Recht auf Frauenhass? Oder: Wenn ein interkultureller Dialog scheitert

Als ich gestern auf Twitter das Bild der Burkini-Trägerin sah, die am Strand von Nizza von vier Polizisten dazu aufgefordert wurde, sich zu entkleiden, dachte ich zunächst, es handele sich um einen Hoax. Genau wegen solcher Vorfälle war ich nicht so sehr für ein Burka-Verbot. Nein, nicht weil mir die Frau leid getan hätte – immerhin hat die Polizei sie sehr wahrscheinlich davor bewahrt, sich in der prallen Sonne einen Hitzschlag zu holen. Es ist nur so: Verbote machen die Menschen, die sich ihnen widersetzen, zu Märtyrern. Die Frau wusste, dass sie den Burkini an diesem Strand nicht tragen darf. Dass sie ihn dennoch trug, muss man als politischen Akt betrachten.

Es stimmt, dass das Burka-Verbot nicht wirklich zu einem besseren Schutz vor islamistischen Attentaten beiträgt. Was den Burkini betrifft, fällt der Sicherheitsaspekt sogar ganz weg, denn die Frauen zeigen ja Gesicht. Sie sind als Individuen gut erkennbar und eine Waffe lässt sich unter dem Ganzkörpersuit wohl auch nicht verstecken.

Aber das Engagement gegen das Burka-Verbot, das hier in Deutschland mittlerweile für meinen Geschmack etwas zu übereifrig-lärmend ist, kann man auch als Empowerment und Unterstützung für Burka- und Niqabträgerinnen auffassen. Auch wenn die meisten Gegner des Verbotes beteuern, dass sie ja gegen die Burka seien, aber eben auch gegen das Verbot.

Trotzdem dürften sich die Frauen, mehr noch ihre Männer und – sofern es sich um Konvertitinnen handelt – ihre Mentoren, ermutigt fühlen. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ich allein in den letzten vier Tagen in Berlin zwei Niqab-Trägerinnen begegnet bin. Nein, die Frauen haben mir keine Angst eingejagt. Ihr Kleidungsstil hat mich auch nicht irritiert oder provoziert. Im Grunde störte es mich gar nicht. Aber auf meine Sympathien können die Frauen eben auch nicht hoffen. (Genauso wenig wie ich umgekehrt auf ihre. Immerhin werden Frauen wie ich in den Landstrichen dieser Erde, wo Burka oder Niqab die Norm ist, gerne mal gesteinigt …)

Um den Islam geht es dabei, anders als behauptet, allerdings nicht. Soweit ich weiß, schreibt der Koran Frauen nicht vor, das Gesicht zu verschleiern. Ganz abgesehen davon, dass auch nicht alle gläubigen Muslimen auf einer buchstabengetreuen Auslegung und einer Lebensweise wie im 7. Jahrhundert, als der Koran geschrieben wurde, bestehen.

Und es geht wohl auch nicht um das Recht einer Frau, sich zu kleiden, wie sie will. In Osnabrück soll, wie u. a. der NDR berichtete, eine Frau geklagt haben, weil sie auf dem Abendgymnasium Gesichtsschleier tragen wollte. Man hat es ihr verwehrt. Nur kann das durchaus praktische Gründe haben. Hinter einem Tuch verdeckt, ist eine Frau schwer zu verstehen. Wie will sie Fragen beantworten oder Hausaufgaben vortragen? Man könnte hier auch an das im Streit um das Burka-Verbot in den Feuilletons etwas überstrapazierte Weihnachtsmannkostüm (das darf man doch auch tragen, warum dann nicht die Burka!) denken: Vermutlich wird, wer als Weihnachtsmann oder Nikolaus verkleidet in der Schule erscheint, umgehend aufgefordert werden, nach Hause zu gehen und sich umzuziehen. Auch in einer Bank oder im Büro gibt es Dress-Codes. Erlaubt man Burka und Niqab, muss man auch Mini-Rock und blau gefärbten Irokesen erlauben. Ansonsten wäre es eben nicht die radikale Gleichbehandlung aller hier lebenden Frauen und ihrer Kleidungsvorlieben, die häufig als Argument gegen das Burka-Verbot angeführt wird.

Um Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit geht es bei dieser unglückseligen Burka-Debatte erst recht nicht. Sicher wird man sich hier und da fragen, warum Menschen aus Ländern fliehen, wo der rechtskonservative, radikale Islam auf dem Vormarsch ist, und dann darauf pochen, hier genauso leben zu dürfen, wie es ihnen Taliban, IS, altmodische und besonders strenge Salafisten oder Wahhabiten in ihren Heimatländern vorgeschrieben haben. Das ist als Begründung für eine politische Verfolgung irgendwie nicht stichhaltig.

Eine ausdrückliche Erlaunis der Burka bzw. des Niqabs hätte das Recht auf politisches Asyl sogar im Gegenteil eher Menschen eingeräumt, die aus laizistisch geprägten Ländern fliehen, weil sie dort ihren Glauben in seiner Radikalität nicht leben können.

Dennoch will ich mich nicht um ein Kleidungsstück streiten. Dazu ist es mir viel zu wenig wichtig, was eine andere macht, sofern sie mich nur damit in Ruhe lässt. Genau dessen bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Viel mehr als die eine oder andere Niqab-Trägerin beunruhigt mich eigentlich die deutsche Medienlandschaft. Außer in der „Zeit“ habe ich nirgends eine Argumentation gegen die Burka gelesen und auch da stand sie nur als „andere Meinung“ neben einem Debattenbeitrag, der sich klar gegen das Burka-Verbot aussprach. Aber es gab, wie gesagt, eine Menge engagierter Kommentare, die Burka- und Niqab-Trägerinnen in Schutz nehmen wollten.

So sehr man sich auch um die fremde Kultur sorgt – ein Teil von ihr ist hier nicht angekommen. Derjenige nämlich, der klargestellt hätte, dass nicht jeder gläubige Muslim ein Frauenverächter und mittelalterliche Sittenwächter ist, auf dessen „Schamgefühl“ im Rahmen der Cultural Diversity Rücksicht genommen werden müsste.

„Certains prétendent qu’ils font cela pour respecter les préceptes de l’islam. Non, cela n’a rien à voir avec la religion. La décence est une question d’éthique. Or on constate que ce qui travaille en profondeur les fanatiques c’est la question sexuelle. Tout tourne autour du sexe de la femme.“ hat z. B. der maroccanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun vor etwa einem Jahr zum Thema „Burka“ geschrieben. Es geht nicht um Religion, es geht um die weibliche Sexualität, die Angst macht und deshalb angeblich unbedingt eingedämmt und kontrolliert werden muss, sagt er.

Tahar Ben Jelloun ist ganz sicher kein Rechtspopulist, nicht „AfD“ oder „Pegida“. 1998 hat er sogar ein Buch über Rassismus geschrieben: „Le racisme expliqué à ma fille“. Aktuell erscheint ein neues Buch, in dem es um  Terrorismus gehen soll: „Le terrorisme expliqué à ma fille“.

Ben Jellouns Texte werden ins Italienische übersetzt. Auf „repubblica.it“ etwa erschien ein Beitrag, der sich kritisch mit dem Burkini befasst, aber auch mit der immer schwieriger werdenden Diskussion zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die zu sehr von Angst, Terrorismus und wechselseitiger Abgrenzung geprägt sei. Wenn ich das so lese, frage ich mich schon: Warum erscheinen solche Texte eigentlich nicht in der „Zeit“, in der „Süddeutschen“ oder in der „taz“?

Hierzulande ist eine offene Diskussion jenseits der Pole „(linke) den-radikalen-Islam-Versteher“ und „(rechte) (jede Form von) Islamhasser“ offenbar kaum mehr möglich. Dabei wäre sie längst überfällig.

… findet jedenfalls Laila Phunk, deren Name (!) übrigens finnisch ist (Nein, nicht arabisch oder muslimisch!) und die – wie gesagt – nichts gegen Burkini-, Burka- oder Niqabträgerinnen hat. Außerdem freut sie sich – nur so, zu guter Letzt – auf das neue Buch von Tahar Ben Jelloun. Aber das war ja eh klar.

Quellen:

  • Art.: „Burqa Plage!“ v. Tahar Ben Jelloun, auf le360, v. 03. 08. 2015.
  • Art.: „Polemica sul Birkini, il corpo delle donne nuovo simbolo della paura francese“ v. Tahar Ben Jelloun, übersetzt v. Elda Volterrani, auf: repubblica.it, v. 18. 08. 2016. Der Text ist in einer leicht abgewandelten Version am 23. 08. 2016 auch in französischer Version unter dem Titel „Burkini, Version light de la Burqa“ auf ouest-france.fr erschienen.
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