Terror! (Teil IV)

Wer’s verpasst hat – hier geht es zu Teil I, Teil II und Teil III der Geschichte

Content Warning / Parental Advisory: explizite Schilderung von Folter

an einem unbekannten Ort, März 1978:

„Na los, sag schon! Wen hat dein Mann alles mit nach Hause gebracht?“ Er ohrfeigte sie. Nicht zum ersten Mal während ihrer kleinen Unterhaltung. Er musste schwere Ringe an den Fingern haben, denn ihr knallte jedesmal etwas Hartes, Kaltes, Kantiges ins Gesicht. Die zarte Haut ihrer Wange links musste schon ganz aufgerissen sein. Sie fühlte sich wie betäubt an. Außerdem glaubte sie, den metallischen Geschmack von Blut im Mund zu haben. Vorsichtig fühlte sie mit der Zunge nach. Der linke Eckzahn schien sich gelockert zu haben, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein.

„Püppchen!“ der andere kam von hinten und betatschte sie. Sein fauliger Atem bließ ihr ins Gesicht. Sie konnte weder ihn noch den anderen sehen, denn sie hatten ihr die Augen verbunden. „Grillen wir sie*?“ fragte der, der sie geohrfeigt hatte. Er rauchte offenbar eine Zigarette. Der beißende Qualm brannte ihr in der Nase. „Nein“, sagte der andere. „Das ist nur eine kleine Verkäuferin“ Er umschlich den Stuhl, auf dem sie saß, die Hände auf den Rücken gebunden. „Die ist doch viel zu dumm!“ grunzte er.

Der, der sie geohrfeigt hatte, ging wieder näher an sie heran. Ein heißer, stechender Schmerz durchfuhr sie. Er hatte seine Zigarette auf ihrem Handrücken ausgedrückt. „Pass auf, dass ich das nicht auch mit deinem Gesicht mache! Dann will dich kein Mann mehr!“ drohte er. „Das ist vielleicht sowieso schon der Fall …“ kicherte der andere, der sie begrapscht hatte. „Wenn du so weiter machst, müssen wir sie halt doch entsorgen*.“ „Nein, nein.“ sagte der erste leise, denn das war nicht für ihre Ohren bestimmt „Die ist zu dumm. Die schüchtern wir noch ein bisschen ein und wenn sie rauskommt, wird sie den anderen ein mahnendes Beispiel sein, was passiert, wenn man uns frech kommt.“

Nanni & Lutz, Delle Tre Pietre, zwischen Prato und Florenz, Nacht vom 01. auf den 02. August 1980:

Was bisher geschah: Giovanni „Nanni“, der in der Nähe von Florenz lebt und sehr gut Deutsch spricht, hat nach dem Studium keinen Job gefunden. Wie viele junge Leute in der Gegend engagiert er sich politisch links. Allerdings macht Nanni mehr, als nur auf Demos zu gehen. Er hat einen Kontakt zu Lutz in West-Berlin hergestellt, der wichtige Informationen für Nanni und seine Freunde hat. Unvorsichtigerweise hat Lutz seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter, der neunjährigen Micha in einem Hausprojekt in Kreuzberg lebt, erzählt, dass er nach Italien fährt. Da Sigrid davon ausgeht, dass er dort Urlaub macht, drängt sie ihn, Micha mitzunehmen, was er dann auch tut. Nannis Mitbewohnerinnen Alessandra „Alè“, die als Näherin arbeitet, obwohl auch sie studiert hat, und die feministisch gesonnene Giovanna „Giò“, die manchmal über’s Ziel hinausschießt und gerade ihre Doktorarbeit schreibt, kümmern sich um Lutz‘ kleine Tochter. Obwohl auch die beiden Frauen politisch links stehen, wissen sie nicht genau, was Lutz und Nanni vorhaben.

Silbrig und kalt beschien der Vollmond die Hügel, die jetzt, ohne die brütende Sonne des Tages, modrig, fast schon feucht wirkten, obwohl das Gras braun und verbrannt war. Nanni stieß den Spaten in die feuchte Erde, die den alten, verdorrten Olivenbaum umgab.

Er und Lutz standen seit dem Frühjahr 1979 in Kontakt miteinander. Lutz hatte ihm von der Todesnacht in Stammheim** erzählt und dass viele Leute in der Bundesrepublik glaubten, dass der Staat da nachgeholfen habe. Immerhin hatten sie Ulrike Meinhof gefoltert**, bis sie nur noch ein psychisches Wrack war. Dass in einem Staat, der sich als „demokratisch“ bezeichnete, unverhohlen, praktisch vor den Augen der Öffentlichkeit, gefoltert werden konnte und Leute mit Auftrag von oben gekillt wurden, weil sie nicht genehm waren, machte Lutz Angst.

Nanni hatte Lutz von der „Strategie der Spannung“*** berichtet, bei der ausländische Kräfte, allen voran der CIA, versuchten, die Bevölkerung zu verunsichern und gezielt gegen Linke aufzuhetzen. Seit 1969*** hatte es in Italien immer wieder blutige Anschläge mit vielen Toten und Verletzten gegeben. Zwar hatte man behauptet, dass linke Terroristen dahinter steckten, aber diese Behauptungen waren so absurd, dass es nur eine weiter Ohrfeige für Nanni und seine Freunde bedeutete. Moro, der 1978 ermordet wurde***, war in erster Linie seinem Parteikollegen Andreotti*** im Weg gewesen und jedermann wusste, dass Andreotti ein Schwein war, das auch über gute Kontakte zum organisierten Verbrechen verfügte***. Und warum auch hätten die Linken einen Mann umbringen sollen, der sich für eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten*** eingesetzt hatte? Oder das italienische Passagierflugzeug, das Ende Juni*** vor Sizilien von der NATO abgeschossen worden war. Die offizielle Lesart war, dass es angeblich einfach „vom Radar verschwunden“ sei, der außerdem zufällig gerade nicht eingeschaltet war, der Grund sei eine Explosion, ein technisches Versagen, bedauerlich, aber so etwas käme nun einmal vor. Für wie blöd hielt man sie? Nanni und seine Genossen verfolgten außerdem aufmerksam die Ereignisse in Lateinamerika*. Es war zu befürchten, dass man auch in Italien mit Hilfe der Amerikaner eine faschistische Diktatur errichten wollte.

Den Ausschlag für Lutz und Nannis Treffen hatte allerdings der deutsche NATO-Mann gegeben: Berthold Brennecke+. Lutz hatte Nanni berichtet, dass Brennecke, der früher bei der SS gewesen war, woran sich aber in Deutschland niemand störte, zu einem Kreis einflussreicher Leute gehörte, denen die konservative CDU zu lasch war. Es deutete einiges darauf hin, dass Brennecke und seinesgleichen versuchen wollten, in der Bundesrepublik ähnliche Verhältnisse wie in Italien zu schaffen. Eventuell war sogar ein größerer Anschlag gegen die Zivilbevölkerung geplant. Lutz und seine Kontaktperson in Bonn glaubten, dass es einen großen Bahnhof treffen könnte oder vielleicht eine belebte Straße in West-Berlin, vielleicht sogar die Berliner U-Bahn. Verdammt! Lutz tat das hier auch für Micha, denn er hatte wirklich Angst.

Sorgfältig befreite Nanni den Sprengstoff, den er ausgegraben hatte, von Erdresten, die sich an der Plastikfolie festgesetzt hatten. Sie würden den Sprengsatz noch heute Nacht zum „Zigeunerlager“ bringen, einem verfallenen Haus in der Nähe, in dem manchmal Roma campierten. Heute Nacht allerdings schliefen dort drei Spanier oder vielleicht waren es auch Lateinamerikaner, jedenfalls Genossen, denen sie vertrauen konnten. Morgen würden diese Leute als Geschäftsleute in Erscheinung treten und die Bar an der Piazza della Repubblica aufsuchen, in der sich Brennecke mit ein paar italienischen Faschisten und einem der Amerikaner treffen wollte. Brennecke war offenbar an der Geräuschkulisse gelegen und obwohl er sicherlich seine Gorillas mit Knopf im Ohr in der Nähe haben würde, würde niemand es bemerken, dass einer der drei Geschäftsleute, die nur an ihrem Kaffee nippen und dann rasch wieder gehen würden, sein Aktenköfferchen vergessen würde, das er hinter seinem Stuhl, zwischen sich, dem Garderobenständer und der Wand platziert haben würde. Der mit einer Zeitschaltuhr versehene Sprengsatz sollte kurze Zeit später detonieren.

Lutz würde noch in der Nacht weiterfahren in Richtung Thyrrenisches Meer. Er konnte auf irgendeinem Parkplatz ein kurzes Nickerchen machen und sollte dann Morgen auf einem Campingplatz an der Küste als normaler deutscher Tourist, der mit seiner Tochter ein paar Tage Urlaub machen wollte, einchecken. Nanni würde offiziell seine kranke Cousine in den Bergen pflegen. Tatsächlich würde er eine Weile bei Genossen in einem besetzten Haus in der Nähe von Bologna untertauchen, bis sich die Wogen geglättet hätten.

Etwas raschelte. Ein Tross Fledermäuse flatterte zwischen der Reihe Zypressen hervor, die die hügelige Landschaft säumten. Vielleicht hatte ein anderes Tier sie aufgescheucht. In der Ferne schrie ein Käuzchen. Zumindest hörte es sich für Lutz so an …

Wer wissen will, wie’s weiter geht – demnächst hier bei Laila Phunk!

Argentinien:

*Um herauszufinden, um wen es sich bei unserer im ersten Abschnitt geschilderten Persönlichkeit handelt, musst du Teil I – III lesen. Zieht es dich mehr zu den historischen Fakten, dann lies einfach weiter und sei gespannt, wie sich die Story entwickelt …

Von 1976 -1983 herrschte in Argentinien eine rechte Militärdiktatur unter General Jorge Rafael Videla. Der gegen Großbritannien verlorene Krieg um die Falklandinseln im Frühling 1982 war gewissermaßen der Gnadenstoß für die Diktatur, die das Land außerdem, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, in eine tiefe Wirtschaftskrise getrieben hatte.

Der staatliche Terror, der mit dem Kampf gegen kommunistische Gruppierungen begründet wurde, hatte in Argentinien Ausmaße angenommen, die hart an die Grenze des menschlichen Vorstellungsvermögen gehen. Die Gefangenen wurden verschleppt, geschlagen und misshandelt, auf Metalltische gespannt und mit Elektroschocks behandelt. Letzteres wurde sarkastisch als „grillen“ bezeichnet. Ein Artikel von Markus Deggerich im „Spiegel“ aus dem Jahr 2004 beschreibt dies sehr eindrucksvoll. Gefangene, derer man sich entledigen wollte, wurden betäubt, in Flugzeuge verfrachtet und bei lebendigem Leib über dem Atlantik abgeworfen. Mehr über das Los der „Verschwundenen“, der sog. „Desaparecidos“, kann man u. a. in einem Artikel von Jens Wiegmann, der 2012 in der „Welt“ erschien, nachlesen. Ebenfalls in der „Welt“ geht Miriam Hollstein in einem Artikel von 2014 dem Schicksal der jungen Deutschen Elisabeth Käsemann nach, die zu den Opfern der argentinischen Militärdiktatur gehört. Aus heutiger Sich erscheint  es schwer nachvollziehbar, dass man in der Bundesrepublik Deutschland eher geneigt war, Käsemann als linke Terroristin darzustellen, um die Beziehungen zu Argentinien nicht zu gefährden. Jedenfalls erhielt die junge Deutsche keine Hilfe vom Auswärtigen Amt und wurde 1977 schließlich zu Tode gefoltert.

Deutschland:

**Lutz meint mit der „Todesnacht von Stammheim“ die Suizide mehrere inhaftierter Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) im Herbst 1977. Bei der RAF handelte es sich um eine linksterroristischen Vereinigung, die in Deutschland zwischen 1970 und ihrer Selbstauflösung im Jahr 1998 insgesamt 33 Morde, vornehmlich an Führungskräften aus Politik und Wirtschaft, beging. Mehrfach wurde angezweifelt, dass es sich in Stammheim tatsächlich um Selbstmord handelte.

Ulrike Meinhof, die in den 1960er Jahren eine renommierte Journalistin war und zu den Gründungsmitgliedern der RAF gehörte, wurde nach ihrer Inhaftierung in Köln-Ossendorf der sog. „sensorischen Deprivation“ unterzogen, d. h. sie saß von den anderen Häftlingen streng isoliert in einer schalldichten, weiß gestrichenen Zelle ein, in der 24 Stunden am Tag Licht brannte. Durch den Entzug von Sinnesreizen sollte eine erhebliche psychische Destabilisierung Meinhofs erreicht werden, die sich dann auch tatsächlich einstellte. Näheres hierzu in einem „Spiegel“-Artikel von 2016 von Michael Sontheimer.

Auch wenn die „sensorische Deprivation“ im Vergleich zu den in Argentinien angewandten Foltermethoden (siehe oben) vergleichsweise „milde“ erscheint, handelt es sich um eine Form von Folter, da hat Lutz recht. Entsprechend viel internationale Kritik, u. a. auch seitens des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, handelten sich die deutschen Befürwroter einer harten Linie gegen die RAF-Häftlinge ein. Immerhin galt die Bundesrepublik Deutschland – anders als Argentinien – nicht als Diktatur, sondern als Demokratie westlicher Prägung.

Italien:

***Nanni erwähnt die sog. „Strategie der Spannung“ („Strategia della tensione“) mittels derer in Italien durch terroristische Anschläge ein Klima der Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung erzeugt werden sollte. Als Ausgangspunkt kann vermutlich das Bombenattentat auf der Piazza Fontana in Mailand 1969 gelten, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen.

Auch wenn diese Anschläge, wie sich später herausstellte, oft auf das Konto der faschistischen Terrororganisation „Ordine Nuovo“ gingen, standen zunächst linksextremistische Gruppierungen unter Verdacht.

Da der PCI (Partito Communista Italiano), die kommunistische Partei in Italien in den 1970er Jahren einerseits relativ stark war – nicht zuletzt aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und der erheblichen wirtschaftlichen Probleme – und sich andererseits – wie andere süd- und wetseuropäische kommunistische Parteien – von einem orthodoxen Kommunismus stalinistischer bzw. sowjetischer Prägung ab- und dem sog. „Eurokommunismus“ zugewandt hatte, hatte der konservative italienische Politiker Aldo Moro eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten befürwortet, was später auf Seiten der Linken als sog. „historischer Kompromiss“ („Compromesso storico“) in die Geschichte eingehen sollte. Diese politische Linie sollte der Radikalisierung der italienischen Gesellschaft und einer damit verbundenen weiteren politischen Destabilisierung entgegenwirken.

Anders als Nanni behauptet, hatte Moro allerdings sowohl im linken Lager, wo man den „Verrat“ linker Ideale witterte, als auch in rechtskonservativen Kreisen, wo man eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten um jeden Preis verhindern wollte, Feinde. Dennoch spricht heute fast alles dafür, dass Aldo Moro 1978 von den linskterroristischen „Roten Brigaden“ („Brigate Rosse“) ermordet wurde.

Allerdings hat Nanni insofern nicht ganz Unrecht, als dass der christlich-konservative Politiker Giulio Andreotti (Democrazia Cristiana, wie Aldo Moro) tatsächlich ebenso wie rechtskonservative und faschistische Kräfte ein Interesse an der Ermordung Moros hatte. Andreotti, der im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Posten innehatte, verweigerte Moro dann auch seine Hilfe, als dieser von den „Brigate Rosse“ entführt wurde. Dafür höhlte Andreotti die Idee einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten so weit aus, dass diese schließlich politisch einflusslos blieben. Darüber hinaus wurden Andreotti immer wieder Verbindungen zur Mafia nachgesagt.

Bei dem abgeschossenen Flugzeug, das Nanni erwähnt, handelt es sich um den berüchtigten Flug 870, der im Juni 1980 kurz vor Sizilien auf mysteriöse Weise vom Radar „verschwand“. Verschiedene Theorien ranken sich um das verschwinden des Flugzeuges, das auf dem Weg von Bologna nach Palermo war und 81 Menschen an Bord hatte.

Demnach, was man heute weiß, haben sich sehr wahrscheinlich us-amerikanische und französische NATO-Flieger im italienischen Luftraum aufgehalten, die Jagd auf einen Kampfjet, der den damaligen lybischen Diktator Mu’ammar Ghedaffi an Bord haben sollte, machten. Möglicherweise wurde das italienische Passagierflugzeug der Fluglinie Itavia versehentlich abgeschossen.

Allerdings hat die italienische Regierung unter Ministerpräsident Francesco Cossiga (1979/80) alles Erdenkliche unternommen, um den Vorfall zu vertuschen. Einige Indizien sprechen dafür, dass der verheerende Unfall während einer Flugschau auf der deutschen US-Airbase Ramstein (bei Kaiserslautern) 1988, der insgesamt 70 Todesopfer forderte, möglicherweise in Zusammenhang mit den Versuchen, die Ereignisse um den Itavia-Flug von 1980 zu vertuschen, stand, da es die italienische Flugstaffel war, die das Unglück von Ramstein auslöste, und ein Pilot dabei ums Leben kam, der als Zeuge zu dem Verschwinden von Flug 870 aussagen wollte.

Den neuesten Stand zu Flug 870 bietet übersichtlich aufgearbeitet Michael Braun in einem taz-Artikel von 2013. Laila Phunk folgt seiner Darstellung der Dinge, die sich so ähnlich auch auf Wikipedia und in konservativen Medien wiederfindet, im Wesentlichen.

+Berthold Brennecke existiert nur in meiner Fantasie. Auch alle anderen Personen und ihre Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden, sofern es sich nicht um historische Persönlichkeiten und Gegebenheiten handelt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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