Ein trojanisches Pferd? – die junge Rechte macht mobil

„Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben auf Staatskosten finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul!“ – ein junger Mann mit blondem Rauschebart spricht Tacheles – Das soll wohl die Message sein. Und er deutet an, dass er eine „Alternative“ wählen wird. Bald sind Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Es geht also um Wahlwerbung. So klar ist das auf den ersten Blick nicht, denn da ist kein Logo und kein Parteiname, der einem auf die Sprünge helfen würde. Deshalb muss man auch ein bisschen überlegen, bis man darauf kommt, dass mit „Alternative“ die „Alternative für Deutschland“, die rechtspopulistische AfD, gemeint ist.

Ein bisschen fühlt man sich an der Nase herumgeführt. Klar, der Spruch klingt rechts, aber die Ästhetik erinnert einen eher an hastig zusammengeschusterte Antifa-Reader, improvisiert und ein bisschen roh, Do-it-yourself eben. In einem Kommentar im Stern von Sophie Albers Ben Chamo liest man dann auch, dass die AfD-Wahlwerbung an die Kunstaktionen von „Barbara“ angelehnt sei.

„Barbara“ agiert anonym. Ob sich eine Frau oder ein Mann hinter dem Namen verbirgt, weiß man nicht. Aber die Streetart-Aktionen von „Barbara“ wenden sich gegen Rassismus, Diskriminierung und – wer hätte das gedacht?! – auch gegen Rechtspopulismus à la AfD. Juliane Hanka hat dem „Menschen mit Namen Barbara“ einen längeren Artikel in der taz gewidmet und der Anonyma auch ein paar Fragen gestellt. Das bestätigt, was man über ihre Kunstaktionen landläufig so sagt.

Natürlich muss man es nicht unbedingt für erstrebenswert halten, dass Kunst politische Botschaften transportiert, aber, ganz gleich wie man darüber denkt, das Gute an „Barbara“ ist: an ihrer Botschaft besteht inhaltlich kein Zweifel. Inhalt und Ästhetik passen zueinander. Als Betrachter weiß man deshalb, womit man es zu tun hat.

DAS SPIEL MIT DER WAHRNEHMUNG ALS POLITISCHES KONZEPT?

Bei der AfD-Wahlwerbung ist es dagegen wie mit einem surrealistischen Bild: Man bemerkt zwar sofort, dass etwas nicht stimmt, versucht aber trotzdem, Elemente, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, zusammen wahrzunehmen, so gut es eben geht. Man könnte auch an diese Vexierbildchen aus der Wahrnehmungspsychologie denken, wo man mal das Profil einer alten Frau sieht und mal das Portait jungen Frau mit leicht abgewendetem Kopf, je nachdem, welches „Vorbild“ man im Kopf hat, wonach man die schwarzen Linien also „abscannt“.

Auf die soziale Ebene übertragen, könnte man ein solches Spiel mit der Wahrnehmung durchaus als Zeitgeist deuten. Ich kannte es bisher v. a. von der queerfeministischen Bewegung, die sich auf Theoretikerinnen wie Judith Butler beruft. Von Butler auf die AfD zu schließen ist aber sicherlich ein bisschen gewagt – dass es da personelle oder ideologische Querverbindungen gibt, ist kaum anzunehmen – aber was wäre, wenn die Rechte nachgezogen hat und jetzt einfach auch up-to-date ist?

RECHTS SOLL TRENDY SEIN – DIE „IDENTITÄRE BEWEGUNG“

Als vor drei, vier Jahren eine neue politische Jugendbewegung in Erscheinung trat, die ihren Ausgangspunkt in Frankreich hat und mittlerweile in mehreren Ländern Europas vertreten ist, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass die neue Rechte eine radikale kulturelle Wende vollziehen würde: Die sog. „Identitäre Bewegung“ existierte zunächst nur im Internet. Von Anfang an agierte sie jedoch ausgesprochen publicitywirksam: eine grelle Optik in schwarz-gelb, bei der man unwillkürlich an Wespenstiche denkt, und der griechische Buchstabe Lambda im Logo sichern den „Identitären“ einen hohen Wiedererkennungswert. Ästhetisch und ideengeschichtlich sehen sie sich ansonsten, so scheint es, in der Tradition der bündischen Jugend* und des Jugendstils. Nicht von ungefährt heißt eine ihrer Zeitschriften „Sezession“. Was einem spontan dazu einfällt, sind Namen wie Franz von Stuck und Nietzsche. Den Working-Class-Style irgendwelcher dahergelaufener Stiefelnazis assoziiert man eher nicht so.

Aber für die „Identitären“ darf es offenbar gern auch eindeutig rechtsextrem sein: So haben sie sich z. B. mit dem Denken des faschistischen Philosophen Julius Evola befasst und verwenden auch schon mal ein Evola-Zitat als Sinnspruch für ihre Selbstdarstellung im Internet**. Die Theorien des italienischen Metaphysikers und Futuristen sind jedoch alles andere als harmlos, stellen sie doch eine krude, geistig abgehobene Variante des Faschismus dar: Elitebewusstsein mit sehr viel Esoterik, ein bisschen Mystik und eine kräftige Prise Rassismus und Antisemitismus – eine explosive Mischung, die gegenwärtig wieder den Nerv der Zeit zu treffen scheint. Besonders gefährlich daran ist allerdings, dass es Deutschen aufgrund ihrer spezifischen historischen Erfahrung oft schwer fällt, einen Zusammenhang zum politischen Faschismus zu erkennen. Hierzulande denkt man eben doch eher an rohe, physische Gewalt und nicht so sehr an einen raffinierten, intellektuell überhöhten Diskurs.

Vielleicht liegt es daran, dass über die „Identitären“ im deutschsprachigen Raum bislang nur wenig geschrieben worden ist. So gesehen kann das kleine Taschenbuch mit dem Titel „Die Identitären“ von Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natscha Strobl, das 2014 im Münsteraner Unrast Verlag erschienen ist, als echte Pionierarbeit gelten. Lesenswert ist es auf jeden Fall, denn es gibt nicht nur einen informativen, ersten Überblick über die neue Rechte, sondern versucht auch, mit unzähligen Beispielen und Belegen deren politische Strategien offen zu legen.

Schlägern und offenkundige Einschüchterungsversuche sind, wie es aussieht, nicht das, womit die „Identitären“ in Verbindung gebracht werden möchten. Das Bild, das sie vermitteln, spricht eher dafür, dass es darum geht, dass Rechts trendy sein soll, nicht ordinär, Popkultur für junge „Leistungsträger“ also, nicht ein Aktionsraum, wo „erlebnisorientierte“ Proleten Dampf ablassen können. Man will offenbar das gehobene Bildungsbürgertum ansprechen, nur dass sich das in weiten Teilen eher mit dem in rechtspopulistischen Kreisen verfehmten „versifften links-rot-grünen-Alt-68er“-Denken, wie es Jörg Meuthen auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart verächtlich nannte, identifiziert, zumindest formal.

FÜR DIE VIELFALT DER KULTUREN & TROTZDEM STRAMM RECHTS

Also kopieren die „Identitären“ linke Agitationsformen, schreiben Bruns, Glösel und Strobl, und versuchen, sie links „umzunutzen“ – Flashmobs, linke Parolen und „Spaßguerilla“*** „unter falscher Flagge“ sozusagen. Am 10. August 2012 soll es in Rostock z. B. einen ersten Flashmob mit dem Titel „Hardbass gegen Demokraten“ gegeben haben, wo zu fetzigen Elektrorhythmen getanzt und „NS jetzt“ oder „NS fetzt“ skandiert wurde***. Manchmal tanzten Passanten mitgerissen von der Partystimmung einfach mit, ohne zu wissen, worum es ging***, so Bruns, Glösel und Strobl. Plakate, auf denen fett gedruckt zu lesen ist „Für die Vielfalt der Kulturen“ und kleiner darunter: „Gegen Imperialismus und Multikulti!“ setzen diese Strategie der gezielten Verwirrung fort***.

In der Schweiz haben sich „Identitäre“ mit der Aktion „Wir kämpfen für Felipe“ sogar für das Bleiberecht eines von Abschiebung bedrohten Brasilianers eingesetzt***. Hört man von solchen Sachen, reibt man sich erst mal die Augen. Sind das wirklich Rechte?

Allerdings stellen die „Identitären“ klar, worum es ihnen geht: „Die guten schickt man weg, die schlechten bekommen Kick Box Training!!“*** wie Bruns, Glösl und Strobl die „Identitäre Bewegung Schweiz“ (IBS) zitieren.

Dass die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland personell eng verbandelt ist mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der AfD, ist kein Zufall. So erklärt sich vielleicht auch die Wahlwerbung mit dem Kiffer, der sich über seinen marokkanischen Dealer beschwert.

Natürlich ist niemand allein deshalb rechts, weil er oder sie sich über Dealer, Drogenhandel und Kriminalität beschwert – Das sind ja wirklich gesellschaftliche Missstände – aber wem ist damit geholfen, wenn man versucht, solche Dinge zu ethnisieren? Und geht es eher um Gefahren, etwa Beschaffungskriminalität und Gewalt im Drogenmilieu, oder ist das Allerschlimmste, dass der eine oder andere Dealer dem Staat „auf der Tasche liegt“ (wie so manch eingefleischter Kiffer – egal, ob deutsch oder nicht – auch)?

Man muss nicht gleich nach ganz weit rechts rutschen, nur weil man hier und da Kritik hat. Aller zeitgenössischen „Verwirrung der Wahrnehmung“ zum Trotz sollten wir uns jedenfalls den klaren Blick auf die Dinge nicht vernebeln lassen.

Quellen:

Art.: „Liebe AfD, man kann gar nicht so viel kiffen, dass es Sinn macht!“v. Sophie Albers Ben Chamo, in: Stern v. 21. 07. 2016.

Art. “ Den Rechten einfach eine kleben“ v. Juliane Hanka, in: taz v. 19. 03. 2016.

*Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung Bayern v. 31. 05. 2016 (Zugriff am 23. 07. 2016).

** Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung (deutschsprachig) v. 01. 11. 2014, auf dem ein Zitat von Evola als Leitspruch gepostet ist (Zugriff am 23. 07. 2016).

***Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl, „Die Identitären“, Münster 2014.

 

 

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