Kalte Worte, Querfront-Logik

hass2blog

Was ist schlimmer, wenn man von Sexismus spricht: Ein bisschen Jungstalk in der Umkleide? Oder ist es nicht eigentlich viel rassistischer, wenn in Libyen reihenweise Frauen umgebracht werden?

Der bekannte Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen brachte das Thema auf, in einem Interview mit dem taz-Journalisten und Hanf-Aktivisten Mathias Bröckers. (Sowohl zu Bröckers als auch zu Jebsen gibt es Wikipedia-Einträge). In dem Interview geht um Donald Trump. Bröckers holt weit aus, redet von „Cowboys“ und „Yankees“. Er beantwortet die Frage nicht wirklich. Als er auf „die Rothschilds“ zu sprechen kommt, schalte ich das Youtube-Video aus. Ich habe genug gehört.

Eingeschaltet hatte ich „KenFM“ überhaupt nur, weil ich in der Berliner Bibliothek, die viele Gratis-Internetplätze bereit hält, gesehen hatte, dass das Video mit dem Bröckers-Interview auf mehreren Bildschirmen flimmerte.

Die erschütternde rhetorische Frage, die die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen Donald Trump mit dem Krieg in Libyen verglich, folgte einem Strickmuster, das mir nicht unbekannt war.

Als 2012 in Toulouse drei Kinder (und ein Erwachsener) ermordet wurden, weil sie eine jüdische Schule besuchten und der Täter einen Hass auf Juden hatte (auf Wikipedia ist das Attentat dokumentiert), war das für mich ein Schock. Entsetzt berichtete ich von dem grausigen Anschlag. Es blieb still. Schließlich ließ sich ein Mann, der, wie ich später erfahren sollte, zu Bröckers Kreisen gehörte, zu einer Reaktion herab. Er guckte mich kalt an. „Schalt mal dein Gehirn ein!“ sagte er barsch: „In Palästina sterben täglich Kinder! Und du bemitleidest die drei toten Kinder in Toulouse jetzt. Nur weil sie Juden sind?!“

Nein, natürlich taten mir auch die palästinensischen Kinder leid. Und natürlich ist es der ultimative Gewaltakt gegen Frauen (bzw. gegen Menschen überhaupt), sie umzubringen. Aber deshalb darf man anderen, lebenden Frauen in den Schritt grapschen, um sie öffentlich zu demütigen? Deshalb darf man jüdische Kinder, tausende Kilometer entfernt vom Nahostkonflikt, in Westeuropa, einfach abknallen?

Es ist die Brutalität dieser Rhetorik, die mich erschreckt, obwohl ich mittlerweile daran gewöhnt sein sollte.

Aber was wäre, wenn man mit diesen Leuten ebenso umspringen würde? Man könnte die Frauen aus diesem verschwörungstheoretischen Querfront-Milieu dann ruhig hemmungslos sexuell belästigen. Macht doch nichts. Mault eine, sagt man einfach: „Denk mal daran, wie viele Frauen jeden Tag in Syrien sterben. Ja, sag mal schämst du dich denn gar nicht mit deinen Luxusproblemchen?“ Man könnte ruhig mit einem Motorroller an einer Kita oder Schule in Kreuzberg vorbeirollen, von der man weiß, dass Kinder aus dem wohlhabenden Öko-Milieu sie besuchen, Kinder von Journalisten, Künstlern, Theatermachern, … Man könnte eine Waffe ziehen und einfach abdrücken – „Palästina!“ würde als Erklärung wohl reichen …

Ich schreibe das, weil ich euch die Grausamkeit solcher Argumente klarmachen will. Ich will euch teilhaben lassen an dem Gefühl, wenn es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft, wenn man erst einmal einen Moment braucht, um zu begreifen, dass die Worte, die da gerade gefallen sind, wirklich gefallen sind.

Es geht mir nicht darum, Leute leichtfertig als Antisemiten abzustempeln. Vielleicht steckt ja wirklich „nur“ eine verquere, kalte Logik dahinter, die sich mir nicht erschließt. Ganz abgesehen davon, dass man locker auch jede andere soziale Gruppe, vielleicht in einer ein bisschen anders gelagerten Konstellation, einsetzen könnte. Aber einige Leuten täten wirklich gut daran, sich mal konkret auszumalen, wie es wäre, wenn man über sie redete, über Unrecht, das ihnen angetan wurde. Und wenn man dann eben auch keine Lust hätte, ihnen auch nur ein Fünkchen Empathie entgegenzubringen. Ist das wirklich die Welt, die ihr haben wollt?

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