Die „Putinversteher“ – Querfront (V)

Man kennt sie noch vom Gymnasium, die Jungs, die eloquent und selbstsicher auftreten, einen mit Fakten bombardieren und am Ende einer Diskussion oft ziemlich dumm dastehen lassen. Wer ein Fach wie Geschichte, Politikwissenschaften, Philosophie oder Soziologie studiert hat, kennt sie auch aus dem Uni-Seminar. Geht es um etwas, von dem man selbst auch ein bisschen Ahnung hat, durchschaut man aber meistens schnell, dass gut gewählte Worte und ein scheinbar schier enzyklopädisches Wissen manchmal denselben Effekt haben, wie wenn jemand ein wildes Tänzchen vor einem aufführt, damit man nicht merkt, was sein Compagnon gerade macht.

Mir ging es beim Lesen von „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer (erschienen 2014 im Westend Verlag, Frankfurt/Main) ein wenig so. „Klingt nicht schlecht“, dachte ich. Und dann: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“.

An Wladimir Putin scheiden sich die Geister: Politische Morde, die nie aufgeklärt wurden, Bomben in maroden Wohnblocks, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht am Ende der Staat gelegt hat, Geiselnahmen, die zwar erfolgreich beendet wurden, aber ohne jede Rücksicht auf das Leben der Geiseln und die dubiose Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin, die nie stattgefunden hat – Gründe, dem ehemaligen KGB-Agenten misstrauisch gegenüber zu stehen, gibt es genug.

Dass man trotzdem unweigerlich einen Schritt zurücktritt, sobald einer wie Putin in den Medien zum „bad guy“ aufgebaut werden soll, ist vielleicht ein Reflex aus den Zeiten des Kalten Krieges, als die Sowjetunion für den Westen noch das „Reich des Bösen“ war und „kritisch sein“ v. a. meinte, (oftmals zu Recht) kritisch gegenüber Amerika zu sein. Grundsätzlich gilt aber ja: Sollte man nicht immer erst einmal beide Seiten sehen, bevor man sich ein Urteil bildet?

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Bröckers und Schreyer, die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“, heben hervor, was Putin in Russland so beliebt macht: Er beendete den Raubtierkapitalismus der Ära Jelzin, als weite Teile der Bevölkerung verelendeten, aber zwielichtige Geschäftsleute quasi über Nacht problemlos zu Multimillionären werden konnten und er sorgte für ein neues nationales Selbstbewusstsein. In der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hatte man so viel Glück nicht. Kaum dass ein russlandfreundlicher Politiker die politische Bühne betrat, enstand eine Protestbewegung mit publicitywirksamer Symbolik – die Farbe Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien -, bei der – fast schon als Reminiszenz an alte Zeiten – amerikanische Think Tanks im Hintergrund die Strippen zogen.

Es sei jedoch weniger die Sorge um die Menschenrechte, so Bröckers und Schreyer, die den Westen dazu antreibe, sich immer wieder einzumischen, sondern die schnöde Gier nach Rohstoffen und natürlich spielten auch geostrategische Überlegungen eine Rolle.

Ganz abgesehen davon – In den Augen der „Putinversteher“ hat Russland in der Ukraine-Krise legitime Rechte verteidigt, z. B. den Pachtvertrag über den Hafen Sewastopol auf der Krim, den es gegen rechte Milizen zu schützen galt, die sich – angestachelt vom Westen und von einem faschistoiden Radau-Nationalismus, so die Sichtweise – anschickten, gen Osten zu stürmen. Außerdem sei die Entscheidung des umstrittenen Referendums, dass die Krim zu Russland gehören solle, nachvollziehbar, da die überwältigende Mehrheit der dortigen Bevölkerung russischsprachig sei.

Die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“ schleifen ihre Leser durch eine historische Tour de Force, um um Verständnis für die russische Außenpolitik zu werben: von dem griechischen Historiker Thukydides, über Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli, Carl Schmitt und Stalin bis hin zu dem ukrainischen Faschisten Stepan Bandera werden eine Menge Namen aufgeboten und die Machenschaften transatlantischer Influencer, wie Zbigniew Brzezinski und Victoria Nuland, werden penibel analysiert.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sehr viel unerwähnt bleibt: Im Schlusskapitel wird die Minderheitenthematik z. B. nur kurz gestreift und dann gleich wieder abgebügelt: Die desolate Lage etwa von Homosexuellen in Ländern wie Russland rechtfertige es nicht, dass dafür Bürgerkriege angezettelt würden, so Bröckers und Schreyer. Dass Putin politische Bündnisse mit mehreren quasi-absolutistischen „Alleinherrschern“ und Diktatoren in der Region eingeht und von Putins Gnaden eingesetzte Lokaldespoten, wie z. B. der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, in dem Ruf stehen, auch vor Folter nicht zurückzuschrecken, scheint für die „Putinversteher“ gar nicht erst von Belang zu sein.

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Richtig gestolpert bin ich aber über den Namen Alexander Dugin, den Bröckers und Schreyer in der Einleitung als ideologischen „Gegenpol“ zur „globale(n) amerikanische(n) Bevormundung“ einführen. Später im Buch ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort wird ein bisschen herumgedruckst, dass es Dugin um ein „polyzentrische(s) Eurasien(…) der Traditionen, Religionen und Kulturen“ gehe, das durch einen „starken Staat“ „zusammengehalten“ werden solle. Zwar stufen Bröckers und Schreyer Dugin immerhin als „zutiefst konservativ(…)“ ein, aber sie heben hervor, dass sein Denken ein „Reflex auf den expansionistischen, universalistischen Alleinvertretungsanspruch des amerikanischen Globalismus“ (s. S. 171) sei.

Dugins Wikipedia-Eintrag ist da schon deutlicher: Dort wird Dugin als „Neofaschist“ dargestellt (Version vom 20. Juli 2916), der sich u. a. auf den italienischen Faschisten und Esoteriker Julius Evola beruft. Evola ist in rechtsextremen Kreisen kein Unbekannter: Sein elitäres, metaphysisches Denken spricht rechte Jugendliche, die sich für etwas besseres halten, seit je her an, auch in Deutschland: Am rechten Rand der sog. „schwarzen Szene“, Grufties, Gothics und Mittelalterfreaks, hat man sich mit Evola auseinandergesetzt, ebenso wie in den Kreisen der europaweit agierenden „Identitären“, die hierzulande eng verbandelt sind mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der rechtspopulistischen AfD.

Hier schließt sich der Kreis, denn Putin hat mehrfach die Annäherung an europäische Rechtspopulisten gesucht: Laut Spiegel Online soll der französische Front National finanzielle Unterstützung von russischer Seite erhalten haben. Und der nationalkonservative AfD-Vordenker Alexander Gauland war bereits zum freundschaftlichen Gespräch in der russischen Botschaft in Berlin geladen, wie man z. B. ebenfalls auf Spiegel Online nachlesen kann.

Die Frage ist jedoch, wie das zu linken Spontis passt. Hat sich deren Antiamerikanismus seit dem Ende des Kalten Krieges derart potenziert, dass sie sich jetzt sogar, wenn auch vielleicht nur durch die Hintertür, mit Faschisten und Rechtspopulisten gemein machen, nur um „Uncle Sam“ eins auszuwischen?

Mathias Bröckers, einer der Autoren von „Wir sind die Guten“, schreibt u. a. für die linksalternative Berliner „Tageszeitung“. Er betreute offenbar auch den Internetauftritt der taz, engagiert sich für die Legalisierung von Cannabis und war mit dem Hanfaktivisten Wolfgang Neuss befreundet, wie sein Wikipedia-Eintrag einen informiert. Neuss erlangte mit dem Statement, er würde sogar den Strick, an dem man ihn sonst erhängen würde, rauchen, eine gewisse Berühmtheit in Hippie-Kreisen. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen. Ich selbst habe es von jemandem, der der taz nahesteht.

Kiffer, Ex-Hippies und „Gutmenschen“ also, die sich für autoritäre Regimes begeistern und mit dem rechten Rand paktieren? Das klingt ein bisschen, als sei da jemand auf dem falschen Trip hängen geblieben. Allerdings muss man sagen, dass Bröckers in der Berliner Linken einen Stein im Brett zu haben scheint. Außerdem hat er sich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und fand auch nichts dabei, sich über zwei Stunden auf KenFM von Ken Jebsen interviewen zu lassen.

Die Querfront lässt grüßen. „Wir sind die Guten“ kann vielleicht zu einem ihrer politischen Standartwerke werden.

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