Farbenblind. Eine Replik auf die „Freitag“-Community

Die politische Verunsicherung, die mittlerweile quer durch alle Milieus gesickert ist, beschäftigt offenbar auch die linke Wochenzeitung „Freitag“. „Was ist links, was ist rechts?“ fragt sich Community-Mitglied klute und greift die aktuelle Debatte um Sahra Wagenknecht in der Linkspartei auf. Ist Sahra Wagenknecht, die Angela Merkels Flüchtlingspolitik hart kritisiert und eine härtere Gangart in der Flüchtlingsfrage gefordert hat, wirklich noch links? Oder ist sie eine verkappte AfDlerin, eine „Überläuferin“, Querfront, außen rot und innen braun?

Die Frage geht tiefer, als es auf den ersten Blick scheint. Die Linkspartei konkurriert stark mit rechten Parteien und das v. a. in Ostdeutschland nicht erst seit gestern. Geht es also um einen Anbiederungsversuch an eine Wählerklientel, die – oft arbeitslos oder prekär beschäftigt – eher nicht zu den Globalisierungsgewinnern zählt? Oder darf man Angela Merkels Politik nicht mehr kritisieren? Ist jeder, der Merkels „Wir schaffen das“ in Zweifel zieht, automatisch ein „Verräter“, ein Angsthase und ein „Nazi“, der sich gegen Weltoffenheit und Fortschritt sperrt?

Aggressive Versuche, andere in die rechte Ecke abzudrängen, hat es seit dem „Summer of love“ im letzten Jahr genug gegeben: Kai Diekmann warf dem linken Hamburger Fußballclub St. Pauli vor, „kein Herz für Flüchtlinge“ zu haben und rückte den Club in die Nähe der AfD, wie u. a. Meedia berichtete. Der Philosoph und „Zeit“-Kolumnist Wolfram Eilenberger diskreditierte den Handball als die „Frauke Petry“ unter den Sportarten: provinziell, „blutnah“ und „nordisch-arisiert(…)“ sei Handball, schrieb Eilenberger in der „Zeit“ und das nur, weil der Zufall es so will, dass sich in den Teams der in Deutschland eher randständigen Sportart nur wenige Spieler mit Migrationshintergrund finden.

Irgendwie dreht sich einem der Magen um, bei so viel „Kartoffel“Deutschen, die sich überschlagen, wer eher, besser und „parteiischer“ auf der Seite der Flüchtlinge ist und mit angewidertem Blick auf ihre Landsleute herabschauen, die sie als die blöden, faden „Kartoffeln“ abgekanzelt sehen wollen. Selbst wenn sie weder bei Pegida mitlaufen, noch mit der AfD sympathisieren oder sich sonst irgendwie einen rechten „Ausrutscher“ zu Schulden kommen lassen. Aber es scheint mehr um Abgrenzung zu gehen. Sich besser und mehr als andere für die Flüchtlinge einzusetzen und keine Angst vor der Globalisierung haben zu müssen, weil es einem selbst finanziell gut geht, scheint einen – so die Rechnung, die da aufgemacht wird – irgendwie zum besseren Menschen zu machen.

Allerdings – und auch das kann man auf Dauer nicht leugnen – sind wirklich viele Leute nach rechts und ganz rechts abgerutscht. Die Frage ist nur, ob Sahra Wagenknecht dazu gehört, Wagenknecht, die ihren dunklen Teint und ihren iranischen Vater in die Waagschale hätte werfen können. Und es nicht getan hat. Auch nicht, als die Anfeindungen von links immer aggressiver wurden. Vermutlich – bei der Widersprüchlichkeit, mit der im Moment argumentiert wird – hätte es ihr auch nicht viel genützt. Außerdem wäre es natürlich dumm gewesen, denn Akif Pirincci oder Xavier Naidoo z. B. sind ja offen rechts, trotz Migrationshintergrund und trotz des „südländischen Teints“, den wiederum Leute wie Wolfram Eilenberger stärker in Deutschland vertreten sehen wollen und für den sie deshalb auch mal ein Auge zudrücken würden. Oder das zumindest von anderen verlangen.

Menschen, die sich für Migration stark machen wollen, müssen allerdings farbenblind sein. Sonst klappt es nicht. Auch klute von der „Freitag“-Community macht diesen Fehler. Er versucht, darzulegen, warum man die Flüchtlinge zu Unrecht des Terrorismus verdächtige: Die meisten Attentäter seien Franzosen, Belgier und Deutsche gewesen. Das stimmt nicht oder es stimmt höchstens, was die Staatsbürgerschaft betrifft, denn fast alle Attentäter hatten einen „muslimischen“ Migrationshintergrund, sie stammten aus entsprechenden migrantischen Communities und in Deutschland sind leider nachweislich Syrer, die als Flüchtlinge eingereist sind, in Attentate oder Attentatsvorbereitungen verwickelt gewesen.

Das bedeutet nicht, dass ALLE Flüchtlinge Terroristen seien, genauso wenig wie alle Muslims für den IS sind. Aber es ist eben auch nicht richtig, dass KEIN Flüchtling (ein potentieller) Terrorist ist.

Klute schreibt weiter, dass nicht nur Deutsche durch islamistische Terrorakte gefährdet, sondern umgekehrt auch die Flüchtlinge durch Angriffe auf Asylbewerberheime einer permanenten Bedrohung ausgesetzt seien. Das stimmt. Aber es klingt wie eine Aufrechnung: Einer von euch zündet eine Bombe auf einem Rockkonzert und einer von uns fackelt das Haus, in dem ihr wohnen sollt, ab. Ist ja dann ausgeglichen. Nein.

Klute will Vorurteilen mit sachlichen Argumenten begegnen, aber er setzt – wie ich finde – die falschen Akzente. Natürlich ist der islamistische Terrorismus eine neue Gefahr und natürlich wird man Flüchtlinge, die offen mit dem radikalen Islam sympathisieren, auch unter Verdacht stellen müssen. Genau wie man ANDERE MENSCHEN, die mit extremistischen Ideen sympathisieren und gewaltbereit auftreten, unter Verdacht stellen muss. Damit ist kein Generalverdacht gemeint und auch nicht der Überwachungsstaat.

Außerdem bringt massive Zuwanderung aus dem Nahen und Mittleren Osten im Alltag Veränderungen mit sich, die nicht immer nur eine Bereicherung sind: Wie geht man z. B. damit um, dass nicht alle, aber relativ viele Flüchtlinge sehr konservativ sind und in vielerlei Hinsicht Vorstellungen haben, die tatsächlich eher zur AfD als zu den Grünen (oder eben zur Linkspartei) passen? Auch die Doppelte Staatsbürgerschaft ist eine gute Sache, aber sind daran – bei sehr großen im Land lebenden Communities – nicht auch gewisse außenpolitische Verpflichtungen geknüpft? Einige wenige deutsche Staatsbürger mit türkischen Wurzeln, die mit Erdogan sympathisieren, sind eine Sache – was ist, wenn es plötzlich sehr viele sind?

Ich möchte das nicht werten und meine Fragen sollen auch keine Polemik gegen Einwanderung sein – ganz im Gegenteil! Ich denke nur, dass Merkels „Wir schaffen das!“ zu kurz greift, dass die naive Begeisterung und die penetrante Selbstdarstellung als „Rainbow-Nation“, die derzeit in der Flüchtlingsdebatte dominieren, niemandem weiter helfen.

Vielleicht würde es sich lohnen, zu gucken, wie es die anderen machen: z. B. die USA: Leben in Communities, funktioniert nicht besonders gut, Rumänien mit einer großen historischen ungarischen Minderheit: na ja. Spanien: zumindest die Basken wollen sich seit Jahrzehnten abspalten, auch die Katalanen waren nicht immer zufrieden mit dem spanischen Mutterland, der Balkan: ein ewiges Pulverfass. Obwohl: Gerade auf dem Balkan haben die unterschiedlichsten Ethnien über Jahrhunderte friedlich zusammengelebt. Das Geheimnis: In Vielvölkerstaaten geht es nicht so stark um die ethnische Herkunft. Sie hatte weder im Römischen noch im Osmanischen Reich Gewicht und spielte auch in Österreich-Ungarn keine Rolle. Nur wenn wir bereit wären, so könnte man daraus schlussfolgern, uns weniger am „südländischen Teint“ und am Exotenflair der Flüchtlinge aufzuhängen, könnten wir es schaffen. Dazu werden aber wohl noch eine Menge hitziger Debatten geführt werden müssen. Die um Sahra Wagenknecht ist erst der Anfang.

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