Arroganz der Eliten? Eine Bestandaufnahme der Linken heute

Sind die Linken Schuld am Sieg von Donald Trump? Nils Markwardt weist allein die Frage in einem Beitrag in der Zeit entschieden zurück. Ich würde eher mit Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip Nein, aber …“.

Aber … wo soll ich anfangen? Am besten hier, in Deutschland, meiner eigenen Erfahrungswelt. Da drängt sich die Frage auf, sind die Linken eigentlich so links, wie sie behaupten? Und ist ihnen Trumps Wahlsieg wirklich so unangenehm?

1. Positive Diskriminierung … oder einfach nur Diskriminierung

Das fing schon an der Uni an, in den letzten Semestern. Meine feministische Professorin fand das ja ganz toll, dass ich mich für antirassistische Arbeit interessiere und auch privat in einer multkulturellen Initiative engagierte, sogar in einer feministischen Hochschulgruppe war. Gefördert hat sie aber die konservativen Frauen. Es machte nichts, dass einige darunter waren, die in den ersten Semestern noch über die Wissenschaftlerin gelästert hatten. Die Professorin lobte sie auch dann, wenn offensichtlich war, dass ihnen nichts einfiel, was sie sagen sollten. Wir inhaltlich interessierteren Frauen zogen uns zurück, weil überdeutlich war, dass wir den anderen keine Redezeit streitig machen sollten. Dennoch war ich erstaunt, als eine andere Studentin, die immer intelligent und engagiert gewirkt hatte, aber brav und angepasst genug schien, um im Haifisch-Pool zu überleben, ebenfalls das Handtuch schmiss und der Uni erklärungslos den Rücken zu kehrte. Für die anderen waren üppige Stipendien reserviert, für sie wurden Jobs extra geschaffen, keine akademischen Handlangerdienste, Interessantes zu Feminismus, Rassismus, Queer. Zwei scheiterten trotz aller Extra-Förderung an ihren Doktorarbeiten, andere aber machten Karriere.

Heute weiß ich, dass die Professorin es nicht persönlich gemeint hatte. Sie hatte ein klares Weltbild, in dem die Frauen hilflos und entrechtet waren und sie sie gegen Leute wie mich verteidigen musste. Ihre Mädels und sie waren eine eingeschworene Truppe. Es wurde viel und oft von „Shoa“ gesprochen und frau identifizierte sich mit den Opfern des Holocaustes, obwohl es offensichtlich war, dass einige von ihnen schon allein von ihrer gesellschaftlichen Stellung her aus Nazi-Familien stammen mussten, die Eltern und Großeltern vermutlich schwere Schuld auf sich geladen hatten. Aber der Holocaust war „Männergewalt“. Genau wie sich keine von ihnen beim Thema „Critical Whiteness“ angesprochen fühlen musste, denn sie redeten sich ein, in gewisser Weise auch „Schwarze“ zu sein, wenn auch eher im übertragenen Sinne.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb einige Leute aus diesem Milieu es in der Zeit nach Sarrazin mit der Angst zu tun kriegten, ich könnte das „Judengen“ haben (Na und? Ich bin ja keine Jüdin und habe das sogar mehrfach öffentlich klargestellt) und sie nicht. Immerhin hatte man den anderen „Affirmative Action“ oder auch „positive Diskriminierung“ zuteil werden lassen, d. h. alles war gut und sollte positiv bewertet werden, was diese Frauen sagten, taten, dachten, während ich kritisch begutachtet und entmutigt werden sollte, eben um den anderen den Rücken zu stärken, dass sie sich nicht von „Eierköpfen“ wie mir einschüchtern lassen müssten. Irgendwann galt das auch für junge deutsche Männer aus besserem Hause. Es sollte links sein. Es war aber einfach nur diskriminierend.

2. Na, eifersüchtig? Manche sind halt einfach besser!

Auch Michaela, wie ich sie hier einmal nennen werde, hatte die volle Unterstützung meiner feministischen Professorin, obwohl sie Mitarbeiterin des konservativen, „männlichen“ Lehrstuhls war. Vielleicht ist Michaela so etwas wie die große Schwester von zeitgenössischen Feministinnen wie Margarete Stokowski, denn eigentlich sagt man über Frauen wie sie, dass sie „den Feminismus gar nicht nötig“ haben. Michaela selbst sagte, dass sie den Feminismus „schon lange hinter sich gelassen“ hätte. Aus einer angesehenen Familie im beschaulichen Basel* stammend, hatte sie, wie man heute sagen würde, einen Migrationshintergrund. Der einzige Wehrmutstropfen der bildhübschen, blitzgescheiten jungen Frau, über die man bewundernd sagte, dass sie jedesmal, wenn sie den Mund aufmachte, „wie gedruckt“ formuliere, war, dass ausgerechnet sie als Schweizerin sich ein bisschen schwer mit Fremdsprachen tat. Ich glaube, wenn man (oder frau) Michaela näher gekannt hätte, wäre einem noch mehr aufgefallen: ein bisschen kurzbeinig, eine Fernbeziehung, ohne dass je Hochzeitsglocken geläutet hätten, dass das Dessert immer vollkommen ausreichend war – süß wie die Sünde, klein, aber fein wie die Frauen. Nur dass mir der Magen bis zu den Kniekehlen hing, wenn auf Uni-Exkursionen oder Tagesseminaren alle Frauen nach einem ultrateuren Schoko-Croissant „schon voll“ waren und es mich nervte, nie allein auf Klo gehen zu können, weil immer ein Schatten hintendran war, ohne Pinkelgeräusche oder das Rauschen einer Spülung, nur ein Tapsen und angespanntes Horchen. Ich musste erst eine taz-Kolumne von Margarete Stokowski lesen, um zu begreifen, dass die Frauen auf Würgegeräusche und den bitteren Gestank von Kotze gehofft hatten.

3. Toleranz den Intoleranten?

Damals war alles vielleicht noch ein bisschen ehrlicher. Man bzw. frau sollte sich vor Frauen wie Michaela klein fühlen. Daraus wurde kein Hehl gemacht. Dann befand man, dass es unfair und diskriminierend sei, dass Frauen wie ich sich nicht auch vor Frauen wie Sally und Heike klein fühlten. Auch Sally und Heike heißen in Wirklichkeit anders und ihre Lebensumstände sind etwas anders als ich sie hier wiedergebe. Beide Frauen weckten keine Neidgefühle, obwohl sie tatsächlich intelligent und belesen waren und obwohl man auch sie überall hoch- und hineinhob. Sie wirkten einfach ein bisschen tantig und gehemmt. Heike war sogar ziemlich hochnäsig und auch Sally hielt sich eigentlich für etwas Besseres, zumindest mir gegenüber. Warum soll man Menschen Sympathien entgegenbringen, die versuchen, einem das Gefühl zu geben, man sei minderwertig? Warum soll man Verständnis für die Komplexe solcher Frauen aufbringen, wenn sie umgekehrt nur darauf lauern, es einem mal geben zu können?

Offenbar ist das Tagebuch, das man mir einmal aus dem Rucksack geklaut hatte, solchen Frauen in die Hände gefallen und es muss sie schockiert haben, dass ich etwas mit Männern anfangen konnte und das auch getan habe, auch wenn ich Frauen nie verstanden habe, die jeden Kontakt mit einem XY-Chromosomen-Träger auf einen potentiellen Flirt hin abgeklopft haben, auch wenn die Albträume dieser konservativen Wachteln und Weibchen sich bestätigt haben und das mit der „hässlichen Lesbe“, die ich damals für sie sein sollte, sich zum Teil bestätigt hat.

Doch Queer war für Frauen wie Sally und Heike da. Sogar für Michaela. Nicht für mich. Da lag es vermutlich nahe, dass sie mich für das „Image“, das ihnen so wichtig war, „ausbeuten“ wollten, wie sich einige Frauen aus der Frauenszene brüsteten.

4. Der große Bluff

Schon nach wenigen Monaten in Berlin fiel mir auf, wie viele Gemeinsamkeiten ich mit der Vorzeigefeministin der taz hatte. Da war ein Buch über Frauen in der Arbeitswelt, das ich aus der Bücherei ausgeliehen hatte. Ein paar Tage, nachdem ich es zurückgegeben hatte, las ich in der taz, dass das Buch „gerade im Freundeskreis“ der Feministin „herumginge“. Es war nur gar keine Neuerscheinung, sondern schon ein paar Jahre alt. Vielleicht war es Zufall. Möglich. Egal.

Irgendwem aus dieser Frauenszene gegenüber hatte ich auch mal erwähnt, dass ich Simone de Beauvoirs „Le Deuxième Sexe“ schon als Teenager, mit 18, geradezu verschlungen hatte. Ich hatte mich sogar durch das französische Original gequält, was mir später für ein Romanistik-Seminar an der Uni zu Gute kam. Überrascht stellte ich fest, dass es Margarete Stokowski ja genauso ging. Sie war nur noch sehr viel jünger gewesen, als sie angefangen hatte, sich mit de Beauvoir zu beschäftigen. Außerdem hatte ich in dieser Frauenszene mal beiläufig davon erzählt, dass mir in der Mittelstufe in der Schule Mathe ziemlich leicht gefallen ist und ich sogar viele Jungs in den Schatten gestellt hatte. Stokowski war offensichtlich sowohl in Mathe als auch in Physik ein Ass in der Schule. Kann ja sein. Ist ja gut. Ich habe auch nie behauptet, dass Margarete Stokowski dumm ist. Ist sie ganz sicher nicht, selbst wenn man ihr nicht so wohlgesonnen ist, wird man ihr damit nicht kommen können. Das hervorstechenste Talent, dass man öffentlich an ihr wahrnimmt ist allerdings eher literarisch. Damit hatte ich mich selbst nie gebrüstet. Warum auch? Das kann ich wirklich nicht besonders gut.

5. Hopp oder top und dazwischen gar nichts?

Ich hatte nur etwas dagegen, ständig mit allem Möglichen zusammengestaucht zu werden, auch dann, WENN ich etwas gut konnte oder exakt eingeschätzt hatte oder sonstwie vollkommen richtig lag. Ich wehrte mich dagegen, dass die Frauen aus der Stokowski-Entourage öffentlich Bemerkungen über meine Brüste machten (Veranstaltung der taz in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung zu Rassismus und Sprache). Ich wollte nicht, dass man mich „unwertes Leben“ nennen durfte (Hipsterpärchen in Kreuzberg, Kottbusser Tor, die Frau war auch bei der taz und auf der Veranstaltung zu „Rassismus und Sprache“). Oder „Krüppel“ (Türkin aus dem Umfeld Heinrich-Böll-Stiftung/taz). Oder „Fickmaus“ (dicke Frau in Kreuzberg, Adalbertstraße). Dass man mich ruhig antatschen könnte (blonde Frau, Berlinale), weil – so ein Hipster im taz-Café – ich „das ja schon so gewohnt“ sei.

Es scheint darum zu gehen, dass einige Menschen sich zu Herrenmenschen stilisieren und andere völlig entwertet werden. Das ist falsch. Vermutlich hat es eine lange Vorgeschichte (siehe oben), aber es ist zynisch, so etwas als „Feminismus“ oder als „links“ verkaufen zu wollen. Vielleicht geht es auf das Konto von Frauen wie Heike, die einen guten Draht zu Linken hat. Oder es war Sally oder Michaela oder eine andere. Sie alle hat es zeitweise oder ganz nach Berlin verschlagen. Und es gibt hier unendlich viele Frauen, die ganz genauso sind.

Die de Beauvoir war übrigens Gleichheitsfeministin, d. h. sie trat für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein, wohingegen die Queerfeministinnen wie Margarete Stokowski Differenzfeministinnen sind, d. h. sie gehen davon aus, dass es zwischen Mänern und Frauen erhebliche Unterschiede gibt, dass Weiblichkeit in unserer Gesellschaft aber oft zu negativ bewertet wird. Dass ich mir das nicht aus reiner Bösartigkeit herbeifantasiere, kann man u. a. im österreichischen Standart nachlesen. In der taz stand kurze Zeit, nachdem ich das erwähnt hatte, (was wohl keine Rolle gespielt hat, ich glaube, das Thema beschäftigte die Frauen ohnehin, eben weil sie alle so sehr nach der de Beauvoir krallen), das seien Übersetzungsfehler (kann ich nicht beurteilen). Sehr wohl habe sich die de Beauvoir viele Gedanken über den weiblichen Körper gemacht. Kann ja sein, dass sie sich damit AUCH befasst hat. Allein dieses Verdrehen nervt. Dass es immer darauf hinauslaufen soll, dass andere sich irren und angeblich alles ganz falsch wahrnehmen, nur damit diese Frauen sich einreden können, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

Aber eigentlich geht es hier gar nicht um Feminismus. Diese Geschichte könnte man in unzähligen Varianten schreiben. Sie hätte sich so auch in Frankreich und in den USA abspielen können. Vermutlich müssen die Linken begreifen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie sie etwas oder sich selbst DARSTELLEN. Es geht darum, Empathie neu zu lernen, selbst ein bisschen weniger zu werden, dafür aber an Profil und Menschlichkeit zu gewinnen und anderen auch einen Platz in dieser Gesellschaft zu lassen.

So lange aber die Linke nur eine Spielart der Konservativen ist, wird sie nichts bewirken. Und daran wird nicht einmal Donald Trump als Präsident etwas ändern, auch wenn die US-Wahl jetzt alle aufgescheucht hat.

*Namen, Umstände der im Text namentlich genannten Personen geändert. Alles, was Margarete Stokowski betrifft, habe ich aus der Zeitung. Die taz-Veranstaltungen, auch die über „Rassismus und Sprache“ 2013 in der Heinrich-Böll-Stiftung, habe ich selbst erlebt und meine Erfahrungen aus Kreuzberg sind leider auch keine „literarische Freiheit“, sondern haben sich so zugetragen, wie ich es dargestellt habe. Sollte sich jemand darin allzu konkret beschrieben sehen, würde ich die Gelegenheit nutzen und Anzeige wegen Beleidung erstatten.

 

 

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