Hochbegabt!

Die Bloggerin Meike Lobo beschreibt es auf ihrem Blog ganz gut, das Gefühl, dass es Themen gibt, die man besser nicht anschneidet, wenn man nicht Reaktionen provozieren will, wie z. B. „Ja, also …“, hörbares Räuspern, „Immer verdirbt der Eierkopp uns die Stimmung!“

Es ist, wie einen Flachmann in der Jackentasche zu haben und zu hoffen, dass es niemand merkt. Denn der IQ ist eine heißumkämpfte Sache, genau genommen hat jeder zuviel davon, offiziell zumindest, und vielleicht liegt es daran, dass im Internet eine ganze Menge Intelligenztests kursieren. Ich habe auch mal einen gemacht und das kam so:

Vor Jahren geriet ich in die Mühlen des Jobcenters und wurde erst einmal zu einem „Bewerbungstraining“ verpflichtet. Unser „Trainer“ brüstete sich damit, einst ein hohes Tier bei der Stasi gewesen zu sein. Viele Jahre später lief es mir eiskalt den Rücken herunter, als ich begriff, dass er, sollte die Info gestimmt haben, dann auch in „operativer Psychologie“ geschult war, also wusste, wie man Menschen fertig macht. Vielleicht hatte ihn das in den Augen des Arbeitsamtes qualifiziert und vielleicht war es auch die Erklärung dafür, dass eine der Teilnehmerinnen, halblaut – „im Vertrauen“ – und dennoch in Hörweite unseres Meisters, erzählte, det sie ja noch nebenher schwarz arbeeten jeht, aba so blöd, det se dit anjibt, isse natürlich nich. Na ja. Die Frau war mir wegen der aufgesetzt kumpelhaften Art und des demonstrativen östlichen Dialekts sowieso eher unsympathisch gewesen. Ich verdiente nicht „schwarz nebenher“. Unser Stasi-Mann aber war wirklich sehr nett und verständnisvoll.

Nachdem die Basics der Bewerbung („Das Anschreiben braucht einen Briefkopf!“) am ersten Tag geklärt waren, ging es daran, unsere Fähigkeiten zu überprüfen. Unser Trainer machte alle möglichen Tests mit uns. Der engagierte Linke, der sein Studium abgebrochen hatte und der erklärte Liebling unseres Trainers war, übertrumpfte mich in „Der dritte Tag vor Montag“, denn er hatte alle Antworten richtig. Ich nicht. Im Englischtest, den ich als einzige machte, kam außerdem heraus, dass ich doch nicht so gut Englisch konnte, wie ich gedacht hatte. Als wir zwischendrin dann mal wirklich Bewerbungen schrieben, riet mir der nette Onkel von der Stasi, Selbstbeschreibungen wie „rasche Auffassungsgabe“ besser rauszustreichen.

Vielleicht war es gekränkte Eitelkeit, ein bisschen aber auch schlichte Langeweile, weshalb ich, als alle anderen noch mit dem dritten Allgemeinbildungstest beschäftigt waren (den ich schon fertig hatte), den IQ-Test machte, den ich im Internet gefunden hatte. Es hatte sein Gutes. Ich meditierte über Zahlenfolgen, während die anderen sich beim Multiple-Choice-Test den Kopf darüber zerbrachen, wie der Erfinder des Telefons hieß. Mein angestrengter, hochkonzentrierter Gesichtsausdruck muss unserem Trainer gefallen haben. Nach der Pause flog das Ganze auf, vielleicht, weil der Mann mich etwas hatte eintippen sehen. Jedenfalls kam er zu mir herüber, da hatte ich gerade das Ergebnis. Der Stasi-Mann empörte sich wie ein Großvater, der gerade gesehen hat, dass seine 11jährigen Enkel hinter dem Gartenhaus rauchen. „Ja, sagen Sie mal, was machen Sie denn da, Laila?!“ Zum Glück hatte ich alles, was er von uns verlangt hatte, ja bereits erledigt, so gut ich eben konnte (Was interessierte mich das Telefon?!). Laut IQ-Test spielte ich, wie ich zufrieden feststellte, in einer Liga mit Sharon Stone und Madonna. „Tja, willkommen im MENSA-Club, Laila!“ beglückwünschte ich mich innerlich.

Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen dem Eindruck, den der Stasi-Mann von meinen intellektuellen Fähigkeiten hatte und dem Ergebnis des IQ-Tests. Tatsächlich darf sich als „intellektuell hochbegabt“ betrachten, wer beim MENSA-Test auf einen Intelligenzquotienten von mehr als 130 kommt. 100 wäre eine durchschnittliche Intelligenz. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass, wer einen Doktortitel hat, meistens einen IQ von etwa 115 – 120 hat (sofern der Titel ehrlich erworben worden ist).

Allerdings sollte man sich vor Augen halten, dass „hochbegabt“ ein Prestige-Objekt und Must-Have für Leute aus den höheren Gesellschaftsschichten ist. Für den MENSA-Test gibt es, soweit ich weiß, spezielle Vorbereitungskurse (die natürlich kosten), so dass, wer nicht ganz doof ist, gute Chancen hat, in den MENSA-Club aufgenommen zu werden.

Dafür hat man in den USA festgestellt, dass Schwarze und Kinder aus den unteren Gesellschaftsschichten oft weniger gut bei IQ-Tests abschneiden (mehr hierzu z. B. in einem Interview des Spiegel mit dem Intelligenzforscher James Flynn von 2008). Hat aber Sarrazin jetzt Recht? Ist es vielleicht unfair, aber leider wahr, dass manche – meist eben doch wohlhabende Weiße – nun einmal intelligenter sind als andere Menschen? Immerhin behaupten die Leute, die die IQ-Tests machen, dass die Tests keine Bildung abfragen, sondern nur intellektuelle Kompetenzen wie Logik und Sprachgewandtheit, die man eben hat oder nicht hat.

Allerdings ist allgemein bekannt, dass, wer viel liest – und idealerweise nicht nur „Bild“ und Groschenromane – auch einen größeren Wortschatz hat und sprachlich gewandter ist. Auch das Experimentieren mit in Frage kommenden mathematischen Operationen im Kopf oder das Erkennen von Bildmustern, das in den logischen Folgen abgetestet wird, geht wesentlich schneller, wenn man darauf trainiert ist. Gerade deshalb sind die MENSA-Vorbereitungskurse ja auch so beliebt. Weil sie eben wirklich etwas bringen. Zumindest, wenn man mit Rilke und Schopenhauer aufgewachsen ist.

Wirklich abnormale, also weit überdurchschnittliche Intelligenz erkennt man daran, dass Kinder z. B. lesen können, lange bevor sie zur Schule kommen, mit drei oder vier Jahren. In dem Alter hat es keinen Zweck, Kinder zu zwingen. Normalbegabte Kinder werden das Lesen auch mit Druck und ausgefeilten pädagogischen Konzepten nicht lernen.

Dann fällt natürlich auf, dass hochbegabte Kinder in der Schule müheloser lernen und ihren Altersgenossen meist weit voraus sind. Vergesst einfach die Story, dass Einstein in der Schule so schlechte Noten in Mathe und Physik gehabt haben soll. Er konnte das schon sehr viel besser als alle anderen, auch als Schüler schon. Wer sich mit 12 oder 13 noch nicht mit Programmiersprachen, komplexeren mathematischen Funktionen und Dingen, wie z. B. Relativitätstheorie oder Bioengineering beschäftigt hat, so könnte man über den Daumen gepeilt sagen, ist sehr wahrscheinlich nicht hochbegabt.

Aber ist das eigentlich schlimm? Reumütig musste ich eingestehen, dass ich zwar im Kindergarten schon mit dem Rechenschieber und unserem Planetensystem gernervt hatte (Letzteres allerdings auch nur, weil „Star Wars“ gerade in den Kinos war und es auf den Plakaten so stylish aussah), aber kein Stück lesen konnte, bevor man es mir in der Schule beigebracht hatte. Zwar hatte ich immer auch ein paar exotische Interessen, aber die gefragten naturwissenschaftlich-technischen Dinge ließen mich absolut kalt. Mein vorpubertäres Selbst brannte weder darauf, Java zu lernen oder Frösche zu sezieren, noch hatte ich mit 15 meinen ersten (selbstgeschriebenen und -konzeptionierten!) Roman vorgelegt. Da griff ich dann eben doch lieber zum Micky-Maus-Comic …

Bei Hochbegabung geht es darum, dass solche Kinder sich freiwillig und weil es ihnen Spaß macht, mit Dingen beschäftigen, für die sie eigentlich noch viel zu jung sind. Sie tun es nicht, weil sie wissen, dass sie Mami und Papi eine Freude damit machen oder gar, weil es sonst die nächsten zwei Wochen kein Taschengeld mehr gibt.

Schade, dass „hochbegabt“ ein Label ist, das in unserer Wissens- und Informationsgesellschaft so wichtig ist. Als ich hörte, dass in der kleinen Stadt in der ich studiert hatte, ein Gymnasium „für Hochbegabte“ aufmachte, wurde ich stutzig. Es handelte sich nicht etwa um ein Internat, sondern um eine Tagesschule für intellektuell weit überdurchschnittlich begabte Kinder, die man – so die Selbstbeschreibung – „gezielt fördern“ wollte, damit ihre Talente nicht auf normalen Gymnasien unter so vielen Durchschnittsexistenzen verschütt gehen. Wenn man allerdings bedenkt, dass laut Wikipedia maximal 2,2 % der Bevölkerung hochbegabt im eigentlichen Sinne sind, ist fraglich, wie sie in der 90.000-Einwohner-Stadt die Klassen gefüllt haben wollen. Selbst wenn man sämtliche Landkreise hinzurechnet.

Aber es schmeichelt eben der eigenen Eitelkeit, als „Überflieger(in)“ zu gelten, und genau damit arbeiten vermutlich auch die IQ-Tests im Internet. Wer seinen Bekannten begeistert erzählt: „Du, jetzt ist es ‚raus! Ich bin hochbegabt! Ich habe da neulich so einen Test im Internet gemacht …“, der stachelt damit sehr wahrscheinlich den Ehrgeiz seiner Gesprächspartner an: „Wenn DER/DIE angeblich hochbegabt ist, dann wollen wir doch mal sehen, ob das auf mich nicht auch zutrifft! Den Test mache ich jetzt auch!“ Und schon hat die Seite wieder ein paar Klicks. Ideal u. a., wenn man Werbebanner hat!

Allerdings wird mit dem Hochbegabten-Hype auch eine Menge Druck aufgebaut. Schließlich will niemand zu den Blödis gehören, die einfach nicht mithalten können, unter so vielen Genies. Vielleicht liegt es daran, dass man so oft das Gefühl hat, man spricht dieses oder jenes Thema jetzt lieber nicht an, die anderen interessiert es sowieso nicht und man will ja nicht stressen. Man will nicht „der Eierkopp“ sein und dann auch noch vorgeführt werden, weil herauskommen soll, dass man gar nicht so schlau ist, wie man denkt (ja, das weiß man ja!), sondern die „verkannten Genies“ eigentlich die anderen sind (von mir aus!). Die hat man aber halt immer bloß unterschätzt und übersehen.

Schade, dass es immer mehr darum zu gehen scheint, sich miteinander zu messen. V. a. weil Intelligenz und Interessen ja sowieso bei jedem und jeder unterschiedliche Schwerpunkte haben und jede beliebige Gruppe von Menschen einander wahrscheinlich in den unterschiedlichsten Konstellation gut ergänzen würde. Man stelle sich nur mal eine Welt vor, in der jeder total gut programmieren und tolle Romane schreiben kann – aber halt nichts anderes.

Also, vielleicht investiert ihr das Geld, das ihr für den MENSA-Test ausgeben müsstet, einfach mal in ein paar gute Bücher, etwas, das euch wirklich interessiert 😉

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