Sagt mal geht’s noch?! Aus dem Berliner Wahlkampf

Krise – ja gut. Gefühlt zumindest. Aber ein Minimum an Zivilisation sollte man wahren, ganz gleich, wie bedroht man sich vielleicht fühlt. Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ recherchierte offenbar investigativ à la Wallraff bei der AfD – in gut zwei Wochen sind ja Wahlen in Berlin. Gleich der Aufmacher erschüttert: „Ich hab nichts gegen Ausländer“. (…) „Ich habe aber auch nichts gegen Tiere. Schlangen zum Beispiel finde ich interessant, trotzdem möchte ich keine zu Hause haben.“ soll ein AfD-Sympathisant auf einem Kennenlern-Treffen des Berliner Ablegers der Partei gesagt haben*. Da bleibt einem erst einmal die Spucke weg. Ohne dass man es auf Anhieb artikulieren könnte, denkt man einfach: „So etwas sagt man doch nicht!“. Es klingt wie das Statement Alexander Gaulands zu Jerome Boateng, eine gezielte Provokation, ein Aufreger, der vielleicht Aufmerksamkeit bringen sollte – und eine Aussage, die einen Rassismus und eine Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringt, bei denen man glaubte, dass Menschen, die so denken, normalerweise lieber den Mund halten. Einfach, weil es so fürchterlich ist. Oder würden Sie etwa gern mit einem glitschigen Reptil verglichen werden, das man nicht in seiner Nähe haben möchte, weil es doch so eklig und gefährlich ist?

Merkwürdig – in dem „Zitty“-Text ist nicht einmal nur von ältlichen Ewiggestrigen die Rede, Leuten, denen man Säbelrasseln und eine Sympathie für rechtslastiges Gedankengut ohne Weiteres zutrauen würde. Offenbar begeistern sich auch junge Menschen – Twens, Thirty-Something – für die AfD: Kunstwissenschaftler, Dolmetscher. In Kreuzberg kandidiert sogar eine ehemalige Punk- und Szenegröße für die Rechtspopulisten, wie u. a. die taz, für die Ex-SPD-jetzt-AfD-Sibylle Schmidt sogar einmal gearbeitet hat, berichtete. Ein Anglistik-Professor der Berliner Humboldt-Universität engagiert sich ebenfalls in der AfD, an der renommierten Karlsruher Hochschule für Gestaltung ist mit Marc Jongen auch ein bekannter Philosoph dabei.

Da fragt man sich schon: Warum machen sich Leute, von denen man denkt, sie müssten es doch eigentlich besser wissen, gemein mit so schwachsinnigen Statements wie dem Schlangenspruch aus der „Zitty“? Gerade Dolmetscher leben doch von Weltoffenheit und interkulturellem Austausch? Kunstwissenschaftlern müsste eigentlich an einem liberalen, kulturell offenen Klima gelegen sein. Und auch andere Wissenschaftler kommen ohne internationale Vernetzung nicht besonders weit …

Ja, man kann schon Angst haben. Sicher – Sprachen, Kultur, Uni – Das sind Berufszweige, in denen Jobs rar und prekäre Arbeitsbedingungen mittlerweile fast schon die Regel sind. Darüber kann man sich ja auch beschweren. Man kann die Globalisierung kritisieren. Man kann auch Angst haben, vor dem radikalen Islam und vor Terrorismus. Man kann sich vor Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus fürchten. Man kann Burka und Niqab ablehnen – aber Burka- oder Niqabträgerin tätlich angreifen, geht eben nicht. Menschen mit Schlangen zu vergleichen, ist ein absolutes No-go. Es ist einfach nicht in Ordnung, auf andere einzuprügeln, die einem so erst einmal nichts getan haben, auch nicht, wenn es nur „verbale“ Prügel ist, die man austeilt. Wer trotzdem meint, „zuschlagen“ zu müssen, verteidigt im Grunde gerade die Ellenbogen, das Klima der Härte und Angst, das zu bekämpfen er oder sie doch vorgibt.

… findet zumindest Laila Phunk. Und die möchte einfach nichts und niemand in ihrem Haus oder als Nachbar(in) haben, der oder die ihr übel will. Alle anderen heißt sie mit offenen Armen herzlich willkommen. Nach wie vor.

*zitiert nach: Art.: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

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