Auf ein buntes 2017!

Yes. 2016 geht zu Ende. Wurde auch langsam Zeit. Irgendwie ist jetzt ein Peak erreicht. Man kann nur noch auf der einen oder anderen Seite runterrutschen. Vor ein paar Tagen ploppte vor mir auf Twitter unter irgendeinem Hashtag ein Video zur Frauenfrage auf: Mahnende junge Gesichter, mit steinernen Mienen verlesene Anklagen gegen Gewalt gegen Frauen. Es hätte irgendwie „Grün ist das neue Lila“ oder etwas in der Richtung sein können. Es war ein Video der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Nach ein paar Sekunden unterbrach ich das Video angewidert. Nichts an dem, was die jungen Frauen mit dem gebotenen Ernst vorgetragen hatten, war falsch. Alle Taten hatten stattgefunden. Sie waren jede für sich genommen so grauenvoll, dass ein psychisch halbwegs normal strukturierter Mensch sich unweigerlich empört und nicht glauben will, dass so etwas vor seiner Haustür geschehen kann: Vergewaltigungen, die Frauen ermordet und weggeworfen wie ein Stück Müll, ein Frauenkörper, der an ein fahrendes Auto gebunden und beim Fahren mitgeschleift wurde, eine andere Frau, bei lebendigem Leib verbrannt, … Es stimmt, dass die Täter immer Flüchtlinge oder zumindest Männer mit muslimischem Migrationshintergrund waren.

Aber etwas an dem Video war falsch und es wäre auch falsch gewesen, wenn es von „Grün ist das neue Lila“ gewesen wäre. Man hatte einfach instinktiv das Gefühl, dass etwas fehlte. Fürchterliche Gewalttaten, die Deutsche oder Menschen mit nicht-muslimischem Hintergrund begangen hatten, blieben unerwähnt. Als hätte es das Folterpaar von Höxter nicht gegeben, dass eine Frau zu Tode gequält haben soll (kein Link wegen der unvorstellbaren Grausamkeit der Taten). Oder die Serienmorde des Belgiers Marc Dutroux in den 1990er Jahren.

In der „Zeit“ von dieser Woche (Print) wurde gefragt: „Warum tun wir uns das eigentlich an?“ Massenweise junge Männer aus einem Kulturkreis, in dem Frauen Menschen zweiter Klasse sind, gewaltbereite, traumatisierte Männer. Der Kontrast zu der Berichterstattung von vor gut einem Jahr könnte nicht größer sein. Damals hieß es, wir sollten nur frohgemut in die Zukunft blicken: lauter junge, gesunde Männer kämen da, die vor Tatendrang nur so strotzten und es nicht abwarten könnten, hier zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Deutschland, ein Märchen an Toleranz und christlicher Nächstenliebe, eine Nation, die sich vielleicht ein bisschen zu sehr selbst gefeiert hat, eitel und ohne Maß. Das war ein bisschen zu demonstrativ auf Hochglanz poliert und das Aufgesetzte, Falsche daran stieß mir unangenehm auf. Obwohl ich Hilfsbreitschaft und offene Grenzen gut finde und sicher bin, dass viele Leute, die „nur so“ geholfen haben, jenseits des Medienrummels, es auch so gemeint haben.

Aber vielleicht hatte die teilweise etwas zu euphorische Darstellung in den Medien ihre Gründe. Lag es daran, dass „wir“ nicht mehr die barbarische Nazi-Nation sein wollten, die die europäischen Juden um ein Haar vollständig ausgerottet hätte – obwohl das Ganze schon mehr als 70 Jahre zurück liegt. Ich meine, Erinnerungskutlur ist wichtig und ein gewisses Verantwortungsgefühl, aus der kollektiven Schuld heraus erwachsen, hat einiges dazu beigetragen, dass Europa wieder näher zusammenrücken konnte. Oder sollte Deutschland – in seiner Außendarstellung – einfach  nicht mehr als die unerbittliche, egozentrische Großmacht im Herzen Europas angesehen werden, die in jüngster Zeit den Griechen und Italienern hartherzige Sparkurse aufgezwungen hat, ohne Rücksicht darauf, dass „0 Euro im Portemonnaie“ auch im sonnigen Süden fatal ist.

Vielleicht liegt es aber auch an Texten, wie „Karneval der Kulturlosen“, den Hengameh Yaghoobifarah für das queerfeministische „Missy Magazine“ verfasst hat. Darin beklagt sich Yaghoobirfarah worgewandt und mit dem distanziert-ironischen Blick des Großstadt-Dandys über ein Musik-Festival, dass ihr viel zu „weiß“ gewesen sei. Das Selfie, das dem Artikel beigefügt ist, zeigt eine blasse junge Frau mit dunklen Haaren. Na ja. Aber gut. Yaghoobirfarah: Iran, die Eltern vermutlich mit dem Ende des Schah-Regimes nach Deutschland gespült, zu Recht, denn Ayatollah Khomeini war ja auch so einer, der den „kleinen Leuten“ den Rücken stärken wollte und dabei mitunter sehr brutal gegen Leute vorging, die zuvor allerdings ihrerseits rücksichtslos auf Kosten der verarmten breiten Masse einem märchenhaften Luxus gefrönt hatten, der wiederum in Deutschland in der Tabloid-Presse bewundert und begeistert bis ins noch so kleinste, unwichtigste Detail beschrieben wurde.

Ok, vielleicht ist es auch anders. Aber ich habe schon ein paar Kolumnen von Yaghoobirfarah im „Missy Magazine“ gelesen. Ich fand  sie immer gut geschrieben, aber – trotzdem sie „queer“ gelabelt waren – wurden sie mit den strengen Geruch heteronormativer Straightness irgendwie nicht los: Mode, Pink, sexy, süß und selbstbewusst, wenn auch nicht ganz schlank. Ist ja gut. Hat ja niemand etwas dagegen, wenn Frauen sich auch dann attraktiv fühlen, wenn sie nicht in dem Körper von Melania Trump (bzw. in dessen von plastischer Chirurgie noch unangetasteten Urzustand) geboren worden sind. Nein. Ich habe wirklich nichts dagegen. Ich finde es nur nicht „lesbisch“ oder „trans“ oder überhaupt irgendwie „anders“. Obwohl Yaghoobirfarah auch die fehlende Queerness beim Fusion-Festival anprangert. Alle ihre Freunde seien schließlich „queer“ oder „of color“. Na ja, würde man das . von außen betrachtet – auch so sehen? Oder würde man denken: „Boah, die haben Kohle!“ Oder „Wäre mir ein bisschen zu bunt, dieser Techno-Mooshammer-Look!“ Oder „Hoffentlich erwarten die nicht, hier als „Männchen“ „gelesen“ zu werden. Ich würde gern ohne dumme Anmachen und Arschgeglotze von irgendwelchen Pseudo-Lesben auskommen!“ Klar, das wären auch Vorurteile. Schade eigentlich.

Yaghoobirfarah dagegen beschwert sich, dass Weiße sich erdreisteten, „black and brown food“ zu servieren. Ich habe mir fest vorgenommen, ihr, sollte ich ihr je persönlich begegnen, die Pizza aus der Hand zu reißen, falls sie gerade dann eine essen würde (Das darf sie nicht essen! Das ist nicht ihrs! Die ist nicht Spaghetti genug!). Auch dann übrigens, wenn es eine arabische Pizza wäre und keine italienische. Wusstet ihr, dass Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus das Licht der Welt in Ägypten erblickt hatte? Dort lebte zu früheren Zeiten eine italienischstämmige Minderheit. Marinetti, ein glühender Nationalist, verfasste sogar das futuristische Manifest auf Französisch. Nein, es erschien nicht, wie man es von einer rechten, nationalchauvinistischen Bewegung erwarten dürfte, in einem politisch entsprechend ausgerichteten italienischen Blatt, sondern im französischen „Figaro“! Marinetti, der französische Schulen besucht hatte, fühlte sich schlicht nicht sicher genug in der italienischen Sprache. Das ist in etwa so, als ob Alexander Gauland in den USA aufgewachsen und dort an teuren Elite-Instituten intellektuell herangebildet worden wäre. Er würde vielleicht immer „ick“ statt „ich“ sagen und das „r“ komisch aussprechen. Und dann würde er in der us-amerikanischen „Washington Post“ ein Manifest der AfD veröffentlichen, auf Englisch natürlich, so dass es der doch so eifrig umworbene „kleine Mann“ gar nicht lesen könnte. In dem Manifest wäre die Rede davon, dass die deutsche Nation zu neuem Glanz und neuer Kraft auferstehen sollte und sich eine neue ur-eigene Kultur auf der Höhe der Zeit erschaffen solle, mit der sie wieder die ihr gebührende Führungsposition in der Welt einnehmen könnte. Also, so in ungefähr.

Wer jetzt lacht, kann ja mal überlegen, wie das mit Pop-Musik ist. Na, ist der Teint der Yaghoobirfarah nicht doch etwas zu hell, um sich Musik reinzuziehen, die von afrikanischen Sklaven – jawohl: Schwarzen! – wesentlich geprägt wurde?! In Ordnung, es steckt auch eine Menge europäischer Unterschichtsmusik drin. Aber das ist der Yaghoobirfarah ja, so wie ich sie verstehe, zu weiß. Und sie ist immerhin weder Unterschicht noch Afrikanerin. Auch wenn es vielleicht so gemeint war, dass sie sich damit doch irgendwie auch „identifizieren“ darf, genau wie auch mit dem Judentum (Yaghoobirfarah schreibt in „Karneval der Kulturlosen“, dass sie sich zur Tarnung „Sara“ genannt habe, weil man den Namen auch jüdisch lesen könne. Gut. Verschweigen wir an dieser Stelle lieber, dass z. B. der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seinen antisemitischen Tiraden zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Der Iraner an sich ist aber selbst auch irgendwie Jude. Er ist ja auch „der andere“. Basta.). Mehr jedenfalls als so richtig Weiße, also mehr als die falschen Weißen, nicht dass jemand noch auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob die langhaarigen blonden Mitstreiterinnen des „Missy Magazine“ nicht irgendwie absolut dem Stereotyp deutsche Upper-Class-Whiteness entsprechen, also „white as white can be“ sind.

Ich weiß, es geht um Klicks. Aber leider auch nicht nur. Es ist immer nur „Top oder flop“, „guter Flüchtling – böser Flüchtling“, ein trotz aller Wortakrobatik erschreckend schlichtes, oder sagen wir es ruhig: ein strunzdoofes Denken. Aber vielleicht hilft es ja, dass die „Identitäre Bewegung“ irgendwann dann doch als hip dastehen kann. Einfach weil jeder sich nur noch Gedanken darüber macht, wie er (oder sie) sich als „anders“ gegen andere abgrenzen kann – eine in miteinander um Vorherrschaft ringende Kleingruppen zerfallene Gesellschaft, in der die innen und außen hochgezogenen Grenzen unüberwindlicher nicht sein könnten. Oder wir geben uns einen Ruck und suchen uns ein intellektuell etwas fruchtbareres Tal. Wird ja auch langsam Zeit. Herzlich willkommen 2017!

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