Politisch korrekt oder diskriminierend durch die Hintertür? Proteste 2.0

Mehr Wut oder mehr Gleichberechtigung? Wie viel Political Correctness geht, bevor alles ins Gegenteil abkippt? Eigentlich befasst sich der long-read „Die neuen Radikalen“* in der „Zeit“ von dieser Woche mit Studentenprotesten. Begehrt die Jugend 2016 auf, wie einst 1968? Stehen wir am Beginn einer neuen, rebellischen Epoche? Das sind die Fragen, die sich Rudi Novotny, Khuê Pham und Marie Schmidt in der „Zeit“ stellen. Allerdings wird gleich zu Beginn des Artikels klar: Es geht um Minderheitenrechte. Nur zu verständlich, denkt man. Immerhin ist die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA erschütternd, die neue Rechte macht auch diesseits des Atlantiks Angst und die Zögerlichkeit, die Politiker hierzulande an den Tag legen, wenn es um die Ehe für alle geht, zeigt, dass es – jenseits allen Party-Geglitzers – weitaus weniger gut bestellt ist um die Akzeptanz Homosexueller, als man in einem Land, das sich Weltoffenheit und Toleranz auf die Fahnen schreibt, annehmen könnte.

Allerdings – eine Jugend die sich stark macht für Minderheiten und dazu auch durchaus bereit ist, zu radikalen Mitteln zu greifen, ist nicht das Gleiche wie die ’68er-Generation. Damals ging es um Dinge, die mehr der weniger alle betrafen: Der Vietnamkrieg in den USA, faschistischer Muff in Deutschland und Italien oder die realsozialistische Borniertheit à la UdSSR in der Tschechoslowakei, um nur einige Beispiele zu nennen. Man wollte mehr Freiheiten – geistig, kulturell und konkret – und gleiche Rechte auf allen Ebenen.

So tiefgreifend und global scheinen die Veränderungen, die junge Leute heutzutage fordern, nicht zu sein. Dafür sind die Proteste akademisch durchgestylter. Es geht um Fragen der Repräsentation, um linguistische Probleme. Die Theorien von Judith Butler oder Michel Foucault spielen eine gewisse Rolle. In dem „Zeit“-Artikel werden die Namen renommierter Universitäten genannt: Yale, Princeton, Oxford. Ob die Humbold-Universität in Berlin, die zum Schluss aufgeführt wird, auch als „Elite-Kaderschmiede“ gelten kann, sei mal dahingestellt. Trotzdem fühlt man sich ein bisschen genarrt. Dass Schwarze oder „People of Color“ an solchen Institutionen immer noch unterrepräsentiert sind, steht außer Zweifel. Aber die Schwarzen und „People of Color“, die dort studieren, sind eben auch Privilegierte, Menschen also, die es sehr viel besser haben als viele andere.

Natürlich ist es nicht so, dass sie sich deshalb nicht diskriminiert fühlen dürften. Ansonsten könnte man genauso gut behaupten, dass es weniger schlimm sei, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie eine Perlenkette trägt. Der Zugang zu elitärer Bildung ist kein Bleichmittel. Und auch wer Geld hat, kann wegen seiner Hautfarbe (wegen seiner/ihrer sexuellen Orientierung, Religion, usw.) ausgegrenzt werden. Vielleicht ist Diskriminierung dann weniger offensichtlich, aber auch das hintergründige, eher diffuse Gefühl, nicht ganz in der gleichen Liga zu spielen, wie die weißen Ivy-Leage-Studenten (oder wenn, dann zumindest meistens auf der Reservebank zu sitzen), kann weh tun. Für diese Art von „Diskriminierung light“ gibt es sogar ein eigenes Wort, wie die „Zeit“ schreibt –  „Microaggression“.

Andererseits – „People of Color“ aus „gutem Hause“ haben nicht die gleichen Probleme wie Ghetto- oder Mittelschichtsschwarze. Ihre Erfahrungswelt ist eine grundlegend andere. Entsprechend abstrus, zumindest aus einer weniger privilegierten Perspektive, wirken die diskriminierenden Akte, an denen sie sich abarbeiten: Z. B. das Halloween-Fest an einer der genannten Elite-Unis, von dem man in der „Zeit“ liest: Auf Kostüme mit Ethno-Elementen sollte unbedingt verzichtet werden, forderten „nicht-weiße“ Studierende. Die Angelegenheit hat sich offenbar zum Politikum ausgeweitet und am Ende soll sogar die Karriere einer Professorin daran zerbrochen sein. Bei solchen Sachen fragt man sich schon, ob hier die Verhältnismäßigkeit noch gewahrt ist. Kann eine Feder im Haar von jemandem, der nach der Meinung besonders radikaler Vertreter der Political Correctness nicht autorisiert ist, sie zu tragen, weil er (oder sie) nicht die entsprechende ethnische Zugehörigkeit hat, wirklich genauso verletzend und diskriminierend sein, wie eine Kugel aus einem Polizeirevolver, die einen trifft, weil man die falsche Hautfarbe hat? Ist es nicht fast schon peinlich, an den Haaren herbeigezogene Nichtigkeiten mit realer Herabsetzung, die leider auch reale Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hat, in den gleichen Topf werfen zu wollen? Und ist ein solch penibles und selbstgerechtes Beharren auf „Minderheitenschutz“ nicht letztendlich viel aggressiver als eine unbedachte Äußerung oder eine Feder im ethnisch falsch zugeordneten Haar? Nicht ganz überraschend taucht in dem „Zeit“-Artikel irgendwann der Begriff „Hexenjagd“ auf. Das klingt anders als „Studentenrevolte“. Man denkt eher an „Inquisition“ oder „Gegenrevolution“.

Und ganz falsch ist die Assoziation nicht. Immerhin gibt es in der Geschichte genügend Beispiele dafür, wie eine an sich gute Idee, ein legitimes Anliegen sich, radikal zugespitzt und mit unverhältnismäßiger Aggressivität durchgesetzt, in ihr Gegenteil verkehren. Der heutige Minderheitendiskurs schlägt seine schillernsten Volten immer dann, wenn sogar (privilegierte) Weiße Jagd auf (weniger privilegierte) „Diskriminierer“ und alle, die sie dafür halten, machen. Die us-amerikanischen Serie „South Park“ nimmt das in einer Folge aufs Korn, wie u. a. J. Bryan Lowder auf „Slate“ berichtet: „PC Principal“, der neue Schulleiter der „South Park Elementary School“ ist ein absoluter Hardliner in Sachen Political Correctness. Wer z. B. Glamour-Transfrau Caitlyn Jenner nicht „stunning and brave“ findet, der kann sein blaues Wunder erleben, da kennt der übereifrige Verfechter des Guten keine Gnade. Und mit harten Worten spart er im Zweifelsfall auch nicht. Das Problem ist nur: „PC Principal“ selbst ist weiß, ein Bio-Mann und vermutlich heterosexuell. Nach seinen eigenen rigiden Thesen müsste er also „der Unterdrücker“ schlechthin sein. Dass so jemand glaubt, andere im Kampf gegen die Unterdrückung von Minderheiten gängeln zu müssen, ist vielleicht eine witzige Idee, so lange es um Zeichentrick geht. Im echten Leben ist es einfach nur zynisch.

Sogar Caitlyn Jenner selbst geriet übrigens schon einmal in die Kritik. J. Bryan Lowder beschreibt auf „Slate“, wie Jenner im Interview mit der Talkmasterin Ellen DeGeneres herumdruckste, als es um die Ehe für alle ging. Sie denke da eher traditionell, rang sich die politisch den Republikanern nahestehenden Amerikanerin schließlich zu einem Statement durch. Dafür stört sich Jenner nicht so sehr an der Kostüm-Frage. Wer als „Caitlyn Jenner“ zum Fasching oder zur Halloween-Feier geht, verstößt damit nicht gegen die Menschenrechte von Caitlyn Jenner. Sagt Caitlyn Jenner.

Solche Aussagen kann man finden, wie man will. Wenn in der Folge aber sogar einer Transsexuellen vorgeworfen wird, „transphob“ zu sein, wie es bei Jenner der Fall war, driftet das Ganze ins Lächerliche ab. So richtig herzhaft darüber lachen kann man trotzdem nicht, denn man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Konservative und Rechte sich auf Leute wie Jenner stürzen und ihre Äußerungen für sich ausschlachten.

Allerdings stellt sich hier auch die Frage, ob in solchen Fällen nicht ein Konflikt künstlich aufgebauscht wird: Natürlich steht Caitlyn Jenner nicht emblematisch für alles sexuell Abweichende in der Welt, aber auch die Leute, die sich mehr oder weniger professionell für die Queer-Bewegung stark machen, sprechen nicht im Namen aller LGBT-Menschen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Man muss schon ganz schön verblendet sein, um überhaupt die Notwendigkeit zu sehen, darüber diskutieren zu müssen, dass LGBT-Menschen nicht immer alle in jedem Punkt einer Meinung sind. Es sind ja Individuen, genau wie Schwarze und „People of Color“ auch. Womit im Übrigen nicht in Abrede gestellt wird, dass die Angehörigen von Minderheiten oft gemeinsame Interessen haben. Es ist jedoch zweifelhaft, ob irgendwem damit geholfen ist, wenn man Pauschalurteile als unverbrüchliche „Wahrheiten“ darstellt und „Abweichler“ rabiat zur Seite drängt.

Außerdem erleben Angehörige von Minderheiten oder Menschen, die sich selbst als „anders“ empfinden, Ausgrenzung und Diskriminierung nicht immer im selben Maße. Nicht zuletzt deshalb ist es auch ziemlich überzogen, wenn z. B. ein Yale-Student für sich beansprucht, die Rechte der indigenen Bevölkerung zu vertreten und für sie ein Bollwerk gegen das weiße, unterdrückerische Amerika sein will, selbst dann, wenn der Student schwarz ist, also selbst auch „Man of Color“.

Aber vielleicht geht es gerade darum: sich nicht bevormunden lassen zu wollen. Für die Lebenssituation eines Indigenen aus der amerikanischen Unterschicht dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ein schwarzer oder ein weißer Absolvent einer Elite-Uni ihm sagt, was seine Rechte sind und dass er sie stellvertretend für ihn einfordern und dafür vielleicht sogar im Namen der Political Correctness das Leben anderer Menschen zerstören wird. Und selbst ein indigener Absolvent einer Elite-Uni würde keinen Unterschied machen, so lange das Elitäre im Vordergrund steht und nicht die Lebenssituation des Unterschichts-Indigenen, das, was der selbst daran ändern will, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse.

Bevor man jedoch glaubt, in jedem, der sich für etwas oder jemand anderen einsetzt, einen kleinen Diktator sehen zu müssen: Nicht jedes Engagement zielt darauf ab, anderen ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung aus der Hand zu nehmen. Es ist nicht das Gleiche, ob Menschen auf bestehende soziale Probleme aufmerksam machen und offene Diskurse darüber anstoßen wollen oder ob Fanatiker und Eiferer „Deutungshoheit“ an sich reißen und keinen Zweifel daran lassen, dass, wer nicht mit ihnen ist, gegen sie ist. Es ist sogar ein absoluter Gegensatz. Hoffen wir, dass die Rebellion der 2016er sich in die richtige Richtung bewegt. Ansonsten könnte diese Generation es schaffen, alles zunichtezumachen, wofür die 68er einst gekämpft haben. Und das wäre dann leider wirklich die Gegenrevolution.

*Quellen:

  • Art.: „Die neuen Radikalen“ v. Rudi Novotny, Khuê Pham & Marie Schmidt, in: „Zeit“ v. 14. Juli 2016.
  • Art.: „South Park Takes on PC Police, Caitlyn Jenner’s “Heroism” in Season Premiere“ v. J. Bryan Lowder, „Slate“, 17. Sept. 2015.
  • Art.: „Caitlyn Jenner vs ‚the community'“, v. J. Bryan Lowder, „Slate“ v. 09. Sept. 2015.
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