Homosexuell und rechts – geht das?

Anmerkung: Meine Geschichte „Terror!“ werde ich wegen des Terroranschlags in Berlin zu einem späteren Zeitpunkt weiter erzählen …

Mittlerweile ist es durchgesickert. Es gibt sie: homosexuelle AfD-Mitglieder, ob Mirko Welsch oder Alexander Tassis, Alice Weidel oder Jana Schneider, queer geht also auch rechtspopulistisch. Warum bloß? … werden sich jetzt viele fragen. Steht Homosexualität, mehr noch Queer, nicht für Liberalismus und eine fortschrittliche Gesinnung, für Weltoffenheit und Toleranz. Na ja. Wenn man denkt, dass alle Schwarzen begnadete Soulsänger sind, mag man sich die Welt so zurechtbiegen. Klar ist: Homosexualität gibt es überall auf der Welt. Sie kommt in allen sozialen Schichten vor und wenn man sie sich nicht gerade im Zuge eines trendy Queer-Chic „aussucht“, ist mit der sexuellen Orientierung auch keine bestimmte Weltsicht verbunden. Alle politischen Überzeugungen, Weltsichten und Lebensstile, die es so in einer Gesellschaft gibt, gibt es also auch unter den Homosexuellen dieser Gesellschaft.

Jan Schnorrenberger formuliert es auf seinem Blog „Spektrallinien“ in dem Blogbeitrag „Der rosarote Dolchstoß“ folgendermaßen: „Schwuler Rechtspopulismus ist eine Ergänzung zu klassischen Argumentations- und Deutungsmustern des westlichen Rechtspopulismus.“ Er hebt hervor, dass die rechtspopulistische AfD für sich reklamiert, den „bürgerlichen“ Teil der LGBT-Community zu vertreten, der als der nicht „linksgrüne“ Teil der Community gedeutet wird. Vielleicht wählt, wer schwul ist und die Grünen und die Linkspartei nicht so prickelnd findet, deshalb nicht unbedingt gleich die AfD – es gibt ja auch noch FDP und CDU und die Möglichkeit, sich gar nicht irgendwie politisch zu positionieren. Aber, und das erwähnt auch Schnorrenberger, Parteien mit klar islamfeindlichen Positionen können natürlich bei Schwulen Punkte machen, die Angst haben, von jungen Türken und Arabern zusammengeschlagen zu werden. Immerhin sind solche Ängste nicht ganz unbegründet und wer allzu scharf darauf beharrt, im Rahmen einer etwas überspitzt aufgefassten Willkommenskultur Partei für junge Muslime zu ergreifen, muss sich vielleicht nicht wundern, wenn andere Minderheiten sich allein gelassen fühlen. Aber vielleicht geht es in solchen Fällen auch eher um eine plumpe und aufgesetzte Parteilichkeit als um echte Toleranz, die eher auf Ausgleich und freie Entfaltungsmöglichkeiten für alle setzen würde. Jan Schnorrenberger zieht jedenfalls für sich den Schluß: „Eines muss uns klar sein: Schwuler Rechtspopulismus instrumentalisiert die Opfer LGBT*-feindlicher Gewalt, um anti-emanzipatorische Positionen in der Szene salonfähig zu machen. Aber unsere Emanzipation kann und wird niemals auf dem Rücken anderer Minderheiten erfolgen können.“

Querfront: Oder Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (I)

Kaum jemand traut sich wirklich an das Thema LGBT und Rechtspopulismus heran, denn zu hartnäckig halten sich Vorurteile, wie etwa, dass Schwule generell sexuell freizügig seien und sexuelle Libertinage gleichbedeutend mit einem liberalen Denken ist oder dass Schwule als Randgruppe und „Opfer dieser Gesellschaft“ zwangsläufig solidarisch mit anderen seien, die Diskrimierung und Ausgrenzung erleben. Vielleicht besteht auch eine gewisse Furcht, die – ja, das denke ich – tatsächlich mit einem Minderheitendiskurs zu tun hat, der mittlerweile heillos überzogen und oft einfach nur noch hysterisch ist, und man möchte die LGBT-Gemeinde nicht brüskieren. Dabei tut man allerdings niemandem einen Gefallen. Außer vielleicht den Rechten: Denn wer darauf beharrt, dass auch Leute, die eigentlich rechts sind, als „links“ wahrgenommen werden sollen – eben weil es so gut in das eigene Weltbild passt – der provoziert damit nicht nur den Unmut derer, die sich dadurch gegängelt fühlen. Man arbeitet auch der neuen Rechten fleißig in die Hände, die wie ihr Vordenker, der Franzose Alain de Benoist (geb. 1943), auf Querfrontstrategien setzt und – in Anlehnung an den linken (!) italienischen Theoretiker Antonio Gramsci (1891 – 1937) – das Einsickern rechtsextremen Gedankengutes in die Gesellschaft als neue, hippe (Sub-)Kultur vorrantreiben möchte.

Dennoch ist fraglich, ob der Konservative, der zufällig auch schwul ist, wirklich der einzige Fixpunkt eines queeren Rechtspopulismus ist oder ob nicht ganz andere Akteure eine viel größere Rolle spielen, Menschen, die von außen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht unbedingt als „konservativ“ im Sinne von „altmodisch“ und „traditionsbewusst“ erkennbar sind.

Da ist zum Beispiel der Brite Milo Yiannopoulos (geb. 1983), ein abgebrochener Literaturstudent, der einen griechischem Vater hat und queer ist – eigentlich ganz der Prototyp des modernen, fluide Identitätskonzepte und sexuelle Offenheit bejahenden jung-dynamischen Kosmopoliten. Yiannopoulos, der als Journalist über Tech-Culture schreibt, fiel das erste Mal im Rahmen des sog. „GamerGate“ auf: Auslöser der frauenfeindlichen Hexenjagd, bei der es angeblich nur darum ging, Korruption im Tech-Journalismus kritisieren, war der Ex-Freund der amerikanischen Spiele-Entwicklerin Zoe Quinn, der Quinn vorwarf, mit einem Tech-Journalisten ins Bett gegangen zu sein, damit dieser ihre Spiele wohlwollender rezensiere. Yiannopoulos mischte kräftig mit.

Masculinism & Tribalism: Eine neue, kernige Männlichkeit

Der hippe Brite, der auch für den designierten US-Präsidenten Donald Trump Wahlkampf gemacht hat und als Protagonist der „Alt-Right“, der „Alternative Right“ gilt, einer neu-rechten Bewegung in den USA, macht aus seiner Verachtung für Frauen keinen Hehl. Damit steht er weder in der neuen Rechten noch in der queeren Szene allein da. Gegen Jack Donovan (geb. 1974) etwa ist die abstrus muskelbepackte Berliner Szene-Größe Rummelsnuff (über dessen politische Ansichten mir nichts bekannt ist) eher ein kleines Licht. Donovan vertritt eine archaische, körperbetonte Männlichkeit, die ohne Frauen auskommt bzw. sie in die Rolle bloßer Statistinnen der Menschheit verweist. Dabei wird das eigene „Mann-sein“ durch Tribal-Symbole aus der Techno-Szene unterstrichen. Ebenso wird die Bildsprache des Death Metal aufgegriffen und hier und da eine stilisierte faschistische Symbolik eingestreut. Donovan selbst umschreibt sein Lebensgefühl mit Begriffen wie „Masculinism“, „Tribalism“ und „Barbarism“. Er wurde auch bereits von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Europa und speziell auch im deutschsprachigen Raum rezipiert. Bei soviel testosteronstrotzender homosexueller Männlichkeit im rechten Lager wundert es nicht, dass auch der Publizist Martin Lichtmesz (geb. 1976) (bürgerlich: Martin Semlitsch) , der der österreichischen neuen Rechten zugeordnet wird und lange in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, bereits 2010 in dem neu-rechten Online-Magazin „Sezession“ eine neue maskuline Art des Schwulseins beschrieben hat.

Natürlich ist nicht jeder, der eine kernige, muskelbepackte Männlichkeit sexuell anziehend findet, deshalb rechts. Außerdem spiegelt der Gedanke des „Masculinism“ im Grunde nur differenzfeministische Konzepte à la „die Frauen bleiben unter sich und machen es sich miteinander nett“. So gesehen nimmt es sich wie ein bizarrer, ins Homosexuellenmilieu verlegter „Kampf der Geschlechter“ aus, bei dem sich beide Parteien trotzig auf sich selbst zurückziehen. Aber so lange eine konservative, auf strikte Differenz angelegte Wahrnehmung der Geschlechter – anders als bei Yiannopoulos und Donovan – nicht mit einer Abwertung des anderen Geschlechtes einhergeht und keine gesamtgesellschaftlichen politischen Forderungen daraus gezogen werden, kann man solche Sichtweisen vielleicht als „Geschmackssache“ abhaken.

Das Manifest der Alt-Right-Bewegung

Allerdings ist fraglich, ob das neue „Traditionsbewusstsein“ in Punkto Geschlechterrollen so gedacht ist, dass es sich auf ein subkulturelles Milieu beschränken soll. Immerhin hat Milo Yiannopoulos im März diesen Jahres gemeinsam mit dem halb britisch- halb-pakistanischen Publizisten Allum Bokhari das Manifest der „Alt-Right“-Bewegung zu Papier gebracht, das in dem neu-rechten us-amerikanischen Online-Magazin „Breitbart“ veröffentlicht wurde. Angesprochen werden darin sowohl das Provokative, jugendlich-Rebellische, das die neue Rechte für sich in Anspruch nehmen will, als auch das „natürliche Konservative“, bei dem es v. a. um den Erhalt des eigenen „Stammes“, der eigenen Sippe gehen soll und das in etwa dem Ethnopluralismus der europäischen „Identitären Bewegung“ entspricht, auf die sich Yiannopoulos und Bokhari auch beziehen. Man hebt außerdem die eigene Intellektualität hervor, die die „Alt-Right“-Bewegung von den dumpfen, ordinären und aggressionsgeladenen britischen Skin-Heads der 1970er und 1980er Jahre abgrenzen soll. Ebenso sind Yiannopoulos und Bokhari bedacht darauf, nicht mit offen rassistisch auftretenden Extremisten in einen Topf geworfen zu werden.

Schließlich betonen beide, dass sie rassistische und antisemitische Äußerungen – sofern sie selbst oder ihre Freunde sie machen – als „ironisch gemeinten“ Witz verstanden wissen wollen – eine Auflehnung gegen das starre Korsett der Political Correctness also, weiter nichts. Der beste Beweis: Sowohl Yiannopoulos als auch Bokhari sind „racially mixed“, haben jeweils ein Elternteil mit Migrationshintergrund, Yiannopoulos ist dazu noch schwul, sie haben einen Haufen schwuler jüdischer Freunde, überall steckt also ein bisschen „Minderheit“ in der „Alt-Right“-Bewegung. Können solche Menschen Rassisten sein? Antisemiten?

Eigentlich könnte ich diese eher rhetorische Frage mit einem Verweis auf den Anfang dieses Textes beantworten. Rassismus kommt sogar in Afrika vor. Nein, nicht unbedingt nur gegen Weiße, sondern auch Schwarze gegen andere Schwarze. In dem westafrikanischen Land Elfenbeinküste wurde Ausländerfeindlichkeit um das Jahr 2000 sogar zu einem richtigen Problem. Und klar, allen, die den Antisemitismus der „Alt-Right“-Bewegung ( zu Recht!) beklagt haben, wäre leicht eins reinzuwürgen: „Breitbart“, das Sprachrohr der Bewegung ist nicht nur von einem Juden gegründet worden. Das Online-Magazin hat außerdem eine Dependance in Jerusalem. Rechtes Denken kommt eben auch in Israel an. Das Bedürfnis nach sozialer Ab- und Ausgrenzung und von außen besehen meist vollkommen abstrus erscheinende Überlegenheitsgefühle existieren leider überall auf der Welt. Und faschistische Experimente hat es auf so ziemlich jedem Kontinent gegeben. Das Gegenteil, so sollte man hier allerdings nicht vergessen, zu erwähnen, gilt allerdings auch: Ideen von sozialer Gerechtigkeit und Toleranz sind etwa so alt wie die Menschheit. Kulturelle Differenz scheint in dieser Hinsicht wohl eher nicht den Ausschlag zu geben.

Minderheitenrechte: Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (II)

Eines fällt allerdings auf: Yiannopoulos und Bokhari stürzen sich geradezu auf linke Diskurse zur „selbstbewussten Aneignung“ diskriminierender Begriffe. So hat Yiannopoulos 2015 eine Vortragstour durch us-amerikanische Universitäten „The Dangerous Faggot Tour“ – „die Tour der gefährlichen Schwuchtel“ – genannt und Bokhari bezeichnet sich im Internet als „resident kebab at Breitbart Tech“. Ein derartiges Pochen darauf, die diskriminierte Minderheit zu sein, wirkt irgendwie weinerlich und zynisch bei Menschen, die für sich selbst sehr wohl das Recht beanspruchen, andere zu mit Verachtung und Herablassung zu behandeln. Zudem wirkt Bokhari, zumindest auf Fotos im Internet, kaum dunkler als Laila Phunk. Warum also sollte man/frau es sich gefallen lassen, sich von einem solchen Mann, der sich selbst als rassistische Sprüche klopfender „schlimmer Finger“ gerieren will und sich dabei auf seinen eigenen Status als „Man of Color“ beruft, als RassistIn abstempeln zu lassen? Gilt hier nicht eher der berühmt-berüchtigte Kategorische Imperativ nach Kant? Zu gut Deutsch: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge auch niemand anderem zu?

Berlin: Kosmopolitismus und SS-Ästhetik

Der Kosmopolitismus und die Buntheit von „Alt-Right“-Akteuren, wie Yiannopoulos und Bokhari, gemischt mit frivoler SS-Ästhetik und einem ziemlich dünkelhaften Wohklstandschauvinismus findet sich auch in der Berliner queeren Szene wieder. Ebenso das aggressive Pochen auf den Minderheitenstatus und das Beharren auf „Mikroaggressionen“, die einem angeblich entgegengebracht werden. Damit ist so ziemlich jedes Verhalten gemeint, das nicht nett, entgegenkommend und bewundernd-bestärkend ist. Klar, dass natürlich jede und jeder „weiß“ in jeglicher Hinsicht ist und natürlich hetero- bzw. cis- bzw. idealerweise sogar assexuelle, der den Leuten mit ihrem „besonderen“ Lifestyle nicht so schmeckt. Gelegentlich möchte man den knallharten Macho-Lesben, die sich über die fiese „Mehrheitsgesellschaft“ echauffieren, am liebsten ins Gesicht spucken, wenn dann wieder herauskommt, dass diese Frauen eigentlich ja bi sind. Vielleicht noch nicht einmal das. Jedenfalls sollte frau nicht den Fehler machen, irgendeinen x-beliebigen Mann in einem Kreuzberger Szene-Club nach dem Weg zum Klo zu fragen. Es wird nachher heißen, man habe sich an irgendjemanden „herangemacht“, der eigentlich einer anderen „gehörte“. Womit natürlich die eigene Heterosexualität und Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft ein für alle Mal unverbrüchlich nachgewiesen ist. Mit Männern sprechen dürfen sowieso nur diese Frauen. Einige haben sich mittlerweile allerdings selbst als assexuell, also als eigentlich gar nicht an Sexualität interessiert (oder unfreundlicher: „frigide“), geoutet. Das hätte ich mir denken können. Gerade weil ich es oft genug am eigenen Leib erfahren hatte, wie speziell die Frauen (aber auch einige „queere“ Männer) einen manisch als „für Männer unattraktiv“ abwerten, lag es nahe, anzunehmen, dass es mit der „Homosexualität“ dieser Frauen eigentlich nicht so weit her ist. Dafür sprechen auch die sexuelle Übergriffe auf andere Frauen, die angeblich „zu notgeil“ sind, was man bzw. frau ihnen dann „austreiben“ muss. Dann wieder wird behauptet, man habe sie „angemacht“ (meist gerade die Frauen, die man – vorsichtig formuliert – nicht ganz so atraktiv findet), weshalb auf „Rache“ gesonnen wird. Wenn erwachsene Frauen (also Frauen, die Ende 20, über 30, z. T. sogar über 40 sind!) sich zudem selbst in aller Öffentlichkeit dauernd als unersättliche Sex-Bomben produzieren, die mehr oder weniger jede Nacht quer durch alle Betten hoppen, kommt man einfach irgendwann darauf, dass da irgendwie ein problematisches Verhältnis zur Sexualität dahinter steht.

Wahnsinn und Gewalt – die dunkle Seite von Queer

Der sog. „Queerfeminismus“ und seine diversen Unterströmungen wie „Sex Positive“ und „Fat Empowerment“ haben das immer wieder thematisiert. Und es ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Frauen sich mit ihrem Körper und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Essstörungen auseinandersetzen. Aber es wird bedenklich, wo die Grenzen anderer Menschen für die Selbsterfahrung und -findung solcher Frauen verletzt werden. Das passiert tatsächlich und es wird zumindest zum Teil durch linke Minderheitendiskurse und queerfeministische Theorien gedeckt, wie u. a. die Geschichte von Megi und Melina zeigt. Eigentlich waren es wohl zwei pubertierende Mädchen, die einmal ganz eng miteiander waren, wie das bei Mädchen in dem Alter manchmal der Fall ist. Dann beginnt Melina, sich für Jungs zu interessieren. Die Busenfreundin kann sie nicht gehen lassen und rastet aus. Megi schlägt Melina einfach tot und bereut es hinterher nicht einmal wirklich. Auf Spiegel Online berichtet Benjamin Schulz von dem Mordprozess in Münster. Es ist von „schwere(r) seelischer Abartigkeit“ die Rede. In der „Zeit“ werden die Mädchen dagegen zu einem jungen lesbischen Paar. Daniel Müller, der Autor des im Mai 2016 erschienen Artikels beschreibt Megi, die Mörderin zwar als Mobbingopfer aus desolaten familiären Verhältnissen, aber in seiner Version der Geschichte ist sie auch eine „Leitwölfin“, eine starke, von allen geachtete Anführerin also. Genau das wollen vermutlich viele Frauen aus der queeren Szene hören: „Transmänner“, genderqueere „dominante“ Frauen und „Pascha“-Lesben, nicht wenige mindestens ebenso pfundig bzw. stark adipös wie Megi, viele aber sicher mit einem stabileren familiären Hintergrund.

Megi ist leider kein Einzelfall. Der Berliner Piratenpolitiker Gerwald Claus (geb. 1972) erfand sich von einem zweiten Nachnamen, über den Geburtstort bis hin zu einer imaginären „schweren Krankheit“ an der er angeblich litt, sein Leben einfach neu. Der stämmige blonde und ausgesprochen große Mann, der aus einem rechtsradikalen Elternhaus stammte, war schwul oder bisexuell und ermordete im September diesen Jahres einen jungen Mann, der seine Liebe nicht erwiderte und dem er offenbar seit geraumer Zeit nachstellte.

Selbst mit sehr viel Schönfärberei kann man wohl getrost festhalten, dass Claus unter psychischen Problemen litt. Er fiel zudem offenbar, wie Naemi Goldapp in der „Welt“ schreibt, desöfteren als aggressiv und frauenfeindlich auf. Auch von Mobbingvorwürfen ist die Rede.

Vermutlich hätte man sowohl die junge Megi als auch den aggressiven, orientierungslosen Gerwald Claus davor bewahren können, zu Mördern zu werden. Zumindest Claus fehlte es ja auch nicht an Menschen, die ihn unterstützten und wertschätzten, die seinen Ausfällen und schrillen Aktionen mit Nachsicht begegneten und immer neue Ausreden und Entschuldigungen für ihn bereit hielten. Manchmal ist Toleranz allerdings nicht die beste Wahl. Sozialarbeiter und gute Therapeuten hätten Megi sicher helfen und ihr die Perspektive bieten können, die Gerwald Claus nicht einmal missen musste, aber anstatt zwei antisoziale Persönlichkeiten als „Exoten, für die man Verständnis haben muss“ schönzureden, wäre es zu allererst nötig gewesen, ihnen rechtzeitig Grenzen aufzuzeigen.

Milo Yiannopoulos, Allum Bokhari, Gerwald „Faxe“ Claus und „Megi“: Sie alle sind Menschen, de zwar Toleranz und Nachsicht für sich einfordern, sich selbst aber davon entbunden sehen, ganz gleich ob aus psychischem Unvermögen oder aus knallhartem politischen Kalkül. Der Opferstatus verspricht solchen Leuten jedenfalls eine bizarre Macht. Das kann sich in einer agressiven Verächtlichkeit und Herablassung anderen gegenüber äußern und bläst so manches labile Ego derart monstruös auf, dass man sich fragt, ob der Schritt zu einer politisch-faschistisch aufgeladenen Bösartigkeit vielleicht nicht mehr allzu groß ist.

Die neue Rechte: Alles eine Frage der Minderheiten?

Da es hier ausschließlich um rechtskonservative bis -extremistische Einstellungen unter Homosexuellen und sich als „queer“ definierenden Menschen ging, sollte ich abschließend vielleicht das eine oder andere gerade rücken: Weder sind Homo-, Bi- und Transsexuelle „anfälliger“ für rechte Ideologien als andere Menschen, noch macht sich der Rechtsruck, der derzeit durch unsere Gesellschaft geht, vor allem am Queer-Milieu fest. Dieser Text ist keinesfalls als „Anklage“, „Schlechtmachen“ der Szene oder „Nestbeschmutzerei“ zu verstehen, sondern soll eine Hilfestellung im Umgang mit der neuen Rechten bieten. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe u. a. solche Leute am Hals und bin mir sicher, dass es einen Zusammenhang – perverserweise! – zum linken Milieu und zur queeren Szene gibt. Die neue Rechte ist gerade deshalb gefährlich, weil es nur ein loser Zusammenschluss verschiedener rechter Strömungen ist, eine Art Gewebe oder eine politische Landkarte mit unterschiedlichen Zentren. Alle diese rechten Bewegungen und Subströmungen arbeiten mit Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber wenn man sie damit konfrontiert, wird jede darauf verweisen, dass sie doch gar nicht (homophob, ausländerfeindlich, antisemtisch, elitär, usw.) seien (Sie haben doch solche Leute sogar in ihren eigenen Reihen!) Was aber Freunde oder Leute, mit denen sie mal zusammen auf einem rednerpult machen, dafür können sie schließlich nicht …. Deshalb ist es wichtig, sich nicht auf einen plakativen Minderheitendiskurs zu versteifen, der eine breite, bunte „Minderheitenfront“ gegen die graue, böse und tendenziell rechtslastige „Mehrheitsgesellschaft“ auffahren will und pedantisch auf einer überzogenen Form von politischer Korrektheit pocht. Stattdessen sollte man lieber verstärkt Diskriminierung im Allgemeinen, als Handlung an sich bekämpfen. Das würde Neu-Rechten den Wind aus den Segeln nehmen und nur so, denke ich, wird man ihnen auch langfristig etwas entgegensetzen können.

 

 

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