Die ersten Plakate hängen: Aus dem Berliner Wahlkampf

Berlin-Spandau, äußerster Westen, Grenze zu Brandenburg, früher zur DDR, aber schön grün. Hier wechseln sich schicke Neubauten, liebevoll renovierte Gründerzeitwohnhäuser, angeranzte Wohnblocks aus den 70ern – das westdeutsche Pendant zur „Platte“ – und diskret in fast schon parkartigen Gärten versteckte Villen in mehr oder weniger paritätischer Reihenfolge miteinander ab. Eine Gartenstadt soll auch in der Nähe sein. Deshalb bin ich hier. Es ist ein gutbürgerliches Viertel, das sehe ich gleich, beinahe jedenfalls. Man hat Geld oder einen Kampfhund oder beides. Als mir zum zweiten Mal jemand mit einem der angsteinflößenden Luxusköter entgegenkommt, läuft mir ein leichter Schauer über den Rücken. Maulkorb trägt der Hund – anders als in Berlin vorgeschrieben – keinen. Genau so wenig wie der erste. Hatte Herrchen Nr. 1 einen südländischen Teint, zurückgegeltes tiefschwarzes Haar und einen durchtrainierten Oberkörper, schiebt Herrchen Nr. 2 ein kleines Wohlstandsbäuchlein vor sich her. Das silbergraue Haar weicht bereits zurück, die Kleidung ist gediegen. Ein „Zuhältertyp“ ist er eher nicht. Dass auch solche Leute sich für Pitbulls begeistern, wusste ich nicht, aber man lernt nie aus.

Offenbar erhofft sich die AfD hier für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus reichlich Stimmen, denn die Laternenmäste sind über und über behängt mit dunklen, blaulastigen Plakaten. Ein Plakat aus der spektakulären Minderheitenkampagne, über die u. a. Spiegel Online berichtete – ist allerdings nicht dabei. Dafür bleibt sich die Partei selbst treu: „Berlin braucht Respekt.“, heißt es, optisch untermalt durch einen Arm in Polizeiuniform. Ein Plakat mit einem hohen Metallzaun, macht Angst und weckt ungute Assoziationen. „Berlin braucht klare Regeln.“ ist der dazu passende der Slogan. Erst wenn man dichter herangeht, sieht man, dass es wohl um Flüchtlinge geht. Mich irritiert, dass die Plakate zum Teil sehr tief hängen, nicht extra-hoch, damit niemand sie wieder herunterreißt. Man scheint sich sicher zu sein, auf Sympathien zu stoßen. Aber vielleicht täuscht das auch. Hinter einem Fenster schiebt sich eine Gardine zur Seite. Eine alte Frau lächelt freundlich. Da es sich am Himmel dunkel zusammenzieht, beschließe ich, die Gartenstadt, die ich eh nicht finde, sein zu lassen und fahre weiter. Nach Kreuzberg.

Am Kottbusser Tor hängen Junkies vor einem türkischen Supermarkt ab, der natürlich geschlossen hat. Es ist ja Sonntag. Ein übervoller Mülleimer ist unten aufgeplatzt, der Inhalt verteilt sich auf dem Bürgersteig. Die vergammelten 70er-Jahrebauten, die den Platz säumen, sehen nach sozialer Brennpunkt aus. Wüßte man nicht, dass sich in der Parallelstraße ein alternatives Bionade-Bürgertum-Biotop mit vielen angesagten Szeneläden befindet und die Mieten hier ziemlich hoch sind, würde man auf dem Absatz wieder kehrtmachen. Politik scheint allerdings niemanden groß zu interessieren. Nur ein paar Wahlplaklate hängen. Die Grünen treffen mit „Dein Gott? Dein Sex? Dein Ding!“ – also „ist doch schnurz, geht doch keinen etwas an!“ wahrscheinlich den Nerv. Der Slogan allein, dem ich noch öfter begegnen werde, wirkt allerdings etwas mau. Ein Plakat in frauenbewegtem rotstichigen Lila entpuppt sich als SPD-Plakat. Ansonsten scheint Bürgernähe Trumpf zu sein und man setzt wohl voraus, dass die WählerInnen „ihre“ Kandidaten kennen. Jedenfalls sehe ich noch einige Plakate von den Grünen und von der SPD mit Gesichtern mir vollkommen unbekannter PolitikerInnen. Ich kann nicht widerstehen und kaufe mir eine knusprige arabische Käse-Pizza. Da ich heute sonst nichts mehr vorhabe, will ich noch zum Nollendorfplatz. Gucken, ob die AfD da ihre Minderheitenplakate gehängt hat.

Auf der Kurfürstenstraße ist noch nichts los. Um die Ecke hat nur eine türkische Bäckerei auf. Ein paar Männer sitzen bei einem Glas Tee zusammen und palavern. Die Prostituierten, die hier nachts auf dem Straßenstrich arbeiten, haben sich in die Häuserecken zurückgezogen, Kneipen, Bars und Bistros sind noch zu. Dafür ist die Bülowstraße ähnlich eifrig zuplakatiert, wie der Straßenzug in Spandau, in dem ich auf der Suche nach der Gartenstadt herumirrte. Ein kleiner blonder Junge kommt mir mit einer Maschinenpistole entgegen, bei der wohl jeder Terrorist vor Neid erblassen würde, so grotesk überdimensioniert wirkt sie. Zum Glück ist sie nur aus Plastik. An den Straßenlaternen hängen blauschwarzen Plakate, die ich zuerst der AfD zuordne. Sie sind aber von der CDU. Schwarz-grün scheint in Berlin wohl keine Option zu sein. Jedenfalls heißt es: „Nein zu rot-rot-grün!“ und man grenzt sich auch sonst zu grünen Themen ab: Ein „starkes Berlin“ wird gefordert, mehr Sicherheit. Irgendwo taucht das Wort „Gymnasium“ auf. Ich sehe ein Wappen mit dem christlichen Kreuz und einem Hirsch – gediegene Bürgerlichkeit auch in Schöneberg-Nord.

Allerdings sind auch die Piraten wieder da. Eigentlich sind ihre Plakate die einzigen, die wirklich auffallen: bunt, jugendlich, unkonventionell, ein bisschen heller und leichter als die anderen. Ob das reicht, um den Coup von vor ein paar Jahren zu wiederholen, als die gerade neu gegründete Partei aus dem Stehgreif deutschlandweit Furore machte, weiß ich nicht. Am Nollendorfplatz sehe ich auch wieder ein AfD-Plakat: „Ja, zur Familie!“. Nein, keine zwei stolzen Papas, jeder mit einem sonnigen Kleinkind auf dem Arm, sondern eine kleine Hand, die eine große Hand gefasst hält. So wichtig sind den Rechtspopulisten die Stimmen der Homosexuellen offenbar doch nicht. Ein Regenbogen schiebt sich mir aufdringlich ins Blickfeld. Ich gehe an einem schwulen Pornokino vorbei. Vielleicht will der Regenbogen mir irgendetwas sagen. Dass das Leben nicht oben am Laternemast hängt?

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