Fake – eine deutsche Politikerin erfindet sich neu

Als es Karl-Theodor zu Guttenberg traf, war man irgendwie schadenfroh: 2011 flog auf, dass der adlige Sunnyboy, Wirtschafts- und Verteidigungsminister a. D., seine Doktorarbeit in Teilen abgeschrieben haben soll. Also doch nicht: „aus bestem Hause, gut aussehend, erfolgreich und zu allem Überfluss auch noch unglaublich intelligent“, sondern nicht ganz so intelligent, aber eben doch von der Glücksfee geküsst. Reicht ja auch.

Jetzt hat es mit der SPD-Politikerin Petra Hinz eine weitaus weniger glamouröse Persönlichkeit erwischt. Die unscheinbare Frau ist nicht nur anders als behauptet, keine Juristin, sie hat auch nie studiert und nicht einmal das Abitur abgelegt. Bei so viel Dreistigkeit, sich Schul- und Uniabschluss einfach anzudichten und den eigenen Lebenslauf nach Gutdünken auf Erfolgsstory zu trimmen, müsste es einem eigentlich den Atem verschlagen. Allerdings denken nicht alle so: „Kein Funktionär, der (…) sagt, dass (…) dass es nicht so schlimm sei, den eigenen Lebenslauf wie ein Emporkömmling ohne bürgerliche Qualifikationszeichen aufzurüschen.“ gibt z. B. Jan Feddersen in der taz zu bedenken und sieht das Problem eher in einer zunehmend elitären Haltung in der Politik. „Wie konnte es so weit kommen, dass eine Sozialdemokratin glaubt, sich für eine parteipolitische Karriere eine akademische Biografie zulegen zu müssen? Es sagt viel über die einst von der Arbeiterbewegung geprägte Partei aus, wenn heute so gut wie alle Mandatsträger*innen einen Universitätsabschluss vorweisen können.“ kritisiert Feddersen.

Sind „Arbeiterkinder“, Nicht-Akademiker heutzutage selbst für die SPD nicht mehr gut genug, um politisch mitmischen zu können? War es die schiere Not, die Petra Hinz getrieben hat? Der innere Konflikt, gute Politik machen zu wollen und die Angst, ohne Uni-Abschluss vielleicht nicht ernst genommen zu werden? Vermutlich kann nur Hinz selbst solche Fragen beantworten.

Allerdings – wer hat eigentlich gesagt, dass „Arbeiterkinder“ normalerweise keinen Uni-Abschluss haben und nur jemand aus gutem Hause ein Jura-Studium schaffen kann? Und wissen wir überhaupt, ob Petra Hinz wirklich aus so kleinen Verhältnissen kommt, dass sie mehr oder weniger „notgedrungen“ lügen musste, um trotzdem politisch etwas bewegen zu können?

„Arbeiterkind“ ist nicht gleich „Arbeitgerkind“: In Berlin sind mir so viele falsche „Emporkömmlinge aus kleinen Verhältnissen“ über den Weg gelaufen, dass ich mittlerweile meine Bedenken habe, wenn mir jemand vorheult, wie karg die eigene Kindheit doch gewesen sei und wie sie es alle der widrigsten Umstände zum Trotz doch noch geschafft haben, diejenigen zu sein, die sie heute sind (=in den Tag hineinleben, trotzdem keine Geldsorgen haben, irgendwas mit Medien, Kultur, Politik machen, die Dinge lässig sehen und erst einmal einen Joint rauchen). Dass solche Leute gern von dem „Stolz“ schwadronieren, den „einfache“ Leute auf ihre Arbeit (als Küchenhilfe, Altenhelferin, usw.) empfänden, sagte mir, dass sie so etwas (zumindest die Küchenhilfe) noch nicht einmal als Aushilfsjob während des Studiums gemacht haben. Sonst wüssten sie, wie heiß und stickig es in einer Restaurantküche ist, dass einem irgendwann speiübel wird, von all den Essensgerüchen, die Füße gegen Mitternacht oder später, wenn die Küche schließt, dick sind und brennen vom langen Stehen und dass man es irgendwann leid ist, immer dann arbeiten zu müssen, wenn andere Freizeit haben, zumal die Bezahlung ja auch wirklich nicht gerade fürstlich ist und man sich Besseres vorstellen könnte. Nun ja.

Auch die eigene Herkunft und die eigenen Möglichkeiten herunterzuspielen, um den Weg, den man zurückgelegt hat, länger und spektakulärer erscheinen zu lassen, ist irgendwie Hochstapelei. Es soll andere ja dumm dastehen lassen. Sie hätten es ja auch schaffen können, wenn sie sich nur mehr angestrengt hätten. Oder sie müssen schon echte Vollpfosten sein, wenn sie es trotz „bürgerlichem Hintergrund“ – Sie mussten ja als Kinder nicht barfuß durch den Schnee zur Almhütte herauflaufen, wie einst Johanna Spyris Heidi usw. bla bla – nicht wirklich zu etwas gebracht haben.

Da ist es schon eher nachvollziehbar, was Petra Hinz getan hat. Trotzdem macht es einen wütend: Andere müssen in der Abitur-Prüfung schwitzen und Paragrafen büffeln und am Ende reicht es vielleicht trotzdem nicht zu Zeugnissen und Diplomen, die beeindruckend genug sind, um eine Karriere daraus zu machen. Man geht das Risiko ein, zu scheitern. Vielleicht scheitert man sogar wirklich und muss sich anhören, warum man eigentlich x Semester an der Uni vertrödelt hat, wenn man ja doch nicht genug Grips für so etwas hat. Oder man verbockt das Abi und muss sich mit lausigen Noten auf Lehrstellen bewerben, die dann die fleißigen ehemaligen Realschüler kriegen, die „Praktiker“, weil die sich nicht erst eingebildet haben, „etwas Besseres zu sein“ und unbedingt aufs „Gymmi“ mussten.

Einer solchen Häme hat sich Petra Hinz nie aussetzen müssen. Und sie ist kein Einzelfall. Es gibt eine Menge erfolgreicher „Journalisten“, die nie auch nur einen einzigen Artikel veröffentlicht haben, „Macher-Typen“ mit ganz viel Erfahrung in diesem oder jenen Bereich und man fragt besser nicht nach, „Experten“, die „Fachwissen“ zum Besten geben, das man detaillierter in jedem Info-Faltblatt hätte nachlesen können.

Mit fragwürdigen Leistungen spreizen sich übrigens nicht nur Männer. Auch Frauen treten mitunter sehr bestimmt auf, wenn es darum geht, sich als kompetent und erfolgreich zu verkaufen. Und nur sehr selten ist ein solches Verhalten aus der Not geboren, etwa, weil das Leben solchen Leuten nicht die Wahl gelassen hätte. Die konservative britische Politikerin Andrea Leadsom z. B. „blies“ sich den Lebenslauf als Investmentbankerin noch zusätzlich ein bisschen auf, wie Barbara Wesel von der Deutschen Welle angemerkt hat. Aus einer Bankerin kann man so eine richtig gute, richtig erfolgreiche Bankerin mit echten Führungsqualitäten machen. Dass Leadsom auch die Tatsache, dass sie Mutter von drei Kindern ist, als „Qualifikation“ ansah, die sie, wie Wesel schreibt, im Buhlen um das Amt der britischen Premierministerin positiv von ihrer Rivalin Theresa May abheben sollte, macht die Politikerin nicht unbedingt sympathischer.

Man ahnt, dass mit solchen Leuten nicht gut Kirschen essen ist. Paradoxerweise nehmen es gerade viele Bluffer, Hochstapler und Plagiatoren besonders genau mit anderen. Sagt man, dass man Programmieren lernt, macht sogleich das Gerücht die Runde, man habe sich mehr oder weniger als „Star-„Programmiererin ausgegeben. Attestiert man sich im Lebenslauf Spanisch-„Grundkenntnisse“, haben andere da herausgelesen, dass man die Sprache doch quasi auf muttersprachlichem Niveau beherrsche. Wie enttäuschend, dass das ja doch nicht der Fall ist!

Sagen Sie bloß nichts, wenn die Person neben ihnen – angeblich „verhandlungssicher“ – genauso radebrecht wie Sie. Es wäre unsozial.

Wer die eigenen Leistungen nicht nur ein bisschen positiver darstellt, als sie vielleicht eigentlich sind, sondern dreist lügt, der hat es offenbar nötig. Daher wundert es einen nicht, dass auch Petra Hinz Mitarbeiter gemobbt haben soll, wie u. a. in „Der Westen“ zu lesen war.

Mobbing: Schikanieren, anfeinden, vorführen, unter Druck setzen und hin- und herschubsen – und das nur, weil jemand mehr sein will, als er oder sie ist, und es niemand in Zweifel ziehen soll. Petra Hinz hat es jedenfalls verdient, endlich aufgeflogen zu sein. Vielleicht schüchtert das ihresgleichen für die Zukunft zumindest ein bisschen ein.

Quellen:

  • Art.: „Ekel vor dem Proletariat“ v. Jan Feddersen, in: taz v. 09. 08. 2016.
  • Art.: „Hier irrte Mutter Leadsom“ von Barbara Wesel, Deutsche Welle, v. 11. 07. 2016.
  • Art.:“Essens Bundestagsabgeordnete Hinz wusste von Mobbing-Vorwurf“ v. Wolfgang Kintscher, in: Der Westen v. 10. 07. 2016.
Advertisements