progrome in Russland, etwa 100 Jahre vor der Heuschreckendebatte, nach Berlin eingewandert waren: armselige Bauern, allenfalls Kleinbürger waren es gewesen, über die das wohlsaturierte liberale und assimilierte jüdische Berliner Großbürgergertum allenfalls verächtlich die Nase rümpfte. Oder eben Italien, wo Juden z. T. als Handwerker tätig waren, solide bodenständige Menschen. Ein Blick nach Israel, wo keineswegs jeder reich ist, dürfte auch die letzten Zweifel ausräumen. Dafür sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass der Stereotyp des „gerissenen, geldgierigen Juden“, dem die Schuld sowohl für kapitalistische Auswüchse in die Schuhe geschoben werden sollte, als auch für die „kommunistische Gefahr“, ein nationalsozialistischer Stereotyp ist.

Keine Frage, es gab solche Juden, aber es gab und gibt eben auch Christen, die sich so verhalten. Siehe Heuschreckendebatte. Der Holocaust als „Schutzschild“ stand den deutschen Managern jedenfalls nicht zu.

„Critical Whiteness“ – oder: darf man sich als Deutsche(r) für Israel interessieren?

In der Debatte um „Critical Whiteness“, Minderheitenrechte und speziell der Kritik an der „Aneignung“ fremden Kulturgutes durch Weiße Europäer, Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“, erlangt auch die Heuschreckendebatte neue Brisanz. Dass Deutsche eine gewisse historische Schuld empfinden und sich schon deshalb hierzulande über mehrere Generationen viele Menschen intensiv mit dem Judentum befasst haben, ist eigentlich eine eher normale Reaktion. Man möchte „die Anderen“, denen so viel Unrecht und Leid widerfahren ist durch die Hände der eigenen Eltern, Groß- oder Urgroßeltern, kennen lernen, ihre Kultur verstehen, hofft auf eine gegenseitige Annäherung. Und es hat ja auch wirklich dazu beigetragen, dass Verhältnis von (nicht-jüdischen) Deutschen und Juden (generell) zu entspannen.

Die „Jüdin“ Merkel: Antisemitismus gegen Nicht-Juden

Aber dürfen Deutsche sich mit dem Judentum identifizieren, dergestalt, dass vielleicht dann sogar andere Deutsche als Antisemiten dastehen, wenn sie einen kritisieren? Die Frage ist viel schwerer zu beantworten, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Immerhin wird in den sozialen Netzwerken nur zu gern verbal auf die „Jüdin“ Merkel eingedroschen. Angela Merkel ist keine Jüdin. Der Zusammenhang zwischen ihrer Flüchtlingspolitik (wo es vorwiegend um Menschen aus muslimischen Ländern geht) und dem Judentum, wie ihn die zumeist rechtsextremen Accounts herstellen, ist nicht nur frei assoziiert, sondern einfach nur absurd. Kann man jetzt aber hämisch grinsen, wie es solche Menschen gern tun, und behaupten, dass es doch dann auch kein Antisemitismus ist, da die Merkel ja tatsächlich keine Jüdin ist, und ihnen das ja vollkommen klar war? Har, har. Nein, so einfach geht es leider nicht. Ansonsten könnte man jemandem ja auch „Du Arschloch!“ ins Gesicht knallen und es wäre keine Beleidigung, weil man das später immer noch aufklären und sagen kann: „Aber ich fand doch gar nicht, dass XY ein Arschloch ist!“ Mal ganz abgesehen davon, dass „Jude“ eigentlich ein neutraler Begriff ist, der aber hier negativ, als Beleidigung, gewendet wird. Das relativiert auch die Political Correctness ein wenig, denn „Du scheiß Roma! Das hast du doch bestimmt geklaut!“ wäre eine diskriminierende Äußerung, und zwar antizigan, auch wenn das Wort „Zigeuner“ gar nicht gefallen ist. Es kommt aufs Abwerten an, die Wortwahl ist nicht immer das Entscheidende. Allerdings, um ehrlich zu sein, „Du Roma!“ habe ich noch nie gehört.

Der jüdische „Halsabschneider“ – und wenn’s wirklich einer ist?

Was die Manager betrifft, wären sie als „geldgierige Raffkes“ beschimpft worden, hätte man ihnen zugleich noch „Bolschevismus“ unterstellt und eine „kalte, berechnende Intelligenz“, die man gegen „vielleicht nicht ganz so schlaue Menschen, aber eben GEMÜTSmenschen“ abgegrenzt hätte, oder hätten sich diese Leute zumindest selbst auch kritisch über einen allzu rüden Turbokapitalismus geäußert, dann hätte man es vielleicht schon so sehen können, dass ihnen da ein antisemitischer Stereotyp aufgedrängt werden soll und das wäre natürlich tatsächlich diskriminierend gewesen. Aber nicht jeder, der andere ausbeutet, darf sich deshalb als „Jude ehrenhalber“ fühlen. Übrigens darf man sogar jüdische Halsabschneider auch so nennen, wenn es eben Halsabschneider sind. Man darf es aber eben nicht verallgemeinern und jedem Juden anhängen und dann auch noch geflissentlich darüber hinwegsehen oder Ausreden erfinden, wenn sich andere so verhalten. DAS ist das Diskriminierende daran, nicht die Kritik an einem ausufernden Manchester-Kapitalismus.

Ich fühle mich aber auch ausgegrenzt!

Allerdings ist es fast schon bizarr, dass neben der verstörenden neuen rechten Unbefangenheit gegenüber antisemitischen (und anderen) Diskriminierungen ein demonstrativer Philosemitismus steht, der manchmal recht enervierend ist, weil man den Eindruck hat, dass einem das etwas sagen soll. Irgendwie fragt man sich, ob es da wirklich um ein besonderes Interesse an der jüdischen Religion und Kultur, vielleicht auch an Israel geht, oder eher darum, anderen Schuldgefühle einzujagen. Ist das ein schmaler Grad? Dürfen Menschen sich genau so verfehmt und sozial an den Rand gedrängt fühlen, wie einst die Juden im Nationalsozialismus? Und wenn ja, unter welchen Umständen? Oder ist die Schulddebatte um den Holocaust – aus welchen Gründen auch immer – wieder so sehr hochgekocht, dass es Deutsche gibt, die gern jüdischer als die Juden wären? Hat das mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und Schlimmerem (soziale Netzwerke, siehe oben) zu tun? Oder ist es eine ganz andere Form von Abgrenzung?

Der Holocaust als Identitätsstifter?

Im Prinzip ist gerade das eine Form von kultureller Aneignung und zwar – folgt man der „Critical Whiteness“-Debatte – eine Aneignung einer Opferkultur durch ein Tätervolk, oder zumindest durch einige Personen, die zum Tätervolk gehören. Eine prominente Deutsche, die sich sehr mit dem Judentum identifiziert, ist z. B. die Publizistin Carolin Emcke. Sicher, ich setze jetzt voraus, dass Emcke KEINE Jüdin ist. Zum einen wäre es ansonsten nicht in der Schwebe gehalten worden, man hätte es sich ganz im Gegenteil nicht nehmen lassen, ausführlich über die „jüdische Identität“ der Publizistin und Friedenspreisträgerin zu berichten. Zum anderen war Emckes Patenonkel, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen einst Schüler einer Napola, einer NS-Eliteschule, u. a. der Deutschlandfunk hat sich damit befasst. Anders als andere Deutsche hatten solche Menschen zweifelsfrei nachzuweisen, nicht einmal einen Hauch jüdische Vorfahren, auch nicht weitläufiger, zu haben. Dadurch wird Herrhausen nicht gleich posthum zum bösen Buben schlechthin auf den Deutschland mit dem Finger zeigen kann – er mag sich später davon distanziert haben, das weiß ich nicht. Außerdem war der Rest der Republik, zumal diejenigen, die (wieder) in Fürhungspositionen saßen, auch nicht besser -, aber die Emcke wird dadurch ein Stück weit weißgewaschen.

Auch Hengameh Yaghoobifarah, die die aktuelle Debatte um „Critical Whiteness“ angestoßen hat, hat sich, wie sie schreibt, bewusst einen Tarnnamen gesucht, der auch jüdisch gedeutet werden könnte, um die Besucher eines aus ihrer Sicht allzu weißen Musikfestivals ein bisschen einzuschüchtern. Carolin Emcke ist lesbisch, Hengameh Yaghoobifarah hat iranische Wurzeln (und betrachtet sich offenbar auch als „queer“/lesbisch/trans, keine Ahnung). Ganz gleich, wie lächerlich und an den Haaren herbeigezogen man die Kritik an der vermeintlichen „kulturellen Aneignung“ z. B. außereuopräischer Speisen auch finden mag: Die Diskriminierung von Randgruppen existiert ja wirklich. Darauf haben Anna Böcker und Lalon Sander in der taz aufmerksam gemacht. Dürfen Emcke und Yaghoobifarah also etwas, das andere Deutsche nicht dürfen, so, wie der kleine goldene Davidstern an einem dürren deutschen Transmannhals seine Berechtigung hat, woanders aber deplaziert wirken würde?

„Deutsche“ und „Minderheiten“ – keine glückliche Allianz

Hm. Geht so. Vielleicht kann ich da nicht mitreden. Ich bin nicht dunkler als die Emcke oder die Yaghoobifarah. Ich bin bisexuell und allerhöchstens ein bisschen burschikos, aber nicht trans. Gegen Menschen, die mit Vollkaracho „anders“ sind, bin ich wohl eher „normal“. Nur eben sehr viel ärmer als die meisten. Allerdings – das was mir zu „mit Vollkaracho ‚anders'“ gleich als erstes in den Kopf kommt, ist eine Bekannte: groß, stämmig, flachsblonde lange Haare, die als ich mich zum  ersten Mal outete, sofort darauf kam, dass sie auch „bi“ ist. Später fiel ihr dann noch ein, auch „trans“ zu sein. Sie habe sich mir gegenüber schon immer ziemlich „männlich“ gefühlt. Würde so jemand sich von mir auch noch „verfolgt wie eine Jüdin im Nationalsozialismus“ fühlen, müsste ich kotzen. Das kann man meiner Bekannten aber nicht vorwerfen. Dafür gab es da genug andere. Ich kotzte. Einmal musste ich mich vor so einer Frau tatsächlich übergeben, nur dass ich zum Glück nicht viel gegessen hatte.

Irgendwie packt einen dann die Wut, wenn Carolin Emcke dann auch noch zum Besten gibt: „(…) eine mögliche Antwort darauf ist, dass ich eben zunächst einfach erst mal (…) ja, mich auch so verliebt habe, wie das eben üblich war. Und vielleicht hatte ich einfach nur gar nicht die Fantasie, dass ich auch (…) also, ich habe mich erst mal in Jungs und in Männer verliebt. (…)“ (zitiert nach: Interview mit Frank Meyer, auf Deutschlandradio Kultur, v. 28. 03. 2012). Really? Also auch nicht wirklich lesbisch.

Emanzipation oder Stalinismus?

Man fühlt sich irgendwie veräppelt, weil es unehrlich wirkt, obwohl niemand so richtig gelogen hat. Wie die Schweine in George Orwells „Animal Farm“, die energisch gegen alles Menschliche wettern und am Ende selbst doch menschliche Betten für sich selbst brauchen. Oder der rumأ¤nische Diktator Nicolae Ceausescu, der als Vorkämpfer für die Sache des Volkes und in der Tradition einer Reihe entschiedener Kämpfer gegen jede Form von Faschismus auftrat, sich aber „Conducator“ („Führer“) wie sein faschistischer Vorgänger Antonescu nennen und goldene Wasserhähne in seinen Palast einbauen ließ. Obwohl es unfair und sachlich falsch wäre, Emcke oder Yaghoobirfarah mit Ceausescu oder den Schweinen in „Animal Farm“ zu vergleichen. Es geht eher darum, dass Menschen vorgeben, an vorderster Front für eine – eigentlich gute und gerechte – Sache einzutreten, sich selbst als fleischgewordenes Symbol dieser Sache feiern lassen, andere zurückdrängen und als „Verräter“ an der Sache und „Feinde im Inneren“ denunzieren, Entbehrungen und Zugeständnisse verlangen (etwa: „Jobs und Förderung erst einmal für die Minderheiten!“, eventuell sogar: andere müssen „ausgebeutet“ werden, weil es doch sonst immer umgekehrt war, als „Rache“ gewissermaßen, oder – Affirmative Action: Man stärkt erst einmal der Minderheit den Rücken und straft andere ab, auch wenn die eigentlich im Recht sind, das, was die Minderheit sagt, ist in jedem Fall zu loben, während andere eher kein positives Feedback kriegen sollten, um sie „von ihrem hohen Ross zu holen“ …), und dann irgendwann herauskommt, dass sie selbst die ganze Zeit über die verbotenen Früchte reichlich genossen und sich kaum auch nur an ein einziges ihrer angeblich „ehernen Prinzipien“ gehalten haben.

Der harte Kampf um den Minderheitenstatus

Dazu passt es, dass man mir oft genug eingebläut hatte, dass man bzw. frau sich das aber „aussuchen“ könne. Also, die sexuelle Orientierung und auch ob, man/frau sich „cis-„, „trans-“ oder irgendwie „inbetween“ fühle. Dafür hatte aber ich keine Wahl mehr. Alle traten beinhart homosexuell auf, auch Frauen, von denen ich genau wusste, dass es nicht stimmte. Und ein bisschen „trans“, jedenfalls aber sehr „männlich“ (siehe oben) waren sie auch alle. Immer wieder hatte ich „Transmenschen“ (weiblicher Körper, „männliches“ Auftreten) am Hals, die mich belästigten und es sogar als Affront betrachteten, wenn ich auch nur etwas zu breitbeinig in der U-Bahn saß. Man/frau ließ mich wissen, dass man mir „klarmachen“ wolle, dass ich „keine Dyke“ sei. Soviel Aufwand und Aggression, nur um den Status der „Andersartigkeit“ eifersüchtig zu bewachen und möglichst exklusiv für sich selbst zu beanspruchen? Und dafür „verfolgt wie die die Juden im Nationalsozialismus“??? Es hatte eher den Anschein, als ob es darum ginge, eine Trophäe, die man anderen abgejagt hatte, zu verteidigen, wie ein Hund, der irgendwo einen Rinderknochen gestohlen hat und jeden böse anknurrt, der ihn ihm wieder entreißen will, mit dem Unterschied vielleicht, dass ich diesen Frauen nicht einmal zu Nahe getreten war und ihnen auch nichts hatte „entreißen“ wollen …

Die Willkür dieses Minderheitendiskurses hat Doris Akrap in einem Beitrag zur „Critical Whiteness“-Debatte in der taz auf den Punkt gebracht: „Wer weiß ist, bestimme ich“.  Thema war hier einmal wieder „kulturell enteignetes“ Essen, diesmal in den USA. Und – es ist fast schon ironisch! -, aber es war auch in diesem Fall eine Weiße Lena Dunham, eine der Pop-Ikonen des Queerfeminismus, die die Kritik losgetreten hat. Immerhin, und für deutsche Ohren sicherlich von Bedeutung: Dunham ist wirklich Jüdin.

Aber lassen wir derartige Spitzfindigkeiten einmal beiseite. Als Deutsche(r) den Davidstern und – mehr noch – den Holocaust zu missbrauchen, um sich selbst eine Aura des „Andersartigen“ zu verschaffen und andere damit zu erpressen, ja, vielleicht im schlimmsten Falle sogar noch Diskriminierung anderen gegenüber zu rechtfertigen, wäre reichlich widerlich. Es würde die Heuschreckendebatte von 2005 noch um einiges toppen.

 

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