Die Crème de la Crème & der Sumpf: Wahlen in Berlin

Wahlen in Berlin, das zwar, so besagen es die ersten Hochrechnungen, weiterhin SPD-regiert bleiben wird, aber auch mit einem großen „aber“ zurechtkommen muss: Die AfD hat satte Gewinne eingefahren, liegt aktuell bei 13,8%. Ich war mir eigentlich sicher, dass es letztendlich doch unter 10% bleiben würde, einfach, weil sich viele vielleicht Sorgen um die Zukunft machen, vielleicht den Zuzug von immer mehr EU-Ausländern und Flüchtlingen als Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt fürchten, aber letztendlich, so ist doch das sichere Bauchgefühl, will man offene Grenzen und kulturelle Vielfalt. Die Lösungen müssen andere sein, als das, was die AfD vorzuschlagen hat. Wie gut, dass ich nicht gewettet habe.

Die meisten „Überläufer“ aus anderen Parteien, die diesmal AfD gewählt haben, kommen  laut tagesschau.de offenbar von der CDU, dann, mit relativ viel Abstand: SPD, Linkspartei und Piraten. Das passt zu dem Bild, das die AfD-Wahlparty, die in einem gutbürgerlichen Stadtteil Berlins stattfindet, zumindest vom Grenzzaun aus gesehen, bietet: Hinter einer großräumigen Polizeiabsperrung sieht man gediegene Herrschaften auf- und abspazieren, die nach „Vorstand“ und „Chefeteage“ aussehen. Dazwischen irritieren ein paar „kleine Leute“, zu denen einem, so vom Erscheinungsbild her, als erstes „JobCenter“ einfällt, was aber natürlich nicht stimmen muss. Aus der Ferne wirkt die Versammlung außerdem seltsam multikulti: ein Mann, der wie der Sprachwissenschaftler Achille Demagbo aus Benin aussieht, der in den Medien als schwarzer AfDler Furore gemacht hatte, unterhält sich mit einem anderen Mann mittleren Alters, der ebenfalls Migrationshintergrund zu haben scheint. Plötzlich marschiert ein Trupp der „Jungen Alternative“ auf die Polizeiabsperrung zu. Es sind nur ein paar junge Männer, aber der Aufzug wirkt martialisch, angsteinflößend. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters überwinden die Absperrung in die eine und in die andere Richtung. Nicht alle haben offenbar vor, lange auf der Party zu bleiben. Einige schleifen Rollköfferchen hinter sich her. Eine dunkelhaarige, nicht mehr ganz junge Frau läuft lächelnd auf mich zu, obwohl eigentlich klar sein müsste, dass ich nicht zur Polizei gehöre und ihr nicht weiterhelfen kann.

Wirklich bekannt kam mir nur ein junger Mann vor. Ihn hatte ich schon öfters gesehen. Ein paar jüngere Leute, die zu den wenigen gehörten, die sich neben mir hinter der Absperrung postiert hatten, mutmaßen, dass ich „auch eine von den Rechten“ sei. Das gleiche hatte ich über sie auch gedacht, aber nicht laut gesagt. Zwei hatten sich die Haare zwar ein paar bunte Strähnen aufgepeppt, aber ihre Freunde sahen eher nach „kleine Leute“-Nazischläger aus: Die Typen, die ich aus meiner Jugend kannte und die wollten, dass man „versiffte linke Steineschmeißer“ am besten „standrechtlich erschießen“ solle, obwohl sie ansonsten unpolitisch waren. Allerdings erkennt man heutzutage nicht mehr so recht an Äußerlichkeiten, wer rechts und wer links ist. Es gibt keine subkulturellen Codes mehr dafür.

Mir fallen die zwei Hipster ein, die mir in Kreuzberg „unwertes Leben“ hinterherbrüllt haben, beide sehr semmelblond, beide sehr hellhäutig, der Mann mit auffallend hervorquellenden Augen, die Frau kurzhaarig. Ich habe sie auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung wieder gesehen. Sie war ein bisschen zu plakativ auf lesbisch getrimmt, entsprach aber zumindest dem Ideal, des reinen „Naturkindes“, das in diesen Kreisen gut ankommt. Man schien die Frau bei der Heinrich-Böll-Stiftung zu kennen und auch zu mögen. Für mich ist sie trotzdem ein Nazi.

Und vielleicht werde ich da letztendlich auch recht behalten, trotz aller Beteuerungen und Rechtfertigungen, man habe es nur für irgendwen anders getan, für Jobs (die diese Leute ohnehin hatten und um die andere mit ihnen viel heftiger konkurriert haben als ich) oder für was auch immer.

Immerhin sind in Kreuzberg die „Identitären“ und Leute, wie der neurechte Österreicher Martin Semlitsch aktiv bzw. aktiv gewesen und das vollkommen unbehelligt. Niemand fühlte sich durch sie gestört. Man bewies Toleranz.

Mir dreht sich der Magen um, wenn ich an die „unwertes Leben“-Frau und ihren froschäugigen Freund zurückdenke. Auch die jungen Leute an der Polizeiabsperrung wirkten wenig beruhigend. Vielleicht muss man damit leben, dass das, was die AfD ausmacht, ihr Denken, die rassistischen, antisemitischen und homophoben Sprüche, sich nicht auf die Parteielite beschränkt, die heute Abend Wahlparty gefeiert hat.

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