Handball, Du Nazi!

Gibt es sie, die weltoffene, multikulturelle, die „gute“ Sportart und – als Gegenspieler dazu – den „bösen Nazi-Sport“? Man glaubt es kaum, dass so blöde Fragen überhaupt zur Debatte stehen. Noch weniger, dass es Erwachsene, ja Intellektuelle sind, die sie stellen, keine halbgaren Teenager irgendwo auf dem platten Land in Mecklenburg-Vorpommern. Handball sei die „Frauke Petry“ unter den Sportarten, „blutnah“ und „nordisch-arisiert(…)“, hält der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger in der „Zeit“ fest. Ganz anders dagegen sei der  „feminisierte(…)“, leichte Fußball, begeistert sich Eilenberger für „Jogi Löws Multi-Kulti-Truppe“, die“Merkel“-Sportart.

Man muss schon zweimal hinschauen und dann erst einmal tief durchatmen: Ja, okay, das Blut-und-Boden-Vokabular, das Eilenberger verwendet, ist wohl ironisch gemeint. Trotzdem fragt man sich, was eine unschuldige Sportart dem Mann angetan haben kann, dass er so über sie herfällt. Ist es so schlimm, einen Ball dribbelnd durch die Sporthalle zu laufen und zu versuchen, ins gegnerische Tor zu treffen? Ist es der Fußkick, der einen zum Antifaschisten macht? Nein, das Problem ist, dass Migranten sich bislang offenbar nicht genug für Handball begeistert haben. Die dunkle Haut bevorzugt den Fußkick, Eilenberger vermisst sie schmerzlich im deutschen Handball-Nationalteam. Eine Sportart, die die dunkle Haut verschmäht, kann so gut nicht sein. Sie muss irgendwie „Nazi“ sein, so die Schlussfolgerung.

Über eine solche Naivität, die einen erst einmal sprachlos macht, und einen derart brachialen Rassismus, dessen sich der Autor vermutlich nicht bewusst ist, könnte man eigentlich nur verstört den Kopf schütteln, wüsste man es nicht besser: Insignien des Guten – Körpertypen, Hobbys, Stylings, Vorlieben, Talente und eben auch Sportarten – wurden in den letzten Jahren immer wieder aufgefahren, damit sich bestimmte Leute als „zu den Guten gehörig“ empfinden konnten. Eine blonde, eher große, eher stämmige, vielleicht auch leicht übergewichtige Frau, die sich für Literatur interessiert, dominant auftritt, aber Wert auf eine „neue Weiblichkeit“ legt, und – natürlich! – gern Fußball spielt, idealerweise im Kreise eines Teams aus lauter türkischen, arabischen und persischen Mitstreiterinnen – könnte man, geht man von den Idealen eines eher grün angehauchten Bildungsbürgertums aus, als Inbegriff des Guten werten, ein Sinnbild des neuen Deutschlands, wie es sich gern selbst sehen würde. Das gerade das zufällig auch mehr oder weniger (lässt man die türkischen, arabischen und persischen Mitstreiterinnen als Multikulti-Accessoire weg) zu 100% dem nationalsozialistischen Frauenideal entspricht, vermerke ich hier mal als Randnote.

Selbstverständlich machen einen eine bestimmte Haarfarbe, ein bestimmter Körpertyp nicht zum Nazi. Ansonsten wäre auch Marlene Dietrich einer gewesen. Die sportliche Blonde wollte sich aber nicht für die nationalsozialistische „Herrenmenschen“-Ideologie instrumentalisieren lassen, auch wenn sie rein äußerlich sicher gut dazu gepasst hätte. Lieber sang sie für amerikanische Soldaten. Das kann jeder, den es interessiert, auf Wikipedia und anderswo nachlesen. Allerdings macht einen auch umgekehrt die Vorliebe für Fußball nicht zur Antifaschistin. Sonst müsste man ja leugnen, dass es rechtsextreme Hooligans gibt und die gibt es übrigens nicht nur in Deutschland.

Trotzdem – mich erschüttert, wie leichtfertig Menschen heute wieder bereit sind, die Qualität eines Menschen an Äußerlichkeiten festzumachen. „Turnerpüppchen sind dumm!“ ist für einige feministisch gesonnene Frauen eine Wahrheit, kein Vorurteil, auch dass kleine Frauen eher anschmiegsam und unterwürfig seien und große, dicke stark, tonangebend, beschützend. Bis zu den Schädelvermessungen der Nationalsozialisten und den Rassekategorien Arthur de Gobineaus ist es da nicht mehr weit. Die Gegenseite würde allerdings argumentieren, dass es doch Turnvater Jahn war, der irgendwie „völkisch“ und „braun“ war. Man verdreht genervt die Augen.

Paradoxerweise kann man den neuen deutschen Rassisten tatsächlich nicht vorwerfen, rassistisch zu sein, in dem Sinne, dass sie etwas gegen Ausländer hätten. Ganz im Gegenteil – Wolfram Eilenberger kritisiert ja gerade, dass dem Handball der „südländische Teint“ fehle. Boshaft und um noch mal auf das Turnen zurückzukommen, könnte man hier anmerken, dass just das weltbeste „Turnerpüppchen“ eine schwarze US-Amerikanerin mit lateinamerikanischen Wurzeln ist. Turnen – also doch die „lebenslustige, antifaschistische und antiimperialistische“ Sportart? Nach den einfältigen, eindimensionalen Argumenten, mit denen Wolfram Eilenberger den Handball abgekanzelt hat, müsste es ja so sein. Richtig weh tun dürfte es, dass der amtierende Weltmeister im Handball – nein, kein „nordisch-arisiertes“, „völkisch-deutsches“ Team, sondern Frankreich ist – mit einer echten Multikulti-Équipe: Dunkelhäutige und helle Gesichter mit schwarzen, braunen und blonden Haaren lachen einem auf dem Teambild entgegen, offenbar Frucht einer Sportpolitik, bei der Sport Spaß machen darf und nicht die richtige „rassische“ Zusammensetzung der Mannschaft im Vordergrund steht. So und nicht anders sollte es auch sein. Ganz klar rote Karte für Deutschland!

Note: Übrigens ist mittlerweile auch Migrationshintergrund nicht mehr gleich Migrationshintergrund: Die taz, die die Kolumne von Wolfram Eilenberger ausführlich besprochen hat, hat in der Handballbundesliga zwei Slowenen und einen Bosnier aufgetan. Offenbar zu popelig als Quoten-Exoten. Na ja.

Quellen:

  • Art. „Die Alternative für Deutschland“, v. Wolfram Eilenberger, in: „Zeit“ v. 09. Februar 2916.
  • Art. „Völkisch-homogener Handball“ v. Markus Völker, in: „taz“ v. 06. 06. 2016.

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