Wer ist hier die Minderheit?

Prügeln sich Rechte und Linke jetzt um die Minderheiten? In der „Zeit“ wird die Emanzipation von Schwarzen, „People of Color“, zu denen sich in Deutschland auch Spanier zählen dürfen, anderen Minderheiten und Frauen als neue linke Studentenrevolte im Geiste von 1968 gefeiert. Das begeistert offenbar gerade die, die es eigentlich mit der Angst zu tun kriegen müssten: privilegierte weiße, deutsche, heterosexuelle Frauen und Männer: Immerhin bedeutet es eigentlich, dass u. a. sogar Personen wie ich sich gegen sie auflehnen und ihnen ihre Privilegien streitig machen könnten. Und zwar mit Nachdruck. Was ist, wenn es vielleicht sogar eines Tages in gewalttätigen Aufständen endet? Angesichts dessen, was in den letzten Tagen passiert ist, wäre das doch so weit hergeholt nicht? Die „Welt“  dagegen berichtet von der anderen Seite, schreibt, dass die rechtspopulistische AfD ihre Wahlkampfstrategie um die Stimmen der Minderheiten – Kiffer, Homosexuelle und Migranten – für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wie angekündigt fortsetzt.

VERLOGENES ENGAGEMENT?

Mal abgesehen davon, dass es merkwürdig ist, wenn Latinos sich mit den Nachfahren ihrer ehemaligen Kolonialherren, den Spaniern, gegen „die Weißen“ verbünden und auch Kiffer plötzlich eine Minderheit sind – Warum kämpft man eigentlich gerade in einem westlichen Land der nördlichen Hemisphäre, in einer wohlhabenden Industrienation so erbittert für die Rechte von Schwarzen und Latinos? Warum hat man die Ehe für alle denn noch nicht eingeführt, wenn sich doch offiziell alle einig darin sind, dass das Wohl Homosexueller oberste Priorität hat? Und warum gibt es eher wieder mehr Sexismus und mehr Gewalt gegen Frauen, obwohl sich doch auch so viele Männer mit Verve für Frauenrechte stark machen?

GLEICHE RECHTE ODER SCHÖNE WORTE?

Eigentlich wird nicht nur darum gekämpft, wer sich besser und ehrlicher für Minderheiten einsetzt und wer auf mehr Gegenliebe bei ihnen stößt (die „wahren“ Vertreter der Minderheiten), es wird auch darum gekämpft, wer sich selbst als Minderheit sehen darf. Im Grunde ist das obszön. Jede Frau, der schon mal an den Busen getatscht wurde, um darauf aufmerksam zu machen, dass man sie nun einmal leider nicht ernst nehmen kann, möchte nichts mehr, als einfach gleichberechtigt zu sein. Jeder Ausländer, der schon mal in einem Restaurant nicht bedient wurde, weil man Angst hatte, sich eine Anzeige einzufangen, hätte man ihn auf direktem Wege hinauskomplementiert, hofft, dass eines Tages sein dunkler Teint einfach keine Rolle mehr spielen wird. Jede und jeder, der und die sich schon mal homophobe Sprüche hat anhören müssen, wünschte sich, Homo- (oder Bisexualität) würde so akzeptiert, dass Leute, die homophobe Sprüche machen, höchstens einen verächtlichen Blick dafür ernten.

ES SOLLTE EINFACH SELBSTVERSTÄNDLICH SEIN …

Minderheitenförderung sollte zur besseren Akzeptanz von Minderheiten beitragen. Die Idee, die ursprünglich dahintersteckte, war, dass es selbstverständlich werden sollte, dass Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Homosexuelle und soziale Aufsteiger ebenso erfolgreich in Führungspositionen sein können wie weiße deutsche Männer aus privilegierten Verhältnissen. Gezielte Förderung und eigens geschaffene Netzwerke sollten helfen, die Integration von Minderheiten möglichst schnell Wirklichkeit werden zu lassen.

WER IST HIER DIE MINDERHEIT?

Vielleicht liegt es daran, dass das Minderheitenkozept in den letzten Jahren auf der einen Seite immer stärker ausgeweitet wurde und auf der anderen Seite die reale Akzeptanz von Frauen und Minderheiten eher zurückging. Spanier sind eigentlich so ziemlich zweifelsfrei Europäer (genau wie Italiener übrigens auch, wie ich mir hier einmal erlaube, anzumerken), auch geographisch, sozial, historisch, als Abkömmlinge einer ehemaligen Kolonialmacht. Nun ist in Spanien die Arbeitslosigkeit hoch und viele hoffen, ihr Glück im wohlhabenderen Deutschland zu machen. Wirtschaftliche Probleme drücken aber auch immer noch viele Osteuropäer, die – z. T. blond und blauäugig – äußerlich aber kaum vom Stereotyp des hellhäutigen Deutschen zu unterscheiden sind. Je mehr man hier ins Detail geht und versucht, verbindliche Regeln aufzustellen, um so rassistischer wird der Diskurs: Haut-, Haar- und Augenfarbe stehen im Mittelpunkt, nicht so sehr soziale Ungerechtigkeit, obwohl es gerade darum doch eigentlich geht.

FRAUENRECHTE NUR FÜR FRAUEN, DIE NOCH WIRKLICH FRAU SIND?

Ähnlich komplex gestaltet sich die Frauenfrage. Seit den späten 1990er Jahren wurden v. a. Frauen gefördert, die sich selbst stark mit der traditionellen Frauenrolle identifizierten. Langhaarig, feminin, anschmiegsam, an Mode und den schönen Dingen des Lebens interessiert, galten sie als diejenigen, die der Vorherrschaft des „Patriarchats“ noch am ehesten ausgeliefert waren und deshalb besonderen Schutz und besondere Unterstützung brauchten. Die Lesben, Mannweiber und Lila-Latzhosenträgerinnen konnten sich doch auch so ganz gut durchsetzen, nicht wahr? Es ist eigentlich fast schon paradox, dass Feminismus vor allem den Frauen zu Gute kommen sollte, die sich über die „frigiden Emanzen“ lustig machten, aber es ging wohl auch darum, zu demonstrieren, dass Feminismus sehr wohl hübsch, modebewusst und sexy sein konnte.

LESBISCH ALS LEBENSGEFÜHL

Das führt zu Queer. Homophobie ist leider ziemlich real. Aber nicht jede Lesbe und nicht jede Transgenderperson ist wirklich echt. Absurderweise sind es z. T. alte Bekannte, die einst so hilflosen, unterdrückten femininen Frauen, die Fashion Victims und „Ich hab-Feminismus-doch-gar-nicht-nötig“-Girlies, die sich in früheren Zeiten noch so sehr vor den „hässlichen Lesben“ geekelt haben, die jetzt ihrerseits für sich in Anspruch nehmen, „sexuell abweichend“ zu sein und eben dafür „unterdrückt“ zu werden. Es wird herumgedruckst, dass es mehr um Gefühle und innige Frauenfreundschaften gehe, nicht so sehr um Sexualität. Dann wieder steht der Körper im Mittelpunkt: Gewichtsprobleme, Essstörungen, das Ringen mit den Schönheitsidealen der Modewelt – „Germany’s Topmodel“ & Co. Oder aber es geht um das Selbstbewusstsein zickiger Frauen, die erwarten, dass man (bzw. frau) mit Neid zu ihnen emporblickt und ungehalten werden, wenn man (bzw. frau) es nicht tut.

GENAU WIE MÄNNER?

„Lesbischer Machismo“ sei es halt, wenn solche Frauen andere als „Fickmaus“ verhöhnten oder ihnen penetrant auf den Busen glotzen oder auch gleich grapschen, um zu demonstrieren, dass sie sie „nun einmal nicht ernst nehmen“ könnten (siehe oben). Oder es ist Transsexualität. Oder beides. Oder vielleicht ist es am Ende einfach nur ein hilfloses Buhlen um die Sympathien sexistischer Männer? Unterdrückte Heterosexualität (Das haben Frauen wie ich euch echt voraus!)? Ein Versuch, unliebsame Konkurrenz auszuschalten?

MINDERHEITENRECHTE FÜR HÖHERE TÖCHTER?

Ich war jedenfalls erstaunt, wie sehr die neuen „Mannweiber“ die alten „Weibchen“ sind, dass ihre Interessen und ihr Lebensgefühl eigentlich zu 100% denen „höherer Töchter“ entsprechen: Klavierspielen, die Begeisterung für Hochliteratur, sich und den eigenen Körper in Tanz, Theater und Rollenspielen zu erfahren, Charity-Aktionen starten und andere, sozial niedrigrangigere Frauen anzuleiten – das 19. Jahrhundert scheint das 21. einzuholen.

EMANZIPATION ODER GLOBALISERUNGSANGST?

Nun habe ich nichts gegen Charity-Aktionen, gegen Mode, Literatur, Tanz oder Theater. Und ich finde es sogar richtig gut, sich gegen Rassismus und Homophobie zu engagieren. Die Frage ist aber: Wer kämpft hier gegen wen? Sollen die Minderheitenrechte dafür herhalten, die Privilegien der höheren Schichten wieder zurück zu holen? Eine globalisierte, internationale Elite gegen die einheimischen sozialen Verlierer, die über die eigene Scholle nicht hinauskommen? Oder ist die eigentliche Minderheit weiß, deutsch, heterosexuell und vielfach vielleicht sogar männlich? Das gebildete linksliberale Bürgertum, das vor der Globalisierung vielleicht ebenso viel Angst hat, wie die sozial benachteiligten zornigen weißen, deutschen Männer, die rechts wählen und bei Pegida mitlaufen?

Und könnte man dem noch etwas entgegensetzen? Kann man gegen Diskriminierung und für Vielfalt und offene Grenzen sein, ohne dass es in immer rabiater werdenden Verteilungskämpfen, letztendlich vielleicht sogar in Gewalt mündet? Das ist vielleicht die Preisfrage des 21. Jahrhunderts. Zumindest, wenn man nicht ins 19. zurückwill.

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