Noch mal Hass. Diesmal #Dallas

„Das lass ich mir doch von dir nicht bieten!“ brüllt eine Männerstimme*. Ganz plötzlich hängt eine Aggression in der Luft, die mich instinktiv alarmiert. Ich hatte etwas am Rande gestanden, war eine Zigarette rauchend meinen Gedanken nachgehangen. Zwei Männer im Streit, d. h. einer hat wohl auf der Bank gesessen und dann ist der andere gekommen, der mit dem lachsroten Hemd*, dessen Halsschlagader jetzt angeschwollen ist, das Gesicht wutverzerrt und passend zum Hemd knallrot angelaufen, zetert er weiter. Ich halte mir die Ohren zu, weil das nervt. Hier laufen so viele rum, bei denen man den Eindruck hat, dass da irgendwie eine Schraube locker ist. Zumindest kann ich nicht jedes Verhalten nachvollziehen. Allerdings weiß ich auch nicht, was der alltägliche Wahnsinn ist und was im klinischen Sinne „nicht normal“. Gründe, sich aufzuregen, gibt es in einer Millionenstadt wie Berlin schließlich genug. Zum Glück sind fast immer ein, zwei Leute zur Stelle, die eingreifen und die Situation entschärfen, so auch jetzt. Freundlich angesprochen zu werden, hat den im lachsroten Hemd verunsichert. Er dreht sich um, seine stahlblauen Augen flackern*. Er schreit: „Das lass ich mir aber nicht bieten! Nicht von dem!“ Was genau, ist nicht klar. Gefühlt 30 Sekunden später sagt der Mann mit einer wieder normal klingenden Stimme: „Ja, klar, stimmt. Das ist es gar nicht wert.“ Uff, denke ich. Nochmal gut gegangen.* Es soll schon welche gegeben haben, die plötzlich ein Messer in der Hand hatten ….

In Dallas ist vor ein paar Tagen ein Profi durchgedreht. Ein Sniper, ein Heckenschütze, der für die US-Army in Afghanistan war, tötete fünf Polizisten, die eine Black-Lives-Matter-Demo schützen sollten, wie die Medien berichteten. Spiegel Online und andere warten nun mit Details auf: Micah Johnson, so heißt der Mann, habe unter Wahnvorstellungen gelitten. Er habe „Polizisten dafür büßen lassen wollen, dass sie (…) Schwarze bestrafen.“, so der genaue Wortlaut in der auf SPON veröffentlichten Nachricht.

Allerdings – und auch wenn das Blutbad von Dallas einfach nur furchtbar ist und auch niemandem genützt hat, eher im Gegenteil – aber ganz so wahnhaft ist die Vorstellung, dass Polizisten Schwarze wie Menschen zweiter Klasse behandeln, eigentlich nicht. Sicher, der Einwand, auch Polizisten müssten sich schützen und in einer Gegend, wo (schwarze) Drogendealer an jeder Ecke herumlungern und Waffenbesitz kein Problem ist, bedeute das nun einmal, einem Verdächtigen, der irgendwo hingreifen will, die Dienstpistole vor die Nase zu halten, bevor der auf dumme Gedanken kommt, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nur ist die Liste der jungen schwarzen Männer, die in den USA aufgrund eines unverhältnismäßig brutalem Vorgehen seitens der Polizei zu Tode gekommen sind, zu lang. Freddy Gray aus Baltimore z. B. starb nicht durch eine Kugel, die sich in einer Überreaktion aus einem Polizeirevolver gelöst hat, sondern in einem Polizeiwagen, in dem er gefesselt und unangeschnallt hin- und hergeschleudert wurde, so dass er sich schließlich einen Genickbruch zuzog. Das kann man auf Spiegel Online und anderswo nachlesen. tagesschau.de berichtet, was so wütend macht: Zur Rechenschaft gezogen wurde keiner der Cops. Der Tod eines Schwarzen scheint nicht genug ins Gewicht zu fallen, als dass dafür Karrieren einen Knick erhalten müssten.

Und von vornherein „verdächtig“, so könnte man denken, ist ein schwarzer Mann sowieso. Die Vloggerin GloZell Green versuchte 2015, dem Ganzen in einem Youtuber-Interview mit Präsident Barack Obama einen humorigen Touch zu geben. Zwar ist die exaltierte Art der Komikerin mit dem giftgrünen Lippenstift zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber als sie im Video sagt, dass ihr Mann ihr böse sei, weil sie von all seinen Hoodies die Kapuzen abgeschnitten habe, ist sofort klar, worum es geht. Selbst ein Schwarzer aus der Mittelschicht könnte im lässigen Freizeitlook leicht zur lebenden Zielscheibe werden.

Obama versucht, die Youtube-Komikerin mit einem Maßnahmenkatalog zu beruhigen, der zur Besserung der Lage beitragen soll: eine Sensibilisierung für rassistische Vorurteile, Bodykameras, die das Verhalten von Polizisten besser dokumentieren sollen, eine Task Force, in der Polizei und AktivistInnen zusammenarbeiten. Das meiste davon ist umgesetzt worden. Geholfen hat es bislang nichts. Ist es nicht zynisch, dass der Rassismus gegen Schwarze sich ausgerechnet unter einem schwarzen Präsidenten wieder so unverhohlen seine Bahn bricht?

Allerdings ist auch Barack Obama kein Zauberer. Und es ist keine Hautfarbe, die regiert, sondern ein Politiker, der eine dunkle Hautfarbe hat und außerdem dem liberaleren Lager angehört. Dass so jemand Widerspruch provoziert, kann man sich denken. Ganz so einfach lassen sich rechtskonservative Kräfte im Allgemeinen nicht von der politischen Bühne verdrängen. Das weiße, tiefreligiöse und erzkonservative Amerika hat, wie nicht nur das Beispiel Donald Trump zeigt, nach wie vor etwas zu sagen und dass es als politischer Faktor auch immer noch mehr als präsent ist, hat u. a. der Journalist Tom Gogola in einem längeren, am 31. 12. 2015 veröffentlichten Artikel auf Salon.com anhand zahlreicher Beispiele nachgewiesen.

Damit man bei all dem Wahn und Wahnsinn, der uns umgibt, nicht in Verschwörungstheorien abdriftet, muss man sich allerdings am Riemen reißen: Es ist vermutlich kein politisches Programm, sondern ganz einfach Alltagsrassismus, das tief verwurzelte Denken, jungen Schwarzen gegenüber könnte man sich schon mal etwas rausnehmen, da käme es nicht so darauf an, das einige Polizisten in den USA immer wieder zu schnell zur Waffe greifen und zu brutal zuschlagen lässt. Die Opfer von Polizeigewalt und deren Angehörige haben jedoch ein Recht darauf, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb sollten, finde ich – bei aller Trauer um die getöteten Polizisten, die tatsächlich nur ihren Dienst versehen haben, ohne dabei jemanden etwas zuleide zu tun – die Rachegefühle und die psychotischen Gewaltfantasien einzelner auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt der Debatte gestellt werden. Schließlich geht es darum, dass Menschen die Sicherheit haben können, wie alle anderen behandelt zu werden. Nicht mehr und nicht weniger. Bis dahin ist es vermutlich noch ein langer Weg.

*Ort, Umstände, Personenbeschreibungen geändert. Da ich solche Situationen schon ziemlich oft erlebt habe, ist es sowieso eher ein Prototyp. Rückschlüsse, die auf real existierende Personen gezogen weden, sind jedoch in jedem Fall falsch.

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