Ein stolzer weißer Mann mimt die „Schwuchtel“

hass1blog

Man möchte ihm am liebsten links und rechts kräftig eine klatschen, dem Milchgesicht mit dem fancy blondierten Haarschnitt und der arschcoolen Sonnenbrille. Im Kopf, im Bauch, in der Fantasie tut man es auch, denn Milo Yiannopoulos verrät und verhöhnt eigentlich alles, was Leuten, die von Demokratie, Toleranz, Vielfalt und einem sozialen Miteinander viel halten, wichtig ist. Er mag keine Muslims, keine Frauen, keine Linken, keine soziale Gerechtigkeit und keine political correctness.

Natürlich ist man im real Life trotzdem nett. Man will fair sein. Yiannopoulos selbst muss sich da nicht unbedingt einen Zwang antun. Eigentlich müsste er – schwul, Brite, der Vater Grieche – schon wegen der im Moment sehr wichtigen Minderheitenfrage ein Darling eben jener liberalen Eliten sein, die er so sehr verachtet. Und vielleicht ist es gerade das, was einen an ihm so richtig aggressiv macht.

Denn wenn einer, der für das rechte Internetportal „Breitbart“ schreibt, für Donald Trump Wahlkampf gemacht hat und der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung („Alternative Right“ = „alternative Rechte“, vgl. Wikipedia) zugerechnet wird, seine Lesungstour „The Dangerous Faggot Tour“ nennt, dann hat das einen winselnden, jämmerlichen Beiklang.

Es hat was von einem Rechten, der von der links-liberalen Minderheitenpolitik vermutlich mehr als viele andere profitiert hat und trotzdem mit Wonne auf allen herumtritt, die Toleranz und ein bisschen soziale Unterstützung bitter nötig hätten. „Faggot“ heißt ja „Schwuchtel“. Soll wohl ironisch gemeint sein. Jedenfalls erinnert es an linke Forderungen, diskriminierte Minderheiten sollten sich solche Worte „selbstbewusst“ aneignen.

Aber wenn sich einer wie Yiannopoulos das Wort „Faggot“ auf die Fahnen schreibt, dann wirkt das – auf mich zumindest – als ob jemand laut aufheult: „Aber die Minderheit bin doch ich!“, nur um dann hämisch zu höhnen „Hä, hä ihr müsst nett zu mir sein. Aber ich mag euch nicht. Ich muss nämlich nicht nett sein!“.

Damit ist ein politisches Monster geboren, denn Yiannopoulos ist kein Einzelfall und die jungen Rechten, die heute gegen Toleranz und Vielfalt antoben, sind, wie gesagt, Kinder der Nach-Reagan-, Nach-Thatcher-, Nach-Kohl-Ära.

Vermutlich erklärt das auch – zumindest zum Teil – warum  die „political correctness“ mittlerweile bei so vielen Leuten – auch Linken, Liberalen – ein gewisses Unbehagen auslöst. Man denkt an Typen wie Yiannopoulos, Menschen, die – selbst keineswegs benachteiligt – hemmungslos andere in die Enge treiben, demütigen, diskriminieren, einfach weil sie sich sicher sind, weil es man ihnen so beigebracht hat, dass sie für jedwedes Verhalten, ganz gleich wie abstoßend es ist, einen Freifahrtsschein haben.

Aber warum muss man eigentlich um jeden Preis nett zu Leuten wie Yiannopoulos sein? Zählen die Rechte von Frauen, von anderen Migranten – Muslimen – nicht, nur weil einer, der schwul ist und auch noch einen Schuss südeuropäisches Blut in den Adern hat, sie nicht mag? Ist ein Araber als Minderheit weniger Wert als ein (halber) Grieche? Eine schwarze Frau weniger als ein Homosexueller, eine Lesbe oder arme Weiße vielleicht auch weniger als ein reicher Schwuler? Und warum eigentlich muss so genau bemessen werden, wer was „darf“ und wie viel jemand z. B. an Toleranz „verdient“ hat?

Irgendwann in den Nullerjahren muss etwas kaputt gegangen sein in der linken Identitätspolitik.

Früher hieß es, dass sich die Identität eines Menschen aus sehr vielen verschiedenen Aspekten zusammensetzt. Jemand kann Punk oder Spießer sein, arm oder reich, schwarz oder weiß, sexuell abweichend oder nicht, Aus- oder Inländer, Mann oder Frau, Tennis- oder Fußballspieler oder Sportmuffel, Bach, Mozart, Iron Maiden oder etwas ganz anderes hören. Nur ist mit alldem keine Aussage über die Güte eines Menschen getroffen. Gemeinhin umschreibt man so etwas wohl mit den Worten „Pluralismus“ und „Toleranz“.

Jedenfalls hatte man damals keine Schwierigkeiten damit, sich vorzustellen, dass ein Schwuler rechts sein kann und auch ein Frauenhasser. Und dass man das auch kritisieren darf.

Das bedeutet ja nicht, dass man sich deshalb auch homophob auslassen darf. Auch einem wie Yiannopoulos gegenüber nicht. Aber nicht jede Kritik, nicht jedes Gefühl der (persönlichen) Antipathie ist Homophobie oder „Mikroaggression“ (dazu gab es mal in der „Zeit“ einen ziemlich aufschlussreichen Artikel). Das sind zwei Paar Stiefel und es verblüfft mich immer wieder, dass das mittlerweile nur noch schwer zu vermitteln ist.

Das Problem ist, dass der Minderheitendiskurs heute einfach zu stark verengt ist auf „Minderheiten versus Mehrheitsgesellschaft“. Die Linken denken, dass sie die Minderheiten vor der Mehrheitsgesellschaft beschützen müssen. Die Rechten dagegen wollen die Mehrheitsgesellschaft vor den Minderheiten beschützen.

Wer jeweils „Minderheit“ bzw. „Mehrheitsgesellschaft“ ist, kann in beiden Lagern flexibel gehandhabt werden.

Als die Flüchtlingsdebatte vor etwa einem Jahr auf ihrem Höhepunkt war, erinnerten sich einige Linke z. B. plötzlich an die Fluchtgeschichten ihrer Eltern und Großeltern. In manchen Berichten, u. a. in dem Blogbeitrag „Auch ich bin eine Flüchtlingstochter“ der ehemaligen Piratenpolitikerin Anke Domscheit-Berg, klang an, dass Schlesien, Masuren, Ostpreußen, Pommern und das Sudentenland schließlich auch kulturell fremd seien, jedenfalls „anders“ im Hinblick auf die Mehrheitsgesellschaft. Ganz klar: Diese Deutschen teilten etwas mit den Flüchtlingen – wenn auch nur mittelbar, als Familiengeschichte und nicht selbst erlebt. Die anderen nicht. Ist natürlich etwas ungeschickt, wenn man auf Integration hinarbeiten will …

Dafür aber darf Milo Yiannopoulos bei den Rechten auch der stolze weiße Mann sein, der sich seine angestammten Vorrechte zurückerobert. Ein „Faggot“, der höchstens aus PR-Gründen einer ist.

Höchste Zeit, solchen Leuten ein etwas differenzierteres Weltbild entgegenzusetzen!

 

 

 

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