Ende der Gleichheit? Die Erosion einer Idee

Die Linke ist irgendwie nicht mehr links. Jedenfalls hat sie, so der Politologe Wolfgang Merkel im Interview mit dem Magazin „Zeit Campus“*, den Bezug zur Unterschicht verloren. Im Mittelpunkt stünde nicht mehr so sehr die soziale Frage, sondern eher das Engagement für Minderheiten – Migranten, Homo- und Transsexuelle, Muslime – für deren Gleichberechtigung gekämpft werde. An Brisanz gewinnt das, was Merkel sagt, im Zusammenhang mit der Burka-Debatte: „Denn die junge Linke neigt dazu – entgegen einer aufklärerischen oder marxistischen Tradition der Religionskritik – Religion unter Immunitätsschutz zu stellen und Kritik am Islam unmittelbar als „rechts“ oder als „Phobie“ zu brandmarken. Linke Religionskritik gerät dann in Vergessenheit, kritische Diskurse werden schlicht nicht mehr geführt – und das ist ein großes Problem.“* konstatiert der Berliner Professor für Politikwissenschaften.

*Interview mit Robert Pauch, das am 22. 06. 2016 in „Zeit Campus“ erschien.

VOR DEM GESETZ SIND ALLE GLEICH

Ob man das wirklich so sagen kann, weiß ich nicht. Formale Gleichheit vor dem Gesetz steht tatsächlich jedem und jeder zu. Damit, klar, kann sich jeder/jede kleiden, wie er/sie will, man kann rechstkonservative oder sogar -radikale Ansichten vertreten – ganz gleich ob man sich dabei mit der AfD oder NPD oder eben mit entsprechenden ausländischen Parteien identifiziert – und man darf – rein formal – sogar z. B. homophob und frauenfeindlich sein. Wenn Leute, wie Beatrix von Storch offen ihre Meinung kund tun dürfen, die Familie sei die „Keimzelle“ der Gesellschaft und „Frühsexualisierung“, ja „Gender-Ideologie“ sei entschieden entgegenzutreten, muss man das gleiche auch Salafisten, „Grauen Wölfen“, französischen „Identitären“, italienischen Faschisten und erzkonservativen Flüchtlingen zugestehen.

Schwierig wird es mit dem in der Verfassung festgeschriebenen Zusatz, die Freiheit des Einzelnen ende da, wo die Rechte anderer beschnitten würden. Da hakt die „neue Linke“, da bietet sie Anknüpfungspunkte für die „neue Rechte“ und genau das bereitete vermutlich auch den Boden für das Entstehen der sog. „Querfront“, dem Bündnis aus Linken und Rechten bzw. Rechtsextremen.

DER NEUE SOZIALDARWINISMUS

Sprüche, wie „Stell Dich schon mal darauf ein, DU kommst jedenfalls in keinem Obdachlosenheim unter!“ kenne ich zur Genüge oder heute: „Was ist, wenn wir sagen, wir haben jede Menge Jobs für die Armen, Schwachen und Kranken, aber für DICH halt nicht!“ oder: „Tja, jetzt, gegen Ende des Monats, ist Schmalhans Küchenmeister, was?!“. Eine ältere Frau hat mir einmal in der U-Bahn gewünscht, ich solle doch in der U-Bahn betteln gehen (klar, machen andere auch, was beschwere ich mich da?)

Ich kenne diese Leute nicht und weiß nicht, warum sie so hämisch und grausam sind. Es können Linke sein, die glauben, einer Akademikerin gegenüber sei das schon in Ordnung (Um die „wahren“ Schwachen dieser Gesellschaft kümmern sie sich ja dafür umso rührender und engagierter – als ob ein Flüchtlingsselfie es rechtfertigte, jemand anderen dafür verhungern zu lassen. Und gut, sehen wir besser auch darüber hinweg, dass diese Leute alle selbst Akademiker sind.) oder Rechte, die sich in ihrer Herrenmenschenideologie bestätigt sehen wollen (als „unwertes Leben“ wurde ich auch schon bezeichnet. Fragt sich, was denn „wertvolles Leben“ ist, woran sich das festmacht? Fragt sich auch, ob solche Menschen nicht einfach eine Vollklatsche haben und vielleicht mal in ein Geschichtsbuch gucken sollten. Vielleicht reicht aber der Hinweis darauf, was denn mit ihnen wäre, wenn man der Natur freien Lauf und sie sich selbst überlassen würde – Geld nützt nichts mehr, kein Doktor, kein Psychologe, kein Sozialarbeiter, keine Altenpflegerin, essen musste Dir selbst anbauen oder jagen … Selbst die Steinzeitmenschen lebten in Gruppen und halfen einander. Faschistische Experimente, in denen Sozialverhalten und Mitgefühl abtrainiert werden sollten, sind bislang meistens sehr schnell geendet. Das sollte eigentlich für sich sprechen oder?).

ELITEN IN ANGST

Allerdings war ich erstaunt, als ich letztes Wochenende in der Berliner „Morgenpost“ las, dass sich laut einer Umfrage* offenbar überraschend viele Anhänger der – zwar wirtschaftsliberalen, aber soweit ich weiß nicht fremdenfeindlichen – FDP vor den Flüchtlingen fürchten oder ihnen zumindest mit einer gewissen kritischen Distanz gegenüberstehen. 53 % und damit weit mehr Anhänger der FDP als der von anderen „bürgerlichen“ Parteien wie CDU, SPD, den Grünen und der Linkspartei empfinden die Flüchtlinge ausdrücklich NICHT als „Bereicherung“ für Berlin (wobei ich unterstelle, dass auch die meisten Leute, die sich einfach nicht an den Flüchtlinge stören, bei der Umfrage dafür optiert haben, dass sie die Flüchtlinge als „Bereicherung“ empfinden. Viele Berliner haben nämlich einfach nicht so viel mit den Flüchtlingen zu tun.).

*Art.: „Mehrheit der Berliner hält Flüchtlinge für eine Bereicherung!“ v. Joachim Fahrun, in: Morgenpost v. 18./19. August 2016.

Gerade bei FDP-Anhängern hätte ich vermutet, dass für sie die wirtschaftlichen Vorteile überwiegen würden: Immerhin bedeutet sehr viel Zuwanderung ein Überangebot an Arbeitskräften. Lohnsenkungen, evtl. die Abschaffung des Mindestlohnes und eine Zunahme an prekären Arbeitsverhältnissen könnten so begründet werden (müssen es aber natürlich nicht, das ist eine Frage der Einstellung). Das sollte eigentlich einen jeden Marktradikalen freuen. Und trotzdem sind die Flüchtlinge den Jüngern eines erbarmungslosen Wirtschaftsliberalismus‘ gar nicht so lieb? Oder lauert da am Ende eine leise Angst im hintersten Winkel des Herzens des einen oder anderen selbsternannten „Leistungsträgers“? Zu Studienzeiten (natürlich Jura) fleißig Seiten aus den Gesetztessammlungen gerissen, denn wer kein Geld hatte, um sich die dicken roten Bücher selbst zu kaufen, musste ja auch nicht unbedingt die Hausarbeiten mitschreiben? Dann von der „sozialen Hängematte“ schwadroniert, in der sich angeblich viel zu viele ausruhen? Und jetzt Angst, es ginge einem vielleicht selbst an den Kragen? Die Globalisierung und all die Menschen, die mit ihr nach Deutschland kommen, könnten einen da hintreiben, wo man immer nur die anderen haben wollte?

Natürlich reißen nicht alle Jura-Studenten Seiten aus Büchern, die ja immerhin auch Besitz der Uni-Bibliothek sind (Ist das nicht Sachbeschädigung? Ein Eigentumsdelikt?) und wenn dann machen es sicher nicht nur wirtschaftsliberal und konservativ Gesonnene, sondern auch Linke.

IN MEINEM, DEINEM, UNSEREM INTERESSE?

Das führt zurück zu Politikprofessor Wolfgang Merkel und seinen Thesen. Ich glaube, bei vielen Themen, die aktuell so in der Debatte sind, geht es nicht einmal so sehr um inhaltliche Differenzen zwischen „neuen“ und „alten“ Linken. Religionsfreiheit gilt, wie gesagt, für alle und eine Frau kann selbst entscheiden, ob sie sich Männern unterordnen will oder nicht. Genau da liegt allerdings der Hase im Pfeffer. Kann sie wirklich selbst entscheiden? Jede?

Das Problem ist, dass viele Linke mittlerweile zu stark darauf fixiert sind, sich zu Vorkämpfern für Partikularinteressen zu machen, die meistens nicht einmal ihre eigenen sind. Als Argumente müssen dann Klischees herhalten. Dinge werden so lange verdreht und hin- und hergebogen, bis es irgendwie passt. Und es geht – wie gesagt – um den Menschen (bzw. einige bestimmte), nicht um das, was er (oder sie) getan hat.

#koelnhbf hat vielleicht an die Oberfläche gespült, was schon längst im Verborgenen gärte: Nur wenige Feministinnen verurteilten die sexuellen Übergriffe. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker riet sogar, Frauen sollten „eine Armlänge Abstand“ halten, um nicht so schnell zur Zielscheibe sexuell übergriffiger Männer zu werden. Zwar hatte mir Reker leid getan, als sie im letzten Jahr von einem Neonazi angegriffen und lebensgefährlich verletzt wurde, aber ihre Statements zu den Ereignissen in der Silvesternacht passten irgendwie zu sehr zu dem gehässigen, stutenbissigen Hipsterfeminismus, bei dem es meiner Erfahrung nach vielfach eher darum geht, dass möglichst andere Frauen möglichst viel sexuelle Aggressionen erleben sollen, damit man bzw. hier wohl eher frau sich selbst als „attraktiv“ hervorheben kann. Das herrscht in Berlin vor und ich habe wirklich nicht viel dafür übrig.

Ist Verachtung für Frauen denn okay, wenn sie von Migranten kommt? Können andere Frauen das dann guten Gewissens absegnen? Und warum tut jemand so etwas überhaupt?

EIN MÄDCHEN VERLIERT SEIN GEFÜHL

Als ich in der „Zeit“ die Geschichte von Megi und Melina las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die jungen Frauen werden in der Überschrift als „Paar“ dargestellt (Das muss meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Ein LGBT-Thema also?). Ein paar Zeilen weiter ist allerdings von „allerbester Freundin“ die Rede. Das trifft es wahrscheinlich eher. Jedenfalls endet alles damit, dass Megi Melina umbringt. Laut Spiegel-Online soll das sehr stark übergewichtige Mädchen nach der Tat nur wenig Reue gezeigt haben. Eine Polizistin soll gesagt haben, dass das Mädchen sich „nur für sich interessiert“ habe. Das hat mich nicht so sehr überrascht. In Berlin gibt es unzählige Frauen (und vermutlich auch Männer) wie Megi. Viele identifizieren sich als lesbisch oder transsexuell und ohne Unterlass predigt man ihnen, dass ihre Gefühle, ihr Erleben allein im Vordergrund stehen und andere sich unterzuordnen zu haben. Ist es da ein Wunder, wenn so eine Frau eine andere ermordet – Sie hat ihre Gefühle doch rausgelassen, nicht „in sich reingefressen“, ganz so, wie man es ihr beigebracht hat – und danach erwartet, dass andere sich dafür interessieren, „wie es ihr damit geht“?

Natürlich sind auch Frauen wie Megi Opfer und natürlich muss man ihnen helfen. Aber muss man sich dafür selbst verleugnen? Die eigenen Interessen drangeben? Und die eigenen Gefühle permanent hinunterschlucken? Nett sein, um jeden Preis?

Während der Spiegel-Online-Artikel nüchtern von den Ereignissen berichtet, fällt richtig auf, wie sehr sich die „Zeit“ bemüht, ein positives Bild von Megi zu zeichnen. Als „Leitwölfin“ wird sie dort dargestellt. „Die anderen schauen zu ihr auf“ schreibt Daniel Müller* – Eine Charakterisierung, die bei Berliner Transmännern und Macholesben auf Gegenliebe stoßen dürfte, v. a. in Verbindung mit einem bestimmten Körpertyp. Auf Spiegel-Online steht dagegen in einem zweiten Artikel, der den Fall bespricht: „In der Schule wurde die seit Kindheit dicke Megi gehänselt“*. Das klingt anders.

*Art.: „Megi und Mel“ v. Daniel Müller, in: „Zeit“ v. 09. Juni 2016.

  Art.:“Urteil gegen 18-Jährige in Münster: Hass, Tod, Gleichgültigkeit“ v. Benjamin Schulz, Spiegel Online v. 25. Mai 2016.

EMPOWERMENT ODER DISKRIMINIERUNG?

Hässliche, psychisch gestörte Lesben und grapschende Migranten – man muss kein zweites Mal hinschauen, um zu erkennen, dass es eigentlich diskriminierende Vorurteile sind, für die hier um Toleranz oder zumindest um ein gewisses Verständnis geworben wird. Als ob alle Lesben dick, alle Dicken antisozial, alle psychisch Kranken gemeingefährlich und alle Muslimen Vergewaltiger wären.

Ist das wirklich links oder schon rechts? Kann man Frauenhass und Gewalt mit dem Wohl von Minderheiten rechtfertigen? Und wem bringt es etwas, soziale Gruppen und/oder Einzelpersonen gegeneinander auszuspielen? Die Hände reiben werden sich letztendlich weder Flüchtlinge noch Frauen mit psychischen Problemen, sondern AfD-Politiker und NPD-Kader. Nur wer das wirklich will, sollte so weiter machen wie bisher.

 

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